The Bay – Nach Angst kommt Panik

Originaltitel: The Bay (USA 2012)
Regie: Barry Levinson
Drehbuch: Michael Wallach
Kamera: Josh Nussbaum
Schnitt: Aaron Yanes
Musik: Marcelo Zarvos
Darsteller: Kether Donohue (Donna Thompson), Kristen Connolly (Stephanie), Christopher Denham (Sam), Michael Beasley (Officer Jimson), Andy Stahl (Sheriff Lee Roberts), Anthony Reynolds (Steve Slattery), Nansi Aluka (Jacqueline), Frank Deal (Bürgermeister John Stockman), Kenny Alfonso (Doctor Michaels), Will Rogers (Alex), Jody Thompson (Officer Paul), James Patrick Freetly (Bob), Robert Treveiler (Dr. Williams) uva.
Label/Vertrieb: Koch Media
Erscheinungsdatum: 26.07.2013
EAN: 4020628938666 (DVD)/4020628938642 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch), Dolby Digital 2.0 stereo (Audiokommentar)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 81 min. (Blu-ray: 85 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Die Chespeake Bay an der Ostküste des US-Staates Maryland stellt aufgrund ihrer landschaftlichen Schönheit ein beliebtes Urlaubsziel dar. Auch im Städtchen Claridge lebt man gut von den Touristen. Zwar sind die Erträge aus dem Fischfang in den letzten Jahren drastisch zurückgegangen, aber die Wirtschaft floriert trotzdem, seit Bürgermeister Stockman, der stets ein Ohr für anlagewillige Geschäftsleute hat, der Errichtung einer gewaltigen Hühnermästerei zugestimmt hat. Die Tiere produzieren enorme Mengen Mist, der zusätzlich mit jenen Steroiden geschwängert ist, die den Hühnern zwecks beschleunigten Wachstums großzügig ins Futter gemischt werden.

Der Mist wird US-amerikanisch rustikal in die Bucht gekippt, wo er auf dem Boden eine dicke, gärende Schicht bildet, was aber Schwimmer, Segler und Angler an der Oberfläche nicht stört. Nur zwei Wissenschaftlern fällt auf, dass tief im Wasser buchstäblich etwas faul ist. Sie fangen Fische, die mit fleischfressenden Parasiten förmlich geschwängert sind: „Seeflöhe“, kleine Wasser-Asseln, wachsen gewaltig heran und sind nicht nur hungrig, sondern aggressiv.

An Land werden die Warnungen nicht ernstgenommen. Der 4. Juli, Amerikas Nationalfeiertag, steht vor der Tür. Claridge wird von Sommerfrischlern förmlich gestürmt. Bürgermeister Stockman kann keine Spielverderber brauchen, die den Bürgern das Geschäft vermiesen. Es ist schlimm genug, dass überall hässlich angefressene Fische angetrieben werden und Seevögel tot vom Himmel fallen.

So nimmt das Unheil seinen Lauf: Fische, Krabben, Trink- und Brauchwasser wimmeln von Assel-Larven. Ahnungslos füllen sich Bürger und Besucher die Bäuche. Kurz darauf zeigen sich Eiterbeulen und Frasslöcher. Die Krankenhäuser füllen sich, Chaos und Panik brechen aus. Nur die Regierung behält einen klaren Kopf: Claridge wird von der Außenwelt isoliert, damit die Medien nicht mitbekommen, dass mitten in Amerika etwas gänzlich aus dem Ruder zu laufen und ein Massensterben droht …

Der Krug und der Brunnen

Profitstreben und Umweltschutz bezeichnen zwei Handlungen, die sich nur bedingt in Einklang bringen lassen. Zu tief ist im Menschen der Drang verwurzelt, es sich möglichst ohne zeit- und kostenintensive Mühen gut ergehen zu lassen. Viele Jahrtausende funktionierte das; die Erde war groß, die Menschheit klein, weshalb die meisten Sünden scheinbar folgenlos verschwanden.

Diese Zeiten sind freilich vorbei. Heute drängen sich die Menschen auf einer Erde, die Rücksicht und Recycling dringend benötigt, um von ihren Bewohnern nicht in einen toten Planeten verwandelt zu werden. In ihrer Mehrheit sind diese jedoch nicht bereit, für ihre Sünden zu zahlen, sondern machen lieber weiter, bis sie auch den Rest der noch intakten Natur zerstört haben.

Regisseur Barry Levinson, der auch am Drehbuch von „The Bay“ mitschrieb, gab diesen Menschen Gesichter und ihrer Haltung eine Handlung. Er macht nicht den Fehler, die Bürger von Claridge dumm und rücksichtslos zu nennen und ihre Leiden als ‚gerechte Strafe‘ zu bezeichnen, wie dies radikalgrüne Öko-Fundamentalisten täten. Diese Menschen sind in erster Linie damit beschäftigt, ihren Alltag zu meistern. Dass sie dies nicht der Verantwortung enthebt, sich mit ihrer Umwelt zu beschäftigen, ist ihnen nicht bewusst. Mutter Natur holt diese Lektion nun persönlich nach.

Der Bösewicht trägt den schwarzen Hut

Ohne Schurken geht es natürlich nicht. Dies fordert nicht nur der US-amerikanische Zuschauer: Jemand muss verantwortlich für die offengelegten Missstände gemacht werden. Kollektive Gleichgültigkeit ist realistisch aber kein Ersatz. Gleichzeitig muss es ‚Helden‘ geben, die in der Krise über sich hinauswachsen und das Publikum trösten: Jawohl, wir Menschen haben Mist gebaut, aber es gibt welche unter uns, die nicht Flucht oder Vertuschen als einzig mögliche Reaktionen vorsehen.

Nichtsdestotrotz nehmen die Ereignisse ein düsteres Ende. Die Parasiten werden erkannt und ausgetilgt, die Methode ist wiederum ebenso rigoros wie umweltschädlich: Die Unterwasser-Ungeheuer werden vergiftet, und die Rückstände dieses Giftes werden sich mit dem mischen, was ohnehin auf dem Grund der Bucht brodelt. Wer weiß, welcher bisher unschädlichen Kreatur diese Mixtur schmecken wird – mit abermals hässlichen Folgen!

Diese Auflosung verstärkt das vor allem in den USA beliebte Feindbild von „der Regierung“ und ihren anonymen Handlangern. Der Bürger gibt sich betont freiheitsliebend und misstrauisch zugleich, weshalb es stets gut funktioniert, machthungrige und skrupellose Schlips- und Kittelträger als Hintergrund-Schufte zu etablieren, die primär von der Furcht getrieben werden, die Bürger-Schafe könnten merken, dass sie für dumm verkauft werden und niemand ihnen helfen wird. Hier ist es ausnahmsweise nicht der Heimatschutz, sondern die Seuchenschutzbehörde, die Claridge am liebsten per Atombombe von der Landkarte tilgen würde.

Ein Puzzle der modernen Gegenwart

„The Bay“ ist ein „Found-Footage“-Film. Wer nun genervt mit den Augen rollt, sei versichert, dass dieses Format durchaus seine Vorteile bietet, wenn es jemand nutzt, der die Möglichkeiten kennt und auszureizen weiß. Barry Levinson mag einem jüngeren Publikum unbekannt sein. Die älteren Zuschauer kennen ihn jedoch als Regisseur von Filmen wie „The Natural – Der Unbeugsame“ (1984) „Rain Man“ (1988) oder „Wag the Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt“ (1997). Als Produzent schuf Levinson große Fernseh-Serien wie „Homicide – Life on the Street“ (1993-99), „Borgia“ (2011-13) oder „Copper“ (ab 2012). Levinson, Jahrgang 1942, bedient nicht ausschließlich Hollywoods Spaß- und Geldmaschine. Er gehört einer Generation an, die unterhaltsam auf politische und gesellschaftliche Probleme aufmerksam machen möchte sowie an ein Publikum glaubt, das dieser Herausforderung geistig gewachsen und daran interessiert ist.

Levinson hat hinter (und vor) der Kamera schon alles gemacht, er versteht sein Handwerk, und er ist offen für Neues geblieben. Wenn „Found-Footage“-Filme derzeit ‚gehen‘, lassen sie sich womöglich als Träger einer Botschaft einsetzen, der mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird als einem ‚normalen‘ Film. „The Bay“ ist außerdem dem beliebten Horror-Genre zuzurechnen, wenn man denn eine Schublade sucht. Dieser Horror ist überaus realistisch, aber Levinson scheut keineswegs vor bewährten Genre-Methoden (und Tricks) zurück, um Schrecken zu erzeugen. Man sollte deshalb immer darauf gefasst sein, dass aus dem dunklen Hintergrund den Darstellern in den Rücken springt. Auch parasitenbedingte Grässlichkeiten bleiben uns nicht erspart.

Die Gegenwart scheint mehr und mehr aus der Realität zu verschwinden. Zumindest drängt sich dieser Eindruck auf, wenn man sieht – oder versucht zu sehen – wie sie in unzählige Fragmente zergliedert, aufgezeichnet, dokumentiert, abgespeichert wird. Über digitale Kameras und Handys speist sie der Zeitgenosse quasi ereignisparallel ins Internet ein. Die Medien tragen ihren Teil bei. Hinzu kommen die überall wie selbstverständlich angebrachten Überwachungskameras. Jedes Einsatzfahrzeug der Polizei ist heutzutage mit einer transportablen Version dieser Geräte ausgerüstet die in „The Bay“ unfreiwillig ihren Beitrag zur Rekonstruktion der Ereignisse leisten.

Dem Durcheinander Strukturen geben

Theoretisch lag Levinson reichhaltiges aber ungeordnetes Material aus Claridge vor. Er hätte es sich einfach machen und es chronologisch ordnen können. Doch „The Bay“ ist ein Spielfilm, der unterschiedlichen Zeitabläufen folgt. So sehen wir die beiden unglückseligen Wissenschaftler schon ziemlich am Anfang tot und angefressen auf einem Hafendock liegen. Trotzdem begleiten sie uns bis in die letzte Hälfte in Filmausschnitten, denen dramaturgisch für Aufsehen sorgend zu entnehmen ist, dass längst bekannt war, was Claridge drohte. Die Warnungen blieben jedoch im Netz einer  trägen Bürokratie hängen, die sich am liebsten selbst verwaltet und arbeitsmehrende Krisen hasst.

Es gibt keine ‚echten‘ Hauptfiguren. Stattdessen tauchen bestimmte Personen immer wieder auf. Sie legen für uns, die Zuschauer, einen roten Faden, der uns bei der Orientierung in dem Gemenge situationsbedingt wirrer, unvollständiger Bilder hilft. Die junge Nachwuchs-Journalistin Donna Thompson, das Ehepaar Stephanie und Sam, die mit ihrem Boot ahnungslos in ein schon beinahe ausgestorbenes Claridge kommen, Bürgermeister Stockman, der auf die ganz harte Tour lernen muss, dass er seine Amtspräferenzen anders hätte setzen müssen, der heldenmütige aber schmachvoll im Stich gelassene Doktor, der verzweifelte Teenager Jacqueline – sie sorgen dafür, dass der Zuschauer begreift: In diesem Spiel mit der Natur gibt es nur Opfer.

Eine Moral von der Geschicht‘ erspart uns Levinson. Er ist Realist (oder Zyniker) und glaubt nicht an das Wunder eines kollektiven ökologischen Umdenkens. Sobald die Störenfriede – die Asseln – ausgerottet sind, gilt das Problem als erledigt. Dass schon die nächste Generation ekliger Killer in den Startlöchern steht, wurde bereits erwähnt. Auf diesen Schlag zu warten, um dann den Dreck zu beseitigen, ist immer noch kostengünstiger als der Versuch, das Übel an der Wurzel zu packen.

Wie aus dem Leben gegriffen

Eine „mockumentary“ – also eine Mischung aus Spielfilm und Dokumentation – benötigt weniger Schauspieler als Darsteller: Ganz normale Menschen geraten in den Sog bedeutender Ereignisse. Diese überzeugend zu verkörpern erfordert doch wieder Schauspieler. Levinson suchte und fand eine Mischung unbekannter aber begabter Mimen, unter die er einige leidlich prominente Namen mischte. Sie leisten alle einen guten Job, der in der Regel von ihnen fordert, kläglich zu verenden: Es ist genau diese Entwicklung vom alltagssorgengeplagten Mitmenschen zum resignierenden, verängstigten, alleingelassenen Opfer, der Levinson interessiert.

Folgerichtig treten keine ‚Monster‘ auf. Die Parasiten werden nur selten deutlich sichtbar. Sie sind nebensächlich, Levinson will die Folgen ihrer Attacken demonstrieren. Dies schließt diverse höchst ekelhafte Szenen keineswegs aus. Doch es fehlt ein zentraler böser Wille hinter der Heimsuchung. Das scheinbar unspektakuläre Ende verdeutlicht, dass der Mensch gleichzeitig Opfer und Täter ist, während die Asseln bleiben, was sie sind: intelligenzlose Tiere, die nichts als Nahrung suchen.

Damit endet „The Bay“ quasi offen. Es gibt kein Happy-End. Barry Levinson erreicht, was er will; er legt den Finger auf eine weiterhin offene Wunde und hinterlässt beim Publikum ein dumpfes Unbehagen: Dieses Mal möchte man keine Fortsetzung sehen, obwohl „The Bay“ eine ungemein spannende Geschichte erzählt!

DVD-Features

Hintergrundinformationen über „The Bay“ liefert die leider nur elfeinhalbminütige Featurette „Into the Unknown“. Wesentlich gehaltvoller fällt der Audiokommentar aus, den Barry Levinson persönlich spricht.

Ebenfalls aufgespielt wurden der Original- und der deutsche Trailer.

Ein ausführliches Interview mit Barry Levinson findet sich hier.

Eine auch optisch gelungene Website zum Film gibt es ebenfalls.

Kurzinfo für Ungeduldige: Die Bürger einer US-Küstenstadt werden von fleischfressenden Parasiten befallen; nackte Panik bricht aus, während sich die Regierung bemüht, die Tragödie unter den Tisch zu kehren … –  „Found-Footage“-Grusel der gelungenen Art; Altmeister Barry Levinson extrapoliert aktuelle Umweltsünden so, dass sie erschreckend realistisch wirken: kein klassischer Horrorfilm, sondern eine „mockumentary“.

[md]

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