The Borderlands – Eine neue Dimension des Bösen

Originaltitel: The Borderlands (GB 2013)
Regie u. Drehbuch: Elliot Goldner
Kamera: Eben Bolter
Schnitt: Mark Towns
Darsteller: Gordon Kennedy (Deacon), Robin Hill (Gray), Aidan McArdle (Mark), Luke Neal (Vater Crellick), Patrick Godfrey (Vater Calvino), Sarah Annis (Mrs. Proudley), Marcus Cunningham (Mr. Proudley), Lee Arnold (Priester), Drew Casson (Jugendlicher), Peter Charlton (alter Mann), Kevin Johnson (Jim) u. a.
Label: Pandastorm
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 15.04.2014
EAN: 4048317375578 (DVD)/4048317475575 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 89 min. (Blu-ray: 93 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Pfarrer Crellick meldet aus England ein Wunder nach Rom: In seiner kleinen Kirche habe Gott sich offenbart, indem er liturgisches Gerät umwarf und seltsame Geräusche produzierte. Für solche Fälle gibt es im Vatikan eine eigene Kongregation. Ein Zwei-Mann-Team, bestehend aus den Priester-Wissenschaftlern Deacon und Mark, macht sich auf den Weg in die Grafschaft Devon. Zu ihnen stößt Techniker Gray, der die Untersuchung der Kirche in Bild und Ton dokumentieren soll: Übereifrige oder skrupellose Geistliche faken gern Wunder, denn von Gott besuchte Stätten werden von spendenfreudigen Gläubigen seit jeher förmlich gestürmt.

Mark ist ein ehrgeiziger Skeptiker, der nach höheren geistlichen Würden strebt und Wunder kategorisch ablehnt, Deacon ein Zweifler, dessen Offenheit allerdings bisher stets enttäuscht wurde: Sämtliche ‚Wunder‘ konnte er entlarven. Sein letzter Einsatz endete in einer Katastrophe, an der sich Deacon mitschuldig fühlt. Seitdem hängt er an der Flasche und wird von Mark gemobbt.

Gray ist ein fröhlicher Nerd, der sich nach einem Abenteuer sehnt. Dieser Wunsch kann ihm zu seinem Unglück erfüllt werden. Die uralte Kirche wird gerade renoviert und ist eine unübersichtliche Baustelle. Gray montiert Kameras und Mikrofone, die in der Tat seltsame Phänomene aufzeichnen. Sie scheinen sich freilich nur zu ereignen, wenn Crellick ‚zufällig‘ in der Nähe ist. Die Dorfgemeinde ist feindselig; in der Nacht zünden Jugendliche vor der Unterkunft der drei Geisterjäger ein Schaf an.

Ein Tagebuch aus dem 19. Jahrhundert deutet an, dass die Kirche über einer Opferstätte aus vorchristlicher Zeit errichtet wurde. An dieser Stelle soll sich ein Dämon oder böser Geist in der Erde verborgen haben, der so unter Kontrolle gehalten werden konnte. Doch das Wissen um den Dämon geriet in Vergessenheit, die Kirche verfiel, wurde verlassen und entweiht. So gewann die Kreatur wieder an Kraft. Nun schickt sie sich an, ihren Schlupfwinkel zu verlassen. Das Forscherteam kommt ihr geraten recht, denn das Wesen ist schrecklich hungrig …

Altes Spiel mit Variationen

Spielfilm-Debütant Elliot Goldner reiht sich in die lange Kette jener Filmemacher ein, die nicht genug Geld für einen ‚richtigen‘ Film zusammenbekommen. So machen sie aus der Not eine Tugend und erheben den Notstand zum Stilmittel. Das funktioniert dank des „Found-Footage“-Tricks: Die Handlung setzt sich aus Bruchstücken zusammen, die – angeblich – aus ‚zufällig‘ gefundenen Kameras stammen. Diese ‚dokumentarischen‘ Aufnahmen wurden ausgewertet, zusammengeschnitten und eine chronologische Reihenfolge gebracht. Da sie nicht einem Drehbuch folgen, sind Lücken sowie Zeit- und Handlungssprünge unumgänglich.

Die Kameralinse wird nie direkt auf interessantes Geschehen gerichtet, sondern zeichnet es auf – oder eben nicht. So können Budgetlöcher, die eine Realisierung mit aufwendigen Spezialeffekten erfordern würden, elegant umschifft, weil ‚erklärt‘ und weggelassen werden. Hinter Film- und Tonfehlern lassen sich auch eine grenzwertige Ausleuchtung, rudimentäre Kulissen oder darstellerische Mängel verstecken. Diese traurige Trias des „Will-aber-kann-nicht“-Kinos bleibt uns dieses Mal allerdings erspart. Elliot Goldner weiß sehr genau, wie er den Penny einsetzen muss, um ihn wie einen Shilling aussehen zu lassen.

„The Borderlands“ mag billig hergestelltes Kino sein, doch ein billiger i. S. von kunst- und unterhaltungsfrei zusammengeschluderter Film ist dies ganz sicher nicht. Die Story ist simpel aber stabil, und sie wird geradlinig erzählt. Goldner geht nicht auf Nummer Sicher und bedient den größten gemeinsamen Publikumsnenner. Das sorgt u. a. für eine Darstellerriege, die ohne weibliche Rolle = „love interest“ plus Rettungsobjekt auskommen muss.

Mythen in moderner Zeit

Goldner, der seinen Erstling nicht nur inszenierte, sondern auch das Drehbuch schrieb, bettet die Geschichte klug in die Folklore ein. In der Tat wurden die frühen christlichen Kirchen gern über ‚heidnischen‘ Heiligtümern errichtet: Der ‚neue‘ Gott sollte die alten Götzen buchstäblich unter sich ersticken. Goldner geht von der Prämisse aus, dass dies nicht immer glückte und vor allem dort scheiterte, wo der gedeckelte Dämon seinen Heimvorteil nutzen und in den Untergrund abtauchen konnte. Da saß er dann und übte sein Schreckensregiment zukünftig heimlich aus.

Als kostengünstige und eindrucksvolle Kulisse fand Goldner eine kleine aber alte sowie malerisch verfallene Kirche in der südwestenglischen Grafschaft Devon. An diesem Ort konnte er seine Geschichte perfekt verankern, denn das alte Gemäuer war lange verlassen und entweiht, weshalb Gott seine Wächterfunktion nicht erfüllen konnte.

Bis diese Erkenntnisse auch unseren Darstellern in ihren Rollen dämmern, vergeht einige Zeit, die Goldner mit einer spannenden Jagd auf Informationsfragmente füllt. Sie fügen sich nach und nach zum erschreckenden Gesamtbild – zu spät selbstverständlich für die Protagonisten, die allzu eng an den Erkenntnissen einer Gegenwart kleben, die Geister und Dämonen ebenso kategorisch wie erfolgreich ausgeklammert hat: Ausgerechnet Priester Mark ist Repräsentant einer ‚modernen‘ Kirche, die sich von ihren alten, abergläubischen Ansichten vollständig gelöst hat und dabei einen Schritt zu weit gegangen ist.

Die Vertreter alter und neuer Wahrheiten

Gray, Mark, Deacon und Vater Calvino: Sie repräsentieren Rollenbilder. Gray ist der Agnostiker, der sich seinen Glauben – wenn er ihn denn benötigt – aus dem zusammenbastelt, was ihm gefällt und im Internet greifbar ist. Vor Gott fürchtet er sich nicht, weshalb er nicht nur Deacon, sondern auch dem strengen Mark ohne Respekt begegnet.

Deacon und Mark sind Skeptiker, ohne deshalb an einem Strang zu ziehen. Für Mark ist der Job als Wunderprüfer nur eine Stufe auf einer hoffentlich langen Karriereleiter. Ergebnisse formuliert er so, dass sie seine Rolle bei den Untersuchungen besonders herausstellen. Deacon ist ein echter Sucher. Zwar hat er bisher noch jedes ‚Wunder‘ als Täuschung oder Betrug entlarvt, aber er ist offen geblieben und hofft heimlich sogar auf einen Beweis für göttlich inspirierte Übernatürlichkeit.

Für Vater Calvino besteht an deren Existenz kein Zweifel. Allerdings geht er genauso selbstverständlich von der Existenz eher teuflischer Entitäten aus. Er ist ein Gottesmann alten Schlages, der die Wissenschaft mit dem Glauben verquicken kann, wobei er letzterem den Vorzug gibt. Zu seinem Pech setzt er voraus, dass Gott stärker als Satan und seine Schergen ist. Das mag generell so sein, doch im Einzelfall trägt möglicherweise doch das Böse den Etappensieg davon.

Unklar bleibt, wie die Dorfbewohner in dieses Mosaik passen. Ist es reiner Fremdenhass, der sie so feindlich stimmt, oder liegt es daran, dass sich buchstäblich unter der Oberfläche ein Gleichgewicht des Schreckens eingepegelt hat? Bringen die Dörfler dem Dämon wie einst wieder Opfer dar?

Holprige Bahn für eine Geschichte

Dies ist eine der nie geklärten Fragen, die dem sonst gelungenen Film Schaden zufügen. Ebenso seltsam ist die Annahme eines ‚Wunders‘, das eher einer Spukattacke gleicht. In Pfarrer Crellicks Kirche wird niemand geheilt. Eigentlich sollte er kein Team von Wunder-Suchern, sondern einen Exorzisten bestellen.

Das Vorgehen des Teams wirkt unsystematisch bis chaotisch. Überall in der Kirche bringt Gray Kameras und Mikrofone an. Wir Zuschauer sehen die entstehenden Bilder; sie zeigen deutlich, dass es in dem ehemaligen Gotteshaus umgeht. Deacon, Mark und Gray schauen sich die Aufzeichnungen nie an. Stattdessen raten sie unentschlossen herum und streiten, ob tatsächlich Seltsames geschieht.

Wie so oft kann die Lösung bzw. Lüftung mit dem Rätsel nicht mithalten. Unter der Kirche erstreckt sich ein Gewirr von Gängen, durch die unsere Wunderjäger endlos umherirren. Natürlich achtet im Stress niemand auf eine vernünftige Kameraführung, sodass sich beim Zuschauer rasch Symptome akuter Seekrankheit einstellen – ein bekanntes Leiden im „Found-Footage“-Genre.

Als man endlich den Ausgangspunkt allen Schreckens erreicht hat – bricht der Film ab: Verdutzt reibt sich der Zuschauer die Augen und beginnt zu überlegen. Der Sinn der seltsamen Szene, mit der Deacon und Gray aus dem Geschehen verschwinden, kann rasch hergestellt werden. Das führt zu Enttäuschung, denn die ‚Erklärung‘ ist nicht nur simpel, sondern banal oder sogar lächerlich. Außerdem wittert genannter Zuschauer eine Fortsetzung, die sich diesem Film allzu leicht anflanschen ließe.

Unterm Strich verweht der löbliche Aufwand, den Regisseur Goldner und sein Team treiben, mit diesem weniger offenen als halbgaren Finale. Aus einem leicht überdurchschnittlichen, über weite Strecken nicht nur stimmungsvollen, sondern oft sogar witzigen Film wird typische Grusel-Routine, die nun zu dem unfreiwilligen schaurigen Cover passt, das ein auch technisch nur mittelmäßig begabter Photoshopler verbrochen hat.

DVD-Features

Unter dem verheißungsvollen Menüpunkt „Extras“ findet der Zuschauer nur den Originaltrailer zum Film. So wird „Extras“ sicher nicht definiert.

Kurzinfo für Ungeduldige: In einer alten englischen Kirche untersuchen Spezialisten des Vatikans ein angebliches Wunder. Skepsis weicht blankem Entsetzen, als das Team den wahren Urheber der merkwürdigen Vorfälle entdeckt … – „Found-Footage“-Film mit den üblichen Vor- und Nachteilen; die Geschichte wird aber spannend erzählt, und die Darsteller sind echte Schauspieler: kann bis auf das kuriose Ende überzeugen.

[md]

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