The Brink

Originaltitel: The Brink (USA 2006)
Regie, Kamera u. Schnitt: Benjamin Cooper
Drehbuch: John Bowker, Benjamin Cooper
Musik: Jonathan Coco
Darsteller: Rachel Balzer (Megan Goss), Jeff Ryan (Leo Calloway), Heather Ashley Chase (Bianca Palmer), Jason Flowers (Todd Mooney), Catherine Barlow (Geisterfrau), Matt S. Miller (Geistermann), Kevin Robb (Geisterkind), Mark T. Eakes (Onkel Bud), Mitch Toles (Joseph Dunninger), Monty Wall (Thomas Alva Edison)
Vertrieb: Sunfilm Entertainment (www.sunfilm.de)
Erscheinungsdatum: 08.05.2009 (Leih- u. Kauf-DVD)
EAN: 4012020066429 (Leih- u. Kauf-DVD)
Bildformat: 4 : 3 (1,33 : 1   Vollbild)
Audio: Dolby Digital 2.0 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 70 min.
FSK: 18/keine Jugendfreigabe

Das geschieht:

Thomas Alva Edison (1847-1931) erfand die Glühbirne und viele andere nützliche Dinge, die noch heute unseren Alltag bestimmen. Seine letzte und vielleicht größte Innovation brachte allerdings das Verderben: ein Gerät, das die Kommunikation mit den Toten ermöglicht. Fatalerweise können deren Geister dadurch dem Grab entfliehen, was vor allem die unangenehmen Bewohner des Jenseits‘ lockte. Bevor ihn die Geister packten, zerschlug Edison seinen teuflischen Apparat, der danach in Vergessenheit geriet.

Die Konstruktionszeichnungen blieben allerdings erhalten. Viele Jahrzehnte später gelangt die Technik-Studentin Megan Goss in ihren Besitz. Verbissen macht sie sich an den Nachbau. Die Kommilitonen Bianca und Todd sollen ihr helfen. Auch Ex-Lover Leo schließt sich der kleinen Gruppe an, die in einem kleinen, abbruchreifen Haus weit vor den Toren der Stadt und damit ungestört ihrer Arbeit nachgeht.

Edisons Entwurf ist eine brauchbare Vorlage. Der Apparat ersteht neu und nimmt seinen Dienst auf. Auf ein Gelingen des Experiments muss nur kurze Zeit gewartet werden, bis sich eine Geisterstimme mit der beunruhigenden Nachricht „Komm zu mir!“ an die Anwesenden wendet. Kurz darauf beginnt es in dem alten Haus mächtig umzugehen. Aus der Forschungssensation – endlich ist nachgewiesen, dass es Geister gibt – wird jedoch nichts, denn Megan hat ihren Gefährten eine wichtige Information vorenthalten: Besagtes Haus war vor zweieinhalb Jahrzehnten Schauplatz eines leichenreichen Familiendramas. Die gespenstischen Bewohner haben nichts von ihrer Mordlust verloren. Sie halten Türen und Fenster fest verschlossen und begeben sich abermals mit Axt und Messer auf die Jagd …

Geister-Drama im Schnelldurchlauf

„Die ich rief, die Geister / werd‘ ich nun nicht los.“ Dies musste schon der übermütig-überhebliche Zauberlehrling in der gleichnamigen Ballade von Johann Wolfgang von Goethe (1797) feststellen. Geholfen hat es nichts, denn wer liest heutzutage noch Klassiker? Dabei hätten Megan und ihre drei Mit-Geisterjäger die Moral von der Geschicht‘ auch als Light-Version kennenlernen können: 1941 schlüpfte Micky Maus im Trickfilm-Epos „Fantasia“ in die Rolle des Zauberlehrlings.

Auf der anderen Seite verdanken wir dieser Unkenntnis (oder Ignoranz) eine große Anzahl unterhaltsamer Bücher und Filme; in diesem Zusammenhang ist u. a. – und nicht grundlos – „White Noise“ (dummdeutsch ‚übersetzt‘ als „White Noise – Schreie aus dem Jenseits“) zu nennen, ein Grusel-Thriller aus dem Jahre  2003, der immerhin mit dem Hollywood-Star Michael Keaton in der Hauptrolle aufwarten kann und eine Geschichte erzählt, die sehr an „The Brink“ erinnert. Freilich kann Regisseur (und Drehbuch-Mitautor, Kameramann, Cutter und Produzent) Benjamin Cooper mit Fug und Recht behaupten, der Schnellere gewesen zu sein: „The Brink“ entstand eigentlich bereits 2002. Diverse Produktionsprobleme verhinderten indes eine Veröffentlichung vor 2006.

Diese hätte sich problemlos weiter verzögern oder ganz ausfallen können, muss der Zuschauer nach einer Sichtung des Films (oder besser: Filmchens) feststellen. „The Brink“ ist ein ehrenwerter aber gänzlich überflüssiger Beitrag zum Genre Horrorfilm. Wenn man ihm etwas Positives zuerkennen möchte, so ist dies die Redlichkeit, mit der Cooper und seine Crew ihr Garn spinnen. Sie hatten kein Geld und litten nicht unter Größenwahn. „The Brink“ ist ein Film der beschränkten aber optimal genutzten Möglichkeiten.

Schon die Laufzeit spiegelt dies wider. „The Brink“ läuft gerade 70 Minuten. Für einen ‚richtigen‘ Film hätte Cooper sein Werk eigentlich auf ca. 90 Minuten verlängern müssen. Darauf ließ er sich nicht ein und tat gut daran. Stattdessen erzählt er seine Geschichte und schließt sie ab, wenn sie zu Ende ist bzw. ihr die Luft (und ihm das Geld) auszugehen beginnt.

Woher nehmen und nicht stehlen?

Dennoch muss die unangenehme Frage gestellt werden, welchen Sinn ein Film wie „The Brink“ macht. Die Story ist x-fach abgespulte Routine, und in der Umsetzung geht Cooper keine neuen Wege. Punkten kann er höchstens mit seinem Wagemut als „total filmmaker“. Der Charme des filmisch Unverstellten will sich ebenfalls nur bedingt einstellen. Für Kulissen im eigentlichen Sinn war kein Geld dar. Das kuriose Haus, in dem der Löwenanteil der Handlung spielt, existiert tatsächlich: Der Gründer des kalifornischen Städtchens Pismo Beach baute es. Da es leer und einsam steht, bot es sich als ‚Spukhaus‘ an. Dass es weder Elektrizität noch fließendes Wasser oder Heizung gab, stellte Crew und Darsteller während der zweiwöchigen Dreharbeiten, die zudem meist nachts sowie im Winter stattfanden, auf eine besondere Belastungsprobe.

Improvisation war Trumpf. Dem ist Anerkennung zu zollen, die sich freilich nur bedingt auf den Drehbuchautoren Cooper erstrecken kann. Der verlässt sich gar zu sehr auf die Langmut seines Publikums, das einem eifrigen Anfänger doch sicherlich einige kapitale Bockschüsse nachsehen wird? Doch Cooper ist kein Anfänger; er hat bereits einige Filme gedreht und Drehbücher geschrieben. Deshalb hätte er sich stärker konzentrieren müssen und logische Blindgänger wie diese vermeiden müssen:

– Das ’neue‘ Geister-Telefon sieht dem alten Modell überhaupt nicht ähnlich, obwohl es nach demselben Konstruktionsplan entstand.
– Als der Apparat 1931 vom Stromkreis getrennt wird, verschwinden die Geister wieder im Jenseits. Wie kann es ihnen jetzt gelingen, ihn von dort wieder einzustöpseln?
– Mit Stromschlägen halten die Geister Megan und ihre Gefährten vom Gerät fern. Wieso zerschmettern sie es nicht durch einen geworfenen Stuhl? Edison hat 1931 mit einer Axt erfolgreich für Geisterfrieden gesorgt; Gewalt müsste also funktionieren.
– Woher kommt überhaupt der Strom in einem Haus, das angeblich seit Jahrzehnten leer steht? (Auch das Wasser läuft noch.)
– Wieso können die Geister mit Messer und Axt verletzen und töten, während es gleichzeitig möglich ist, durch ihre offensichtlich nur sichtbaren aber nicht stofflichen Körper zu laufen?
– Warum nimmt Megan in einem schmuddeligen Badezimmer ein Bad in jener Wanne, in der sich kurz zuvor noch Würmer und Maden tummelten, vor denen sie sich ausgiebig ekelte?

Für einen gewissen Ausgleich sorgt kurz vor dem Finale ein Drehbuch-Twist, der nachvollziehbar erklärt, wieso Megan für ihr Experiment ausgerechnet ein bzw. dieses Geisterhaus ausgewählt hat. Gelungen ist auch die Auflösung, die auf ein Happy-End nicht nur verzichtet, sondern eine Fortsetzung andeutet, die (zur angenehmen Abwechslung) in der Tat einen Sinn ergäbe, weil sie sich aus dem Geschehen ergibt.

Die Gefährten des (Cooper-) Rings

Obwohl schon seit 1999 im Filmgeschäft aktiv, konnte Benjamin Cooper den Status des „Guerilla-Filmemachers“ bisher nicht abschütteln. Seine Werke sind billig in der grundsätzlichen Bedeutung dieses Wortes: Sie durften und dürfen nichts kosten, und so sehen sie auch aus, so hören sie sich an.

Wer unter solchen Umständen Filme drehen will, muss sich auf widrigkeitstolerante Kampfgefährten mit ausgeprägtem Hang zur Selbstausbeutung stützen. Tatsächlich stößt man im Cooperschen Umfeld vor und hinter der Kamera immer wieder auf dieselben Namen. Entweder verbindet sie echte Freundschaft, oder ihnen geht die Fähigkeit ab dazuzulernen, wie auch Cooper als Filmemacher keinerlei Fortschritte zu machen scheint.

Von den Darstellern geht keine besondere Faszinationskraft aus. Rachel Balzer ist immerhin überzeugend als fanatische Zicke, die ein düsteres Geheimnis hütet und psychisch am Abgrund („brink“) steht. Auch optisch entspricht sie nicht der üblichen silikongestopften Hollywood-Horror-Scream-Queen. In ihrer Rolle ist sie aus deutlich härterem Holz geschnitzt als der sie anschmachtende Jeff Ryan alias Leo, der ohnehin in jedem entscheidenden Moment Mist baut. Jason Flowers muss als Technik-Freak Todd nicht den Nerd-Trottel mimen, sondern überrascht mit einer harten Rechten und als „love interest“ der blonden Bianca.

Gescheitert ist Cooper mit dem Konzept von ‚Geistern‘, die sich als solche nur durch weiße Gesichtsschminke und schwarze Augenringe von den Lebenden unterscheiden. Diese Spukgestalten können beim besten Willen keinen Schrecken erzeugen! Da hilft es nicht, dass aufgrund des kontrastschwachen und unscharfen Bildes kaum Details erkennbar sind.

Was uns abschließend zu der Frage führt, wieso „The Brink“ in Deutschland keine Jugendfreigabe erhielt. Die Spezialeffekte sind überhaupt zahlenarm und lassen sich an den Fingern einer arbeitsversehrten Holzfäller-Hand abzählen. Darüber hinaus sind sie von einer (CGI-) Qualität, die Mitleid erregt. Selbst im Vorabend-Programm des Fernsehens sieht man heute ‚härtere‘ Szenen. Hat sich – diese Frage stellt sich nicht zum ersten Mal – die FSK diesen Film überhaupt am Stück angesehen? Oder hat man sich auf die Lektüre der Inhaltsangabe und die Sichtung des Trailers beschränkt; ein Verhalten, zu dem auch dem potenziellen Zuschauer geraten werden kann?

DVD-Features

Verschämt wurden dem Hauptfilm zwei Bildergalerien beigefügt, die dem Zuschauer als „Features“ angedient werden. Tatsächlich handelt es sich um beliebige Fotos, deren Informationsgehalt ohne Wissen um den Zusammenhang gleich Null ist.

Wesentlich ergiebiger aber nicht ganz einfach zu finden sind die Extras zum Film auf der Website des Thunderhead Studios; hier gibt es u. a. einen Ausschnitt aus Coopers Produktionsnotizen, die einen guten Eindruck davon geben, was „No-Budget“-Filmarbeit realiter bedeutet:

www.thunderheadstudios.com/brink.htm

[md]

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