brokenNach einem schweren Autounfall kommt eine junge Frau zu der Überzeugung, dass die Menschen in ihrer Umgebung durch bösartige Doppelgänger ersetzt werden … – „The Broken“ schwimmt gegen den Strom des modernen Kopf-ab-Horrors, ist sehr elegant gefilmt und ausgezeichnet besetzt; leider kann die Story nicht mithalten und ist zu stark auf einen nur leidlich originellen und unlogischen Schluss-Effekt zugeschnitten.

Das geschieht:

Gina McVey arbeitet als Radiologin in einem Krankenhaus in London. Privat lebt sie mit dem Künstler Stefan Chambers zusammen, der seine erste Ausstellung vorbereitet; man denkt daran zusammenzuziehen. Zu Vater und Bruder, die ebenfalls in London leben, besteht enger Kontakt. Kurz: Ginas Leben verläuft wunschgerecht.

Als die Familie gemeinsam den Geburtstag von Vater John feiert, kommt es zu einem merkwürdigem Zwischenfall: Ein großer Spiegel zerspringt, ohne dass dafür eine Ursache erkannt werden kann. Die Episode ist rasch vergessen, zumal Gina kurz darauf einen beinahe tödlichen Autounfall erleidet.

Ihr Hirn wurde gequetscht, was ihr Arzt für den Auslöser seltsamer Visionen hält, die Gina nunmehr heimsuchen: Vor ihrem Unfall meint sie eine exakte Doppelgängerin gesehen und verfolgt zu haben. Schwerer wiegt jedoch ihre Anschuldigung, dass Partner Stefan nicht mehr er selbst, sondern ebenfalls ein Double sei, dem menschliche Gefühle eindeutig fehlen. Eine Behandlung schlägt Gina aus; sie fühlt sich im Recht mit ihren Vermutungen, zumal sie ein Foto findet, das sie und ihren Vater zeigt, obwohl sie genau weiß, dass sie niemals dafür posiert hat.

Inzwischen müssen der besorgte John und vor allem die zukünftige Schwägerin Kate feststellen, dass Ginas wirre Anschuldigungen auf handfesten Tatsachen beruhen. Auch sie finden zerbrochene Spiegel, und wenig später bekommen sie unheimlichen Besuch.

Nach einer schrecklichen Entdeckung auf dem Dachboden von Stefans Wohnung versucht Gina ihre Familie zu warnen. Genau jetzt kehren alle durch den Unfall verschütteten Erinnerungen zurück und bescheren ihr eine entsetzliche Erkenntnis …

Wer ist das dort im Spiegel?

Bei der Entdeckung des Spiegelbildes durch den Menschen muss der Faszination umgehend der Schrecken gefolgt sein: Wer ist das da mir gegenüber, dessen Aussehen bis ins Detail mit mir übereinstimmt, nur dass sämtliche Attribute meines Körpers und Gesichtes seitenverkehrt liegen? Das Spiegelbild folgt meinen Bewegungen; dies hat jeder Mensch und mehr als einmal ausprobiert. Diesem Verhalten liegt die stille Furcht vor dem Moment zugrunde, in dem wir feststellen müssen, dass unser gläserner Doppelgänger die Nachahmung verweigert.

Liegt nicht ohnehin hinter dem Spiegel eine ganze Welt? Wir ’sehen‘ sie doch, und wer sagt uns, dass sie dort endet, wo wir sie im Spiegel nicht mehr erkennen können. In „The Broken“ gibt es eine Szene, die exakt dies bebildert: Kate steht vor dem Spiegel und schaut hinein. Plötzlich springt die Kamera hinter den Spiegel. Wir sehen Kate innerhalb des Rahmens ‚ihres‘ Spiegels, der einem Fenster gleicht: Hinter ihm ist keine Spiegelwelt, sondern ein schwarzer Abgrund, in dessen Schatten es sich unheilvoll rührt.

Zur Angst vor dem entfesselten Spiegelbild kommt in „The Broken“ der Aberglaube vom „Doppelgänger“. Dieses deutsche Wort wurde sogar ins Englische und Amerikanische übernommen. Es beschwört die ebenfalls alte Furcht vor dem Ebenbild, das ins Leben des ‚Original‘ tritt und diesem Verderben bringt, denn der Doppelgänger ist oft charakterliches Spiegelbild und folgerichtig böse. (Von gespiegelten Serienmördern oder Diktatoren hört man dagegen selten …)

Ein etwas anderer Gruselfilm

Die Angst vor Spiegel und Doppelgänger wurde schon in der Literatur beschworen. Auch der Film nahm sich des Themas dankbar an, zumal die Tricktechnik ihr nachdrücklich Gestalt verleihen kann. „The Broken“ bietet daher wieder einmal die Variation des Bekannten. Grundsätzlich Neues hat Regisseur und Drehbuchautor Ellis nicht zu bieten. Das will er wohl auch gar nicht, denn er bemüht sich stattdessen, seine Geschichte möglichst stringent und spannend zu erzählen.

Die Spannung entsteht dabei nicht aus vordergründigen Effekten. Nur wenig Blut fließt in diesem Film, und wenn es geschieht, wirkt es wie ein Stilbruch. Ellis entwirft eine Atmosphäre der Unsicherheit und des unausgesprochenen Schreckens. Meist ahnt der Zuschauer nur, dass etwas Schreckliches vorgeht. Ihm bleibt die Zeit, sich dem zu stellen. „The Broken“ ist ein ‚langsamer‘ Film, was der aktuellen Mode kaum entspricht.

Tatsächlich ist die Stimmung eines der wenigen Pfunde, mit dem Ellis wuchern kann. Wer über eine entsprechende ‚Antenne‘ verfügt, wird die Unsicherheit schätzen, die „The Broken“ entfesselt. Unterstützung findet Ellis in einer Kamera, die ungemein präzise auf dem Grad zwischen angstvoller Frage und schrecklicher Gewissheit balanciert. Düstere, farblich verwaschene Bilder fördern den Eindruck eines nahenden Verderbens zusätzlich.

Menschen & seelenlose Ebenbilder

Eine glückliche Hand bewies Ellis mit der Wahl seiner Schauspieler. Vor allem Lena Headey – die sonst eher kampfstarke bzw. entschlossene Frauen fiktiver Vergangenheiten spielt („300“, „Game of Thrones“, „Stolz und Vorurteil & Zombies“) leistet in der Hauptrolle Erstaunliches. In „The Broken“ hetzt kein Killer-Gespenst dumme Teenager durchs Gebüsch. Hier bricht das Grauen über schon erwachsene und im Leben etablierte Erwachsene hinein. Sie haben sich nichts zuschulden kommen lassen; das Grauen aus dem Spiegel sucht sie grundlos heim.

Lena Headey vermag den Prozess von der Verblüffung über den Verdacht bis zur Erkenntnis glaubhaft darzustellen. Action-Getöse und Special-Effects-Orgien, mit denen sich schauspielerische Schmalspurigkeit übertünchen lassen, sind in „The Broken“ überflüssig. Auch die übrigen Darsteller stellen sich erfolgreich in den Dienst der Geschichte.

Womit wir zu den unerfreulichen Aspekten kommen. Trotz aller Erzählkunst lässt sich nicht leugnen, dass diese Geschichte nicht wirklich originell ist. Sobald wir, die Zuschauer, begriffen haben, was vorgeht, geht es nur noch darum, dass Gina mit uns gleichzieht. Was sie Stück für Stück recherchieren muss, ist uns bekannt. Das sorgt für Langeweile, die durch die weiter oben genannten Vorteile nur bedingt aufgefangen werden kann.

Fatale Schwächen im Fundament

Leider steigert sich dieser Eindruck, wenn „The Broken“ in die Zielgerade einbiegt. Die Handlung läuft inzwischen auf Bahnen, die sie nicht mehr verlassen wird. Ein konsequentes Durchstarten zu einem dramatischen Finale verweigert uns Ellis. Er trifft zwei Entscheidungen von fataler Bedeutung: Zum einen gibt es keine Erklärung für die Invasion aus dem Spiegelreich; diese wird als Fakt gezeichnet und wird sich offensichtlich nach dem Filmende fortsetzen. Dieses Schweigen ist nachvollziehbar, da eine Auflösung des Rätsels trivial ausfallen MUSS: Es sind Geister oder „Body-Snatcher“-Aliens, die sich ihren Weg in ‚unsere‘ Welt bahnen. Alternativen gibt es schlicht nicht. Doch vielen Zuschauern wäre sogar diese simple Lösung lieber gewesen, als in Ungewissheit gelassen zu werden. Ein besserer Film als „The Broken“ hätte sie mit dem offenen Ende versöhnt.

Übel ist Ellis‘ Versuch, seiner Story einen finalen Twist zu geben, der theoretisch für einen echten Aha-Effekt sorgen könnte. Doch er widerspricht der bisher erzählten Geschichte so nachdrücklich, dass er nicht zünden kann, sondern das Publikum nachdrücklich verärgert, das sich plump genas geführt fühlt. (Da die Erläuterung besagten Fehlers jenen Zuschauern, die „The Broken“ noch sehen möchten, diesen Spaß verderben würde, wird sie diesem Text ganz unten und mit einer Spoiler-Warnung angehängt.)

„The Broken“ ist unterm Strich kein schlechter, sondern ein enttäuschender Film, was schlimmer ist: Die Zutaten für eine echte Gruselstunde sind da, und anfänglich werden sie sauber angemischt. Doch dann verliert Koch Ellis den Faden, und das Ergebnis sind ein fader Film und bittere Enttäuschung.

DVD-Features

„The Broken“ erhielt in der DVD-Fassung nur den (original- bzw. deutschsprachigen) Trailer als „Bonus“, das schade ist, denn welche Gedanken sich Sean Ellis zu diesem Film gemacht hat, würde man (ausnahmsweise) gern erfahren.

ACHTUNG: SPOILER!

Im Finale entdeckt Gina, dass sie ein Doppelgänger aus dem Spiegel ist; durch den Unfall hat sie die Erinnerung daran verloren. Nachdem sie sich bis dato in Wort und Tat eindeutig menschlich verhalten hat, streift sie dies im Augenblick der Erkenntnis spurlos ab und verwandelt sich ebenfalls in ein emotionsloses Spiegelbild: Das widerspricht jeglicher Logik und bedeutet einen Schlag, von dem sich der Film nicht mehr erholt, zumal er dessen positiven Aspekte in den Hintergrund drängt.

SPOILER ENDE

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The Broken
Originaltitel: The Brøken (Frankreich/GB 2008)
Regie u. Drehbuch: Sean Ellis
Kamera: Angus Hudson
Schnitt: Scott Thomas
Musik: Guy Farley
Darsteller: Lena Headey (Gina McVey), Melvil Poupaud (Stefan Chambers), Michelle Duncan (Kate Coleman), Asier Newman (Daniel McVey), Richard Jenkins (John McVey), Ulrich Thomsen (Dr. Robert Zachman), Daren Elliott Holmes (Simon), Howard Ward (Jim), Damian O’Hare (Anthony), Dennis Banks (Hausportier) uva.
Label/Vertrieb: Cargo Movies
Erscheinungsdatum: 25.11.2016 [Neuausgabe]
EAN: 4059251000846 (DVD)/4059251000778 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch) u. Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 84 min. (Blu-ray: 88 min.)
FSK: 16

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