The Caller – Anrufe aus der Vergangenheit

Originaltitel: The Caller (GB/Puerto Rico 2010)
Regie: Matthew Parkhill
Drehbuch: Sergio Casci
Kamera: Alexander Melman
Schnitt: Gabriel Coss
Musik: Aidan Lavelle/Unkle
Darsteller: Rachelle Lefevre (Mary Kee), Stephen Moyer (John Guidi), Luis Guzmán (George), Ed Quinn (Steven), Gladys Rodriguez (Mrs. Guidi), Emmanuel Logrono Molina (Mr. Guidi), Lorna Raver (Rose) u. a.
Label: Falcom Media
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 13.03.2013
EAN: 4048317359110 (DVD)/4048317459117 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min. (Blu-ray: 92 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Nachdem sie sich endlich von ihrem gewalttätigen Gatten Steven getrennt hat, versucht Mary Kee den Neuanfang. Da Steven sie trotz gerichtlicher Auflagen weiterhin bedrängt und belästigt, hat sie sich ein abgelegenes Apartment in einem heruntergekommenen Viertel der Stadt San José gesucht. Doch die Nachbarn sind nett, vor allem mit Alt-Mieter George freundet sich Mary bald an.

Er ist es auch, den Mary um Rat fragt, als sie von einer unbekannten Frau angerufen wird: Rose fragt ständig nach ihrem Freund „Bobby“, der sich in Marys Wohnung aufhalten soll. Glaubt diese zunächst an einen Irrtum, verwandelt sich dies in berechtigte Vorsicht, als Rose behauptet, aus dem Jahre 1979 anzurufen. Allerdings kann Rose Beweise für ihre Behauptung liefern – und sie wird fordernd, ernennt Mary zu ihrer „Freundin“ und folgt dem Rat, sich den betrügerischen Bobby vom Hals zu schaffen: Sie bringt ihn kurzerhand um, wie sie Mary mitteilt, die doppelt schockiert wird, als ihre Speisekammer urplötzlich von einer Ziegelmauer geteilt wird, die Rose drei Jahrzehnte zuvor errichtet hat: Marys Einmischung hat den Strom der Zeit verändert. Was Rose nun tun bzw. getan haben wird, hat Auswirkungen auf Marys Gegenwart.

Auch Rose kommt zu dieser Erkenntnis. Die Folgen sind verheerend, denn nun hat Mary eine Psychopathin am Hals, die es nicht duldet, dass sich jemand zwischen sie und ihre ‚Freundin‘ stellt. Sie stellt Erkundigungen an und findet heraus, wo sich George, Marys neuer Freund oder ihre Mutter 1979 aufhalten. So kann Rose Mary erpressen: Kommt sie den Forderungen ihrer Peinigerin nicht nach, schwingt diese ihr Messer, woraufhin ihre Opfer in Marys Gegenwart spurlos verschwinden, denn es hat sie dort nie gegeben. Als Mary vergeblich versucht, Rose eine tödliche Falle zu stellen, spielt diese ihre Trumpfkarte aus: Sie hat sich mit einem sechsjährigen Mädchen namens Mary angefreundet und es in ihr Haus gelockt …

Überlebenskampf auf zwei Zeitebenen

Die Idee ist nicht neu: U. a. erhielten Dennis Quaid 2000 in „Frequency“ bzw. Sandra Bullock 2006 in „The Lake House“ („Das Haus am See“) Botschaften aus der Vergangenheit. Eine ‚Erklärung‘ wird eher halbherzig gegeben; sie ist auch gar nicht erforderlich. Im Mittelpunkt stehen die Folgen eines Kontaktes zwischen den Zeiten. Es läuft um der Spannung willen natürlich stets darauf hinaus, dass die Zeit ein Strom ist, der zwischen Vergangenheit und Zukunft fließt und dabei jenen kurzen Augenblick berührt, der „Gegenwart“ genannt wird.

Ihn zu stören bzw. umzuleiten hat Folgen, weshalb es in entsprechenden Geschichten entweder darum geht, genau dies um jeden Preis zu verhindern, oder es erforderlich wird, den Zeitstrom zu manipulieren, um bereits erfolgte, böswillige Veränderungen auszugleichen. „The Caller“ fällt in die zweite Kategorie; hier kommt es schließlich sogar zum Krieg zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

Die Spannung entsteht nicht nur aus der Zeitverschiebung, sondern auch aus der Frage, wieso es gefährlich werden könnte, eine Psychopathin zu verärgern, die viele Jahrzehnte in der Vergangenheit haust: Was könnte sie mir von dort schon antun? Ich lebe doch durch die Zeit getrennt von ihr und bin deshalb in Sicherheit. Zu kurz gedacht, macht uns Drehbuchautor Sergio Casci klar, indem er uns daran erinnert, dass wir zu Lebzeiten besagter Psychopathin schon gelebt haben und in unserer Jugend belauert werden könnten. So ergeht es jedenfalls Mary.

Tatwaffe Telefon

Zwei Frauen im Heute bzw. Gestern, der Kontakt ist nur über das Telefon möglich: Wie schlägt man aus dieser wenig dramatischen Situation Spannungsfunken? Regisseur Matthew Parkhill weiß es offenbar nicht; jedenfalls fällt ihm nach dem ‚Auftritt‘ Rose und vor dem dramatischen Finalduell nichts Besseres ein, als in regelmäßigen Abständen den ebenfalls psychisch labilen Steven auftauchen und Mary in Angst & Schrecken versetzen zu lassen. Aber auch dieses Problem rückt passagenweise unbeachtet in den Hintergrund, weil sich Mary zwischenzeitlich in den schmucken John verliebt. Nun wird’s romantisch, während der eher pragmatisch denkende Zuschauer heimlich auf die Uhr schaut: Wann geht denn die eigentliche Geschichte endlich weiter?

In der Tat lassen Casci und Parkhill im letzten Filmdrittel das Telefon wieder häufiger klingeln. Nun wird es zeitweise richtig spannend, muss sich Mary doch die Frage stellen, ob und wie es möglich ist, der Gegnerin zeitübergreifend Paroli zu bieten: Wenn es möglich ist, die Zukunft zu ändern, müsste es doch auch einen Weg geben, in die Vergangenheit einzugreifen!

Mary findet ihn – selbstverständlich in buchstäblich letzter Sekunde, blutüberströmt und mit einer alten aber kraftvoll eine Machete schwingende Rose vor der bereits splitternd nachgebenden Tür. Frühere Versuche endeten mit schaurigen Ergebnissen, doch dieses Mal kann Mary in der Vergangenheit eine unerwartete Verbündete akquirieren. Sehr raffiniert ist das nicht, sondern hollywoodtypisch laut und hektisch, nachdem es bisher gemächlicher und stimmungsvoller zuging. Zudem gibt es einen Last-Minute-Gag, der als Überraschung ebenfalls der Vorgeschichte hohnspricht aber wenigstens plausibel begründet wird.

Heiß wie die Hölle

Puerto Rico ist eine Karibikinsel, die mit den USA staatsrechtlich verbandelt ist. Die Bürger besitzen das US-Bürgerrecht, umgekehrt können US-Bürger sich in Puerto Rico ansiedeln. Sie tun es nicht gerade häufig, da der insulare Lebensstandard niedrig ist. (Marys Aufenthalt wird durch ihre Jugend als Soldatenkind erklärt: Mit dem Vater zog die Familie von Stützpunkt zu Stützpunkt und u. a. nach Puerto Rico, wo Mary hängengeblieben ist.) Auch das Wetter will bedacht sein; es ist tropisch heiß bzw. schwül, was gut ist zu wissen, denn um ihre defekte Klimaanlage macht Mary viel Gewese. (Außerdem zwingt es sie zu knapper Bekleidung, was zumindest das männliche Zuschauerherz erfreut.)

Viele tropische Pflanzen können nicht verbergen, dass es kein hübsches Stadtviertel ist, in das es Mary verschlägt. Die meisten Häuser wirken ausgebrannt oder zerschossen, es bröckelt und schimmelt, die nächtliche Beleuchtung setzt vor allem Akzente in einer ungemütlichen Dunkelheit. Im skeptischen Zuschauer steigt unwillkürlich die Frage auf, weshalb sich Mary ausgerechnet in dieser Umgebung einquartiert. Sie habe „wenig Zeit zum Suchen gehabt“, lautet die lahme Erläuterung. Ex-Gatte Steven hat sie jedenfalls schneller gefunden als Rose mit ihrem Telefonterror beginnen kann.

Hin und wieder verlagert sich die Handlung auf San Juans Straßen. Dort gehört sie nicht hin, sondern sollte um des Spannungsaufbaus in Marys zunehmend Klaustrophobie schürender Wohnung aufhalten. Aber Parkhill benötigt die Außenluft, damit sich Mary und John näherkommen können. Erst als das erledigt ist, geht es zurück ins Apartment, in dem wir uns nun mit Mary verbarrikadieren.

Mörderisches Zweieinhalb-Personen-Drama

Eine Geschichte wie diese steht und fällt mit der Zentralfigur. Mary kämpft dabei nicht nur gegen ihre durch die Zeit geschützte Verfolgerin, die sich darüber hinaus niemals zu Gesicht bekommt. (Am Ende linst Rose irre grinsend wie Jack Nicholson in „Shining“ kurz durch den Spalt, den sie in Marys Badezimmertür gehauen hat.) Die Reaktion auf die unsichtbare aber dennoch sehr präsente Rose erfordert schauspielerisches Talent, das über die üblichen Voraussetzungen für weibliche Horrorfilm-Darsteller – vorzeigbare Oberweite, laufflinke Füße, strapazierfähige Stimmbänder – ein gutes Stück hinausgeht.

Mit Rachelle Lefevre fand Regisseur Parkhill nach einigen Schwierigkeiten – er hätte lieber Brittany Murphy angeheuert, die jedoch die Produktion kurzfristig verließ – eine rollenkonform aufspielende Mary. Sie ist einerseits hübsch bzw. rührt in ihrer schlanken Wehrlosigkeit und mit den polangen Shakira-Wusellocken an den kollektiven Schutzinstinkt des Publikums, weiß sich in der Krise jedoch zu behaupten und schließlich sogar den fiesen Steven böse zu überraschen, der sich gern drohend und riesengroß vor Mary aufzubauen pflegt.

Stephen Moyer und Luis Guzmán müssen vor allem lieb bzw. freundlich sein, damit ihr unschönes Ende den Zuschauer möglichst heftig anrührt. Lorna Raver bleibt als Roses Stimme am Telefon die Herausforderung, allein durch die Stimme Schrecken auszustrahlen. Da „The Caller“ von echten Synchronsprechern eingedeutscht wurde, gelingt ihr dies erfreulicherweise auch in der übersetzten Fassung.

„The Caller“ ist kein Meisterstück, sondern ‚nur‘ grundsolides Filmhandwerk. Angesichts der unzähligen Streifen, die Horror primär durch Nonsens-Storys, die ungelenke Inszenierung und von der Straße aufgelesener ‚Schauspieler‘ erzeugen, ist dagegen nichts einzuwenden. Man hat „The Caller“ rasch vergessen, setzt die damit assoziierten Verantwortlichen vor und hinter der Kamera aber auch nicht auf die schwarze Liste jener Film-Versager, von denen man sich zukünftig die Zeit nicht mehr stehlen lassen möchte.

DVD-Features

Zum Hauptfilm gibt es erfreuliches Zusatzmaterial – eben kein „Making-of“, das sich in gestelzten Lügen und verbrämter Zusatzwerbung erschöpft, sondern einen Audiokommentar von Regisseur Matthew Parkhill. Darüber hinaus gibt es „Deleted Scenes“, die es begründet nicht in den fertigen Film geschafft haben, sowie ein „Alternatives Ende“, das einfach nur abgeschmackt ist, was Parkhill glücklicherweise selbst aufgefallen ist. Wieder einmal vor allem witzig ist der Originaltrailer, der mit der Filmgeschichte, die er ankündigen soll, nur zufällige Ähnlichkeiten aufweist.

Kurzinfo für Ungeduldige: In ihrem Apartment erreichen Mary Anrufe aus der Vergangenheit; die einsame Rose entpuppt sich allerdings als psychopathische Stalkerin, die Mary aus dem Schutz der Vergangenheit zu terrorisieren beginnt … – Die vielversprechende Ausgangsidee wird durch ein Ehedrama und eine Love-Story gestreckt und verwässert, das Ende ist konventionell; dank solider Inszenierung, guter Darsteller und des interessanten Schauplatzes durchschnittlich unterhaltsam.

[md]

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