The Canal – Du kannst dem Bösen nicht entkommen

Originaltitel: The Canal (Irland/GB 2014)
Regie u. Drehbuch: Ivan Kavanagh
Kamera: Piers McGrail
Schnitt: Robin Hill
Musik: Ceiri Torjussen
Darsteller: Rupert Evans (David), Steve Oram (McNamara), Antonia Campbell-Hughes (Claire), Hannah Hoekstra (Alice), Calum Heath (Billy), Alicja Ayres (Margaret Jackson), Paddy Curran (William Jackson), Serena Brabazon (Maklerin), Kelly Byrne (Sophie), Sinead Watters (Anna), Carl Shaaban (Alex) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 13.03.2015
EAN: 0888750466396 (DVD)/0888750466495 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 89 min. (Blu-ray: 93 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Archivar David ist mit der schönen Alice verheiratet, Sohn Billy fünf Jahre alt und ein Schatz, und die Familie lebt in einem alten, schönen Haus. Doch die Fassade bröckelt; schon länger hegt David den Verdacht, dass ihn Alice mit dem Karrieremann Alex betrügt und plant, ihre kleine Welt und vor allem den drögen Gatten zu verlassen.

Für Ablenkung sorgt die Sichtung alter, für das Archiv bestimmter Filme aus dem Jahr 1902. Überrascht stellt David fest, dass ‚sein‘ Haus damals Schauplatz eines spektakulären Massenmordes war, als William Jackson seine Familie und das Kindermädchen umbrachte; die Leiche der Gattin zog die Polizei aus dem nahen Kanal. David recherchiert und bringt in Erfahrung, dass in den 1930er Jahren Satanisten das Haus übernahmen, um dort mysteriöse Zeremonien abzuhalten. Seitdem wechselten die Bewohner oft, denn das Haus bringt ihnen Kummer und Tod.

Eines Nachts folgt David Alice heimlich, findet sie mit Alex im Bett und seine Befürchtung bestätigt. Gedemütigt schleicht er heim. Alice kommt in dieser Nacht und auch am nächsten Morgen nicht zurück. David benachrichtigt die Polizei, die nicht nur die Suche aufnimmt, sondern auch ihn, den Gatten, in die Zange nimmt. Vor allem Ermittler McNamara hält David für verdächtig. Doch als Alices Leiche aus dem Kanal gefischt wird, weist sie keinerlei Verletzungen auf. Ihr Tod geht als Unfall zu den Akten.

David intensiviert seine Nachforschungen, denn er entdeckt immer wieder Schatten im Haus und hört es aus den Wänden flüstern. Immer besessener sucht er nach den Spuren der Geister, reißt Wände ein, versucht die Phantome auf Film zu bannen. Kindermädchen Sophie, Arbeitskollegin und Freundin Claire und die Schwiegermutter beobachten immer misstrauischer diese Manie. McNamara taucht wieder auf und konfrontiert David mit neuen Verdachtsmomenten. In der Tat hat dieser gewisse Details der Mordnacht für sich behalten. Zwischen Realität und Geisterwelt gerät David immer stärker in Bedrängnis …

Es spukt! Oder nicht …?

Vereinfacht definiert gibt es zwei Arten von Gespenstern. Die einen sind ‚echt‘. Wenn man einschlägigen Überlieferungen Glauben schenkt, waren sie im Leben Menschen, die entweder Böses taten, dafür zur Spukexistenz verdammt wurden und auch im Jenseits ihr finsteres Treiben fortsetzen, oder unschuldige Opfer, die auf Erlösung warten. Diese stellt sich der Geisterlogik folgend erst ein, wenn das erlittene Unrecht aufgeklärt wurde oder die sterblichen Überreste des Pechvogels ordnungsgemäß bestattet sind.

Daneben gibt es ‚Geister“ im wortwörtlichen Sinn, d. h. Ausgeburten des kranken menschlichen Hirns, die aus diesem leicht nachvollziehbarem Grund ausschließlich dem Betroffenen erscheinen. Der quasi in zwei Persönlichkeiten gespaltene Verstand kann Schreckliches tun, ohne dass der nicht betroffenen Hirnhälfte der Urheber bewusst ist. Eine ‚gute‘ = von der als „künstlerisch wertvoll“ gelobte, gedruckte oder verfilmte Geschichte setzt eher auf den Wahnsinn, der keine Kreaturen von ‚drüben‘ benötigt, die von entsprechend gepolten Kritikern skeptisch betrachtet werden. Sie bevorzugen es, wenn ausschließlich der Mensch selbst für seltsames Treiben verantwortlich ist.

Nichtsdestotrotz ist es unnötig, sich als Geschichtenerzähler festzulegen. Deshalb wimmelt die Literatur-, aber auch die Filmgeschichte von Gruselstorys, deren Hauptfiguren Geister sehen, die sich letztlich als Ausgeburten der eigenen, stark gestörten Vorstellung entpuppen. In der Regel fällt irgendwann die Erscheinung, ob es wirklich spukt oder der Irrsinn umgeht. Seltener lässt ein Erzähler sein Publikum bis zuletzt im Ungewissen; kein Wunder, denn es ist schwer, die Ambivalenz zwischen Realität und Schattenwelt konsequent durchzuhalten. Wir wollen irgendwann wissen, was tatsächlich vorgeht. Wird uns dies vorenthalten, sind wir in der Regel erbost, statt der vom Erzähler geplanten Unsicherheit zu verfallen. Er muss sich deshalb anstrengen, wenn er uns in Ungewissheit wiegen UND zufriedenstellend unterhalten will.

Technik als Untertan der Story

Ivan Kavanagh scheut vor dieser Herausforderung nicht zurück. Schon seine früheren Werke zeigten einen Filmemacher, der Dramatik vor allem im Zwischenmenschlichen sieht. Der klassische Horrorfreund muss sich freilich keine Sorgen machen: Kavanagh liebt und kennt den phantastischen Film, dem er mit „The Canal“ vor allem stilistisch seine Reverenz erweist. Rasch wird dem Zuschauer die Sorgfalt deutlich, mit der Kavanagh im engen Dialog mit Kameramann Piers McGrail die Geschichte nicht nur erzählt, sondern auch mit entsprechenden Bildern unterfüttert. Beispielsweise entspricht die Farbgebung keineswegs der Realität. Sie soll verfremdet die Schaffung einer Stimmung unterstützen, die vom Realistischen immer stärker ins Irreale oder Traumhaft umschlägt, je stärker David seiner Besessenheit verfällt. Technik der Filmgeschichte kommt zum Einsatz, wenn McGrail mit Kamerafiltern der 1970er Jahre arbeitet. Für jene Szenen, die 1902 spielen, verwendete McGrail eine handkurbelbetriebene Originalkamera aus dem Jahre 1915.

„Filmschnitt“ bedeutet heutzutage oft einfach, dass Einzelszenen aneinandergereiht werden. Dabei kann ein Film im Schneideraum – der noch immer so heißt, obwohl heute natürlich digital ‚geschnitten‘ wird – gänzlich neu interpretiert werden. Kavanagh heuerte den von ihm verehrten Robin Hill an, der dafür bekannt ist, ungewöhnliche Pfade zu beschreiten. In der Tat sorgen die Schnitte in „The Canal“ für zusätzliche Irritationen. Hill schreckt nicht einmal davor zurück, das Bild wie in den 1970er Jahren zu teilen, um Wahrheit und Vision nebeneinander zu stellen.

Ähnliche Aufmerksamkeit widmete Kavanagh dem Score. Die musikalische Untermalung von Ceiri Torjussen verzichtet auf potenziell zu vermarktende Klänge, sondern bleibt ausschließlich der Geschichte untergeordnet. Wie die Farben verfremdet Kavanagh auch Geräusche. Normale Klänge werden überzeichnet und gewinnen eine verstörende Eigendynamik: Viele Filmemacher scheinen zu vergessen, dass auch das Ohr ein Sinnesorgan ist, das unterhaltsam getäuscht werden kann.

Leben als Gruselgeschichte

Das Leben ist bekanntlich reich an Enttäuschungen. Oft sogar noch ausgeprägter ist die Furcht vor entsprechenden Erfahrungen. Sie basiert auf menschlichen Unsicherheiten, die dazu neigen, ein unerfreulich aktives Eigenleben zu entwickeln. Kavanagh, der auch das Drehbuch schrieb, charakterisiert Hauptperson David als ohnehin unsicheren Menschen bzw. Mann, der durchaus mitverantwortlich dafür ist, dass er den Boden unter den Füßen verliert.

David ist ein Archivar, der seinen Job liebt aber ansonsten eher träge ist. Dass Gattin Alice ihn hintergeht, war ihm höchstens unterschwellig bewusst, da er selbst auf diesen Gedanken niemals gekommen wäre. Dabei gäbe es die Gelegenheit, denn Kollegin Claire will eindeutig mehr als eine gute Freundin sein. Zudem wissen bis auf David sämtliche Familienmitglieder und Freunde, dass Alice ihn betrügt.

Kavanagh lässt offen, ob und inwieweit David geistig bereits aus der Bahn geraten ist, als er entdeckt, in welches Haus es ihn und seine Familie verschlagen hat. Ohnehin bleibt fraglich, ob jene Filmausschnitte, die David – und nur ihn – über die Ereignisse von 1902 informieren, der Wirklichkeit entsprechen oder Wahnvorstellungen sind. Auf jeden Fall ist David ein kranker Mann, dem die Kontrolle über seinen Geist entgleitet. Dafür bemitleidet man ihn, doch allmählich wird dank Kananagh deutlich, dass dieser Prozess eine buchstäblich lebensgefährliche Seite aufweist.

Was David sieht oder zu sehen glaubt, teilt er lange mit dem Zuschauer. Erst im letzten Filmdrittel löst sich die Kamera von David. Nun sieht man dieselbe Szene oft zweimal bzw. aus zwei Blickwinkeln. Selbst jetzt bleibt allerdings unklar, ob die ‚Realität‘ tatsächlich real ist. Vor allem der Epilog deutet an, dass es in dem Haus wirklich umgeht. Wiederum bleibt ungeklärt, was William Jackson 1902 zum Massenmord trieb, und ob es bereits früher zu entsprechenden Taten gekommen war – eine Ungewissheit, die keineswegs irritiert oder stört, sondern harmonisch in den Erzählfluss integriert ist.

Ganz normale Zeitgenossen

Kavanagh erzählt eine Geschichte ohne Helden. Jede Figur ist überfordert von Situationen jenseits bekannter und gemeisterter Lebenskrisen. Glücklicherweise fand Kavanagh Schauspieler, die dem spielerischen Tanz auf diesem Vulkan gewachsen waren. Im Zentrum steht Rupert Evans als David. Objektiv mag er seine Rolle meistern, doch subjektiv gibt es Abstriche. Für sein Aussehen – Evans gleicht als David auffällig einem jüngeren Brad Pitt – kann er nichts, und seine Lethargie ist wahrscheinlich dem Drehbuch geschuldet. Nichtsdestotrotz spielt Rupert womöglich zu realistisch und allzu oft unter froschgleicher Verzerrung seiner Gesichtszüge einen Mann auf dem Weg in den Wahnsinn. Sein Verhalten ist schon früh so auffällig, dass es wundert, wieso niemand Davids Zustand erkennt oder ihm Einhalt bietet. McNamara versucht es, wird aber – ein boshafter aber guter Einfall Kavanaghs – von einem besorgten ‚Spezialisten‘ ausmanövriert, der Vater und Sohn nicht trennen will.

Wieso Kavanagh ausgerechnet Antonia Campbell-Hughes engagierte, um sie dann in die – zugegeben wichtige – Nebenrolle der Claire abzudrängen, ist seltsam. Die Schauspielerin fällt nicht nur durch ihre unverwechselbare Gesichtsphysiognomie, sondern auch durch die Intensität auf, mit der sie ihre Rollen mit Leben füllt: In schwächeren Filmen spielt sie selbst in einer Nebenrolle ihre Kolleginnen und Kollegen an die sprichwörtliche Wand. Auch hier ist dies so, ohne dass Kavanagh Claire ein entsprechendes Profil verschaffen kann.

Von zahlreichen Kritikern wird Calum Heath als Sohn Billy gerühmt. In der Tat ist Calum kein ‚Filmkind‘; er ‚spielt‘ nicht, sondern ‚ist‘ Billy. Deshalb unterbleiben offensichtliche Manipulationen, die den Zuschauer dahin bringen sollen, um das arme, verfolgte Kind zu bangen. Die Geschichte selbst sorgt für entsprechende Momente. Deshalb fällt zumindest dem nüchternen Betrachter auf, dass „Billy“ recht ausdruckslos und passiv bleibt.

Dies sind jedoch Einwände, die mit Klagen auf hohem Niveau gleichzusetzen sind. „The Canal“ ist ganz sicher kein Gute-Laune-Popkorn-Kino. Die Geschichte muss der Zuschauer sich erschließen, und nicht jede Frage wird beantwortet. Grusel-Schauwerte halten sich in Grenzen, Splatter-Bilder werden höchstens in jenen rasant geschnittenen Szenen sichtbar, die Fotos vergangener Gewaltverbrechen zeigen und von David katalogisiert werden sollen. Lässt man sich auf den doppelten Boden locken, bleibt man keineswegs ohne Belohnung. „The Canal“ bietet eindeutig etwas ‚anderen‘ Horror, für den man jedoch eine Antenne besitzen muss.

DVD-Features

Vorgeblich gibt es so etwas wie Extras zum Hauptfilm. Angesichts der offensichtlichen Hintergründigkeit der Geschichte wäre man über Hintergrundinformationen dankbar. Leider gibt es kein „Making of“. Auch äußern sich weder Regisseur und Autor Ivan Kavangh, Kameramann Piers McGrail oder Cutter Robin Hill über ihre Arbeit. Stattdessen gibt es ‚Interviews’ mit Rupert Evans, Hannah Hoekstra und Steve Oram (nicht aber mit Antonia Campbell-Hughes). Diese haben wenig Substanzielles zu sagen und versuchen sich ungeschickt in verkappter Filmwerbung, indem sie einerseits über die angebliche Erfahrungen schwärmen, die sie der Mitwirkung an einem Meisterwerk wie „The Canal“ verdanken, während sie andererseits die Kolleginnen und Kollegen als Engel auf (Film-) Erden verklären. Selbstverständlich wird dem Zuschauer völlig unnötig ein bisher nie gekanntes Filmerlebnis ‚versprochen‘, auf das er womöglich fruchtlos warten wird.

Kurzinfo für Ungeduldige: Als erst seine Ehe und dann sein Leben in die Brüche geht, macht David dafür böse Geister verantwortlich, die in seinem Haus umgehen; der besessene Versuch, die Phantome dingfest zu machen, rückt ihn erst recht ins Abseits … – Gekonnt zwischen Menschenwahn und Geisterspuk changierende, spannend und konzentriert erzählte Geschichte, die ihre Ambivalenz bis zuletzt wahren kann: mit einem anderen Hauptdarsteller wäre dieser Film makellos.

[md]

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