The Chair

Originaltitel: The Chair (Kanada 2007)
Regie u. Schnitt: Brett Sullivan
Drehbuch: Michael Capellupo
Kamera: Kiarash Sadigh
Musik: Kurt Swinghammer
Darsteller: Alanna Chisholm (Danielle Velayo), Lauren Roy (Anna Velayo), Nick Abraham (Ryan Durbin), Paul Soren (Mordechai Zymytryk), Nickolas Tortolano (Jacob), Adam Seybold (Edgar A. Crowe) u. a.
Label: I-ON New Media (www.ionnewmedia.de)
Vertrieb: Splendid Entertainment (splendid-entertainment.de)
Erscheinungsdatum: 09.01.2009 (Leih-DVD) bzw. 27.02.2009 (Kauf-DVD)
EAN: 7321925017915 (Leih-DVD) bzw. 4260034632172 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1   anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 89 min.
FSK: keine Jugendfreigabe

Das geschieht:

Die junge kanadische Studentin Danielle Velayo will sich und ihrer Familie beweisen, dass sie von ihrer paranoiden Wahnschüben genesen ist und ein eigenständiges Leben führen kann. Sie zieht in ein altes Haus in einer ruhigen Seitenstraße der Großstadt Toronto. Noch bevor sie sich eingerichtet hat, beginnt es in der Wohnung zu spuken – oder steht Danielle gesundheitlich vor einem Rückfall, wie Schwester Anna es befürchtet?

Die seltsamen Geräusche und Schemen zeigen sich allerdings auch ihr, als sie sorgenvoll in Danielles Wohnung übernachtet. Die hat inzwischen eine geheime Kammer entdeckt. In ihrem Inneren findet sie eine alte Wachswalze mit einer 100 Jahre alten Tonaufzeichnung: Der berühmte Magier Mordechai Zymytryk berichtet von seiner Rache an dem Serienkiller Edgar A. Crowe. Der hatte 1906 seinen Enkel entführt und auf einem perversen Folterstuhl, der seinen Opfern die Luft aus den Lungen presste, zu Tode gebracht. Noch bevor die Behörden seiner habhaft wurden, hatte Zymytryk den Killer gefasst. In einem einmaligen Akt von Selbstjustiz hatte er diesen hypnotisiert und anschließend begraben. Seither schwebt Crowes Seele ruhelos zwischen Leben und Tod.

Doch Zymytryk hat den Killer unterschätzt. Als der Geist Danielles geistige Labilität bemerkt, erkennt er seine Chance. Er fährt in ihr Hirn und übernimmt es. Während Anna und Danielles Ex-Freund Ryan besorgt die Anzeichen eines psychotischen Schubes zu beobachten glauben, beginnt die besessene Studentin einen neuen Folterstuhl zu bauen. Sie bzw. Crow hat bereits das erste Opfer ins Visier genommen – den kleinen Jacob, der Danielle nett findet und gern ihrer Einladung zum Spiel im alten Haus folgen wird …

Als Anna endlich merkt, was da geschieht, ist es zu spät: Danielle wählt die lästige Schwester als Versuchsobjekt für den Stuhl aus. Allerdings unterschätzt Crow Annas Entschlossenheit, sowohl Danielle als auch Jacob aus seinen Klauen zu befreien …

Zwei Schwestern, ein Magier und ein untoter Serienmörder

Die gute, alte Geistergeschichte ist auch im 21. Jahrhundert nicht tot zu kriegen. Zwar können es auch Gespenster arg blutig treiben, doch in der Regel gehen sie subtiler vor. Der Zuschauer wird nicht mit dem Holzhammer (bzw. mit Axt und Schlachtermesser) traktiert. Atmosphäre und Stimmung sorgen für ‚echte‘ Furcht, die aus der Überlegung resultiert, dass Übernatürliches so, wie es auf diese zurückhaltende und damit überzeugenden Weise gezeigt wird, doch möglich ist.

Regisseur Brett Sullivan und Drehbuchautor Michael Capellupo haben die Regeln der Geistergeschichte grundsätzlich verstanden und setzen sie sorgfältig um. Das funktioniert in den ersten beiden Dritteln ihres Films sehr gut. Nicht nur das geringe Budget, sondern auch die komplizierte Filmkulisse forderten Sullivan und seinem Kameramann Kiarash Sadigh einige Denkarbeit ab. Gedreht wurde in einer echten Wohnung – aus Kostengründen in der des Regisseurs übrigens. Deren meist engen Räume waren für die Filmarbeit nur bedingt geeignet. Dennoch oder gerade deshalb fand Sadigh immer wieder ungewöhnliche Plätze für seine Kamera und verblüfft mit Bildern, die (wie das „Making of“ zum Film belegt) weniger durch aufwändige Spezialeffekte, sondern im sorgfältigen Zusammenspiel der Schauspieler mit der kleinen aber unermüdlichen Crew hinter der Kamera zustande kamen.

Gut geklaut ist halb gewonnen

„The Chair“ ist die ‚inoffizielle‘ Verfilmung einer berühmten Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe (1809-1849), wie das in den Endcredits pflichtschuldig vermerkt steht. (Daran erinnert auch der Name des Schurken: Edgar A. Crow! „Edgar A. Raven” wäre freilich noch treffender.) Gemeint ist die Story „The Facts in the Case of M. Valdemar” (1845; dt. „Die Tatsachen im Fall Valdemar”): Ein ‚Mesmerist‘ – d. h. ein Anhänger der Lehren des Arztes und Wissenschaftlers Franz Anton Mesmer (1734-1815) – hypnotisiert einen Sterbenden und kann dessen Geist auch nach dem Tod an den Leichnam binden. (Eine berühmte Filmversion dieser Erzählung entstand bereits 1962: In „Tales of Terror“ – dt. „Der grauenvolle Mr. X“ –, einem Episodenfilm von Roger Corman, spielte Vincent Price den Valdemar.)

Sullivan lässt Mordechai Zymytryk als Mesmeristen auftreten. Aus dem Wissenschaftler wird in „The Chair“ ein Rächer, der sein besonderes Wissen anwendet, um einen Verbrecher zu strafen. Ansonsten nutzt Sullivan Poes Vorlage nur als Fundament für eine völlig eigenständige Geschichte. Wie so oft ist die dem Vorbild nicht gewachsen; Poe genießt seinen Ruf nicht ohne gute Gründe.

Der Hauptfehler besteht darin, dass Capellupo und Sullivan im letzten Drittel davon abgehen, was der Handlung bisher sehr gut tat: Sie führen plötzlich den ‚klassischen‘ Zymytryk/Crow-Strang mit den Ereignissen zusammen, die ein Jahrhundert später spielen. Selbstverständlich erwartet der Zuschauer, dass dies geschieht. Allerdings ist das Drehbuch in diesem wichtigen Punkt denkbar plump geraten. Nicht nur der untote Crow taucht auf, sondern auch der mehrfach reinkarnierte Mordechai Zymytryk, der seine Geschichte hastig nebenbei einstreut, während er mit Anna zum Grab Crows eilt.

Wahn oder Wirklichkeit?

Als das letzte Handlungsdrittel einsetzt, haben sich Sullivan und Capellupo endlich entschieden, welche Art von Geschichte sie erzählen: Spukt es im Haus wirklich, oder sehen wir zusammen mit Danielle nur Wahnvorstellungen, die ihr vom kranken Hirn vorgegaukelt werden? Das bleibt lange unklar und sorgt für zusätzliche Spannung, zumal Hauptdarstellerin Alanna Chisholm diese Ambivalenz überzeugend auszudrücken vermag.

Aber schließlich steht fest: Edgar A. Crowe geht tatsächlich um! Damit verändert sich der Tenor des Films. Jetzt wohnt ein böser Geist in einem Körper, der ihm die Gelegenheit zum Schurken & Tücken gibt. Aus Grusel wird Horror, und der gelingt nicht annähernd so authentisch. Die Stimmung verfliegt, es wird hässlich: Danielle baut den Folterstuhl, eine ausgeklügelte Maschine, die an entsprechende Instrumente aus den „Saw“-Filmen erinnert (deren vierten Teil Brett Sullivan geschnitten hatte). Sie bzw. Crowe hat es auf ein Kind abgesehen, das wirklich auf diesem Stuhl landet – ein gewollter Tabubruch, der indes nur halbherzig realisiert wird: Die Szene soll erschrecken aber nicht entsetzen (oder gar die Zensur auf den Plan rufen). Der Trick mit dem „Kind in Gefahr“ ist uralt; er wird als solcher erkannt und nicht gebilligt.

Zumal er nur wiederholt, was wenige Filmminuten zuvor geschehen ist. Da saß Anna in dem Stuhl. Wie gefährlich dieser Aufenthalt ist, sollte ihr also bekannt sein. Trotzdem ruft sie nicht etwa die Polizei an, als Danielle sich später telefonisch bei ihr, die sich befreien und flüchten konnte, meldet und verkündet, nun Jacob in ihrer Gewalt zu haben. Stattdessen lässt sie sich auf einen absurden Wettlauf mit der Zeit ein, um Crowes Grab zu finden und dessen lebendigen Leichnam aus seiner Trance zu reißen. Damit wurde der Zuschauer ein wenig zu dumm verkauft. Auch dass die Handlung plötzlich die klaustrophobisch enge Wohnung verlässt, ist keine gute Idee. Wieso hat Zymytryk Crow, den er 1906 in seinem Haus hypnotisierte, nicht auch dort versteckt?

Sie können weder mit noch ohne sich

Den Schauspielern kann man dieses Mal keine Vorwürfe machen. Sullivan hat nicht nur ‚unverbrauchte‘ Gesichter, sondern auch fähige Darsteller gecastet. Alanna Chisholm wurde bereits lobend hervorgehoben. Als sie vom bösen Crow besessen ist, meistert sie auch diesen Wandel, der sich ja nur in ihrem Inneren abspielt. Er zeichnet sich in ihrem Gesicht, in ihrer Haltung und natürlich in ihrem Handeln ab.

An die Seite der Hauptdarstellerin tritt kein männlicher Schauspieler; für Nick Abraham als Ryan Durbin bleibt es bei einer (kurzen) Nebenrolle. Stattdessen ist es Lauren Roy als Anna, die primär mit Danielles Veränderungen konfrontiert wird. Wiederum stützt sich Sullivan auf eine frühere Filmarbeit: 2004 inszenierte er „Ginger Snaps: Unleashed“ (dt. „Ginger Snaps II: Entfesselt“), das Sequel des modernen Horrorfilm-Klassikers „Ginger Snaps“ (2000) und die Geschichte zweier Schwestern, die von einem Werwolf-Fluch getroffen werden. Ginger und Brigitte sind offensichtlich die Vorbilder für Danielle und Anna. Die im Horrorfilm keinesfalls alltägliche Rollenkonstellation funktioniert auch in der Neuauflage.

Alanna Chisholm und Lauren Roy sind es, die man hauptsächlich auf der Leinwand (bzw. auf dem Bildschirm, denn auf die Kinoleinwand geriet „The Chair“ nur auf diversen Filmfestivals) sieht. Die übrigen Schauspieler treten nur kurz auf und hinterlassen keinen besonderen Eindruck. Das gilt leider auch für Nickolas Tortolano als Jacob, dessen Leiden im Folterstuhl aus den erwähnten Gründen nur ansatzweise gezeigt werden dürfen. Als er sich im (horrorfilmtypischen) Finaltwist als ganz übles Früchtchen entpuppt, ist dies weder gut gespielt noch eine Überraschung. Vielleicht ändert sich das, wenn er ein wenig älter ist (oder von einem anderen Darsteller verkörpert wird): Regisseur Sullivan und Autor Capellupo arbeiten bereits an „The Chair 2: Ressurrection of Crowe“ – wer hätte das (nicht) gedacht …?

DVD-Features

„The Chair“ ist ein kleiner, sehr kostengünstig (nicht billig!) hergestellter Film, in den die Beteiligten viel Herzblut investiert haben. Das verrät das Feature „Behind the Scenes“, das sich angenehm von den werbungsgetränkten Zeitvergeudungen abhebt, die uns sonst als „Making of“ zugemutet werden. Klug werden verschiedene Schlüsselszenen herausgegriffen und ihre Entstehung erläutert, wobei gerade die Nebensächlichkeiten oft mehr Arbeit machen als man sich vorstellen kann. Sehr aufschlussreich ist eine scheinbar simple Kamerafahrt durch eine Badewanne: Im engen Badezimmer quetscht sich die Crew in jede freie Ecke und weicht dem Kranarm aus – nur um nach gelungener Plackerei zu bemerken, dass sich Kamera und Kameramann in den Wannenarmaturen spiegelten …

Amüsant wurde auch das geisterhafte Auftauchen und Schweben eines Stuhls realisiert. Auf Spezialeffekte musste verzichtet werden, reine Handarbeit ersetzt sie, was allerdings nicht ohne Zwischenfälle gelingt, während die Stimme des Klappenschlägers immer frustrierter klingt … (Auf der Klappe liest man übrigens „Hush“; so lautete der Arbeitstitel von „The Chair“.)

Eine zentrale Filmszene zeigt Mordechai Zymytryk, der mit einer Filmkamera des Jahres 1906 dokumentiert, wie er Edgar Crowe in Trance versetzt. Die entsprechende Sequenz ist natürlich stumm, schwarzweiß und aufgrund ihres ‚Alters‘ mit künstlichen Bildsprüngen und Kratzern präpariert. Als separates Feature enthalten die DVD-Extras die ursprüngliche Aufnahme: „M. Zymytryk hypnotisiert E. Crowe“, eine eindrucksvolle Vorstellung des Schauspielers Paul Soren.

Interessante Hintergrundinfos zum Film liefern Regisseur Brett Sullivan, Drehbuchautor Michael Capellupo und Produzent Douglas Patterson in ihrem Audiokommentar. Der käme sicherlich mehr Zuschauern zugute, hätte man ihn deutsch untertitelt. So sind Konzentration, gute Ohren und Sprachkenntnisse gefragt …

Zum Film existiert eine schön gestaltete aber wenig aussagekräftige Website:
www.thechairfilm.com [MD]

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The Chair