The Children – In ihnen schlummert das Böse

Originaltitel: The Children (GB 2008)
Regie u. Drehbuch: Tom Shankland
Kamera: Nanu Segal
Schnitt: Tim Murrell
Musik: Stephen Hilton
Darsteller: Eva Birthistle (Elaine), Stephen Campbell Moore (Jonah), Jeremy Sheffield (Robbie), Rachel Shelley (Chloe), Hannah Tointon (Casey), Raffiella Brooks (Leah), Jake Hathaway (Nicky), William Howes (Paulie), Eva Sayer (Miranda)
Label: Pandastorm Pictures
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 12.11.2009 (Leih-DVD u. -Blu-ray) bzw. 10.12.2009 (Kauf-Doppel-DVD u. Kauf-Blu-ray) bzw. 18.03.2010 (Single-Kauf-DVD)
EAN: 4048317357796 (Leih- u. Single-Kauf-DVD) bzw. 4048317757794 (Kauf-Doppel-DVD) bzw. 4048317457793 (Leih- u. Kauf-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 81 min. (Blu-ray: 84 min.)
FSK: 18

Das geschieht:

Mit ihrem Lebensgefährten Robbie und den Kindern Leah und Paulie möchte Elaine das Silvester-Wochenende bei ihrer Schwester Chloe und Schwager Jonah verbringen. Casey, Elaines Teenager-Tochter aus einer früheren Ehe, wollte lieber mit Freunden auf eine Party und ist entsprechend missmutig, dass ihre Mutter sie zum Mitkommen gezwungen hat.

Chloe und Jonah sind Yuppies, die ihr Unternehmen gut verkauft und sich eine Villa auf dem Land gekauft haben, wo sie sich ihren Kindern Nicky und Miranda widmen wollen. Das Haus liegt sehr abgeschieden in einer Waldgegend, und Schneefälle drohen die Zufahrtsstraßen zu blockieren. Paulie, Elaines und Robbies verhaltensgestörter Sohn, ist krank und deshalb besonders schwierig. Der beruflich glücklose Robbie will Jonah für ein obskures Geschäftsprojekt begeistern. Jonah winkt ab und interessiert sich mehr für die zu einer hübschen jungen Frau herangewachsene Nichte Casey. Obwohl Chloe die alte Rivalität zur Schwester aufleben lässt, entgeht ihr dies nicht.

Auf diese Weisen abgelenkt, bleibt den Erwachsenen zunächst verborgen, dass die Kinder sich verändern. Paulie ist nicht erkältet, sondern wurde von einer Krankheit befallen, die stark ansteckend ist und zunächst Husten, dann Übelkeit und schließlich Mordlust hervorruft. Zuerst erleidet die Katze einen grässlichen Tod, dann wird Jonah in einen Hinterhalt gelockt. Casey schöpft Verdacht, doch wie kann sie den Eltern klarmachen, dass ihre Töchter und Söhne sich in heimtückische Bestien verwandelt haben, die zur Jagd auf alle Erwachsenen blasen? Bis dies endlich durchgesickert ist, haben die meisten älteren Familienmitglieder ein schreckliches Ende gefunden …

Das gelungene Spiel mit einem Tabu

Kinder im Horrorfilm: Sie in dieses Genre wirklich einzubinden ist ein problematischer Eiertanz. Auf der einen Seite bieten sie sich im Rahmen des Spannungsaufbaus förmlich an. Die Liebe zum Kind ist mit allen damit einhergehenden Schutz- und Fürsorge-Elementen tief im gesunden menschlichen Wesen verankert. Der Anblick eines Kindes in Not setzt automatisch bestimmte Handlungs- und Gefühlsreaktionen frei. Letzteres machen sich Filme wie „The Children“ zu Nutze: Eine gefährliche Situation wirkt schier unerträglich, wenn wir ein Kind ihr ausgesetzt sehen.

Mit diesem Pfund lässt sich prächtig wuchern, doch ist ein Missbrauch heikel. Übertreibt es der eifrige Horror-Filmer mit der Gefährdung seiner Schützlinge, kann die Stimmung des Publikums abrupt umschlagen. Während erwachsene Figuren auf alle möglichen (und unmöglichen) Weisen unterhaltsam verstümmelt oder zu Tode gebracht werden können, will man Kinder nur bedingt in entsprechenden Situationen oder gar als Tatschuldige sehen. Hier reagiert nicht nur das Gesetz (= Zensur) empfindlich, denn hier  wird an elementaren Empfindungen gerührt: Das Kind ist nicht nur zu beschützen, es gilt außerdem als ‚rein‘. Tom Shankland setzt den daraus erwachsenden Zwiespalt in einer Szene von „The Children“ anschaulich in Szene: Selbst als Elaine weiß, dass Nicky und Miranda sie gleich buchstäblich schlachten werden, ist sie außer Stande, sich zu verteidigen; es sind doch kranke und auch sonst unschuldige Kinder, gegen die sie – außerdem Mutter – sich wenden müsste!

Trotz der erwähnten Schwierigkeiten gibt es zahlreiche und auch gute Horrorfilme mit Kindern in zentralen Rollen. In der Darstellung kommt es auf das richtige Fingerspitzengefühl an, wie Tom Shankland es als Drehbuchautor und Regisseur an den Tag legt. Die Kinder in seinem Film werden zu Monstern, die sich entsprechend verhalten. Sie töten, und sie werden in Notwehr umgebracht. Shanklands Kunst besteht darin, sich um die Darstellung dieser Vorgänge einerseits nicht zu drücken, während er sie andererseits nicht zum vordergründigen Selbstzweck degenerieren lässt.

Der Weg ist das Ziel

Absichtlich bleibt der Drehbuchautor vage, wenn es um eine Begründung für das Verhalten der Kinder geht. Ausgelöst wird es durch eine von Viren oder Bakterien ausgelöste Infektion, die tollwutähnlich das Gehirn befällt. Woher die Krankheit kommt, bleibt ungesagt. Die äußeren Anzeichen beschränken sich auf dunkle Augenringe und einen starren Gesichtsausdruck; dies kommt nicht nur den noch limitierten schauspielerischen Fähigkeiten der jungen Darsteller entgegen, sondern macht auch deutlich, dass Shankland nicht den Schock durch entstellende Wunden oder Wucherungen sucht. Die Kinder bleiben Kinder. Ihr Verhalten birgt den eigentlichen Schrecken.

Dieser liegt auch in der Erkenntnis, dass Kinder ausgezeichnete Mörder abgeben. Sie sind klein aber flink, klug und geschickt mit den Händen. Vor allem verdächtigt sie niemand, mit Vorsatz zu töten. Auf diese Weise können Paulie, Nickie, Miranda und Leah zunächst ungestört metzeln. Nur Casey, die der Kindheit noch nicht gänzlich entwachsen ist, erkennt schon früh die Wahrheit. Allerdings gelingt es ihr fast zu lange nicht, mit dieser Erkenntnis zu den ‚echten‘ Erwachsenen durchzudringen.

„The Children“ bietet eine abgeschlossene Handlung und ist doch nur Ausschnitt aus einem ungleich größeren, angedeuteten Gesamtgeschehen. Die Epidemie hat sich längst dort ausgebreitet, woher Elaine und Robbie sie ahnungslos in Chloes und Jonahs Villa exportieren. Das offene und mit einer gelungenen Überraschung aufwartende Finale macht zudem deutlich, dass das Faktor Inkubationszeit für die Krankheit eine wichtige und bisher unbekannte Rolle spielt, die wenig Gutes verheißt und im Kino der C-Kategorie eine Fortsetzung vorprogrammieren würde.

Schrecklich nette Familien

Eine Geschichte, die auf plakatives Grauen beinahe vollständig verzichtet und stattdessen auf Spannung setzt, steht und fällt mit den Rollen und ihren Darstellern. Auch mit dem Casting hat Shankland vorzügliche Arbeit geleistet. Dass die Kinder so lange unerkannt wüten können, liegt auch an der Gruppendynamik innerhalb der beiden Familien. Immer wieder deutet Shankland – der nie den Zaunpfahl auf des Zuschauers Schädel niedersausen lässt – geschickt an, dass diese scheinbar so herzlich einander zugetanen Menschen alte und nie gelöste Konflikte mit sich herumtragen. Das Treffen lässt sie sofort wieder aufbrechen, und dies sorgt für die nötige Ablenkung, in deren Schatten die Krankheit sich entfalten kann.

Mit Eva Birthistle (Elaine), Stephen Campbell Moore (Jonah), Jeremy Sheffield (Robbie) und Rachel Shelley (Chloe) hat Shankland die perfekten ‚Erwachsenen‘ besetzt. Liebe und Freundschaft, aber auch Neid, Arroganz und Vorurteile bündeln sich in ihrem Verhalten. Insgesamt addiert sich das überzeugend zum Bild einer ganz normalen, leicht dysfunktionalen Familie.

Die Präsentation der Kinder als Bestien gelingt Shankland durch kluge Tricks. Er fordert seinen kleinen Darstellern nicht ab, was sie schauspielerisch und wohl auch psychisch überfordern könnte. Nie sieht man die Kinder wirklich morden, in der Regel zeigt Shankland die Folgen ihrer Taten. Stattdessen sieht man die Kinder ‚zwischen‘ ihren Anfällen und Attacken als stille aber deutliche Bedrohung.

Hannah Tointon (Casey) meistert ihre schwierige Vermittlerrolle ebenfalls großartig. Sie steht zwischen den Lagern, hadert mit den Erwachsenen, schwärmt durchaus nicht gänzlich nichtenhaft für ihren Onkel und steht zunächst allein gegen die Kinder. Durch ihr an sich typisches Teenager-Verhalten manövriert sich Casey in die Lage des Sündenbocks: Weil Kinder nicht böse sein können, ist sie es, die als neurotische, durchgedrehte Mörderin gilt und sich plötzlich auch noch gegen die misstrauischen Erwachsenen wehren muss.

Effekte ohne Hascherei

Echte Schock-Elemente halten sich in Grenzen; sie können logisch nicht vollständig ausgespart bleiben, stellen aber eindeutig nicht die Hauptattraktionen dieses Filmes dar. Wenn Shankland deutlich wird, dann schreckt er allerdings nicht vor solchen Effekten zurück, denen „The Children“ seine FSK-18-Einstufung verdankt, über die sich dennoch streiten lässt, weil nicht Blut und Körperteile, sondern primär Inszenierung und Musik für Entsetzung sorgen.

Generell ist „The Children“ ein (trügerisch) ruhiger Film. Shankland nimmt sich Zeit, uns mit dem Ort des Geschehens und den Protagonisten vertraut zu machen. Dabei streut er bereits Hinweise auf die zukünftigen Schrecken ein. Man kann sie übersehen, ohne dass der Film seine Wirkung verliert, aber sie komplettieren das Bild der Ereignisse. Als die Kamera beispielsweise einen Moment auf der umgekippten Tonfigur einer Katze verharrt, weiß der Zuschauer genau, was mit der Hauskatze geschehen ist, während Robbie erst viel später über deren blutigen Schädel stolpert.

Geschichte, Bild, Schauspiel und Musik bilden eine Einheit. Sie tragen sich gegenseitig und erzeugen einen Bann, der im modernen Horrorfilm gar nicht selbstverständlich ist, wo sich die genannten Elemente entweder gern selbst im Weg stehen oder einander ersetzen müssen. „The Children“ ist nichtsdestotrotz ‚nur‘ ein B-Movie, das ‚nur‘ eine spannende Geschichte erzählt: Dass dies eine Selbstverständlichkeit sein sollte, das (seltene) Gelingen aber so ins Auge sticht, ist den meisten Zuschauern gar nicht bewusst – ein deutliches Indiz für die ‚Qualität‘ der Filme, mit denen wir (übrigens nicht nur im Horror-Genre) abgespeist werden, sowie für die traurige Tatsache, dass wir uns daran gewöhnt haben. Ein Film wie „The Children“ wirkt dann wie eine erfrischende Dusche: Auch in der Unterhaltung sollte uns das Beste gerade gut genug sein!

DVD-Features

Ja, es gibt sie, die Extras zum Hauptfilm – sogar in reichlicher Zahl: Interviews mit Beteiligten vor und hinter der Kamera, ein „Making of“ mit dem hübschen Titel „Killing Kids“, die obligatorischen „deleted scenes“, Featurettes über die Drehorte und die Spezialeffekte (zu denen auch der Schnee gehört, der realiter die Landschaft gar nicht bedeckte), über „Tom Shanklands Höhle“ (keine Ahnung, was damit gemeint ist) und über die anspruchsvolle Arbeit mit den minderjährigen Darstellern.

Leider hatte der Rezensent nur die Single-Edition der DVD-Version von „The Children“ zur Hand und gehört deshalb zu den Pechvögeln, die mit Trailer-Werbung für weitere Spielfilme abgespeist werden. Die genannten Features bleiben jenen vorbehalten, die tiefer in die Geldbörse und entweder zur Doppel-DVD-Edition oder zur Blu-ray greifen. So ist das halt in der freien Marktwirtschaft …

Dafür gibt es eine sehr hübsche Website.

[md]

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