Ein fehlgeschlagenes Experiment reißt die Raumstation „Cloverfield“ in ein Parallel-Universum, das sich mit lebensgefährlichen Folgen gegen die Eindringlinge ‚wehrt‘. Die Crew versucht die Rückkehr zur ‚richtigen‘ Erde, die jedoch inzwischen von gigantischen Ungeheuern terrorisiert wird … – Die zweite ‚Fortsetzung‘ schließt nur bedingt an die Cloverfield-Story an. Zwei Handlungsstränge werden notdürftig miteinander verknüpft, beachtliche Logikbrüche schmälern das Vergnügen an diesem gut besetzten und handwerklich soliden Film der verschenkten Möglichkeiten.

Das geschieht:

Im Jahre 2028 gehen auf der Erde die fossilen Brennstoffe zu Ende, während es mit der alternativen Energiegewinnung nur schleppend vorangeht. Ein Weltkrieg um die Rest-Ressourcen droht, den man mit einem verzweifelten Plan zu verhindern sucht: Auf der internationalen Raumstation „Cloverfield“ versucht ein siebenköpfiges Team im Erdorbit mit dem vom deutschen Physiker Schmidt entwickelten Shepard-Teilchenbeschleuniger Energie aus einer fremden Dimension abzuzapfen.

Als dies nach vielen Fehlschlägen endlich zu gelingen scheint, wird die „Cloverfield“ nicht nur durch den Raum, sondern auch in ein paralleles Universum geschleudert. Dort kollidiert sie mit einer ‚anderen‘ „Cloverfield“, die dadurch zerstört wird; eine Überlebende, die Ingenieurin Mina Jensen, wird später zum Teil mit verschiedenen Bordinstrumenten ‚verschmolzen‘, gefunden und gerettet.

Ein Rückkehr ins ‚richtige‘ Universum ist ratsam, denn die Parallelwelt ‚wehrt‘ sich gegen die Fremdlinge; seltsame Anomalien fordern erste Opfer. Hilfe von der ‚anderen‘ Erde ist nicht zu erwarten, denn dort ist der Krieg längst ausgebrochen. Schmidt und Ingenieurin Tam kommen jedoch zu dem Schluss, dass eine neuerliche Aktivierung des Shepard-Beschleunigers die Heimkehr ermöglichen könnte. Die Vorbereitungen sind schwierig und gefährlich, zumal sich ein Saboteur an Bord zu befinden scheint.

Auf der ‚richtigen‘ Erde hat man eigene Probleme. Der Shepard hat nicht nur die „Cloverfield“ versetzt, sondern einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum verursacht, durch den gigantische Monster geschlüpft sind. Sie toben über die Kontinente und sind praktisch unverwundbar. Die „Cloverfield“-Besatzung wird bei ihrer Rückkehr in ein globales Chaos geraten, was sie allerdings nicht weiß weshalb sie ahnungslos alle Hebel in Bewegung setzt, um endlich heim- und dort in eine Hölle zu kommen …

Paradox, aber überhaupt nicht innovativ

Man muss es zumindest anerkennen: Für ein modernes Film-Franchise schlägt die „Cloverfield“-Saga einen ungewöhnlichen Weg ein. Statt das Finale von Teil X mit dem Prolog von Teil Y zu verknüpfen, setzt sich jede „Cloverfield“-Story an neuen, unerwarteten Orten und Zeitpunkten fort. Hinzu kommt eine ungewöhnliche Durchmischung von Genres: „10 Cloverfield Lane“ brachte 2016 keineswegs die Aufklärung der monströsen Invasion, die Thema des ersten „Cloverfield“-Films (2008) war, sondern begann als Überlebenskampf einer Frau, die einem Serienkiller ins Netz gegangen war und in einem unterirdischen Bunker festgehalten wurde. Erst nach dem Sieg über ihren Peiniger musste sie feststellen, dass auf der Erdoberfläche inzwischen Monster und außerirdische Raumschiffe aufgetaucht waren.

„The Cloverfield Paradox“ ist schon deshalb schwer in die Cloverfield-Arcline – die Franchise-Schöpfer J. J. Abrams angeblich im Kopf hat – einzuordnen. Man könnte zu dem Schluss kommen, dass hier einerseits die in „Cloverfield“ eingetretene Katastrophe ausgelöst wird, d. h. die Ereignisse zeitlich vor und während der Invasion von 2008 stattfinden. Andererseits ist die Raumstation „Cloverfield“ ein wenig zu fortschrittlich für unsere Gegenwart; in der Tat spielt „The Cloverfield Paradox“ im Jahre 2028. Das steigert die Verwirrung, denn die irdische Alltagswelt, die uns gezeigt wird, wirkt weder (latent) zukünftig, noch wird sie durch die angeblich alltägliche Energieknappheit plausibel beeinträchtigt.

Wiederholt sich die Monster-Invasion aus „Cloverfield“ in „The Cloverfield Paradox“? Angesprochen wird es nie, was sich entweder zu den vielen Logiklöchern addiert, unter denen dieser Film leidet, oder auf ein multidimensionales Hintergrundgeschehen hinweist, das nur Abrams bekannt ist und in weiteren Filmen aufgelöst wird. Das weckt die Furcht vor der „Lost“-Mysterium-Munkelei: Rätsel wird spannungsförderlich auf Rätsel getürmt, ohne dass jemals eine echte und zufriedenstellende Erklärung folgt – ein Manko, unter dem viele moderne TV-Serien leiden.

Wirre Entwicklung einer entsprechenden Story

Dass „The Cloverfield Paradox“ trotz bestimmter Pluspunkt – dazu weiter unten mehr – nicht zufriedenstellen kann, liegt definitiv an einer Story, die gar nichts mit dem Cloverfield-Multiversum zu tun hatte. Ursprünglich sollte dieser Film die Geschichte einer Raumfahrer-Crew erzählen, die im Rahmen technischer Experimente einem „Gottes-Teilchen“ auf die Schliche kommt, das den Kosmos zusammenhält. Der Sprung in ein alternatives Universum und die daraus resultierenden Probleme waren Teil dieses Drehbuchs, das Regie-Neuling Julius Onah für eine möglichst geringe siebenstellige Summe inszenieren sollte.

Erst später kam den Produzenten der Gedanke, vor diesem Hintergrund die Cloverfield-Saga fortzusetzen. Das war keine gute Idee, denn entstanden ist ein Film, der in zwei Handlungsebenen zerfällt, zwischen denen eine Verbindung behauptet wird, ohne faktisch zu bestehen. Die Erlebnisse von Michael, dem auf der Erde zurückgebliebenen Gatten der „Cloverfield“-Astronautin Ava Hamilton, wurden dem Skript nachträglich eingeflickt. So wirken sie auch jederzeit, selbst ohne die Tatsache, dass sich Ava und Michael nur in einer Szene persönlich begegnen und ansonsten nur per Skype in Kontakt stehen. Es gibt keinen echten Bezug zwischen dem Desaster im All und der Katastrophe auf Erden. Wenn die Handlung deshalb von der „Cloverfield“ zur Erde und wieder zurück springt, will sich das Verständnis eines letztlich doch gemeinschaftlichen Ereignisses nicht einstellen.

Dies liegt auch an ausgelaugten SF-Klischees, die in ihrer Reihung keine Spannung erzeugen. Hüllenbruch, durchgehender Energie-Generator, heimlicher Saboteur an Bord: Solche und andere ‚Einfälle‘ kennen wir aus viel zu vielen „Star-Trek“-Episoden. Onah weiß ihnen kein neues oder gar originelles Leben einzuhauchen. Ihm sei es verziehen; ohnehin muss man ihn dafür bedauern, dass er das ursprüngliche Skript nachträglich mit der Cloverfield-Story verschmelzen musste.

Hirn aus, Unterhaltung ein: So klappt‘s!

Verabschiedet man sich von dem Gedanken, dass hier ein elementarer Stein für das Franchise gesetzt wird, kann „The Cloverfield Paradox“ dennoch Unterhaltung bieten. Sobald die Story für das Cloverfield-Multiversum umgeschrieben wurde, stieg das Budget. Je nach Quelle kostete der Film zwischen 25 und 50 Mio. Dollar. Das ist heutzutage keine außerordentliche Summe, reicht aber für gelungene Tricktechnik aus.

„The Cloverfield Paradox“ bietet deshalb dem Auge reichlich Schauwerte. Die Raumstation ist zwar eine Kombination aus „Alien“ und „Event Horizon“, bleibt aber nicht nur Kulisse. Der Weltraum ist präsent, und auch diverse Scheußlichkeiten, die das alternative Universum für unsere Pechvögel bereithält, sind sauber bzw. blutig in Szene gesetzt.

Die Darstellerriege scheint zwar primär unter Multi-Kulti-Aspekten zusammengestellt zu sein was im Rahmen der Story aber Sinn ergibt. (Da Asien als Filmmarkt immer bedeutender wird, hat man die dort sehr populäre Zhang Ziyi dazu gemischt; sie spricht kein Englisch und äußert sich deshalb ausschließlich in Mandarin, das die übrigen Besatzungsmitglieder – Russe, Deutscher, Franzose, US-Amerikaner etc. – freundlicherweise erlernt haben.) Die Schauspieler erleiden nicht einmal an den Dumm-Klippen eines Drehbuchs Schiffbruch, das ihnen die üblichen ‚tragischen‘ Privat-Schicksale aufbürdet, die natürlich (und zum Schaden der eigentlichen Handlung) umständlich aufgedröselt werden.

Auch realiter auf dem Irrweg

„The Cloverfield Paradox“ scheitert an Ansprüchen, die aufgrund der absolut nicht harmonisierenden Quellen der Drehbuchvorlage nie zufriedenstellend umgesetzt werden konnten. Für das Kino bot dieser Film zu wenig, für den Video-Markt war er zu schade. In gewisser Weise hatte das produzierende Studio Paramount Glück, denn der Privatsender Netflix war daran interessiert, „The Cloverfield Paradox“ zu erwerben. Dafür wurde nicht nur die Verkaufssumme für den Film, sondern auch eine beträchtliche Summe für die „Cloverfield“-Lizenz fällig – für Paramount ein gutes Geschäft.

Netflix betrieb nunmehr eine schwer nachvollziehbare Veröffentlichungspraxis, die sich offenbar an jenem viralen, auf rätselhafte Andeutungen setzenden Marketing orientierte, das 2008 „Cloverfield“ bekanntgemacht hatte, und hoffte auf ein Publikum, das sofort in Aufregung geriet, sobald das Stichwort „Cloverfield“ irgendwo im Internet erschien. Am 4. Februar 2018 wurden während des Football-Großereignisses „Super Bowl LII“ Ankündigungen geschaltet, dass „The Cloverfield Paradox“ ab sofort bei Netflix herunterzuladen war.

Ob und in welchem Maße diese Strategie aufgegangen ist, bleibt ein Netflix-Geheimnis. Die Zuschauer waren jedenfalls nur bedingt erfreut, denn sie erkannten sehr wohl die unausgegorene Story. Abrams beeilte sich zu versichern, dass ein vierter Teil wieder enger an den roten Faden anschließen bzw. den ersten Teil tatsächlich fortsetzen soll. Bis es soweit ist, bleibt „The Cloverfield Paradox“ ein Film, der zwischen den Dimensionen steckenbleibt, d. h. weder der Cloverfield-Saga nützt noch als isoliertes SF-Drama zu überzeugen weiß.

Copyright © 2018 by Michael Drewniok, all rights reserved

The Cloverfield-Paradox
Originaltitel: The Cloverfield Paradox (USA 2018)
Regie: Julius Onah
Drehbuch: Oren Uziel (nach einer Story von Oren Uziel u. Doug Jung)
Kamera: Dan Mindel
Schnitt: Alan Baumgarten, Matt Evans u. Rebecca Valente
Musik: Bear McCreary
Darsteller: Gugu Mbatha-Raw (Ava Hamilton), David Oyelowo (Kiel), Daniel Brühl (Ernst Schmidt), John Ortiz (Monk Acosta), Chris O’Dowd (Mundy), Aksel Hennie (Volkov), Zhang Ziyi (Tam), Elizabeth Debicki (Mina Jensen), Roger Davies (Michael Hamilton), Clover Nee (Molly) u. a.
Label/Vertrieb: Netflix
Erscheinungsdatum: 04.02.2018
Bildformat: 16 : 9 (2,39 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital Plus 5.1, Dolby Digital 5.1, Dolby Digital 2.0 Stereo (jeweils (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Türkisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Niederländisch, Türkisch
Länge: 102 min.
FSK: 16

Titel bei Netflix

Cloverfield

10 Cloverfield Lane

Spectral

Under the Skin – Tödliche Verführung