The Cold Hour

Originaltitel: La hora fría (Spanien 2006)
Regie u. Drehbuch: Elio Quiroga
Kamera: Ángel Luis Fernández
Schnitt: Luis Sánchez-Gijón
Musik: Alfons Conde
Darsteller: Silke [Silke Hornillos Klein] (María), Omar Muñoz (Jesús), Pepo Oliva (Judas), Carola Manzanares (Magda), Jorge Casalduero (Pedro), Julio Perillán (Pablo), Sergio Villanueva (Mateo), Pablo Scola (Lucas), Nadia de Santiago (Ana), Marco González (Saulo)
Label: Splendid Entertainment
Vertrieb: WVG Medien
Erscheinungsdatum: 30.11.2007 (Kauf-DVD)
EAN: 4013549872522 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 92 min.
FSK: 16

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Das geschieht:

Knapp zehn Jahre ist seit dem Ende des III. Weltkriegs vergangen. Mit erbitterter Wut wurde er atomar, biologisch und chemisch geführt, bis die Oberfläche eine verwüstet und verseucht war. Infizierte Mutanten suchen zombiegleich nach Überlebenden, um sie mit einem Virus anzustecken, der sie bei lebendigem Leib langsam verbluten lässt.

Im Keller einer Bibliothek haben sich neun Männer, Frauen und Kinder verbarrikadiert. Die Gruppe versucht, den Anschein eines geregelten Lebens zu wahren. Doch die Nerven liegen blank. Interne Streitigkeiten und Eifersüchteleien schwächen den Zusammenhalt; der ehemalige Soldat Pedro zeigt Anzeichen einer Paranoia. María, die Anführerin, steht unter ständigem Stress. Lebensmittel, Wasser und Medikamente gehen zur Neige. Die Mutanten drängen in das Gebäude. Für Schrecken sorgt schließlich die „kalte Stunde“: Nachts dringen seltsame Energiewesen in den Keller ein. Sie lassen sich nicht bekämpfen, man kann sich nur vor ihnen verstecken.

Als der Mangel akut wird, ordnet María die Expedition in ein oberirdisch gelegenes Warenhaus an. Pablo, ihr Lebensgefährte, Pedro und Lucas machen sich auf den gefährlichen Weg. Pedro nutzt die Gelegenheit, seinen Nebenbuhler Pablo in eine tödliche Falle zu locken.

Die Krise spitzt sich zu, denn die Attacken der Mutanten werden immer heftiger, und auch die „kalte Stunde“ nimmt an bedrohlicher Intensität zu. Der Gruppe bleibt nur die Flucht nach vorn, doch nicht nur María weiß, dass dies keine echte Alternative ist …

Überleben ist eben doch nicht alles

„Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen“, soll Martin Luther – immer für einen markigen Spruch gut – einst gesagt haben. Dass diese oft und gern zitierten Worte erst Jahrhunderte nach Luthers Tod entstanden sind, sagt möglicherweise viel (Gutes) über den gar nicht weltfremden Reformator aus; zumindest kommt demjenigen dieser Gedanke, der Elio Quirogas Film „The Cold Hour“ gesehen hat. (Dem folgt sogleich die Frage, wieso zum Teufel – wieder Luther – der Titel nicht eingedeutscht werden konnte: Klingt „The Cold Hour“ irgendwie verlockender für aus Marketingsicht längst vollständig amerikanisierte Zuschauer?)

Der Mensch ist ein Überlebenskünstler. Wenn es sein muss, gedeiht er unter widrigsten Umständen. Wächst sich die Krise zum Dauerzustand aus, führt die Gewöhnung zu einem neuen Alltag, der vielleicht unsicher ist, aber die Gemeinschaft im Gleichgewicht hält. Quiroga verdeutlicht dies geschickt mit einem alten aber wirksamen Trick: Er präsentiert uns das Geschehen, wie es durch Kinderaugen gesehen und interpretiert, aber dabei nicht immer korrekt verstanden wird. Der zehnjährige Jesús läuft durch das unterirdische Refugium, in dem die wenigen Überlebenden sich scheinbar heimisch eingerichtet haben.

Schon dabei wird deutlich, dass sich die Gruppe im ständigen Belagerungszustand befindet. Früh macht Quiroga deutlich, dass es Sicherheit für sie nicht gibt: Während sich die Mutanten notfalls mit Waffengewalt in Schach halten lassen, sind die Barrikaden für die Energiewesen durchlässig. (Wobei folgende Frage bleibt: Wenn sie sich nicht aussperren lassen, wieso gelingt es ihnen nicht, durch die Schlafzimmertüren zu kommen, hinter denen ihre potenziellen Opfer bibbern?)

Die große Illusion

Wie verzweifelt die Lage wirklich ist, erfahren wir erst nur ansatzweise. Die Erwachsenen sind sorgfältig bemüht, Jesús und Ana die reale Situation vorzuenthalten. Sie sollen wenigstens in der Illusion einer Zukunft aufwachsen. In diesem Punkt weist das Drehbuch jedoch eine Schwäche auf: Scheinbar wissen die Erwachsenen nicht, wohin es sie wirklich verschlagen hat. Oder können sie sich so gut verstellen, dass sie wirklich erst in den Finalminuten die Deckung fallen lassen und uns zusammen mit den Kindern informieren?

Längst nicht jede Frage wird geklärt, was hier den Zuschauer nicht stört, weil Quiroga die Unwissenheit zu begründen weiß. Falls die Erwachsenen mehr wissen, als sie kundtun, haben sie nach zehn Jahren auf der Flucht keine Ahnung, was sich in der Außenwelt getan hat. Sämtliche Verbindungen sind abgebrochen. Hinweise auf die gegenwärtige Lage fließen in die Handlung ein. Sie zu erkennen und vor allem zu dechiffrieren ist schwierig.

Quiroga riskiert viel, indem er seine Geschichte auf ein klar definiertes Ende zusteuert. Dies zwingt ihn zu einigen Zugeständnissen. So muss er ein elementares physikalisches Gesetz ignorieren, um den finalen Twist mit seiner Schockwirkung zu erhalten. Was gemeint ist, soll hier unerwähnt bleiben, um diesen wahrlich großen Augenblick der Erkenntnis – keine Ironie! – nicht zu verraten. Quiroga gelingt, was M. Night Shyamalan seit „The Sixth Senth“ ebenso verbissen wie erfolglos versucht. Gleichzeitig demonstriert er, wie das absolute Gegenteil eines Happy-Ends aussehen kann.

Budget-Zwerg mit Blockbuster-Format

Nur 2,5 Mio. Dollar standen dem Regisseur zur Verfügung. Optisch wie akustisch präsentiert sich „The Cold Hour“ ungeachtet dessen auf hohem Niveau, was sich in der DVD-Fassung erfreulich widerspiegelt: Wenn in der „kalten Stunde“ die Energie-Kreaturen an den Türen rütteln, geht dem Zuschauer dies genauso wie den Figuren durch Mark und Bein.

„The Cold Hour“ beinhaltet einige aufwendigen Spezialeffekte, die ohne Abstriche an die Qualität verwirklicht werden konnten. Niemals stören sie die Handlung, die Quiroga so sorgfältig zu inszenieren weiß, durch unzureichende oder – auch dies ist möglich – übertriebene (CGI-) Effekte, sondern sie unterstützen diese nachdrücklich. Lieber investiert Quiroga in eindrucksvolle Licht- und Schatteneffekte, unter denen das giftig grüne, radioaktiv schillernde Leuchten, das den Energiewesen vorausgeht, besonders heraussticht.

Die typische „Post-Doomsday“-Kulisse des Billig-SF-Movies beschränkt sich auf unterirdische Keller und Kavernen, die mit Schutt und Sperrmüll zugerümpelt werden. Quiroga hat sich auch hier Gedanken gemacht. Was wir sehen, soll nicht einfach das Bild füllen, sondern trägt ebenfalls eindringlich zum beklemmenden Geschehen bei. Die Überlebenden haben den Schutt einer untergegangenen Zivilisation zusammengetragen, um sich auf diese Weise ein (klaustrophobisch enges) Heim zu schaffen.

Ebenfalls gern genutzte B-Movie-Sparmethode ist der Schwenk von trickstarken aber kostspieligen Aufnahmen und Actionszenen auf gruppendynamische Prozesse, was als vornehme Umschreibung für Zank, Intrigen und Eifersüchteleien gelten kann. Quiroga greift dies zwar auf, missbraucht es aber nicht, um seine Filmkasse zu schonen, sondern setzt die zwischenmenschliche Interaktion ein, um intensive Spannungsmomente zu schaffen. Darüber hinaus nutzt er Ausschnitte aus Wochenschauen, die er neu montiert und sie dabei verfremdet, um ihnen einen neuen, suggestiven Sinn zu verleihen – ein Stilmittel, das er in seinem nächsten Spielfilm „No-Do“ (2009, dt. „Delictum – Im Namen des Herrn“) erneut aufgriff.

Das Neue Testament – nach Quiroga

Wie geht der Mensch mit Stress um? Quiroga spielt es durch, ohne es wie eine Pflichtübung wirken zu lassen. Nicht einmal Pedro, der einer Klischee-Figur am nächsten kommt, wirkt überzogen. Wahnsinn ist eine Option. Resignation, Verdrängung und Überspielung sind andere.

Erfreulicherweise nie plakativ lädt Quiroga die Handlung mit einem Kontext auf, den man nicht begreifen muss, um „The Cold Hour“ gebannt zu verfolgen. So tragen sämtliche Figuren Namen, die dem Neuen Testament entnommen sind. Das wird sicherlich etwas zu bedeuten haben und liefert zumindest dem geisteswissenschaftlich vor- oder eingebildeten Filmkritiker Stoff zum Nachdenken.

(Absichtlich?) rätselhaft bleibt auch die chronologische Einordnung der Geschichte. Judas zeigt eine Nummer, die ihm als Kind in einem Konzentrationslager (der Nazis?) eintätowiert wurde. Ein automatisch ausstrahlender Sender zeigt Propagandafilme der 1950er und frühen 1960er Jahre. Das Filmende offenbart dagegen einen technologischen Status, der eher in die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts verweist.

Die letzten 10

Das Schicksal der insgesamt zehn Figuren lässt auch den hartgesottenen Vielseher nicht kalt. Quiroga hat ihnen Konturen und Persönlichkeiten auf die Leiber geschrieben und Schauspieler gefunden, die sie zum Leben erwecken konnten. Allen voran verdient Omar Muñoz eine besondere Erwähnung. Viel zu oft ‚spielen‘ Kinder nur Kinderrollen. Der Unterschied wird augenfällig, wenn ihnen das Drehbuch gestattet, Kinder zu bleiben. Jesús ist weder disneyoides Brechmittel noch altkluge Nervensäge.

Der Gruppe steht genreuntypisch eine Frau vor. Marías Führungsrolle wird nie in Frage gestellt, was das angenehme Fehlen von Szenen bedingt, die klischeereiche Machtkämpfe zum Inhalt haben. Die Leitung der Gruppe ist eine harte, kräftezehrende Aufgabe, und sowohl María als auch Silke Hornillos Klein machen ihre Sache gut. Wieso sollte sich also jemand zum Usurpator aufschwingen?

Noch bevor die feindselige Außenwelt die Gruppe bedrängt, geht sie schon an ihrer Isolation zugrunde. Gewisse Konflikte lassen sich nicht lösen. Sie bleiben präsent, gären und schwelen, bis sie irgendwann mit zerstörerischer Kraft aufflammen. Nadia de Santiago als pubertierende Ana und Jorge Casalduero als Pedro lassen spüren, dass es nicht ihre Schuld ist, wenn sie zu Katalysatoren des Gruppenzerfalls werden.

Inneres Zerbrechen und äußerer Untergang: Elio Quiroga inszeniert eine in der Tat bitterkalte Stunde. Sein Film ist ungewöhnlich, spannend, voller Überraschungen. Ihm gelingt es, Anspruch und Unterhaltung in Einklang zu bringen. Die Freunde des actionbetonten Häcksel-Horrors mögen murren, doch wer sich nicht vor ein wenig Tiefsinn fürchtet, wird „The Cold Hour“ in angenehmer Erinnerung behalten.

DVD-Features

Der erfreuliche Eindruck, den der Hauptfilm hinterlässt, wird durch gut ausgewählte, leider nur kurze Features unterstrichen. Zum „Making of“ gesellt sich ein Blick „Behind the Scenes“. Gleich zwei Beiträge („Making of Special Effects“, „The Zombies“) beschäftigen sich mit den Filmtricks; die Beteiligten äußern sich mit berechtigtem Stolz über ihre Arbeit, die sie mit einem Bruchteil des Budgets realisieren mussten und konnten, das in Hollywood zum Einsatz kommt.

[md]

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