The Day – Fight or Die

Originaltitel: The Day (Kanada 2011)
Regie: Douglas Aarniokoski
Drehbuch: Luke Passmore
Kamera: Boris Mojsovski
Schnitt: Andrew Coutts
Musik: Rock Mafia
Darsteller: Ashley Bell (Mary), Shannyn Sossamon (Shannon), Dominic Monaghan (Rick), Shawn Ashmore (Adam), Cory Hardrict (Henson), Michael Eklund (Clanführer), Brayden Edwards (Timmy), Kassidy Verreault (Ava) u. a.
Label: Splendid Entertainment
Erscheinungsdatum: 30.11.2012
EAN: 4013549040761 (DVD)/4013549040785 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min. (Blu-ray: 91 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Die große Katastrophe liegt zehn Jahre zurück. Nicht nur die meisten Menschen, sondern auch die Tiere sind gestorben. Die Überlebenden fristen ein zivilisationsloses, karges und gefährliches Dasein. Wie in der Urzeit ist die Gesellschaft in Clans zerfallen, die eifersüchtig und notfalls gewalttätig die wenigen Ressourcen für den Eigenbedarf horten. Nahrung ist so knapp geworden, dass einige dieser Gruppen zu Kannibalen geworden sind, die gezielt Jagd auf ihre Zeitgenossen machen.

Rick und seine Gefährten Adam, Henson und Shannon sind auf der Suche nach einer abgelegenen Gegend, in der sie sich als Farmer niederlassen und den Neuanfang versuchen können. Ihnen angeschlossen hat sich die wortkarge aber kampfstarke Mary, die Ricks Traum von einer besseren Zukunft ebenso skeptisch beurteilt wie Adam. Trotzdem folgen sie Rick, der irgendwo an der ehemaligen US-Grenze zu Kanada ein entsprechendes Refugium zu kennen glaubt.

Weil Henson an einer Lungenentzündung erkrankt, muss das Quintett eine Marschpause einlegen. Man quartiert sich in ein altes, leer stehendes Haus ein. Als Adam und Rick im Keller auf ein Lager mit Konserven stoßen, ist der Jubel groß. Doch sie sind in eine Falle getappt. Eine Alarmanlage schlägt an und informiert die in der Nähe lauernden Jäger, wo frisches Menschenfleisch auf sie wartet!

Allerdings haben die Kannibalen diese Rechnung ohne Mary gemacht. Sie weiß, was ihre kleine Gruppe erwartet. Flucht ist sinnlos, denn die Jäger haben das Haus bald umzingelt. Also verbarrikadiert man sich im Inneren, so gut es geht, und bereitet sich auf den Angriff des Gegners vor. Er wird in der Nacht erfolgen, Pardon nicht gegeben – auf beiden Seiten nicht. Schnell ist die Maschinerie der Gewalt in Gang gekommen und beginnt die Kämpfer beider Parteien zu zermalmen …

Die Zivilisation ist nicht krisenfest

Wenn heute filmisch oder literarisch die Welt untergeht, geschieht dies anders wie vor zwei oder drei Jahrzehnten nicht mehr durch einen Atomkrieg. In der Regel sorgt nun ein ominöser Virus dafür, dass sich der Großteil der Menschheit in Zombies verwandelt, die darauf brennen, der noch lebendigen Restbevölkerung das Lebenslicht auszublasen.

Auch die Anti-Helden von „The Day“ sollten ursprünglich unter die Untoten fallen. Irgendwann dämmerte sowohl dem Regisseur-Debütanten als auch dem Drehbuchautor, dass diese Heimsuchung inzwischen ein wenig überstrapaziert ist. Bei näherer Betrachtung war es zudem gar nicht nötig, Zombies dort auftreten zu lassen, wo der lebendige Mensch sie problemlos ersetzen konnte.

In der Tat war die Menschheit noch niemals auf Untote, Außerirdische, Ungeheuer oder Gespenster angewiesen, wenn es um Mord & Totschlag ging. Also wurden die Zombies gestrichen bzw. durch Kannibalen ersetzt. Siehe da: Gewalt- und Gruselfaktor leiden überhaupt nicht unter dem Tausch. Stattdessen bietet sich die Möglichkeit, die Grenzlinie zwischen Jäger und Gejagten dramatisch zu verwischen. Ein simpler Überlebenskampf wird zum moralischen Dilemma: Was bedeutet Menschlichkeit in einer Welt, in der es womöglich keine Alternative zum Kannibalismus mehr gibt, wenn man überleben will?

Eine Medaille mit zwei Rückseiten

Douglas Aarniokoski vermeidet inhaltlich konsequent eine schwarzweiße Weltsicht. Formal entzog er seinem Mikrokosmos dagegen jede Farbe. „The Day“ wurde mit der „Red Digital Camera“ gefilmt, was es ermöglichte, das Filmmaterial auf jede gewünschte Weise nachträglich zu bearbeiten. Aarniokoski ließ „The Day“ praktisch zum Schwarzweiß-Film manipulieren. Nur zwei Rückblenden sind farbig.

Der Schauplatz der Geschichte wird auf diese Weise zum Sinnbild einer Apokalypse, die nicht alle Menschen umbringen konnte, sondern den Rest zu einem langsamen, qualvollen Sterben verurteilte. Die reale Landschaft mag als Drehort zwar feucht und kalt aber grün gewesen sein. Für „The  Day“ wurde sie in eine beklemmende, hoffnungsleere und lebensfeindliche Wildnis verwandelt. Das Licht ist grell und kalt, die Schatten sind schwarz und tief; sie können jederzeit unerfreuliche Überraschungen ausspucken.

„Das Haus“ sollte dieser Film ursprünglich heißen. Dieser Titel hätte den Symbolcharakter unterstrichen, den Aarniokoski und Passmore lieben. Üblicherweise ist das Haus auch Heim und damit Zufluchtsstätte für seine Bewohner. Hier ist das es nicht nur zerfallen, modrig und schmutzig, sondern auch eine Falle, die seine Bestimmung endgültig ins Gegenteil verkehrt. Aus dem Haus wird ein schließlich ein Friedhof. Die fünf Wanderer suchen nur ungern diesen zweifelhaften Schutz. Nicht einmal die Kannibalen hausen in dem Haus. Sie verbergen sich lieber im Wald.

Tun, was getan werden muss

Auf der einen Seite sind da fünf verlorene Wanderer, geführt vom demokratisch ernannten Anführer Rick, der in seinem Rucksack zwei Gläser mit Samen hütet, die er dort aussäen will, wo sich die Gefährten einst niederlassen werden. Ihnen gegenüber stehen die Kannibalen, die nie einen Hehl daraus machen, dass dieser Kampf nur enden wird, wenn entweder die Jäger tot auf dem Schlachtfeld zurückbleiben oder die Gejagten in ihren Kochtöpfen gelandet sind.

Der typische Endzeit-Gruselthriller hätte die einen als Helden und die anderen als Monster gezeichnet. So einfach macht es Aarniokoski weder sich noch seinem Publikum. Der Anführer der Kannibalen ist auch ein liebevoller Vater, der sein barbarisches Tun damit begründen kann, auch der nächsten Generation ein Weiterleben zu ermöglichen.

Die Gruppe um Rick ist dagegen alles anderes als eine echte Einheit. Obwohl die drei Männer seit ihrer Jugend miteinander bekannt und befreundet sind, hält Adam Rick für einen Träumer und liegt vermutlich richtig damit. Shannon, die sich ihnen angeschlossen hat, bezeichnet sie als „ihre Familie“, die sie eifersüchtig für sich beansprucht. Mary hütet ein düsteres Geheimnis, denn sie hat um des Überlebens willen große Schuld auf sich geladen. So entsteht eine ‚Gemeinschaft‘, die einander misstraut und sich auch ohne Attacken durch die Kannibalen selbst zu zerstören droht.

Gewalt als Lösung (?)

Für eine Produktion unter Budgetdruck ist „The Day“ erstaunlich gut besetzt. Dominic Monaghan ist (oder war) sogar ein Star; er war Meriadoc Brandybock in „Der Herr der Ringe“ und spielte im TV-Erfolg „Lost“ eine der Hauptrollen. Die anderen Figuren werden von erfahrenen Kämpen des Independent-Films und des Fernsehens übernommen. Sie können nichts für die zum Teil abgedroschenen Phrasen, zu denen sie das Drehbuch zwingt, sondern demonstrieren echte schauspielerische Fähigkeiten. (Hinzu kam eine erhebliche Leidensfähigkeit: Um rollengerecht halb verhungert auszusehen, hielten die Darsteller eine strenge Diät ein.) Hilfreich war dabei der Entschluss des Regisseurs, die Handlung in chronologischer Reihenfolge zu drehen.

Möchte man freundlich urteilen, kommt man zu dem Schluss, dass Passmore und Aarniokoski Pessimisten sind. Beide vorgestellte Überlebenskonzepte scheitern; sie enden in einem Gewaltakt, der komplettiert, was der – nie näher erläuterten – Apokalypse vor zehn Jahren nicht gelang. Ist man skeptisch eingestellt, könnte man dem genannten Duo unterstellen, keine andere Idee für das Finale gehabt zu haben als den üblichen Klischee-Kampf bis aufs Messer. Der fällt immerhin so rüde aus, dass „The Day“ hierzulande erst ab 18 Jahren freigegeben wurde. Schädel bersten in Großaufnahme, CGI-Blut spritzt in gewaltigen Fontänen, eine Kehle wird genüsslich durchgeschnitten: Wer entsprechende ‚Action‘ bisher vermisste, wird in den letzten Minuten reichlich bedient.

Aarniokoski gelingt sogar, was in der Regel selbst Großproduktionen nicht schaffen: eine echte Überraschung in letzter Filmsekunde, die vor allem jene zur Kenntnis nehmen werden, die bereits ein Happy-End fürchteten. Dieses starke Ende versöhnt mit einem Film, der eher formal als inhaltlich überzeugt aber dennoch ein gutes Stück über dem üblichen „Post-Doomsday“-Trash steht, den meist nicht nur finanzschwache, sondern auch talentlose ‚Filmemacher‘ über ihr unglückliches Publikum bringen.

DVD-Features

Da wohl nicht einmal das Label dem eigenen Werbegetöse („Einer der besten Actionfilme des Jahres“) Glauben schenken mochte, sparte man sich das Aufspielen möglicher Extras und beschränkte sich auf den Trailer.

Kurzinfo für Ungeduldige: Nach dem Untergang der Zivilisation ist die US-Gesellschaft in Clans zerfallen. Eine Gruppe wurzelloser Wanderer gerät unter Kannibalen und verschanzt sich in einem alten Haus … – Die Geschichte eines sinnlos anmutenden Überlebenskampfes thematisiert auch die Frage, was in einer existenziellen Krise von der Menschlichkeit bleibt; dieser Aspekt fließt erstaunlich unaufdringlich in die düstere Handlung ein: inhaltlich simples aber gut besetztes, kompromisslos in Szene gesetztes & insgesamt besseres Weltuntergangsdrama.

[md]

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