Die Welt wird wieder einmal von Zombies überrannt. Im afrikanischen Ghana kämpfen ein US-Ingenieur und ein einheimischer Milizionär gegen die lebenden Toten sowie gegen Durst und Hitze, während der eine nach einer Möglichkeit zur Flucht und der andere seinen Sohn sucht … – „The Dead“ wirkt primär durch die Exotik seiner Bilder, durch gute Darsteller und gelungene Effekte, während sich die Geschichte auf eine immer wieder durch Zombie-Attacken unterbrochene Irrfahrt und diverse Klischees beschränkt: leidlich spannend aber nicht annähernd so tiefgründig wie geplant.

Das geschieht:

Im vom Bürgerkrieg zerrissenen Ghana hilft das US-Militär bei der Wiederherstellung der Infrastruktur, als plötzlich die Toten wieder aufstehen, die Lebenden angreifen, fressen und dadurch neue Zombies in die Welt setzen. Verzweifelt versuchen die Amerikaner Soldaten und Zivilisten zu evakuieren. In einem der letzten Flugzeuge sitzt Lieutenant Brian Murphy, ein Ingenieur, doch statt ihre Insassen in Sicherheit zu bringen, stürzt die Maschine ab. Als einziger Überlebender findet sich Murphy gestrandet im Nirgendwo zwischen unzähligen Zombies, die jedem Geräusch auf der Suche nach Menschenfleisch folgen.

Dabei werden die wandelnden Leichen niemals müde und lassen sich nicht beirren. Als Murphy in einem kleinen Dorf einen Wagen findet und versucht, ihn in Gang zu bringen, bekommen die Zombies ihn zu fassen. Gerettet wird er von Sergeant Daniel Dembele, der sich von seiner Truppe entfernt hat, um nach seiner Familie zu suchen. Er fand sein Dorf von den Zombies überrannt und seine Frau tot, aber Sohn James konnte gerettet und in einer 200 Meilen nördlich gelegenen Militärbasis hoffentlich in Sicherheit gebracht werden.

Murphy hofft, in diesem Stützpunkt seine Einheit anfunken zu können. Er tut sich mit Dembele zusammen, denn allein würde keiner der Männer die Fahrt schaffen: Nur tagsüber kann man die Zombies sehen und ausschalten, doch in der Nacht werden sie zur allgegenwärtigen Todesgefahr.

Weitere feindliche Faktoren sind Hitze und Wassermangel, die schlechten Straßen und nervöse Milizionäre, die lieber schießen als zwischen Zombies und Mitbürgern zu differenzieren. Murphy und Dembele kämpfen sich voran, ohne zu wissen, was sie an ihrem Ziel erwartet – oder ob sich die Zombie-Epidemie auf Westafrika beschränkt …

Bekannte Story in exotischer Kulisse

Die Antwort auf diese Frage bildet den Knalleffekt des Finales Glücklicherweise stellt sie nur einen von mehreren Zündern dar, fällt sie doch so konventionell aus, dass ihre dramatische Sprengkraft begrenzt bleibt; die Antwort hier zu offenbaren, könnte nicht einmal als Spoiler gewertet werden.

Womit wir sogleich zu des berüchtigten Pudels Kern vorstoßen: „The Dead“ ist ein Film, der sich politisch und kritisch gibt, ohne es jemals zu sein. Dabei haben sich die Brüder Howard und Jonathan Ford eine Bühne gewählt, die zumindest politisch korrekte Gutmenschen wie die Motten zum Licht in ihren Film locken müsste: Afrika gilt ihnen nicht nur als klassisch geheimnisvoller, sondern vor allem als verlorener oder besser: verdammter Kontinent. Jahrhunderte haben europäische Kolonialmächte sich hier großzügig bedient und dabei Grenzen geschaffen, die auf tatsächliche demografische Verhältnisse keine Rücksicht nahmen. Als die Kolonien unabhängig wurden, brachen Bürgerkriege und Fehden aus, die ganze Landstriche in Todeszonen verwandelten. Hinzu kamen und kommen immer wieder Hungersnöte und Epidemien sowie eine Korruption, deren Nutznießer Geld- und Hilfsleistungen aus dem Ausland in die eigenen Taschen umleiten.

Unter den hier nur skizzierten Umständen sollte die Beziehung zwischen Murphy und Dembele einigen Konfliktstoff bieten. Tatsächlich gehen die Ford-Brüder, die sich nicht nur den Stuhl des Regisseurs teilen, sondern auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnen, genau einmal und allzu pflichtschuldig auf diese Thematik ein, die faktisch für die hier präsentierte Geschichte keine Rolle spielt: „The Dead“ schert sich keine Sekunde um die realen Probleme Afrikas.

Die üblichen Untoten – nur etwas dunkler

Den Fords geht es um Zombies. Sie wollen eine Gruselgeschichte erzählen. Auf den Kontinenten der Nordhalbkugel haben die Untoten in allen Unterhaltungsmedien bereits tiefe Spuren hinterlassen. Dass sie nunmehr in Afrika aus ihren Gräbern steigen, ist ein frischer Ansatz und Sensation genug – so dachten die Brüder offensichtlich.

Sie irren sich. Zwar sind die Landschaften von Ghana und Burkina Faso, die als Kulissen dienten, in jeder Hinsicht exotisch anzusehen, doch so fremdartig, dass darüber der Simpel-Faktor der Handlung in Vergessenheit geriete, kann kein Ort auf Erden sein. Die Fords erzählen eine ganz einfache Beste-Kumpel-Story – und dies nicht einmal gut. Murphy und Dembele werden binnen Sekunden Freunde. Bis es einen von ihnen erwischt, beschränken sich ihre Aktivitäten darauf, Zombies entweder zu umgehen oder sie mit Feuerwaffen, einer Machete oder anderen gerade greifbaren Hilfsmitteln endgültig ins Jenseits zu befördern.

An entsprechenden Kandidaten herrscht nie Mangel. Ghana scheint ähnlich dicht bevölkert wie die Innenstadt von Tokio zu sein; jedenfalls stolpern unseren beiden Gefährten Zombies in hellen Scharen vor die Füße. Anfänglich wirkt es sogar im hellen Sonnenlicht gruselig, wenn sich aus dem hohen Gras stille Gestalten in unterschiedlichen Stadien der Verwesung lösen. Leider wird dieser Effekt so überstrapaziert, dass er sich bald erledigt hat.

Die (Über-) Macht des Bildes

Dass die Brüder mit der Kamera umzugehen wissen, sei ihnen zugestanden. Die Landschaftsaufnahmen sind grandios. Sie wurden klassisch auf 35-mm-Filmmaterial gebannt, das auch im digitalen Zeitalter weiterhin großartige Bildqualität bietet. Vielfach kamen Farbfilter zum Einsatz, die bestimmte Aspekte der Szene stimmungsvoll verstärken. So wurden sonnenverbrannte Landstriche deutlich brauner, gelber oder ziegelroter als in der Realität. Das letzte Film-Viertel entstand in der Sahara, was zwar den geografischen Verhältnissen Ghanas Hohn spricht, aber für eindrucksvoll gelbe Sanddünen sorgt.

Ebenfalls ohne Tadel sind die Spezialeffekte. Für „The Dead“ stand kein üppiges Budget zur Verfügung. Gespart haben die Ford-Brüder aber nicht an den Untoten. Es sind „Romero“-Zombies, die also steifbeinig und langsam durch die Landschaft tappen (wobei ihre Opfer stets so blöd sind, sich trotzdem von ihnen ‚überraschen‘ zu lassen). Wenn ihnen jemand zwischen die Zähne gerät, bleibt die Kamera dabei, was „The Dead“ hierzulande eine FSK 18 beschert hat.

Im Detail haben die Fords viel Geld in die Realisierung überzeugend wirkender Kopfschüsse investiert, weshalb Schädel manchmal in Serie explodieren. Sogar richtig splattrig wird es hin und wieder, wenn Zombies buchstäblich zu Mus zerquetscht werden. Aber auch im intakten Zustand sind sie dank stecknadelpupilliger Kontaktlinsen und blutprächtig aufgeschminkter Verletzungen schön scheußlich geraten.

Von Episode zu Episode

Zu dieser Bildpracht kommt ein ausgezeichneter Score. Der aus Pakistan stammende Musiker und Komponist Imran Ahmad fabrizierte nicht den üblichen Horrorfilm-Soundtrack, der aus dröhnendem Hardrock der Güteklasse C gestrickt wird. Er schuf einen manchmal durchaus atonalen Klangteppich, der das Geschehen nachhaltig akzentuiert.

Bei diesen Genüssen für Auge und Ohr ist es doppelt schade, dass zwei gute und sich auch körperlich in afrikanischer Hitze verausgabende Schauspieler wie Rob Freeman und der in Ghana geborene Prince David Oseia ihr Talent auf derart schwammig profilierte Figuren vergeuden müssen. Oseia kann sich wenigstens auf die Rolle des schwarzen Helden zurückziehen, während Murphy nur durch Steppen und Wüsten wandert. Freeman kann keinen Kontakt zum Zuschauer aufbauen. Er scheint manchmal nur im Bild zu sein, damit sich dort wenigstens etwas bewegt.

Leider haben die Ford-Brüder ein Faible für Tableaus. Diese sind sorgfältig und liebevoll komponiert und in Szene gesetzt, doch sie häufen sich, während die Geschichte vernachlässigt wird. Schöne Landschaften, schöne Musik und regelmäßige Metzel-Einschübe ersetzen keine stringente Handlung. Sie füllen auch keine Logiklöcher oder begründen episodische Abschweifungen. Von denen wird der Zuschauer regelmäßig irritiert. Welchen Zweck erfüllt beispielsweise der aufwändig eingeführte Medizinmann, der Murphy bis in seine Träume verfolgt? Wieso beginnt das Geschehen irgendwann im letzten Drittel und springt dann an den eigentlichen Anfang, um schließlich wieder in die bekannte Handlung einzumünden?

Dies sind autogame, sich selbst genügende filmische Spielereien und für die Geschichte ohne Sinn und Zweck. Sie bringen willkommene Ablenkung in eine insgesamt überraschungsarme Abfolge manchmal spannender aber auch dann in ihrer Dramaturgie durchsichtig angelegter Zwischenfälle: Murphy durchsucht ein dunkles Haus, in dem mindestens ein Zombie lauert. Was geschieht wohl, als Murphys Taschenlampe ausfällt? Neue Wege für den Horrorfilm sehen jedenfalls anders aus als „The Dead“. Wieder einmal bleibt es bei sauberem Filmhandwerk – aber ist es schon so weit, dass man etwas lobend hervorheben muss, was selbstverständlich sein sollte?

DVD-Features

Während diejenigen Zuschauer, die zur schnöden, billigen Single-DVD (oder -Blu-ray) greifen, mit Trailern zu weiteren Filmen des Labels bestraft werden, dürfen sich jene, die tiefer in die Tasche greifen, um die Limited 2-Disc-DVD (oder -Blu-ray) zu erwerben, über echtes und reichhaltiges Bonus-Material freuen.

Interessante Einblicke in die anstrengenden Dreharbeiten gewährt ein einstündiges „Making of“. Dazu kommen Interviews mit Howard und Jon Ford, Rob Freeman und  Prince David Oseia, die viele Artigkeiten übereinander und die Gunst des Schicksals verlieren, das sie für dieses filmische Meisterwerk – das Highlight ihrer aller Leben, ganz bestimmt! – zusammenbrachte.

Auch schwer nachvollziehbaren Gründen findet sich auf der Bonus-Scheibe sogar ein zweiter Film. „Revolt of the Zombies“ (dt. „Die Revolte der Zombies“) ist ein US-amerikanisches B-Movie aus dem Jahre 1936. Es bildete einst die eine Hälfte einer Kino-Doppelvorstellung und lief vor dem teuer produzierten Hauptfilm. Die Story – europäische Helden rotten eine Zombie-Sekte in Kambodscha (!) aus – ist krude, die Machart billig, die Beteiligten vor und hinter der Kamera sind vergessen. Gerade deshalb weist dieses Filmchen einen nicht zu unterschätzenden Unterhaltungswert auf.

Wieso außerdem das nur dreiminütige (!) Fragment des nie zustande gekommenen deutschen Horrorfilms „Zombie – Das Tor zur Hölle“ aufgespielt wurde, bleibt erst recht rätselhaft.

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The Dead
Originaltitel: The Dead (GB 2010)
Regie/Drehbuch: Howard J. Ford/Jonathan Ford
Kamera: Jonathan Ford
Schnitt: Howard J. Ford
Musik: Imran Ahmad
Darsteller: Rob Freeman (Lt. Brian Murphy), Prince David Oseia (Sgt. Daniel Dembele), David Dontoh (Dorfchef), Dan Morgan (James), Ben Crowe (Söldnerführer), Sergho Dak Jean Gustaphe (Campleiter) uva.
Label/Vertrieb: Savoy Film/Intergroove
Erscheinungsdatum: 07.10.2011
EAN: 807297066692 (DVD) bzw. 807297066791 (Blu-ray) bzw. 807297080896 (Limited 2-Disc-DVD) bzw. 807297080995 (Limited 2-Disc-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 100 min. (Blu-ray: 105 min.)
FSK: 18

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