Sechs Frauen unternehmen eine Höhlenexpedition. Nach einem Stolleneinsturz von der Außenwelt abgeschnitten, dringen sie in unbekannte Tiefen vor und treffen auf blinde, menschenähnliche Kreaturen, welche sie umgehend auf den Speiseplan setzen, was einen mörderischen Überlebenskampf in Gang setzt … – Straff und geradlinig inszenierter, „klassischer“ Horrorthriller ohne Ulk-Beimischung, der aus der simplen Story das Optimale herausholt und ausgezeichnet in Bilder umsetzt: ein B-Movie als Zierde seines Genres.

Inhalt

Im nordamerikanischen Appalachen-Gebirge rüsten sich sechs extremsportlich veranlagte Frauen für eine Höhlenexpedition. Es soll eine einfache Tour gegangen werden, denn kletternde Neulinge gehören zu der Gruppe. Die ehrgeizige Juno bereitet freilich eine ganz besondere ‚Überraschung‘ vor: Sie führt ihre Begleiterinnen nicht in die angegebene Höhle, sondern in ein bisher unbekanntes Tunnelsystem, so dass die Gruppe nichts ahnend eine Erstbegehung unternimmt. Das stellt sich als fatale Idee heraus, als hinter den Kletterinnen ein Stollen einstürzt. Sie sind von der Außenwelt abgeschnitten, niemand weiß, wo sie sich aufhalten, Rettung wird folglich ausbleiben. Man muss selbst nach einem möglichen zweiten Ausgang suchen, bevor die Lampen versagen.

Das Terrain ist unübersichtlich, Klaustrophobie erzeugende Gänge, in denen man steckenzubleiben droht, wechseln mit bodenlosen Abgründen. Die Hoffnung steigt, als die Frauen auf Höhlenzeichnungen stoßen, die tatsächlich einen weiteren Ausgang zeigen. Freude wandelt sich in Entsetzen, als sich kurz darauf die Schöpfer besagter Zeichnungen bemerkbar machen: Tief im Inneren der Erde hat sich ein Volk vage menschenähnlicher Urzeit-Wesen seiner Umgebung perfekt angepasst. Sie sind blind; orientieren sich per Schall und erweisen sich als bemerkenswerte Kletterkünstler, als sie sich an die Verfolgung ihrer ‚Besucherinnen‘ machen: Die „Kriecher“ ernähren sich von Fleisch, und es ist ihnen egal, ob sie Hirsche oder Frauen jagen.

Schon bald gibt es die ersten Opfer. Den Überlebenden bleibt keine Wahl: Sie müssen sich ihren Verfolgern stellen. Unbarmherzig tobt der Kampf in der Finsternis, während die stetig kleiner werdende Schar verzweifelt nach einem Fluchtweg nach draußen sucht. Zusammenhalt wird lebenswichtig, doch wie sich herausstellt, ist er keine Eigenschaft, die diese Gruppe auszeichnet …

Unterbau mit solider Basis

„The Descent“: eine schöne, weil einfache aber nicht simpel erzählte Gruselgeschichte. Die Story weist zwei Ebenen auf, die locker miteinander in Verbindung stehen und genau dort einander durchdringen, wo es die Handlung fördert. Story-Strang 1 handelt von den sehr dynamischen Beziehungen, die unsere Frauengruppe auszeichnen. Vor allem die Vorgeschichten von Juno und Sarah sollte der Zuschauer aufmerksam verfolgen; sie sind für das Geschehen, das sich später unter die Erde verlagert, von entscheidender Bedeutung.

Parallel dazu stellt Regisseur und Drehbuchautor Neil Marshall kurzweilig seine Figuren vor, was wiederum wegen des Schauplatzes wichtig ist: Im ständigen Halbdunkel der Höhlen fiele es normalerweise schwer die Darstellerinnen zu unterscheiden. Dank der ersten Viertelstunde haben wir sie aber als Individuen kennengelernt. Ihr Aussehen und ihr Verhalten sind uns vertraut, wir können sie einordnen, haben unsere Vorlieben und Abneigungen entwickelt und lassen uns durch die zunehmend turbulenter werdende Handlung nicht mehr verwirren.

Sobald das Tageslicht schwindet, wechselt der Film auf die zweite Ebene und manövriert zielstrebig durch ein von Action bestimmtes aber nicht diktiertes Geschehen. Originalität lässt „The Descent“ dabei vermissen, was allerdings nicht bedeutet, dass es an überraschenden Zwischenfällen fehlt. Die Kulisse bietet in dieser Beziehung eine breite Palette von Hinterhalten und plötzlichen Attacken. Diese setzen langsam ein und steigern sich gut getimt zur offenen Konfrontation.

Die Story – und nichts als die Story!

Wenn der Kampf beginnt, entwickelt er sich umgehend zum Gemetzel. Auf engem Raum geht man mit Zähnen und Klauen, mit Pickeln und Messern, mit bloßen Fäusten aufeinander los. Pardon wird auf beiden Seiten nicht gegeben und auch nicht erwartet. Schmutzig und blutüberströmt lassen sich Kriecher und Kletterinnen in der Finsternis kaum noch unterscheiden. Die Frauen vollziehen den degenerativen Abstieg ihrer Jäger im Zeitraffertempo nach. Unter der Erde ist das Leben ein ständiger Kampf, der frei nach Friedrich Nietzsche zwangsläufig zur Verrohung führt: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ („Jenseits von Gut und Böse“)

Die Kriecher haben wohl auch andere Seiten. In einer Szene sieht man die Partnerin eines gerade getöteten Höhlenmanns nach ihrem Gefährten suchen und klagen, als sie seine Leiche findet. Die Zeichnungen stammen möglicherweise ebenfalls von den Kreaturen. Doch „The Descent“ verdichtet das Gesamtbild eines anscheinend funktionierenden Ökosystems auf die Extremsituation der unterirdischen Hetzjagd – schließlich sehen wir einen Horrorfilm, in dem die Monster einen integralen Bestandteil des Konzepts darstellen.

Seitens der Kritik hat man Regisseur und Drehbuchautor Marshall angekreidet, dass er die Kriecher ins grelle Scheinwerferlicht holt, statt sie als nur zu ahnende, schwer fassbare Gewalt im Hintergrund zu belassen. Aber diese Vordergründigkeit ist von Marshall gewollt. An den Höhlenwesen ist nichts übernatürlich. In einer Szene untersucht eine der Frauen – die zudem Ärztin ist – sogar einen Kriecher: Der Zuschauer darf und soll wissen, mit wem es die Kletterinnen zu tun bekommen. Dieser ‚Realismus‘ beeinträchtigt die Spannung keinesfalls, „The Descent“ ist ein Thriller, der geradlinig seine Geschichte erzählt. Die Filmkunst bleibt dem Filmhandwerk unterworfen. So wurde es auch mit den Spezialeffekten gehalten: Sie sind da, fallen aber als solche nicht auf, sondern dienen der Geschichte – für einen phantastischen Film ein großes Kompliment.

Frauen? Männer? Menschen!

Sechs Frauen geraten unter Monster: Der erfahrene Horrorfilmfreund glaubt nach dieser Skizze der „Descent“-Geschichte bereits zu wissen, was ihn (oder sie) erwartet. Doch die Erwartungen werden getäuscht. Höchstens ein Klischee trifft zu: Die Darstellerinnen sind sämtlich jung und hübsch. Freilich bleiben sie stets in unförmige Kletterkleidung gehüllt und sind unter Dreck und Blut kaum als Frauen zu erkennen.

Juno, Holly, Sarah, Beth, Rebecca und Sam sind keine typischen Horrorfilm-Gestalten, d. h. optisch ansprechende Appetithappen für allerlei finstere Gestalten, vor denen sie von mutigen Männern gerettet werden müssen. Sie entpuppen sich in der Krise auch nicht als Kampfmaschinen, die diese Rolle selbst übernehmen. Die angenehme Überraschung in „The Descent“ ist, dass wir die schrecklichen Abenteuer einiger Menschen erleben, die zufällig alle weiblich sind. Das funktioniert hervorragend und wird dank der vorzüglichen Darstellerinnen überzeugend umgesetzt.

Diese haben sich in körperlicher Hinsicht nicht geschont; die Dreharbeiten dürften anstrengend und vor allem nicht angenehm gewesen sein – zum vor Ort ohnehin reichlich vorhandenen Schmutz, zur allgegenwärtigen Feuchtigkeit und zur Dunkelheit addieren sich optisch eindrucksvolle aber sicherlich unerfreulich zu mimende Szenen, die u. a. in einem Höhlentümpel aus Blut und faulenden Kadavern spielen. Dass unter solchen Bedingungen echte schauspielerische Arbeit geleistet wird, die über das Klettern, Abseilen & Raufen deutlich hinausgeht, muss anerkennend hervorgehoben werden.

In jeder Hinsicht unter der Oberfläche

Hier klettern hier nicht sechs austauschbare Figuren, sondern konturierte Persönlichkeiten n die Tiefe. Eine Vorrangstellung nimmt dabei Sarah ein, deren private Familientragödie die Ereignisse in eine bestimmte Richtung treibt. Die dominante Juno übernimmt die zweite Hauptrolle; ihr Verhalten erfährt in der weiteren Handlung eine logische Erklärung. Bis es soweit ist, erregen gut gespielte Andeutungen und Irritationen die Neugier des Publikums: Hier geht unter der Oberfläche inniger Freundschaft etwas Unschönes vor.

Auch den übrigen vier Darstellern gesteht das Drehbuch eigene Biografien zu. Allerdings erfüllen Holly, Beth, Rebecca und Sam gleichzeitig die Funktion des Kanonenfutters. Sie verleihen dem Geschehen die nötige Dramatik und sorgen durch ihre drastisch in Szene gesetzten Enden für Schockeffekte. Freilich lässt sich Drehbuchautor Marshall nicht in die Karten schauen: Wen es wann erwischt, steht zu keinem Zeitpunkt fest. Die beiden Hauptpersonen bleiben davon nicht ausgeschlossen. Auch in diesem Punkt hat Neil Marshall seine Horror-Hausaufgaben gemacht und die Abschlussprüfung bestanden: „The Descent“ ist – milde ausgedrückt – sehenswert; ein B-Movie, das Nerven zerrende Unterhaltung auf genreüberdurchschnittlichem Niveau garantiert.

Das Publikum erkannte dies und verhalf dem Film zu einem ansehnlichen Einspielergebnis. Daraus resultierte der wahre Fluch der „Kriecher“-Höhle: Das Grauen kehrte 2009 in „The Descent 2“ zurück. Neil Marshall war schlau genug, diese Fortsetzung abzulehnen. Jon Harris, Cutter des ersten Teils, nahm auf dem Regiestuhl Platz und lieferte ebenfalls ansehnliche Unterhaltung, die bei kritischer Betrachtung allerdings die Vorgeschichte höchstens variierte.

DVD-Features

Die Singel-DVD bietet zwei Audiokommentare (Regisseur Neil Marshall mit den Darstellerinnen bzw. mit der Crew), die sich als Fundgrube interessanter Hintergrundinfos herausstellen.

Die „Doppel Deluxe Edition“ beinhaltet auf einer zweiten DVD ein beinahe dreiviertelstündiges „Making of“, dazu neun entfallene bzw. überarbeitete Szenen sowie Outtakes. Weiterhin gibt es einen Vergleich zwischen Storyboard und Film, Cast- und Crew-Biographien, eine Bildergalerie, zwei Trailer und einen Teaser.

Beide DVD-Ausgaben haben ihre vorzügliche technische Qualität gemeinsam. „The Descent“ ist ein Film, der in und mit tiefer Finsternis spielt und von wenigen Lichtquellen ‚erleuchtet‘ wird. Das Bild ist trotzdem überragend, konturstark und nur dort undeutlich, wo der Zuschauer tatsächlich im Dunkeln gelassen werden soll. Ebenso überzeugend ist der Ton. Marshall stützt sich nie auf plumpe „Buh!“-Effekte oder abrupt eingespielte Überwältigungs-Musik in Überlautstärke, sondern setzt auf räumliche Akzente wie tropfendes Wasser, ominöses Klicken oder ähnliche Unheimlichkeiten, die sich ins Unterbewusstsein bohren aber nicht in den Vordergrund drängen.

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The Descent – Abgrund des Grauens
Originaltitel: The Descent (GB 2005)
Regie u. Drehbuch: Neil Marshall
Kamera: Sam McCurdy
Schnitt: Jon Harris
Musik: David Julyan
Darsteller: Natalie Jackson Mendoza (Juno), Nora-Jane Noone (Holly), Shauna Macdonald (Sarah), Alex Reid (Beth), Saskia Mulder (Rebecca), MyAnna Buring (Sam), Molly Kayll (Jessica), Oliver Milburn (Paul), Craig Conway (Höhlenkriecher mit Narbe), Leslie Simpson, Mark Cronfield, Stephen Lamb, Catherine Dyson, Julie Ellis, Sophie Trott (Kriecher) u. a.
Label: Universum Film
Erscheinungsdatum: 02.06.2006 (DVD)/12.06.2006 (Doppel Deluxe Edition)/09.10.2009 (Blu-ray)
EAN: 886973093993 (DVD)/ 828767692593 (Doppel Deluxe Edition)/886975528196 (Blu-ray)
Bildformat: Widescreen 16 : 9 (2.35 : 1) anamorph
Audio: DTS ES 6.1 (Deutsch, Englisch), Dolby Digital 5.1 EX (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Englisch, Deutsch (für Hörgeschädigte)
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 96 min. (Blu-ray: 100 min.)
FSK: 18*

* Der Film wird auch in einer FSK16-Fassung angeboten, die gekürzt und deshalb zu meiden ist.

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Die Höhle

Beneath – Abstieg in die Finsternis

Katakomben

The Forest – Verlass nie den Weg

The Tunnel – Fürchte die Dunkelheit!