The Disappeared – Das Böse ist unter uns

Originaltitel: The Disappeared (GB 2008)
Regie: Johnny Kevorkian
Drehbuch: Johnny Kevorkian u. Neil Murphy
Kamera: Diego Rodriguez
Schnitt: Celia Haining
Musik: Ilan Eshkeri
Darsteller: Harry Treadaway (Matthew Ryan), Greg Wise (Jake Ryan), Ros Leeming (Amy Tyler), Alex Jennings (Adrian Ballan), Lewis Lemperuer Palmer (Tom Ryan), Tom Felton (Simon Pryor), Finlay Robertson (Jason Saks), Nikki Amuka-Bird (Melissa), Georgia Groome (Sophie Pryor), Jefferson Hall (Edward Bryant), Tyler Anthony (Rebecca Cartwright), James Cook (Anthony) uva.
Label: Savoy Film
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 04.12.2009
EAN: 4041658500692
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch), Dolby Digital Surround 2.0 (Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 93 min.
FSK: 16

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Das geschieht:

Mit seinem Vater Jake lebt Matthew Ryan in einer heruntergekommenen Mietskaserne in Südlondon. Sie haben einander nichts mehr zu sagen, seit Matthew vor zwei Jahren seinen kleinen Bruder Tommy allein auf den Spielplatz gehen ließ, um zu feiern statt auf ihn aufzupassen. Tommy verschwand spurlos, das schlechte Gewissen und die nie ausgesprochenen aber deutlichen Vorwürfe des Vaters haben Matthew krank werden lassen. Lange Zeit hat er in einer psychiatrischen Klinik verbracht.

Jetzt gilt er als geheilt und wird in die Obhut seines Vaters überlassen. Jake hält ihn nicht für gesund. In der Tat konnte Matthew den Verlust des Bruders keineswegs überwinden. Nur zu Pastor Ballan, der ihn schon in der Klinik betreute, hat er Vertrauen. Außerdem lernt Matthew die hübsche Amy kennen, die in der Nachbarwohnung dem Zorn ihres gewalttätigen Alkoholiker-Vaters ausgesetzt ist.

Die beiden Außenseiter freunden sich an. Amy und nicht Simon, sein ältester und bester Freund, ist wenig später die einzige Person, die Matthew Glauben schenkt, als dieser behauptet, die Stimme seines Bruders zu hören. Tommy fleht ihn um Hilfe an, beginnt Gestalt anzunehmen und Matthew zu attackieren. In seiner Not sucht dieser auf Amys Rat hin das Medium Melissa auf. Sie warnt ihn nicht nur vor dem Zorn der Geister, die im Tod jene Erlösung fordern, die ihnen im Leben versagt blieb, sondern auch vor einer dunklen Macht, die sich an Matthews Fersen geheftet habe.

Matthew erkennt nach und nach die Zeichen des Bösen, das sich perfekt getarnt in dem Viertel eingenistet hat und die hier lebenden Kinder dezimiert. Als auch Sophie, Simons jüngere Schwester, entführt wird, findet Matthew endlich die Spur des Täters. Er wagt sich in dessen Versteck, das sich buchstäblich als Hölle auf Erden erweist, dessen Bewohner schon auf ihn gewartet hat …

Geister und Seelen im Ausnahmezustand

Man assoziiert sie gern mit alten Burgruinen, Friedhöfen oder sonstigen nostalgisch verwunschenen Orten, doch warum sollten nicht auch Geister mit der Zeit gehen? Sie sind die Schatten verstorbener Menschen. Sterben sie im 21. Jahrhundert, werden sie sich kaum an einem der eingangs genannten Orte ansiedeln, sondern dort spuken, wo sie einst lebten und zu Tode kamen, ohne im Leben jene Angelegenheiten geregelt zu haben, die sie nun zurückkehren lassen.

Wie Regisseur und Drehbuch-Mitautor Johnny Kevorkian einprägsam demonstriert, gibt es moderne Stätten, die mindestens ebenso unheimlich sind wie die Burgen und Friedhöfe der Vergangenheit. In „The Disappeared“ wird ein Relikt der Thatcher-Ära zum perfekten Rahmen einer gruseligen Geschichte. In den 1980er Jahren sorgte die rigorose Wirtschafts- und Sozialpolitik der „Eisernen Lady“ zur Ausgrenzung unterer Bevölkerungsschichten und zur Entstehung moderner Gettos mit überproportionalen Arbeitslosen- und Kriminalitätsraten. Drei Jahrzehnte später ist die verwahrloste Mietskaserne, in der die Ryans weniger wohnen als hausen, erst recht ein Sammelbecken für Außenseiter und Verlierer.

In vielen Kritiken ist zu lesen, dass „The Disappeared“ als „Sozialdrama“ beginne. Kevorkian stellt diesen Aspekt jedoch in den Dienst einer Handlung, die eindeutig Geistergeschichte ist. Insofern soll die trostlose Kulisse primär für eine bestimmte Grundstimmung sorgen. Das spiegelt auch die Wohnung der Ryans wider. Selbst in einem Beton- und Plattenbau ließe sich hinter diesseits der Tür zum Hausflur eine heimelige Atmosphäre schaffen. Matthew und Jake vegetieren hingegen in der gewollten Unwirtlichkeit zerborstener Billigmöbel, staubig-zotteliger Teppichböden und abblätternder Uralt-Tapeten, die Kevorkian als materialisierten Ausdruck ihrer verwüsteten Seelen zeigt.

In einer freundlichen Wohngegend würde diese Geschichte nicht funktionieren. Sowohl die Geister als auch das Böse in „The Disappeared“ benötigen die trübe Umgebung mit ihren abgestumpften Bewohnern. Kevorkian dreht virtuos an der Schraube, um diese Trostlosigkeit zu unterstreichen. Dabei bedient er sich filmhandwerklicher Mittel, setzt Filter ein, die das Licht brechen, ihm seine Leuchtkraft und Farbe nehmen, es matt und kränklich wirken lassen. Dazu spielt Kevorkian auf dem Instrument der Übertreibung. Er zeigt das riesige Gebäude, in dem die Ryans wohnen, stets menschenleer. Auch sonst wirken die Orte des Geschehens – das Flußufer, der Hafen, die Kirche, die Klinik – aus der Realität gelöst, einsam, abweisend. Eine klassische Filmmusik unterstreicht diesen Eindruck. Sie wurde nicht als Soundtrack und Zusatzprodukt für das Filmmerchandising konzipiert, sondern ist melancholisch präsent, drängt sich nie in den Vordergrund, übt ihre Wirkung unterschwellig aus.

Ohne festen Boden unter den Füßen

Nachdem Kevorkian seiner Geschichte mit Sorgfalt und Geschick ein Fundament gegeben hat, baut er sie allmählich auf. An diesem Punkt setzt oft Negativkritik ein – dezent übrigens, denn fast alle Kritiker und Zuschauer sind sich einig, dass „The Disappeared“ ein guter Film ist. Die Story könne mit dem Plot nicht immer mithalten; die Geschichte starte stark, hänge aber im zweiten Drittel durch, um dann im Finale zwar mächtig anzuziehen, ohne jedoch bis zum Schlussbild sämtliche Fragen zu klären. Zumindest dieser Rezensent kann dem nicht zustimmen. Kevorkian behält die Fäden sehr wohl in der Hand, ohne sie locker zu lassen. Auch die vermissten Antworten lassen sich finden. Man muss der Handlung nur sehr aufmerksam folgen. „The Disappeared“ gehört zu den Filmen, die man nicht ‚nebenbei‘ anschauen kann. Die wahre Natur des Bösewichts deutet beispielsweise ein während eines Kameraschwenks nur kurz und wie zufällig sichtbares altes Foto in der dunklen Ecke eines Kellers an.

Unsicherheit ist eine ständige und wichtige Konstante. Matthew ist psychisch aus dem Lot. Als ihm Mysteriöses widerfährt, vermag er selbst nicht zu entscheiden, ob real ist, was er erlebt, oder ob er halluziniert. Kevorkian lässt sein Publikum diesbezüglich lange im Ungewissen. Als er sich dann entscheidet, wirkt die plötzliche Eindeutigkeit des Geschehens durchaus enttäuschend: Man vermisst das Schwanken des Handlungsrahmens, der nicht nur Matthew, sondern auch uns, die Zuschauer, fragen und fürchten ließ. Nun trennen sich unsere Wege. Wir werden zu Beobachtern und verfolgen Matthew in einem sehr spannenden aber konventionell gewordenen Finalkampf.

Du musst sie rufen, damit sie kommen

Ein junger Mann, der mit der eigenen Psyche sowie mit zwischenmenschlichen Konflikten zu kämpfen hat, wird von Geistern sowohl be- als auch heimgesucht und zu allem Überfluss mit dem Bösen konfrontiert: Es bedarf guter Schauspieler, um dieses Plot-Dreieck plausibel mit Leben zu füllen. Kevorkian verzichtete auf große Namen, die das knappe Budget ohnehin nicht hergab. Harry Treadaway (Matthew Ryan) gilt in England trotz seiner Jugend bereits als darstellerisches Schwergewicht. In dem proletarischen Tom Felton (Simon Pryor) wird man in „The Disappeared“ schwerlich Draco Malfoy aus den Harry-Potter-Blockbustern wiedererkennen. Ros Leeming fällt in ihrem Filmdebüt nie hinter ihren Darstellerkollegen zurück. Greg Wise ist als Jake Ryan keine Neben- oder gar Klischee-Figur, sondern für die Handlung von mitentscheidender Bedeutung.

Tricktechnisch hat „The Disappeared“ wenig zu bieten. Kevorkian setzt klassische, d. h. altmodische aber bewährte Techniken ein, arbeitet mit Licht und Schatten, realisiert viele Übernatürlichkeiten vor laufender Kamera, weshalb sie erst nachträglich als solche überhaupt erkannt werden. Die seltenen CGI-Effekte fallen dagegen durch ihre Künstlichkeit negativ auf.

Als moderne Geistergeschichte kann „The Disappeared“ über die Gesamtdistanz überzeugen. Dass Johnny Kevorkian nur drei Kurzfilme realisiert hatte, sieht man seinem ersten ‚richtigen‘ Spielfilm nie an. Stattdessen demonstriert er, dass und wie sich Anspruch und Unterhaltung harmonisch miteinander verbinden lassen.

DVD-Features

„The Disappeared“ gehört zu den Filmen, bei denen man es bedauert, dass die DVD ohne Hintergrund-Features auskommen muss. Zahlreiche Hinweise und Andeutungen lassen sich erst beim wiederholten Anschauen erkennen; es wäre interessant zu erfahren, ob die eigene Deutung mit der Kevorkians übereinstimmt. Kontext ist kompliziert und missverständlich, aber andererseits mag es im Sinn des Regisseurs und Drehbuchautoren sein, dass nicht jedes Detail aufgeklärt werden kann.

Im Internet gibt es eine Website zum Film.

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