EntityVier faule Filmstudenten geraten auf der Suche nach einem simplen Examensthema erst an einen mysteriösen Film und dann an einen bösen Geist, der ihnen fortan im Nacken sitzt, um sich für einst erlittenes Unrecht zu rächen … – Inhaltlich wie formal gänzlich missratenes „Found-Footage“-Spektakel, das sattsam bekannten Mustern folgt, ausschließlich mit Anti-Schauspielern besetzt wurde und durch eine Sabotage-Synchronfassung endgültig zur Strecke gebracht wird.

Das geschieht:

Langweiler Joshua, On-/Off-Freundin Carla, Nerd Lucas und Großmaul-Witzbold Benjamin sind trotz ihrer arktischen Intelligenzquotienten Studenten an einer Universität in Lima, Hauptstadt des südamerikanischen Landes Peru. Sie wollen ins Filmgeschäft und widmen sich deshalb mit Eifer ihrer Examensaufgabe. Der Dozent verlangt einen Dokumentarfilm. Die Themenwahl bleibt den Studenten überlassen.

Zunächst will das Quartett auf Nummer Sicher gehen und einen jener Streifen kopieren, die Zuschauer beim Anblick möglichst schockierender Filmaufnahmen festhalten. Carla hat von einem besonders üblen Clip gehört, den die Freunde unbedingt auftreiben wollen. Der Schreck ist groß (aber nicht groß genug), als sie nach kurzer Recherche erfahren, dass jede Person, die besagten Film gesehen hat, inzwischen bei gruseligen ‚Unfällen‘ blutig ums Leben kam.

Der derzeit letzte Pechvogel hatte einen Bruder, der bereit ist, die Freunde in das Geheimnis des Films einzuweihen. Er führt sie auf einen riesigen Friedhof, wo sich in einem Lagerhaus nicht nur der Streifen, sondern auch ein uralter aber funktionstüchtiger Projektor findet: Damit ist die Falle zugeschnappt, denn jede/r, der oder die den Film anschaut, verfällt einem uralten Flucht. Er gestattet dem Geist einer vor Jahrhunderten grausam getöteten Frau, sich an den Nachfahren ihrer Peiniger zu rächen. Dass diese unschuldig an den Qualen sind, schert die Dämonin nicht. Sie beginnt umgehend mit der Jagd auf ihre neuen, nicht mehr lange ahnungslosen Opfer.

Noch auf dem Friedhof sorgt der Geist für eine erste Leiche. Entsetzt flüchten die Überlebenden. Sie versuchen zu begreifen, wie ihnen geschieht bzw. wen sie ohne Wissen um die Folgen geweckt haben. Aufgrund der weiter oben angedeuteten Begriffsstutzigkeit drängt die Zeit erst recht, denn die Geisterfrau setzt der Gruppe immer heftiger zu. Wie kann man sie stoppen, bevor sie auch dem letzten Studenten das Lebenslicht aus dem Leib gerissen hat?

Peru – (noch) kein Kino-Land

Natürlich fällt es – zumal nach dem ‚Genuss‘ dieses Films – leicht, auf politische Korrektheiten bzw. jene Objektivität, die diesen Rezensenten bekanntlich prägt – wer lacht da? -, zu pfeifen. Dann ist es problemlos möglich, über Film-(Entwicklungs-) Länder zu lästern, die nicht auf dieser Erde, sondern irgendwo hinter dem Mond zu liegen scheinen, wohin sich die Erkenntnis dessen, was einen unterhaltsamen Film kennzeichnet, offensichtlich nicht verbreitet hat.

Peru ist eines dieser Länder, die (nicht nur) filmisch bisher wenig sehen ließen. Zwar leben dort auf einer Fläche, in der Deutschland mehr als dreieinhalbmal Plätz fände, kaum mehr als 30 Mio. Menschen, doch ist die Ära der Inkas, die zumindest der Durchschnittseuropäer mit Peru verbindet, definitiv vorbei. Allein das Kerngebiet der Hauptstadt Lima zählt heute mehr als 7 Mio. Einwohner. Was wir in „The Entity“ davon zu sehen bekommen, unterscheidet sich kaum von anderen Metropolen dieser Größenordnung.

Nichtsdestotrotz hinkt das Kino in Peru tatsächlich der Entwicklung hinterher. Nur wenige Filme werden jährlich produziert, weshalb man besonders neugierig wird, wenn es einer davon bis nach Europa schafft. Normalerweise gelingt so etwas nur Filmemachern, die sozialkritische Werke produzieren, für die man sie daheim verfolgt und auf ausländischen Festivals feiert. „The Entity“ fällt nicht in diese Kategorie, da es sich um einen Genrefilm handelt. Während er Anfang 2015 in den heimischen Kinos lief, wurde er international erstmals ein halbes Jahr später auf dem „London FrightFest Film Festival“ gezeigt. Auch dort war man gespannt auf peruanische Phantastik, die darüber hinaus sogar im 3D-Format entstanden war.

Andere Länder – (nicht immer) andere Sitten

Die Ernüchterung folgte rasch, und sie war groß: „The Entity“ bot keineswegs ‚neuen‘ Grusel, der in der Geschichte, der Gesellschaft oder der Folklore Perus verwurzelt war, sondern erwies sich als Kopie sattsam bekannter sowie längst abgehakter Vorbilder. Zu nennen wären hier vor allem „The Blair Witch Project“ „The Ring“ und „Paranormal Activity“. Abklatsche dieser Filme kennen wir aus dem eigenen Kulturraum zur Genüge bzw. bis zum Überdruss. Auf Exporte selbst aus exotischen Ländern sind wir also weder angewiesen noch scharf.

Zumal die Umsetzung inhaltlich wie formal beachtliche Luftlöcher aufweist. Regisseur Edurardo Schuldt wählte den „Found-Footage“-Stil, der hilfreich ist, wenn Drehbuch- und Budgetschwächen übertüncht werden sollen: Filmrelikte, die nur ‚zufällig‘ überliefert wurden, sind halt lückenhaft und dürfen deshalb qualitativ minderwertig wirken. Dummerweise haben andere Filmemacher diesen Gaul bereits totgeritten. Deshalb übt der Zuschauer keine Nachsicht mit dem Nachwuchsfilmer Schuldt, sondern wird fuchsteufelswild, wenn mehr als die Hälfte der ohnehin kurzen Laufzeit mit wackligen, verschwommenen und unterbelichteten Bildern gefüllt wird, die unsere Hauptfiguren – über die noch zu sprechen sein wird! – bei einer ebenso wilden wie ziellosen Flucht über einen Friedhof zeigen, der bei sorgfältiger Inszenierung durchaus gruselig wirken dürfte. Schuldt lässt seine Darsteller indes nur umherirren und Schreckenslaute produzieren, obwohl die meiste Zeit nichts auch nur annährend Unheimliches geschieht.

Nicht der simple Plot – ein Geist sucht Rache – ist das Primärproblem. Finster gestimmte Phantome sind Klassiker, die stets Schrecken verbreiten, wenn man sie gebührend in Szene setzt. Auch eine schmale Geldbörse kann durch Ideen ausgeglichen werden; für Schuldt anscheinend ein unbekannter Fakt. Wie sonst ließe sich erklären, dass unser Dämon in Sachen Schreck & Schauder kläglich versagt, weil die von ihm Besessenen sichtlich an Seilen in der Luft einfach nur hängen oder dort sogar hin- und herschaukeln!

Ärger ist auch eine Emotion …

Elend lange braucht es, bis das Geschehen endlich in Gang kommt. Umständlich wird erläutert, wieso es unsere Gruppe auf besagten Friedhof drängt. Aufwändig stellt uns Schuldt Figuren vor, die stets nur Klischee bleiben. Es braucht nur Minuten, bis wir Joshua, Carla, Lucas und Benjamin aus tiefstem Seelengrund hassen und ihren jeden bösen Geist dieser Welt auf die Hälse wünschen!

Der Langweiler, die Schöne, der Nerd, der Witzbold: Wer hat sie nicht über, weil sie uns in sämtlichen Medien viel zu oft terrorisieren? Eine Beziehung zwischen Zuschauer und (bedrohten) ‚Helden‘ will und kann niemals entstehen, weil Drehbuchautor Sandro Ventura ausschließlich mit Klischeebausteinen arbeitet und Regisseur Schuldt nur ‚Schauspieler‘ fand, die sich zuvor womöglich hauptsächlich in Limas Fußgängerzone produzierten.

Bereits optisch schüren vor allem Lucas und Benjamin den Drang, ihnen permanent kräftige Arschtritte zu versetzen. Sie sind Idioten, die ‚cool‘ wirken wollen und drehbuchbedingt nur Unfug faseln. Im Sumpf der Unfähigkeit treffen sich sämtliche Darsteller, sobald es darum geht, Angst & Schrecken zu vermitteln. Möglicherweise ließen sie sich dafür unter Strom setzen; auf diese Weise wären jene wüsten Gesichtsmuskelverrenkungen erklärt, die besagte Gefühle widerspiegeln sollen. Um auf Nummer Sicher zu gehen, brüllen die Darsteller wie am Spieß und kommentieren dabei, was der Zuschauer selbst sieht.

Das Ding in der Dunkelheit

Laut „imdb.com“ betrug das Budget für „The Entity“ 3 Mio. Dollar. Falls der Löwenanteil nicht in private Taschen umgeleitet wurde, muss diese Angabe auf einem Irrtum beruhen. Die Währung Perus ist der „Sol“. 1 Sol entspricht etwa 0,27 Euro. Aber selbst die Vierteilung des angeblichen Budgets spiegelt sich im Film nicht annährend wider. „The Entity“ bietet keine optischen Highlights. Selbst oder gerade der Geist bietet dort, wo er sich sekundenkurz materialisiert, einen primitivdigitalen Anblick, der das Publikum nicht in Furcht versetzen kann. Insofern stellt das deutsche DVD/Blu-ray-Cover eine Flucht nach vorn oder besser: eine Rosstäuschung dar. Den bösen Geist wird man im Film jedenfalls nie so deutlich und hässlich erblicken!

Leider genießen die Darsteller diesen Schutz nicht. Sie haben vor „The Entity“ noch in keinem Film gespielt. Man wünscht ihnen alles Gute für die Zukunft aber vor allem die Weisheit, sich berufsmäßig anderweitig zu orientieren. Dabei bleibt uns hierzulande wenigstens ein Bockschuss erspart: „The Entity“ entstand als „erster peruanischer 3D-Film“ – ein Debüt, das in der Filmhistorie dieses Landes kein Ruhmesblatt darstellen dürfte. Die Story ist jedenfalls schon für die 2D-Fassung deutlich zu flach.

Kaum anderthalb Stunden Holterdipolter-Grusel ziehen sich erstaunlich in die Länge: Dies ist der eigentliche Schrecken, den dieser Film verbreitet. Der deutsche Zuschauer sage jedoch nicht, er habe sich ohne Warnung diesem Machwerk ausgesetzt. Das Label selbst, das „The Entity“ auf das Publikum loslässt, gibt im Untertitel den besten Ratschlag: „Sieh. Nicht. Hin.“

DVD-Features

Wie dreht man in Peru einen (Horror-) Film? Diese Frage stellt sich zumindest der interessierte Zuschauer. Leider bleibt er ohne Antwort; sollte es entsprechendes Hintergrundmaterial geben, wurde es der deutschen Sparschwein-Version nicht aufgespielt. Es gibt nicht einmal Untertitel. Damit fällt für die meisten Zuschauer hierzulande die Flucht in die englische Fassung aus. Also müssen sie mit der ‚deutschsprachigen‘ Version vorlieb nehmen, die wieder einmal Knödel, Gurgel & ihre Kumpels kostengünstig verursacht haben.

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The Entity – Sieh. Nicht. Hin
Originaltitel: La Entidad (Peru 2015)
Regie: Eduardo Schuldt
Drehbuch: Sandro Ventura (nach einer ‚Story‘ von Eduardo Schuldt)
Kamera: Juan Carlos Reyes
Schnitt: Alvaro Iparraguirre
Darsteller: Rodrigo Falla (Joshua), Daniella Mendoza (Carla), Carlos Casella (Lucas), Mario Gaviria (Benjamín), Diego Seminario (Santiago), Analú Polanco (Isabel), Nicolàs Villalonga (Nico), Danua Murilla (Ani), Walter Mora (Dozent) u. a.
Label: Maritim Pictures
Vertrieb: Alive AG
Erscheinungsdatum: 29.04.2016
EAN: 4042564167276 (DVD)/4042564167283 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch), Dolby Digital 2.0 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 80 min. (Blu-ray: 82 min.)
FSK: 18

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