In einem abgelegenen Wachfort an der koreanischen Grenze bringen die Soldaten einander grausam um. Als ein Untersuchungskommando eintrifft, um nach der Ursache zu forschen, werden auch diese Männer von Mordlust befallen … – Vor allem im ersten Drittel sehr stimmungsvoller Grusel-Thriller, bevor sich die Handlung unnötig in die Länge zieht und in ein Action-Drama mündet; aufgrund des ungewöhnlichen Ambientes und der guten Darsteller dennoch ein Film, der das Anschauen lohnt.

Das geschieht:

Die entmilitarisierte Zone zwischen den beiden verfeindeten koreanischen Staaten wird auf beiden Seiten durch schwer befestigte Grenzforts gesichert. Jeweils drei Monate leisten dort Soldaten ihren Wachdienst; eine öde Aufgabe, denn die Posten liegen von allen zivilisatorischen Annehmlichkeiten weit entfernt in der Wildnis.

Als Grenzfort GP 506 sich nicht mehr über Funk meldet, schickt das Hauptquartier einen Sicherungstrupp. Die Männer entdecken 19 verstümmelte Leichen – und mit einer blutigen Axt in den Händen den offenbar geistig verwirrten und stummen Corporal Kang, der seine Überwältigung nur kurz überlebt.

Da GP 506 vom Sohn eines Generals kommandiert wurde, soll die Tragödie aufgeklärt werden, damit man sie anschießend besser vertuschen kann. Die Armee setzt Sergeant Major Noh Seong-gyu als Ermittler in Marsch. Er hat eine Nacht Zeit, das Rätsel zu lösen.

Noh ist ein gründlicher, der Wahrheit verpflichteter Mann. Protokolle, Tagebücher und Filmaufnahmen liefern ihm Indizien, aus denen er das Geschehen zu rekonstruieren versucht. Offensichtlich haben einige Grenzposten den Verstand verloren und sind über ihre Kameraden hergefallen. Als Noh entdeckt, dass die Mannschaftsstärke von GP 506 eigentlich 21 Männer betrug und demnach eine Leiche fehlt, lässt er den riesigen Festungskomplex noch einmal gründlich durchsuchen. In einem Versteck wird ein Soldat entdeckt, der sich als Kommandant Yoo Jeong-woo zu erkennen gibt. Er weigert sich zu reden, obwohl er eindeutig weiß, was in GP 506 vorgeht.

Als erste Soldaten der Sicherungstruppe Zeichen einer unbekannten Krankheit zeigen und sich irrational benehmen, erfasst Noh, dass auch er und seine Begleiter in die Falle gegangen sind. Aus Besorgnis wird nackte Panik, grausige Morde werden begangen. In ihrer Angst wollen die Soldaten flüchten, doch genau das muss Noh notfalls mit Gewalt verhindern, damit das Verhängnis sich nicht weiter ausbreiten kann …

Der Spuk-Bunker im Geister-Dschungel

„The Guard Post“ ist eine klassische Geistergeschichte im modernen Ambiente. Geschickt wählte der Regisseur und Drehbuchautor einen Schauplatz, der sich dafür förmlich anbietet – eine einsam gelegene, streng isolierte Festung mit unzähligen Gängen und Kavernen: die logische Jetztzeit-Inkarnation des alten Spukschlosses. Flucht ist unmöglich, Hilfe wird nicht rechtzeitig eintreffen. Die Insassen von GP 506 schmoren buchstäblich im eigenen Saft. Das klingt aussichtsreich, doch da gibt es eine Klippe.

Asiatische Filme sind für den westlichen Zuschauer nicht immer eine Freude. Zwar inhaltlich und formal oft innovativ, irritieren sie durch spezielle Darstellungsweisen, die u. a. von den Schauspielern in emotionalen Szenen eine stilisierte, das Gefühl dramatisch und drastisch übertreibende Darbietung fordert. Dies wird durch pathetische Musik gefördert und erzeugt einen Gesamteindruck, der – wieder aus westlicher Sicht – vor allem für einen Horrorfilm tödlich ist: Was das asiatische Publikum ergriffen schlucken lässt, wirkt auf die europäischen Zuschauer lächerlich.

Dass dieser Aspekt zum grundsätzlichen Problem werden kann, bewies beispielsweise der ebenfalls in Südkorea entstandene Horrorstreifen „Gwoemul“ (2006; ‚dt.‘ „The Host“), dessen an sich effektvoll erzählten Geschichte auf diese Weise ein dicker Knüppel ins Getriebe geworfen wurde. Auch Kong Su-chang kann in diesem Punkt seine kulturellen Wurzeln nicht verhehlen, doch er macht es – soviel sei vorgeschickt – besser.

Die doppelte Geistergeschichte

Alfred Hitchcock hätte „The Guard Post“ nicht gefallen. Mit „Stage Fright” (1950; dt. „Die rote Lola“) hatte er es gewagt, die Zuschauer mit einer Rückblende zu konfrontieren, die sich als Lüge erwies – und war auf die Nase gefallen. Das ist kaum verwunderlich, denn es ist so einfach, das Publikum auf diese Weise zu täuschen, dass es sich stillschweigend darauf verlässt, von einem zuverlässigen Regisseur nicht mit einem solchen Trick abgespeist zu werden.

Kong Su-chang muss diese Lektion erst lernen. Die Hälfte der Filmhandlung besteht aus Rückblenden. Sie reflektieren, was Ermittler Noh nach und nach in Erfahrung bringt. Auf diesem Niveau funktionieren die Bilder aus der Vergangenheit gut; der Zuschauer akzeptiert, dass „The Guard Post“ ein Puzzle ist, das erst allmählich zusammengesetzt wird. Vergangenheit und Gegenwart gehen unmerklich ineinander über.

Wäre da nicht die Tatsache, dass Kong ‚lügt‘: Viele Szenen zeigen eine Vergangenheit, die auf falschen Aussagen beruht. Jetzt wird es verwirrend, denn der Regisseur öffnet eine dritte Erzählebene: Die ‚falsche‘ Vergangenheit wird korrigiert und läuft noch einmal ab. Hier heißt es sehr aufmerksam zu bleiben, um den Faden nicht zu verlieren. Der Einsatz lohnt nur bedingt, denn diese Passagen sind es, die dem Film sein Tempo rauben und die Geschehnisse unnötig in die Länge ziehen.

Die Methoden der Schreckens

Obwohl „The Guard Post“ ein Film mit niedrigem Budget ist, macht sich dies nie negativ bemerkbar. Kong ist ein Profi, der weiß, wie er im Rahmen seiner Möglichkeiten das Optimale erreicht. Seine Regie ist nicht innovativ aber effektiv. Licht und Schatten werden einfallsreich eingesetzt; sie unterstützen ein Grauen, das ganz klassisch die Dunkelheit vorzieht. Was man nicht oder nur schlecht sehen kann, wirkt erst recht erschreckend. Im Labyrinth der Grenzstation erweist sich einmal mehr, wie eindrucksvoll diese Erkenntnis umgesetzt werden kann.

Was die Spezialeffekte angeht, verdient Regisseur Kong ein weiteres Lob. Obwohl er mit Blut, Eiter und Hirnmasse nie geizt, ist „The Guard Post“ kein Splatter. Kong ist konsequent; eine Haltung, die das Mainstream-Kino oft vernachlässigt: Die Geschichte, die hier erzählt wird, benötigt drastische Effekte. Also werden sie geliefert, ihre Qualität ist makellos, aber sie wirken nie übertrieben. Wenn Menschen mit Lastwagen überfahren oder mit Schnellfeuergewehren beschossen werden, hat das auf Köpfe und Leiber gewisse Auswirkungen …

Die Ruhe vor dem Sturm

Beglückwünschen darf sich Kong für die Wahl des Schauspielers Chun Ho-jin. Er ist rundum überzeugend in der Hauptrolle des Noh Seong-gyu. Nicht nur äußerlich fällt die Ähnlichkeit zum US-Kollegen William Petersen auf. Auch in seiner ruhigen oder besser beherrschten, einen vielschichtigen Charakter verbergenden Darstellung wirkt Chun wie der koreanische Bruder von Gil Grissom. Wie dieser ist er ein Eigenbrötler und Querdenker, was in einem militärischen Umfeld für gefährliche Spannungen sorgt, die Noh um der Wahrheitsfindung willen jedoch in Kauf nimmt.

Auf die Supertechnik des „CSI“-Labors muss Noh freilich verzichten. Er habe einige gerichtsmedizinische Seminare besucht, teilt er dem Doktor mit, der ihn aber dennoch zum Tragen von Gummihandschuhen überreden muss, nachdem er Noh dabei entdeckt, wie er blutige und verwesende Leichen mit bloßen Händen untersucht. Mit Nachdenken und Geduld nähert sich Noh der Lösung; ein deutlicher Kontrast zu den Soldaten, in deren Gesellschaft er sich bewegt und zu denen er nominell gehört. Sie wurden gedrillt zu agieren, was in der Ausnahmesituation, in der sie sich in GP 506 wiederfinden, in blinden und selbstmörderischen Aktionismus ausartet.

Das verhängnisvolle letzte Drittel

Das Soldatenleben ist nirgendwo auf der Welt ein Zuckerschlecken. In der südkoreanischen Armee ist es offensichtlich besonders hart. Regisseur Kong ist kein Freund des Militärs. Kameradschaft lebt in GP 506 nur so lange, wie der Dienst Routine bleibt. Die Disziplin ist streng, die interne Hackordnung brutal. Was eine kampfstarke Gemeinschaft hervorbringen soll, erweist sich in der Krise als nutzlos. Blindlings schießen die Männer in die Schatten, aber noch lieber wollen sie flüchten.

Unter ihren Vorgesetzen finden die Soldaten keine Vorbilder. Der Kommandant des Grenzpostens entpuppt sich als vom Generalsvater protegierter, konfliktscheuer Jasager, dem die Karriere über das Wohl seiner Männer geht. Aus dem Hauptquartier hört man nur Funksprüche, die das Funktionieren von GP 506 fordern. Der Doktor, ein Intellektueller, hat innerlich längst gekündigt und verhält sich entsprechend lustlos.

Leider hält Kong diesen Wirklichkeitsnähe nicht bis ins Finale durch. Im letzten Drittel wird es doch pathetisch. Nachdem das Rätsel hinter den grausigen Toden gelöst ist, hört „The Guard Post“ noch längst nicht auf. Aus dem Gruselfilm wird ein Soldatendrama um Pflicht und Verrat. Entsprechende Reden werden gehalten, und als das nicht fruchtet, schießen Helden und Feiglinge in Zeitlupe und musikalisch untermalt aufeinander, bis Blut und Fleischfetzen in aller Richtungen spritzen, und halten dennoch die Abzüge wacker weiter durchgedrückt.

Das Ende selbst hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck, weil die asiatische Mentalität hier eine unschöne Nähe zu einem angeblich typisch deutschen Wesenszug aufweist: Es nicht darum, das Problem GP 506 zu lösen und die Überlebenden in Sicherheit zu bringen. Noh will nur das Problem lösen und sieht Überlebende dabei ausdrücklich nicht vor: Der vordergründig heldenhafte Tod im Dienst des Volkes sorgt für das Ende der Bedrohung. Dass die vom Grauen infizierten Menschen nicht sterben wollten, disqualifiziert sie noch im Tod als Feiglinge ab.

Dieses letzte Drittel fügt dem ansonsten günstigen Gesamteindruck großen Schaden zu, wobei man diese Aussage vor der Prämisse sehen muss, dass „The Guard Post“ ein Film ist, der anfangs sehr viel verspricht und dies zunächst erfüllt. Ungeachtet der  Fehler ist dies trotzdem ein interessanter und unterhaltsamer Film. Er reicht nicht an „R-Point“ heran, mit dem Kong Su-chang 2004 schon einmal einen Horrorfilm im Militärmilieu inszenierte. Das Anschauen lohnt sich dennoch, bevor uns Hollywood erneut unter einer Flut drittklassiger Fortsetzungen und Remakes begräbt …

DVD-Features

Gleich 3 Trailer stimmen auf den Hauptfilm ein. Verheißungsvoller sind die Features, die fast eine Stunde laufen und über verschiedene Aspekte der Dreharbeiten in und um Seoul informieren. Zu einem „Making Of”, das primär Impressionen von den Arbeiten vor und hinter der Kamera zeigt, kommen Kurzberichte über den Aufbau der Wachstation GP 506 (deren überirdische Bauten im Maßstab 1 : 1 als Komplettkulisse errichtet wurden, während die ausgedehnten inneren und unterirdischen Einrichtungen mit bemerkenswerter Detailtreue im Studio entstanden) sowie die Entstehung der Spezialeffekte; bei der Sichtung dieser Featurette würden US-amerikanische Filmemacher vermutlich in helles Entsetzen ausbrechen, da sich die koreanischen Schauspieler unerschrocken ins explosive Getümmel stürzen und dabei nicht ohne Blessuren bleiben.

Die Freude über solche Hintergrundinfos hält sich indes in Grenzen, da die Features weder übersetzt noch untertitelt wurden. Der koreanischen Sprache dürften nur wenige deutsche Zuschauer mächtig sein. So muss man sich zusammenreimen, was einem da gerade vermittelt werden könnte. In der Regel klappt das, doch wenn sich Crewmitglieder und Darsteller im Interview äußern, muss man passen …

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The Guard Post – Der Feind ist die Dunkelheit
Originaltitel: GP 506 (Süd-Korea 2008)
Regie: Kong Su-chang
Drehbuch: Kong Su-chang u. Pil Yeong-woo
Kamera: Kim Seong-hwan
Schnitt: Shin Min-kyung
Musik: Choi Seung-hyun
Darsteller: Chun Ho-jin (Sergeant Major Noh Seong-gyu), Cho Hyun-jae (Lieutenant Yoo Jeong-woo), Lee Young-hoon (Doktor), Lee Jeong-heon (Corporal Kang Jin-won), Do Byeong-Cheol, Choi Kyoo-Hwan, Jo Jin-woong, Kim Byeong-cheol, Koo Seong-Hwan, Lee Cheol-hee, Moon Jae-won, Park Hyeong-jae, Park Won-sang, Shin Hyeong-tak, Son Byung-ho, Yang Gi-won, Yeo Min-gyu u. a.
Label/Vertrieb: Splendid Entertainment
Erscheinungsdatum: 30.01.2009 (Kauf-DVD)
EAN: 4260034632127 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1 anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Koreanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 120 min.
FSK: 18

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