HallowWissenschaftler Adam soll einen irischen Urwald auf seine Holznutzbarkeit untersuchen. Dabei stört er uralte Kreaturen, die ihn und Gattin Claire jagen, weil sie es auf Baby Finn abgesehen haben … – Sehr klassische Gruselgeschichte, die weniger durch eine originelle Handlung als durch ‚altmodische‘ aber gute Monster-Effekte und eine stimmungsvolle Wald-Szenerie besticht: gute Unterhaltung ohne Langzeitgedächtnis-Haftung.

Das geschieht:

In einem seit Urzeiten von Menschen kaum betretenen Winkel will ein Geschäftsmann einen ganzen Wald fällen lassen. Da dies heutzutage mit lästigen Auflagen verbunden ist, schickt er zuvor den Biologen Adam Hitchens aus, der sich die Bäume anschauen und auf potenzielle Krankheiten untersuchen soll. Mit Gattin Claire und Baby Finn lässt sich Adam in einem uralten Haus am Waldrand nieder.

Die Dorfbevölkerung lehnt das Fäll-Projekt ab. Vor allem Colm Donnelly lässt sich immer wieder bei den Hitchens blicken; er gilt als wunderlich, seit vor Jahren seine kleine Tochter spurlos im Wald verschwand. Nach Ansicht des untröstlichen Vaters wurde Cora von den „Hallow“ geschnappt. Diese uralten Elfen oder Kobolde hausen im Wald und greifen sich gern Menschenkinder, die sie in ihre knorrige Sippe eingliedern.

An solchen Humbug mag Adam natürlich nicht glauben. Deshalb tappt er den Wesen in die Falle, als er einen in seinen Augen faszinierenden Pilzschleim untersucht, den er auf einem Hirschkadaver entdeckt. Dieser Pilz steht im Dienst der Hallow; er infiziert Adam und beginnt die Kontrolle über sein Hirn zu übernehmen. Gleichzeitig nehmen die Hallow selbst die kleine Familie in die Zange, denn sie haben es auf Finn abgesehen.

Leider hat Claire jene Eisenstäbe vor den Fenstern entfernt, die bisher die Hallow fernhielten. Nun können sie ins Haus eindringen. Da dieses weit entfernt vom Dorf steht, bekommt man dort davon nichts mit; ohnehin würde man den dummen Fremdlingen, die ihr Schicksal herausgefordert haben, nicht zur Hilfe eilen. Deshalb sind Adam und Claire auf sich gestellt.

Während die Attacken der Hallow immer intensiver werden, muss Adam dem Parasiten in seinem Hirn Tribut zollen. Auch körperlich beginnt er sich zu verändern, sodass Claire zu ihrem Entsetzen gegen einen neuen Feind im eigenen Haus antreten muss …

Altes Volk & globalisierte Gegenwart

Tiefe, schier undurchdringliche Wälder bedeckten lange die meisten Landstriche Europas. In der Nacht herrschte dort eine Dunkelheit, die sich der Mensch der kunstlichtdurchfluteten Gegenwart nicht mehr vorstellen kann. Außerdem lebten in diesen Wäldern Tiere wie Wölfe und Bären, die dem Menschen buchstäblich ans Leder gehen konnten. Schließlich bot das Dickicht auch Räubern u. a. zwielichtigen Zeitgenossen einen Unterschlupf.

Zu den realen Gefahren addierten sich die Ausgeburten eines quicklebendigen Aberglaubens. Was man nur hören oder aus den Augenwinkeln erblicken konnte, war nach Ansicht ohnehin nervöser Anwohner höchst verdächtig: In einer Welt, die offiziell von bösen Geistern und anderen gottlosen Unholden bevölkert war, ging man davon aus, dass diese im Unterholz lauerten, wo sie unvorsichtige Wanderer in die Irre lockten, packten und fraßen (Männer) bzw. in ihre Schlupfwinkel verschleppten, wo ein unausgesprochenes – allerdings wusste jede/r Bescheid – aber deshalb umso grässliches Schicksal erwartete (Frauen).

Die Aufklärung sorgte im Laufe des 18. Jahrhunderts für das allmähliche Schwinden solcher Vorstellungen. Gleichzeitig wurden die Wälder als Nutzflächen entdeckt. Holz war ein begehrter Rohstoff. Die moderne Industrie scherte sich nicht um Kobolde, Feen oder Geister, die durch Wälder spukten, deren Wert sich in Zahlen = Geld bemessen ließ. Sie fanden ihr Refugium in der Unterhaltungsliteratur, denn plötzlich sehnten sich jene, die sich ein, zwei Generationen zuvor noch vor ihnen gefürchtet hätten, nach einer ‚einfacheren‘, romantischen Vergangenheit, die nicht durch Naturwissenschaft und Technik ihrer Geheimnisse entkleidet wurde.

Die Sehnsucht nach dem ungefährlichen Grusel

Diese Sehnsucht zieht sich durch sämtliche seither entwickelten Unterhaltungsmedien bis in die Gegenwart fort. Also lassen wir uns gern Furcht einjagen, solange uns eine Monitorscheibe vor den entfesselten Mythen-Monstern trennt und diese stattdessen Stellvertreter = Schauspieler piesacken. Dieses Mal trifft es die klassische Kleinfamilie aus Vater, Mutter und Kind bzw. Baby, das besondere Unschuld sowie Verletzlichkeit symbolisiert, weil es auf die Eltern angewiesen ist, den Verfolgern nicht selbst entfliehen kann und diese traditionell durch Quäken oder Weinen im unpassenden Moment aber spannungsfördernd anlockt.

Als Schauplatz wählte sich Regisseur Corin Hardy, der auch am Drehbuch mitschrieb, den ‚idealen‘ Urwald, den es auch in Schottland faktisch nicht oder kaum noch gibt. Deshalb musste Kameramann Martijn Van Broekhuizen sein Arbeitsinstrument geschickt platzieren, während dahinter das Team für Spezialeffekte eine ganze Batterie Nebelmaschinen anwarf. Auch nächtliche Dunkelheit sorgt für bedrohliche Urwüchsigkeit. Trotzdem bleiben mehr als genug Momente, in denen Adam und seine Familie eher durch eine Jungbaum-Schonung als durch einen Urwald irren.

Den Wald bevölkert Hardy recht zahlreich mit den „Hallow“, die angeblich menschenscheu aber trotzdem nicht zimperlich sind, als sie in der zweiten Filmhälfte das Hitchens-Haus belagern. Sie lassen sich sehr wohl sehen (und als Darsteller in Gummi- und Latexmasken identifizieren) und sind außerdem gut bei Stimme; jedenfalls wirkt es befremdlich, dass sie noch nie außerhalb des angrenzenden Dorfes aufgefallen sind.

Moral, Familiensinn & Verfolgungsjagden

Wie es sich auch im modernen Horrorfilm gehört, wird ein gesichtslos globalisierter, gleichgültig geldgieriger Großkonzern zum Auslöser der Ereignisse: Er hat den Urwald gekauft und will ihn abholzen lassen, wodurch die Hallow ihre Heimat verlieren werden. Der ebenfalls horrorfilmtypische Epilog zeigt, dass diese offenbar nicht so zivilisations- und weltfremd wie gedacht sind, eine neue Bleibe finden sowie Colin Hardy die Chance bieten werden, seinem Spielfilmdebüt eine Fortsetzung folgen zu lassen.

Hoffentlich wird er sich dann eine Story ausdenken, die nicht ausschließlich Handlungsroutinen abarbeitet. „The Hallow“ ist vor allem ein Film der schaurig schönen Bilder. Nicht grundlos wurde Van Broekhuizen als Kameramann engagiert; er war dem Regisseur durch sein Talent aufgefallen, trotz Dunkelheit eindrucksvolle Bilder aufzuzeichnen. Da „The Hallow“ nicht auf klassischem Zelluloid verewigt, sondern mit einer Digital-Kamera aufgenommen wurde, ließen sich Spezialeffekte nachträglich leichter integrieren. Auf diese Weise konnten vor allem allzu ‚menschliche‘ Merkmale der maskierten Hallow-Darsteller kaschiert werden.

Nichtsdestotrotz bietet das Geschehen keine Überraschungen. Selbst wer nur wenige Horrorfilme gesehen hat, dürfte der Handlung im Halbschlaf folgen können. Da haben wir die isolierte Kleinfamilie, die nicht nur von finsteren Kreaturen verfolgt, sondern auch von feindseligen Nachbarn bedrängt wird. (Trotzdem müssen sich Adam und Claire allzu ausgiebig der Illusion hingeben, der düstere Colm Donnelly stecke hinter der nächtlichen Heimsuchung. Der frustrierte Zuschauer weiß es längst besser, da Hardy nur bedingt subtil auf ‚Andeutungen‘ gesetzt hat.) Langsam mehren sich die Vorzeichen auf Übernatürliches, bis die Hallow endlich auftauchen. Anschließend beginnt eine Verfolgungsjagd, die höchstens durch die Tatsache, dass Adam sich allmählich in einen Hallow verwandelt, für Überraschungen sorgen kann.

Einfälle oder faule Tricks?

Aber lassen wir Gerechtigkeit walten: Für zuschauerliches Rätseln sorgt auch die Frage, ob es sich bei dem von Claire von den Hallow geretteten Finn wirklich um ihr Kind oder um einen Wechselbalg handelt, der ihr heimtückisch untergeschoben wurde. Adam ist davon überzeugt, doch kann man ihm glauben, nachdem er von den Hallow mit einem Schleimpilz infiziert wurde, der sein Hirn in ihrem Sinn beeinflusst?

Hardy versucht, die Legende vom „Anderen Volk“ quasi biologisch zu ‚begründen‘. Das ist grundsätzlich überflüssig; wie sich herausstellt, benötigen die Hallow keine Ursprungserklärung. Es reicht, dass es sie – für diesen Film – gibt. Ansonsten belegen sie vor allem Hardys Liebe zu Filmen wie „El laberinto del fauno“ (2006; dt. „Pans Labyrinth“). Auch „Alien“ (1979, dt. „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“) und „The Evil Dead“ (1981; dt. „Tanz der Teufel“) nennt Hardy als Vorbild. Das ehrt ihn, setzt ihn aber auch unter Druck, denn das schmale Budget ermöglichte trotz digitaler Unterstützung nur eine begrenzte Glaubwürdigkeit. Die Hallow sind zumindest für den hartgesottenen Grusel-Fan nicht wirklich furchteinflößend. Sie gleichen Lebkuchen-Figuren, die zu lange im Backofen gelegen haben, unglücklichen Topfpflanzen, die man nie gegossen hat, oder – noch schlimmer – der Comic-Figur „Swamp Thing“. Hardy betont (in einem der Features) sein Bemühen, die evolutionäre Nähe zwischen den Hallow und ‚ihrem‘ Urwald zu unterstreichen.

Der Erfolg hält sich in Grenzen: Steckt man Menschen in Kostüme, lassen sich Wurzel- und Pilzgestalten nur bedingt überzeugend darstellen. Hardy war immerhin klug genug, auf reine CGI-Hallow zu verzichten. Ungeachtet der ‚Menschlichkeit‘ seiner Waldgesellen können diese mit den Schauspielern interagieren und sich durch die Waldkulisse bewegen. Das macht viel von ihrer Künstlichkeit wett.

Löwenmutter gegen Kindsräuber

Ebenfalls zur Unterfütterung seiner Hallow-Biologie bedient sich Hardy jener alten Sage, dass sich das „Alte Volk“ Menschenkinder fängt, um dadurch seine genetische Schwäche auszugleichen. Damit ist dem Kampf Mensch gegen Hallow eine elementare Ebene gegeben, denn verständlicherweise stemmen sich die jungen Eltern Adam und Claire gegen entsprechende Pläne. Vor allem Claire wächst zur typischen Löwenmutter über sich hinaus, nachdem sie auf Adams Unterstützung verzichten muss: Dieser wird wie schon erwähnt dramatisch vom Hallow-Pilz infiziert und von jener Kollektiv-Intelligenz, die diese offenbar steuert, nach und nach vereinnahmt.

Für ein zusätzliches Moment der Spannung sorgt Hardy, indem er sein Publikum im Ungewissen darüber belässt, ob Claire mit dem gekidnappten und scheinbar ‚geretteten‘ Finn oder mit einem von den Hallow untergeschobenen Wechselbalg durch den Wald flüchtet. Die Antwort auf diese Frage erklärt womöglich auch, wieso geländegängige und nachtsichtige Hallow Claire im Nacken sitzen und sie trotzdem nicht erwischen.

Die beiden Hauptdarsteller Joseph Mawle und Bojana Novakovic leisten gute Arbeit als Ehe- und Elternpaar Hitchens. Er genießt u. a. dank einer Rolle im TV-Epos „Game of Thrones“ (und aufgrund seiner unverwechselbaren Physiognomie) einen gewissen Ruhm, sie spielte zuletzt in der erfolgreichen Serie „Shameless – Nicht ganz nüchtern“ mit. Beide sind sie (B-) Film- und Fernseh-Veteranen und auch deshalb in der Lage, gute Arbeit trotz Zeit- und Geldmangel zu liefern. Dass trotzdem nur schön gefilmte Grusel-Konventionen (plus lächerlicher Schock-Coda) dabei herauskamen, liegt nicht in ihrer Verantwortung. (Das gilt auch für einige wirkliche schmerzhaft Drehbuch-Ofenschüsse: Welche Eltern würden in einem von Monstern durchstreiften Haus ihr Kind in einem Schrank einschließen und dort in Sicherheit wiegen?) Auch Corin Hardy möchte und kann man nicht wirklich böse sein: Unterhaltsam ist seine Schauermär allemal, und Potenzial für Besseres lässt sich ebenfalls erkennen.

DVD-Features

Wieder einmal entpuppen sich die ‚Extras‘ als Mogelpackung. Faktisch wurde ein übliches „Making of“ in minutenkurze Häppchen zerhäckselt und mit Werbung durchsetzt. Vor allem Regisseur Hardy erzählt in „Influence“ von den Vorbildern, die ihn zu „The Hallow“ inspirierten. „Creating The Hallow“ und „Practical FX“ ermöglichen ähnlich kurze Blicke hinter die Kamera, denen frustrierend lange und informationsarme Szenen aus dem fertigen Film eingeschnitten wurden, die an dieser Stelle wenig interessieren. Darüber hinaus gibt es zwei Trailer.

Die für den Hauptfilm lächerliche Beschränkung „FSK 18“ resultiert übrigens einmal mehr aus einer entsprechenden Einstufung der aufgespielten Trailer für andere Filme: ein beliebter Label-Trick, um Horror-Fans eisenharte Kopf-ab-Kost vorzugaukeln.

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The Hallow
Originaltitel: The Hallow (GB/Irland 2015)
Regie: Corin Hardy
Drehbuch: Corin Hardy u. Felipe Marino
Kamera: Martijn Van Broekhuizen
Schnitt: Nick Emerson
Musik: James Gosling
Darsteller: Joseph Mawle (Adam Hitchens), Bojana Novakovic (Claire Hitchens), Michael McElhatton (Colm Donnelly), Michael Smiley (Polizist), Charlotte Williams (Cora), Luc Walsh (Finn), Conor Craig Stephens, Joss Wyre, Sean Tyrell, James Meryk (Kreaturen), Padraig Mac Cathmhaoil, Seamus Mac Cathmhaoil, Ryan Thorntan, Padraig Feeney (Gesindel) u. a.
Label: MFA+
Vertrieb: Alive
Erscheinungsdatum: 24.03.2016
EAN: 4260456580068 (DVD)/4260456580075 (Blu-ray)/4260456580082 (3D-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 97 min. (Blu-ray: 101 min.)
FSK: 18

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