The House at the End of Time

Originaltitel: La casa del fin de los tiempos (Venezuela 2013)
Regie u. Drehbuch: Alejandro Hidalgo
Kamera: Cezary Jaworski
Schnitt: Miguel Ángel García, Judilam Goncalves u. Alejandro Hidalgo
Musik: Yoncarlos Medina
Darsteller: Ruddy Rodríguez (Dulce), Gonzalo Cubero (Juan José), Rosmel Bustamante (Leopoldo), Héctor Mercado (Rodrigo), Guillermo García Alvarado (Priester), Yucemar Morales (Saraí), Efraín Romero (Mario), José León (Anciano), José León (alter Mann), Miguel Flores (Inspektor), Alexander Da Silva, Guillermo Lodoño (dumme Polizisten) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 20.02.2015
EAN: 0888750285690 (DVD)/0888750285799 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Spanisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 97 min. (Blu-ray: 101 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

El Paraíso gehört nicht zu den prominenten Vierteln von Caracas, Hauptstadt des südamerikanischen Landes Venezuela. Hier leben im Jahre 1981 Dulce und Juan José unglücklich verheiratet mit ihren Söhnen Leopoldo und Rodrigo in einem großen, alten Haus, das ihnen die Stadt verdächtig preisgünstig überlassen hat. Die Familie weiß jedenfalls nicht, dass bereits zweimal und im Abstand von genau dreißig Jahren sämtliche Bewohner spurlos verschwunden sind.

Nun ist es wieder soweit, und in der Tat beginnt es mächtig zu spuken in dem baufälligen Gebäude. Eine alte Frau geistert durch die Räume, doch die Polizei glaubt Dulce nicht. Leopoldo hat der Geist allerdings eine Botschaft an Dulce übermittelt, nach der dieser auf keinen Fall mehr mit seinem Bruder spielen darf. Die Warnung kommt zu spät; Rodrigo stirbt bei einem tragischen, von Leopoldo verursachten Unfall. Wenig später muss die Polizei wieder ermitteln: Dulce meldet einen Überfall, bei dem Juan José erstochen und Leopoldo entführt wurde. Da auf dem Messer nur Dulces Fingerabdrücke gefunden werden, sperrt man sie als Doppelmörderin für dreißig Jahre ein, denn Leopoldo wird nie gefunden.

2011 wird Dulce als alte Frau aus dem Gefängnis entlassen. Sie steht weiterhin unter Arrest und muss in das alte Haus zurückkehren, wo sie zwei Polizisten bewachen. Die Nachbarn meiden Dulce, nur ein Priester kümmert sich um sie. Er ist es auch, der die seltsame Geschichte des Hauses recherchiert.

Dulce weiß bereits mehr, denn schon kurz nach ihrer Heimkehr beginnt der Spuk erneut. Allerdings wird sie dieses Mal schlauer: Sie selbst ist der Geist, der 1981 für Angst und Schrecken sorgte. Das Haus erweist sich als Ort, an dem sich alle drei Jahrzehnte die Zeitströme kreuzen. Dulce sieht eine Möglichkeit, die Vergangenheit zu korrigieren. Sie mischt sich aktiv ein – und muss erkennen, dass sie nur Werkzeug einer längst festgeschriebenen Geschichte ist. Die Karten werden freilich neu gemischt, als sich nach der Vergangenheit auch die Zukunft zu Wort meldet …

Das Spiel mit dem Ort

Natürlich liebt man in Venezuela die Phantastik oder den Thriller ebenso wie in anderen Ländern. Man kommt als europäischer Zuschauer angesichts der normalerweise in Kino und Fernsehen gezeigten Filme jedoch leicht zu dem Schluss, dass in Südamerika ausschließlich pädagogisch wertvolles und politisch korrektes (d. h. antiautoritär eingestelltes) Kunst-Kino entsteht, das sich ernsthaft und deshalb nur eingeschränkt unterhaltsam der politischen und sozialen Probleme der Gegenwart annimmt.

So ist es keineswegs, da sich auch der Südamerikaner nach einem harten Tag gern durch eine vor allem spannende Geschichte ablenken lässt. Man sollte der Werbung generell nie Glauben schenken. Deshalb ist  davon auszugehen, dass „The House at the End of Time“ nicht wie behauptet „der erste Mystery-Thriller aus Venezuela“ ist.

Dem widerspricht bereits die professionelle Machart. Inhaltlich wie formal lässt sich „The House …“ wenig zuschulden kommen. Dass man dem Film in Deutschland vorsichtshalber einen (verkaufsförderlichen?) englischen Titel gibt, statt ihn einfach „Das Haus am Ende der Zeit“ zu nennen, ist seinen Schöpfern nicht anzulasten. Ebenfalls erfreulich ist ein lokaler Rahmen, der nicht auf den Exotenbonus setzt und ständig „Venezuela“ schreit, sondern eine Geschichte erzählt, die zufällig in Caracas spielt.

Faktisch bedient sich Drehbuchautor und Regisseur Alejandro Hidalgo quasi internationaler Konventionen. Das alte, unübersichtliche, verschachtelte, allzu großzügig unterkellerte Haus, in dem ständig der Lichtstrom ausfällt, ist eine Konstante des phantastischen Films. Auch in diesem Fall huscht es meist an Rande eines Sichtfeldes, das von einer flackernden Kerze begrenzt wird. Aus dem Off greifen Geisterarme nach den erschrockenen Figuren, wobei die ansonsten unauffällige Musik (allzu gern) abrupt und dramatisch anschwillt.

Das Spiel mit der Zeit

Für klassische Gruselspannung ist also gesorgt. Tatsächlich beginnt der Zuschauer bald zu argwöhnen, dass sich die Geschichte in handwerklich sauber präsentierten Routinen erschöpft. Man könnte zufrieden sein, hätte dann aber nur einen x-beliebigen Spuk-Film gesehen und umgehend wieder vergessen. Aber Hidalgo will und kann mehr. Spätestens in der zweiten Hälfte wird deutlich, dass sowohl die ausführliche Einleitung als auch scheinbar unwichtige Nebenstränge durchaus handlungsrelevant sind.

„The House …“ ist ein Film auf drei Ebenen, die mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft identisch sind. 1981 mischt sich mit 2011, und schließlich kommt noch 2071 hinzu. Was das Haus letztlich darstellt, wird nie wirklich aufgelöst; es ist auch nicht wichtig. Hidalgo hätte sich die Vorgeschichte vom Freimaurer, der das Haus an einem magischen Ort errichtete, sparen können. Die eigentliche Geschichte benötigt keine Erklärungen. Sie funktioniert so gut, dass sie für sich selbst stehen kann.

Dies liegt auch an den intensiven Figurenzeichnungen. Hidalgo sorgt dafür, dass uns Dulce, ihre Familie und deren Freunde nicht unbedingt sympathisch sind. Dafür nehmen wir sie als Personen wahr. Die Ehe von Dulce und Juan José ist am Ende, sie hütet außerdem ein Geheimnis, das ihn zu Recht in Rage bringt, als er es entdeckt. Das Geld ist knapp, die Kinder sind – gelinde ausgedrückt – anstrengend, und das Haus ist eine bessere Ruine, das außer unendlichem Raum wenig Heimeligkeit bietet.

Das Spiel mit der Realität

Hidalgo suchte und fand seine Darsteller im heimischen Film- und Fernseh-Umfeld. Die Schauspieler sind primär in Südamerika tätig, obwohl Ruddy Rodriguez ihr Debüt 1987 als Bond-Girl in „The Living Daylights“ (dt. „Der Hauch des Todes“) gab. Als vom Leben und ihrer Ehe enttäuschte, vorzeitig gealterte Löwenmutter und später gebrochene Langzeit-Gefangene gibt sie eine eindrucksvolle Vorstellung, auch wenn die Maske der gealterten Dulce von 2011 nicht überzeugen kann.

Gonzalo Cubero ist Juan José, der keine Chance mehr hat, es seiner immer noch geliebten Ehefrau recht zu machen. Als er schließlich entdecken muss, dass ihm Dulce ein Kuckuckskind untergeschoben hat, ist es mit seiner demütigen Selbstkritik vorbei. Juan José wird zur Nemesis, an dessen mörderischen Wutausbruch sich die temporalen Irritationen der Jahre 1981 und 2011 entzünden.

Interessant ist die Entwicklung der beiden Kinderfiguren. Vor allem Rosmel Bustamante als Leopoldo ärgert zunächst als Prototyp des hyperaktiven Lästlings, der zudem mit einer schauerlichen Wischmopp-Frisur geschlagen ist. Nach und nach gibt Hidalgo jedoch Erklärungen für Leopoldos Verhalten. Auch zunächst irritierende Aktionen ergeben dadurch letztlich einen Sinn.

Eine gelungene Überraschung ist die Aufdeckung der wahren Identität des Priesters. Zuvor schien dieser ein simpler Gutmensch zu sein, den selbst die alte Dulce als solchen verspottete. Wiederum gilt es, sich der Nebensächlichkeiten zu erinnern, mit denen Hidalgo die erste Handlungshälfte anreichert.

Das Spiel mit der Erwartung

Der Plot bietet bei nüchterner Betrachtung keine Überraschungen. Schon die Ereignisse von 1981 lassen ahnen, worauf die Geschichte hinausläuft. Wieder einmal ist die Umsetzung der Garant für trotzdem spannende Unterhaltung. Hidalgo weiß die unterschiedlichen Zeitebenen geschickt zu verzahnen. Was uns bei erster Sichtung erschreckt und erstaunt hat, findet in der zweiten Hälfte seine Aufklärung.

Gewagt und nicht wirklich gelungen aber angenehm unerwartet ist die finale Öffnung einer zukünftigen Zeitachse. Das Haus wurde uns als Brennpunkt temporaler Überlappungen vorgestellt. Deshalb ist es logisch, dass sich Besuch aus dem Jahre 2071 ins Geschehen einmischt, denn für das Haus gibt es keine Gegenwart. Sämtliche Zeiten sind gleichzeitig präsent.

Dieser Aspekt ist für die Handlung elementar und wird überzeugend umgesetzt. Der Schwung, mit dem Hidalgo sie vor allem im letzten Drittel vorantreibt, verbirgt diverse Logiklöcher: seit jeher ein untrügliches Indiz für das Geschick eines Filmemachers, dem es gelingt, den Effekt vor die Realität zu stellen.

„The House …“ ist dennoch kein lupenreines Vergnügen. Manchmal holpert das Geschehen voran, hin und wieder laufen Handlungen ins Leere oder gleiten ins Sentimentale ab. Insgesamt hält Hidalgo die Fäden aber fest in der Hand. Es gelingt ihm, sein Publikum in die Irre zu führen. Erwartungen stellen sich ein, sie werden nicht enttäuscht, sondern einfallsreich umgedeutet, sodass „The House …“ nicht nur den üblichen, d. h. dümmlichen Teenie-Horror in den Schatten stellen kann.

DVD-Features

Wer mit „dem ersten Mystery-Thriller aus Venezuela“ (s. o.) protzt, sollte dies mit entsprechendem Hintergrundmaterial untermauern. Stattdessen gibt es nicht einmal Untertitel.

Im Internet existiert diese (englischsprachige) Website.

Kurzinfo für Ungeduldige: Drei Jahrzehnte nach dem Verschwinden ihres Sohnes kehrt Dulce in ihr Haus zurück und muss feststellen, dass die Tragödie von einst noch in vollem Gang und sie Teil des mysteriösen Geschehens ist … – Kein Horrorfilm, sondern ein phantastischer Thriller, der langsam startet, dann jedoch Tritt fasst und eine spannende Geschichte auf mehreren Zeitebenen erzählt: lohnt sich!

[md]

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