The House of the Devil

Originaltitel: The House of the Devil (USA 2009)
Regie, Drehbuch, Schnitt: Ti West
Kamera: Eliot Rockett
Musik: Jeff Grace
Darsteller: Jocelin Donahue (Samantha), Tom Noonan (Mr. Ulman), Mary Woronov (Mrs. Ulman), Greta Gerwig (Megan), AJ Bowen (Victor Ulman), Dee Wallace (Vermieterin), Heather Robb (Schlampe Heather), Darryl Nau (Heathers Stecher), Danielle Noe (Dämon) u. a.
Label: Al!ve
Vertrieb: Busch Production
Erscheinungsdatum: 29.01.2010 (DVD/Blu-ray)
EAN: 4260080321150 (DVD) bzw. 4260080321167 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 91 min. (Blu-ray: 93 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Studentin Samantha braucht Geld, um sich die gerade angemietete Wohnung leisten zu können. Sie nimmt deshalb das Angebot des wenig vertrauenerweckenden Mr. Ulman an, der angeblich einen Babysitter sucht und verdächtig gut zahlen will; dies findet jedenfalls Megan, Samanthas bodenständige Freundin, die sie nichtsdestotrotz zum Ulman-Anwesen fährt, das – natürlich – einsam und abgelegen in den Wäldern des US-Staates Connecticut liegt.

Dort eröffnet ihr Ulman, dass er eigentlich jemanden sucht, der auf seine gebrechliche Schwiegermutter achtgibt. Nachdem er den Lohn noch einmal erhöht hat, knickt Samantha ein und bleibt. Die misstrauische Megan soll sie in der Nacht abholen; leider macht ihr Victor, der Sohn des Hauses, per Revolverschuss einen Strich durch die Rechnung.

Ahnungslos schaut sich Samantha derweil in dem unheimlichen aber vornehmen Haus um. Es ist alt, sodass seltsame Geräusche, die wie verzerrte Stimmen klingen, sicher Einbildung sind, beruhigt die junge Frau sich selbst, wobei sie freilich wenig erfolgreich bleibt. In der Tat durften wir Zuschauer schon hinter eine Samantha verschlossene Tür blicken, wo drei verstümmelte Leichen in einem Pentagramm liegen: In diesem Haus wird Teufelsanbetung praktiziert!

Recht unverhohlen haben uns Drehbuchautor und Regisseur darüber in Kenntnis gesetzt, dass Samantha zwar hübsch aber noch Jungfrau ist, was sie zum idealen Gefäß für Satans Brut macht. Die soll ihr um Mitternacht in den Unterleib gepflanzt werden, denn siehe da, dies ist die Nacht einer totalen Mondfinsternis, die solche finsteren Pläne möglich macht. Selbstverständlich sind Mr. und Mrs. Ulman sowie Victor Satans treue Schergen, sodass es  übel für die arme Samantha aussieht …

Another Hauting in Connecticut

Ti West ist nicht nur ein Freund des Horrorfilms, sondern ein Jünger. Das schließt die bedingungslose Verehrung des harten, schmutzigen, von der Zensur noch weitgehend unbeachteten Grusels ein, der in den 1970er und 80er Jahren über Leinwände und – per Videokassette befeuert – Bildschirme flimmerte. „Amityville Horror“ (1979), „The Sentinel“ (1977; dt. „Hexensabbat“), „Rosemary’s Baby“ (1968) bzw. Polanskis weniger inspirierte Epigonen: Dies sind nur einige der Film-Vorbilder, derer sich West weniger ehrfürchtig als dreist bedient. Die Entscheidung bleibt dem Zuschauer, dessen Langmut indes – so viel sei vorweggenommen – nach 90-minütigem Durchstehen des hier vorgestellten Streifens allzu stark in Anspruch genommen wurde.

Leider geht West die Form definitiv über den Inhalt. Er hat sich handwerklich schlau gemacht, dies sei ihm zugestanden: „The House of the Devil“ wirkt in der Tat wie ein typischer Horrorfilm der Stonewashed-Jeans-Ära, den der Zufall in einem Archiv vergrub, aus dem er erst drei Jahrzehnte später geborgen wurde. Um diesen Effekt zu erreichen:

– drehte West auf 16mm-Filmmaterial, was dem Bild die zeitgenössische Körnigkeit und Farbschwäche verleiht;
– ließ er Vor- und Abspann in gelben Klotz-Buchstaben setzen, wie es damals üblich war, und setzte ausrangierte Filmtechniken wie den ruckartigen Nah-Zoom ein;
– behauptete er, eine Geschichte „nach wahren Begebenheiten“ zu erzählen, ohne dass sich Beweise dafür finden lassen;
– steckte er seine Darsteller in die Kleidung der genannten Ära, verpasste seinen Hauptdarstellerinnen die entsprechenden Feder-Fönfrisuren und trieb zwei Volvos und einen Mercedes der Baujahre um 1980 auf;
– heuerte er drei Darsteller aus (Trash)-Horror-Klassikern der Vergangenheit an: Tom Noonan („Wolfen“, 1981), Mary Woronov („Seizure“, 1974; dt. „Die Herrscherin des Bösen“, „Death Race 2000“, 1975; dt. „Frankensteins Todesrennen) und Dee Wallace („Cujo“, 1983, „Critters“, 1986).

Eine Story kann nicht schaden!

Mit der Beschaffung der genannten Ingredienzien sowie in der Dreifachfunktion als Drehbuchautor, Regisseur und Cutter offenbar ausgelastet (einen Mini-Auftritt in seinem Film konnte sich der Meister ebenfalls nicht verkneifen), verlor West ein wenig den Überblick. Die Horrorfilme der von ihm heraufbeschworenen Vergangenheit waren und sind auch deshalb so beliebt, weil sie Geschichten erzählen. Diese mögen krude oder simpel sein – meist trifft beides zu –, doch sie sind außerdem unterhaltsam, schnell und spannend; sämtlich Eigenschaften, die im „House of the Devil“ durch Abwesenheit glänzen.

West steht noch am Beginn einer (möglichen) Filmlaufbahn. „The House“ ist nicht sein Debüt, doch hat er das Handwerk mit Vorgänger-Projekten wie „The Roost“ (2005) oder „Trigger Man“ (2007; dt. „Trigger Man – Der Scharfschütze“) nicht gerade genial verinnerlicht (oder weiterentwickelt; siehe „Cabin Fever 2: Spring Fever“, 2009). Seinem Spieltrieb frönte er bereits in „The Roost“, einem Pseudo-Splatter in schwarzweißen Bildern. Daraus hätte er lernen können – und müssen:

– dass man einen Film nicht umständlich mit langen Sequenzen einleitet, die mit dem eigentlichen Geschehen kaum zu tun haben. (Samantha mietet eine Wohnung, in der Pizzeria klagt Samantha der Busenfreundin ihr Leid, Samantha hängt ständig am Telefon, und JEDES MAL müssen wir langwieriges Wählen per Drehscheibe sowie viermaliges Klingeln abwarten, bis sich Freundin Megans Anrufbeantworter meldet.)
– dass es ohne Spannung bleibt, wenn man die Hauptdarstellerin tatenlos eine reale Dreiviertelstunde durch ein zunächst unheimliches aber allmählich langweilig werdendes Haus irren sieht.
– dass durchschnittlich ein Schock-Effekt alle 30 Minuten den Genre-Fan nicht zufriedenstellt, zumal fehlende Action den Zuschauer geradezu zwingt, sich auf die schauspielerischen Fähigkeiten der Darsteller zu konzentrieren, die in diesem Fall nur verlieren können.
– dass der genannte Zuschauer geduldiges Abwarten durch ein grandioses Finalspektakel honoriert sehen möchte, welches hier mangels Budget und/oder Ideen ausfällt und durch einen schon 1980 aalglatt abgegriffenen Schluss-‚Gag‘ (eben nicht) ersetzt wird.

18 Tage hat West angeblich mit seinen Darstellern gedreht. Was haben sie an den 17 1/2 Tagen getrieben, die sie keineswegs vor der Kamera verbracht haben können, wenn man den fertigen Film sichtet?

Jeder Griff geht ins Leere

Die Vergangenheit lässt sich nicht durch das bloße Zitat zeitgenössischer Automobile, Kleider oder Figuren wiederbeleben. Geld und nicht nur das Wissen um, sondern die Liebe zum Detail sind sogar noch wichtiger. Jederzeit ist sich der Zuschauer von „The House“ dessen bewusst, dass Ti Wests Vergangenheit außerhalb des Bildausschnitts schlagartig endet. Wie festgeschweißt steht die Kamera, um ja nicht in die Bereiche außerhalb der karg auf alt getrimmten Szenerien zu geraten. Für die Universität, die Samantha angeblich besucht, bekam man wohl nur in der Ferienzeit eine Drehgenehmigung; jedenfalls sind Hallen und Gänge notorisch studentenfrei. Auf den Faktor Halbschlaf setzt West, wenn er seine Darsteller unter Straßenlaternen zeigt, die eindeutig ins 21. Jahrhundert gehören. Er hatte kein Geld, um sie durch chronologisch korrekte Modelle ersetzen oder wenigstens abmontieren zu lassen.

Aber „The House“ musste ja unbedingt eine Reminiszenz an die Flegeljahre des Horrorfilms sein! Diese sind vorbei, und West ist nicht mutig genug, sie konsequent mit neuem Leben zu füllen. Die ehrwürdige Tradition, dass zumindest die ‚bösen‘ Mädchen mindestens einmal ihre Busen lüften, entstand in den 1970er Jahren. West klammert dieses Element aus. Wie bereits erwähnt, gleicht er dies nicht durch rauen Schrecken aus. Dabei will „The House“ sowohl Splatter als auch Hexensabbat sein. Da ist es dumm, dass dem Budget nur zwei Kopfschüsse, ein ausgedrücktes Auge sowie einige Messer- und Scheren-Schnetzeleien abzuringen waren. Diese wenigen Schock-Momente sind versiert genug in Szene gesetzt, dass der Zuschauer zwischendurch tatsächlich aufwacht.

Sie taten ihr Bestes, aber es war nie genug

Die Darsteller können einem leidtun – nicht, weil sie vom Teufel gejagt werden, sondern weil sie sich bemühen, ihre Rollen mit Leben zu füllen, dabei jedoch von ihrem Drehbuch-Autoren fast durchweg im Stich gelassen werden. Tom Noonan, Mary Woronov und auch AJ Bowen sind routinierte Schauspieler, denen man Talentlosigkeit wahrlich nicht nachsagen kann. Auch hier können sie von Anfang an deutlich machen, dass es unklug ist, einem Ulman zu trauen.

Im gesamten (und nicht nur deshalb sehr lang werdenden) Mittelteil sind sie leider abwesend und überlassen Jocelin Donahue das Feld. Sie bietet in ihren knallengen, offenbar in Bauchnabelhöhe gegürteten Jeans (trug man sie damals wirklich so?) und dem Holzfäller-Hemd eine hübsche Erscheinung, die durch ein apartes, sehr fein geschnittenes Gesicht gekrönt wird, dessen Züge seine Besitzerin allerliebst in Falten und Schnuten zu verziehen versteht.

Ist das – womöglich nach den Standards von 1980 – Schauspielerei? Der Film wirkt jedenfalls nicht kurzweiliger, auch wenn Samantha unter ihrem Walkman zur Musik der Vergangenheit ungelenk aber graziös durch das Haus tanzt, an verschlossenen Türen lauscht oder zum x-ten Mal jemanden anzurufen versucht.

Wenigstens hält sie dabei den Mund. In der deutschen Fassung wurden für „The House“ wieder einmal die vom Rezensenten schon (viel zu) oft schuldig gesprochenen aber eben billigen Dilettanten angeheuert, die ihre Zeilen unter höchstmöglicher Falschbetonung stammeln. Besonders übel erwischt es die arme Greta Gerwig, die in ihrer sympathischen Rolle eigentlich nicht verdient, dass der Zuschauer erleichtert aufatmet, als ihr Schädel nach einem Revolverschuss zerplatzt: Endlich ist sie still!

Der Film dauert jedoch an. Zu bewundern bleibt nur noch die Todesverachtung, mit der sich Jocelin Donahue auf der Flucht vor ihren Dämonen barfuß und nur mit einem Nachthemd ‚bekleidet‘ in die Winternacht stürzt – ein Einsatz, der einen besseren Film verdient hätte. Damit ist wenigstens Donahue mit ihrem verärgerten Publikum quitt.

DVD-Features

Ti West und alle an diesem Film haben es durchaus gut mit dem Zuschauer gemeint. Die Liebe zum verbrochenen Werk wird u. a. durch das reiche Beiwerk zum ärmlichen Hauptfilm deutlich. Hier gibt es nicht nur die Standard-Features wie Trailer und Making- of, sondern gleich zwei Audiokommentare. Einmal äußern sich Ti West und Hauptdarstellerin Jocelin Donahue, dann sind es West, die Produzenten Larry Fessenden und Peter Phok sowie Sound Designer Graham Reznick, die über einen Film fabulieren, den man als Zuschauer viel lieber sehen würde als das überambitionierte aber flachgeistige Pseudo-Remake eines B-Movie-Heulers.

„Behind the Scenes“ wird ein Viertelstündchen unter dem Titel „In the House of the Devil” selbstverständlich auch geschaut. Viel (Interessantes) gibt es dabei allerdings nicht zu sehen, geschweige denn zu hören. Darüber hinaus gibt es drei (Gottseidank!) geschnittene Szenen. So blieben uns die sogar noch endloseren Originalversionen von zwei Telefonate (Samantha bzw. Megan) erspart.

Auch im Internet hält das „Haus des Teufels“ seine Pforten geöffnet.

[md]

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