The Incident

Originaltitel: The Incident [US-Titel: Asylum Blackout] (USA/Frankreich/Belgien 2011)
Regie: Alexandre Courtès
Drehbuch: S. Craig Zahler (u. Jérôme Fansten)
Kamera: Laurent Tangy
Schnitt: Baxter
Musik: Christophe Chassol
Darsteller: Rupert Evans (George), Kenny Doughty (Max), Joseph Kennedy (Ricky), Dave Legeno (J. B.), Richard Brake (Harry Green), Anna Skellern (Lynn), Darren Kent (Pete), Marcus Garvey (William), Pascal Biondolillo (James Harper), Claude Stark (Tim), Nina Newman (Jennifer) u. a.
Label/Vertrieb: Koch Media Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 24.08.2012
EAN: 4020628928841 (DVD) bzw. 4020628928827 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 81 min. (Blu-ray: 83 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Da der Durchbruch der gemeinsamen Rockband weiterhin auf sich warten lässt, verdienen sich die Freunde George, Max und Ricky ihren Lebensunterhalt als Köche. Ihr Arbeitsplatz ist ein Hochsicherheitsgefängnis, in dem ausschließlich psychisch schwer gestörte Kapitalverbrecher einsitzen. Die Anlage irgendwo im Hinterland des US-Staates Washington gleicht deshalb einer Festung, denn Ausbrüche sollen unbedingt verhindert werden.

Doch der unbezwingbar wirkende Bau ist marode, und viel zu wenige Wärter vernachlässigen gelangweilt ihre Pflichten. Selbst dem korrekten J. D. ist deshalb entgangen, dass der charismatische und besonders verrückte Harry Green die Gefangenen aufgewiegelt hat. Sie täuschen die Einnahme ihrer Beruhigungsmittel nur vor und sind hellwach, während sie auf ihre Chance warten. Diese kommt in einer Gewitternacht, als ein Blitz die gesamte Elektronik des Hauses lahmlegt. Während sich sämtliche Ausgänge automatisch verriegeln, versagt die interne Schließanlage. Die Zellentüren springen auf und entlassen die Insassen, die sofort ihren Rache- und Mordgelüsten freie Bahn geben.

Die Wärter sind rasch überwältigt und umgebracht, doch in der Küche haben sich die Köche notdürftig verbarrikadiert. Als man ihr Versteck stürmt, bleibt nur die Flucht ins Innere des Gebäudes. Schlüssel für die Außentüren gibt es in einem bestimmten Büro, doch der Weg dorthin ist weit. Überall lauern außer Rand &  Band geratene Gefangene, und inzwischen ist Harry Green auf die Flüchtlinge aufmerksam geworden. Mit ihnen plant er besonders Scheußliches, weshalb in den dunklen Korridoren und Gängen eine erbarmungslose Jagd beginnt …

Alte Leier mit neuen Saiten

Viel Elan und wenig Geld? Im Filmgeschäft ist dies in 99 von 100 Fällen der Normalzustand aber kein Hindernis. Auch „The Incident“ soll – wenn man der Website „imdb.com“ Glauben schenkt – nur eine halbe Million Dollar gekostet haben; manches minutenkurzes Musikvideo, das Regisseur Alexandre Courtès in der Vergangenheit gedreht hat, dürfte kostspieliger gewesen sein.

Mit dem richtigen Geist erwachsen aus Beschränkungen Herausforderungen. Werden diese bestanden, schlägt es sich im Ergebnis als Film nieder, dem das knappe Budget vielleicht anzusehen ist, ohne dass dies den Zuschauer stört, der von einer spannenden Handlung in den Bann geschlagen wird. „The Incident“ ist in dieser Beziehung ein unglücklicher Wanderer zwischen den Welten: Auf der einen Seite haben wir den interessanten Schauplatz und gut aufspielende Darsteller, auf der anderen eine dünne Story und einen allzu ehrgeizigen Regisseur, der die Geschichte durch einen Twist aufzupeppen versucht, dem sein Werk nicht wirklich gewachsen ist.

„Hit & Run“: Das Konzept ist ebenso alt wie klassisch, denn es funktioniert eigentlich immer. Fülle Wasser in einen Topf, setze den Deckel fest darauf, lege Feuer unter das Ganze und warte ab. Irgendwann wird und muss etwas geschehen, und der Knall wird umso spektakulärer sein, je weniger Raum dem Wasser zur Ausdehnung bleibt.

Flucht ist unmöglich

In unserem Fall ist der Topf ein Hochsicherheitsgefängnis. Es steht abgelegen weit außerhalb jeder Siedlung, da der ‚gesunde‘ Mensch gemeingefährliche Irre ungern in seiner Nachbarschaft weiß. Die kahlen Mauern sind dick, die Fenster nur schmale Schießscharten, die Türen aus massivem Stahl, stets dominieren bedrückende Düsternis und triste Farblosigkeit. Solange alles seinen gewohnten Gang nimmt, wird dem Personal nicht klar, dass es im Notfall ebenso gefangen ist wie die eigentlichen Insassen: Deren Flucht zu verhindern ist die oberste Maxime. Wenn etwas gewaltig schiefgeht, riegelt das Gebäude sich selbst hermetisch ab.

Es geht deshalb in unserer Geschichte nie um das Entkommen der Gefangenen. Ihr Treiben bleibt auf das Innere des Gefängnisses beschränkt. Dort haben sich jedoch die Machtverhältnisse verkehrt. Normalerweise sorgen dämpfende Medikamente und die schnell realisierte Androhung von Gewalt dafür, dass wenige Bedienstete zahlreiche Insassen unter Kontrolle halten können. Durch einen totalen Stromausfall ausgelöst und unterstützt, sorgt eine Revolte für den Zusammenbruch dieser Struktur.

Die Irren sind los! Für politisch korrekte Zuschauer ist dies der falsche Film, denn hier wird kein Hehl daraus gemacht, dass es unberechenbare, wilde Tiere sind, die gegen ihre Wärter aufstehen. Die Taten sprechen eine deutliche Sprache, denn die verhassten Schließer werden nicht getötet, sondern genüsslich niedergemetzelt. Erwischt werden heißt einem grässlichen Tod gewärtigen zu müssen. Diese Art der Spannungserzeugung mag wenig elegant sein, aber auch sie funktioniert, zumal Courtès nicht zimperlich ist zu zeigen, was „grässlicher Tod“ im Detail bedeutet.

Weil auch die Opfer nicht wirklich flüchten können ist die Konfrontation mit dem Gegner vorgezeichnet. Schon zuvor müssen trantütig-friedliche Köche die Fäuste kreisen lassen, um ihre unverhofft aus der Dunkelheit auftauchenden Widersacher vom Massakrieren abzuhalten. Damit bekommt diese Geschichte eine erste Moral: Wenn du in der Hölle überleben willst, musst du selbst zum Teufel werden. Also prügeln und metzeln unsere flüchtigen Helden bald ebenso munter und einfallsreich wie ihre Verfolger.

Wir gegen sie – aber wer sind wir?

Als Identifikationsfiguren fungieren drei Köche sowie ein weiterer subalterner, auf jeden Fall für den Kampfeinsatz im Prinzip untauglicher Bediensteter. George, Max und Ricky bilden außerdem die Mitglieder einer Grunge-Band, was sich deutlich in ihrem Äußeren widerspiegelt: lange Zottelhaare, struppige Bärte und abgerissene Kleidung verdeutlichen einen alternativen aber bisher erfolglosen Lebensstil, weshalb unser Trio vernünftig ein bürgerliches Berufsleben erduldet, bis das in Planung befindliche Album veröffentlicht ist.

Wiederum zur Spannungssteigerung herrscht zwischen den Freunden keineswegs eitel Sonnenschein. Sie streiten gern und sind sich als Kollegen und Musiker selten einig, was in der Krise kontraproduktive Folgen zeitigt. Vor allem Max ist ein jähzorniger Stinkstiefel, der dafür allerdings gleich zweifach bitter zahlen muss, aber auch der ‚vernünftige‘ George ist labiler als gedacht.

Die Irren sind als solche sofort zu identifizieren, weil monströs dick oder abnorm hager, starräugig, glatzköpfig, mundwinkelschleimig und stets gewaltbereit. Keine Sekunde hat man Mitleid mit ihnen oder soll Mitleid für sie empfinden, denn sie repräsentieren den „Feind“ bzw. die Dämonen-Horde, die dem Oberteufel folgt, der hier Harry Green heißt – ein totenschädeliger, zahnreicher aber wortkarger, gern höhnisch grinsender Foltermeister bar jeder Menschlichkeit. Dieser Klischeerolle gibt Richard Brake nicht nur das passende Gesicht, sondern auch die damit einhergehende Bedrohlichkeit.

Erwartungsgemäß spitzt sich das Geschehen auf das Duell zwischen George und Harry zu. Es wird bis zum Finale hinausgezögert, aber als es erfolgt, versucht Courtès einen Ausbruch. Leider heißt sein Drehbuchautor S. Craig Zahler, dem keine wirklich überzeugende oder gar überraschende Auflösung einfiel. Schon die Einführung ins Hauptgeschehen fällt viel zu ausführlich und abschweifend aus; wir lernen unsere Köche genauer kennen als es erforderlich wäre, zumal sich unser diesbezügliches Interesse in Grenzen hält.

Der Kunst eine Gasse!

Weiter oben fiel das Stichwort „Grunge“. Der Musikkenner mag es verblüfft zur Kenntnis  genommen haben, ist diese Stil doch längst Geschichte. Aber „The Incident“  spielt aus unerfindlichen Gründen im Jahre 1989. Normalerweise markiert ein solcher Zeitsturz eine Geschichte, die nur ohne Handy und Internet funktioniert. Dies kann hier nicht der Grund sein, da die Telefone im stromlosen Gefängnis klaglos ihren Dienst leisten, obwohl noch per Drehscheibe gewählt werden muss.

Courtès hat wohl willkürlich bzw. aus persönlichen Gründen das erwähnte Jahr zugrundegelegt. Möglicherweise hat er als Regisseur nach einer Herausforderung gesucht, die ihm die Story ansonsten nicht geben konnte. Auf diesem Gebiet kann man ihn beglückwünschen: Die Rekonstruktion der Vergangenheit ist überflüssig aber eindrucksvoll gelungen.

Ehrgeiz meint man auch in dem weiter oben erwähnten Finaltwist zu fassen, der unserer an sich einfachen Story einen Subtext einziehen soll: Irgendwann müssen wir Zuschauer uns der Frage stellen, welche Ereignisse tatsächlich geschehen und welche nur in Georges gemartertem Hirn stattfinden. Nachträglich ist der Zeitpunkt, an dem sich George aus der Realität zu verabschieden beginnt, schnell bestimmt. Leider ist „The Incident“ kein Film, der zuvor subtil aber deutlich auf einen solchen Umschwung hingearbeitet hätte. Den plötzlichen Hang zum psychologisch ‚begründeten‘ Irrationalen verträgt die Handlung so, wie sie entwickelt wurde, überhaupt nicht.

Handwerk rettet

Bis es soweit ist, bietet „The Incident“ solide und kompromissarm harte Action. Die Flucht vor einer (gesichtslosen) Meute ist wie gesagt ein Selbstläufer, die Ärmlichkeit der Kulissen entlarvt nicht das schmale Budget, sondern passt perfekt zu einer Einrichtung, die lästige Kriminelle möglichst kostensparend wegschließen soll. Obwohl Rupert Evans erst spät für den eigentlich vorgesehenen Josh Dallas einsprang, leistet er überzeugende Schauspielarbeit, auch wenn ihn das Drehbuch wechselweise unterstützt und im Stich lässt. Als Koch und Möchtegern-Musiker ist George jederzeit glaubhaft, als Kampfmaschine, die den Irren gleich in Serie die Köpfe einschlägt, eher nicht.

Logik ist ohnehin Drehbuchautor Zahlers Sache nicht. Der Zuschauer seufzt kummervoll, wenn ihm weisgemacht werden soll, dass die vom Aufstand in einer Anstalt für gemeingefährliche Geisteskranke alarmierte Polizei den Anrufer (George) um eine Stunde Geduld bittet, weil man „noch andere Dinge zu regeln“ habe. Hallo, George, hier ein Tipp: Wie wäre es mit einem weiteren Anruf dort, wo man mehr Interesse an den Tag legt? Doch unser Held ruft nur seine Freundin an, die er mit keinem Wort von seiner aktuellen Misere informiert, um sie nicht zu beunruhigen …

Solche Drehbuch-Kurzschlüsse sind nicht gerade selten aber besonders ärgerlich, weil „The Incident“ vor und hinter der Kamera so viel richtig macht. So wurde daraus nur ein weiterer Film der verschenkten Möglichkeiten. Man kann ihn sich anschauen, wird aber weder völlig verärgert noch heillos begeistert reagieren. „Mittelmaß“ lautet das Urteil, das vom Programmbefehl „Hirn: Diesen Erinnerungssektor löschen!“ gefolgt wird.

DVD-Features

Das „Making of“ ist eher ein ausführliches Interview mit Alexandre Courtès, der u. a. die Schwierigkeiten einer Produktion erläutert, die in US-amerikanisch-französisch-belgische Zusammenarbeit realisiert wurde. Außerdem erfährt man, dass das eindrucksvoll ungastliche Hochsicherheitsgefängnis nicht als reiner Filmtrick entstand, sondern als ehemaliger Bunker – den man entsprechend umgestaltete – tatsächlich existiert.

Während die DVD darüber hinaus nur noch den Originaltrailer zum Film enthält, bietet die Blu-ray zusätzliche aber informationsarme Bilder von der „Incident“-Weltpremiere auf dem „Toronto  Film Festival“ und ein dort geführtes Frage-und-Antwortspiel zwischen Regisseur Courtès und dem Publikum.

[md]

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