The Last Days – Tage der Panik

Originaltitel: Los Últimos Días (Spanien 2013)
Regie/Drehbuch: David Pastor u. Àlex Pastor
Kamera: Daniel Aranyó
Schnitt: Martí Roca
Musik: Fernando Velázquez
Darsteller: Quim Gutiérrez (Marc), José Coronado (Enrique), Marta Etura (Julia), Leticia Dolera (Andrea), Mikel Iglesias (Dani), Ivan Massagué (Lucas), Pere Ventura (Rovira), Lluís Soler (Vecino), Abdelatif Hwidar, Farah Hamed, Lily Morett (arabische Familie), Isak Férriz (Javier) u. v. a.
Label: Capelight Pictures
Vertrieb: Alive!
Erscheinungsdatum: 02.05.2014
EAN: 4042564148343 (DVD)/4042564148350 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 99 min. (Blu-ray: 102 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Da ihm der gefürchtete Controller Enrique im Nacken sitzt, muss Programmierer Marc Überstunden schieben und ist selten daheim, wo Lebensgefährtin Julia, eine Spielzeugmacherin, zunehmend ungeduldig auf die halbherzig zugestandene Familiengründung wartet. Marc wird zusätzlich abgelenkt, als der entlassene Arbeitskollege Rovira buchstäblich vor die Tür gesetzt wird und dort vor Angst stirbt.

Er ist Augenzeuge eines Phänomens geworden, das weltweit für Schrecken sorgt: Die „Panik“, eine kollektive Agoraphobie, rast um den Globus. Wer erfasst wird, kann nicht mehr ins Freie. Wer es dennoch versucht, gerät so in Furcht, dass er einem Schock erliegt. Nur im Inneren von Häusern oder in unter der Erde gelegenen Räumen können die Menschen überleben.

Auch Marc erwischt es irgendwann. Mit seinen Kollegen sitzt er im Büro gefangen. Drei Monate dauert es, einen Tunnel zu graben, der in einen U-Bahn-Schacht mündet. Von dort aus brechen die Männer und Frauen zu ihren Familien und Freunden auf. Auch Marc macht sich auf den Weg. Er hängt sich an Enrique, dem es gelungen ist, ein GPS-Gerät zu finden, mit dem man sich auch unterirdisch orientieren kann.

Es dauert, bis die beiden charakterlich völlig verschiedenen Männer einander zu vertrauen beginnen. Sie müssen ohnehin zusammenhalten, denn die Zivilisation ist zur regelfreien Barbarei degeneriert. Der Strom fällt aus, Brände bleiben ungelöscht und arten in Feuersbrünste aus. Das Recht des Stärkeren regiert, mit Gewalt werden Vorräte geschützt oder an sich gerissen. Durch die Straßen streifen verwildernde, hungrige Hunde und andere, schlimmere Bestien.

Die ungleichen Freunde schlagen sich durch und passen sich notgedrungen den neuen Verhältnissen an. Irgendwann stehen sie vor einer breiten Straße, die überquert werden muss – oberirdisch …

Ende ohne Apokalypse

Der Weltuntergang kann durchaus friedlich ablaufen. Dies gilt vor allem, wenn er nur die Menschheit betrifft. In „The Last Days“ geht es dem Planeten selbst gut; wie die beiden Drehbuchautoren, Regisseure und Brüder David Pastor und Àlex Pastor zumindest andeuten, wird sich dieses Wohlbefinden noch steigern. Womöglich hat die Natur selbst dafür gesorgt, dass der Mensch verschwindet, bevor er ihr endgültig den Garaus macht: Dieses Mal fällt der Vorhang ohne atomare oder virale Unterstützung. Auch Zombies & Außerirdische bleiben außen vor, und der Himmel bleibt klar: Kein Meteorit stürzt feuerspeiend auf die Erde und räumt das Feld für eine neue Evolutionsrunde.

Stattdessen entwickeln die Menschen eine panische Angst vor dem Draußen. Die Ursache bleibt rätselhaft; für die Handlung ist sie unwichtig. Es geht darum, die Zivilisation zum Einsturz zu bringen, um vor diesem Hintergrund eine (recht bekannte) Geschichte zu erzählen bzw. ihr Dramatik einzuhauchen, um ihren Unterhaltungswert zu erhöhen.

Denn „The Last Days“ ist auch und sogar vor allem Unterhaltung, obwohl der von symbolträchtiger Doppeldeutigkeit entzückte Filmkritiker mehr als genug Ansätze für metaphorischen Mehrwert findet. (Dazu siehe weiter unten.) Aber die Pastor-Brüder drehen gezielt für eine sehr breite Leinwand, die mit Schauwerten gefüllt werden möchte. In dieser Hinsicht müssen sie sich keine Vorwürfe machen. Vor allem das grandiose Panorama der keineswegs menschenleeren aber obertägig entvölkerten Stadt Barcelona, die zum Teil in Flammen steht, bleibt dem Zuschauer im Gedächtnis.

Freundschaft & Liebe in Zeiten der Finsternis

„The Last Days“ erzählt zwei Geschichten, die beide wichtiger als der Weltuntergang sind. Was zunächst paradox klingt, gewinnt spätestens im Finale seinen Sinn: Die Welt geht nicht unter, und auch die Menschheit wird den Neubeginn wohl schaffen. Auf dem Weg dorthin beschwören die Pastor-Brüder zwei elementare, oft beschworene und noch öfter missbrauchte Emotionen: Freundschaft und Liebe.

Wie es im Film Routine ist, sind sich Marc und Enrique zunächst spinnefeind. Der eine ist ein intelligenter Freigeist, der in einem langweiligen Job feststeckt und dort unter Dauerdruck steht. Sein Primär-Quälgeist ist natürlich Enrique, der erbarmungslose Liquidator, der seinem Auftraggeber das erwünschte Bilanzergebnis sichert, indem er möglichst viele kostenträchtige Angestellte feuert. Auch Marc steht längst auf Enriques Abschussliste, doch als er dies zugibt, haben er und Marc gerade einen Bären erlegt und sein Fleisch gebraten.

In der Krise lässt der Mensch die zivilisatorischen Hüllen fallen. Das gipfelt meist im Diktat des Stärkeren, der sich gewaltsam nimmt, was er benötigt. Die Pastor-Brüder greifen zur Verdeutlichung auf die bekannten „Mad-Max“-Klischees zurück und lassen die in der „Panik“ gefangenen Einwohner Barcelonas in Windeseile auf das Niveau von Höhlenmenschen und Kannibalen herabsinken. Die nutzlos gewordenen Relikte einer hochtechnisierten Vergangenheit werden als Barrieren genutzt oder zu Waffen umgebaut: Programmierer Marc lernt schnell seinen zum Spieß gespitzten Besenstiel einzusetzen.

Alternativ zum Neuanfang

Marc und Enrique schließen zunächst ein aus der Not geborenes Bündnis, das keineswegs konfliktfrei ist. Der Mensch ist des Menschen Wolf; das ändert sich auch oder gerade in der Krise nicht oder langsam. Die Kampfgemeinschaft entwickelt sich zur Freundschaft, als die beiden Männer sich öffnen. Vor allem Enrique begreift, dass er nicht mehr den gnadenlosen Jobkiller mimen muss. Für ihn wird die Katastrophe zur Befreiung.

Marc lernt nach dem Willen der Pastor-Brüder ebenfalls seine Lektion. Bisher hat er sich vor der Vaterschaft gedrückt und die Angst vor der Verantwortung auf den Stress im Büro geschoben. Diese Ausrede hat sich nunmehr erledigt. Stattdessen setzen sich die uralten Regeln der Natur wieder durch: Julia ist schwanger, Ausflüchte gibt es nicht mehr, Marc muss sich entscheiden. Die Pastor-Brüder zeigen sich hier optimistisch und lassen ihn und Julia wieder zusammenkommen.

Dies dient freilich keinem Happy-End, sondern stellt einen Schritt in der ‚neuen‘ Evolution dar: Der Epilog spielt mehr als anderthalb Jahrzehnte nach der „Panik“. Die meisten ‚Altmenschen‘ sind ausgestorben. Eine neue Generation ist herangewachsen. Die Jungen haben die Krankheit nicht geerbt. Sie drängen aus den Ruinen hinaus in eine Welt, die sie neu und dieses Mal hoffentlich klüger in Besitz nehmen.

Wenn nur die Hoffnung bleibt

„The Last Days“ gehört zu jenen Filmen, die man vor ihren Entstehungshorizont stellen muss, um die Geschichte wirklich zu begreifen. Die Pastor-Brüder begannen 2011 mit der Arbeit an ihrem Film. Mit „Carriers“ hatten sie 2009 einen ersten Erfolg erzielt. Für ihr neues Produkt schwebte ihnen eine Story vor, die ein deutlich höheres Budget verlangte.

Parallel dazu rutschte Spanien in eine Schuldenkrise. Das Land hatte allzu ausgiebig über seine Verhältnisse gelebt. Nun wurde ihm die Zeche präsentiert und Spanien finanziell zum Mündel der Europäischen Union, die ihre Geldspritzen an strenge Sparvorgaben band. Die Arbeitslosenquote erreichte Rekordhöhen. Vor allem die Jugend stand und steht vor einer düsteren Zukunft, da sich die Verhältnisse auf Jahre hinaus nicht bessern werden.

Insofern hat die „Panik“ tatsächlich Spanien erreicht. Das staatlich gestützte soziale Netz ist brüchig geworden. Angst, Ratlosigkeit und Wut sind allgegenwärtig. Der ‚Feind‘, der den Geldhahn zudreht, sitzt unsichtbar im Ausland. Flucht ist unmöglich, das Leben hat sein Fundament verloren. Die Menschen versuchen festzuhalten, was ihnen entrissen wird. Wie üblich bleibt die Solidarität dabei zuerst auf der Strecke.

Selbstverständlich reflektiert die Kunst die schwierige Realität. Dass die Pastor-Brüder nun an ältere bzw. archaische Werte erinnern, mag im kalten Licht der Realität naiv wirken. Doch „The Last Days“ ist ein Film, und dieses Medium hat das Recht zu überspitzen und zu vereinfachen. (Einen beinahe gleichnishaft zu nennenden Weg wählte Regisseur Jorge Torregrossa mit seiner ‚stillen‘ Apokalypse „Fin“; dt. „Ende“.)

Kein Mitleid mit der alten Welt

Die Pastor-Brüder zeigen kein besonders ausgeprägtes Mitleid mit der ‚alten‘ Welt. Diejenigen, die sich an ihre Regeln und Relikte klammern, sind zum Untergang verurteilt. Das Finale zeigt ein Barcelona in Ruinen, das nach der Katastrophe nie wiederaufgebaut wurde. Die Gegenwart hat ausgedient, die Evolution setzt auf eine neue Generation.

Nichtsdestotrotz ist „The Last Days“ nicht frei von Klischees und Sentimentalitäten. Erstere stören nicht, weil sie einerseits einfallsreich variiert werden und andererseits der Untergang in der Tat bestimmten Verhaltensmustern folgen würde. Problematischer sind die Gefühlsduseleien. Sie kreisen primär um Marc und seine Suche nach der schwangeren Julia. Die Pastor-Brüder werten sie zur Eva einer neuen Ära auf. Marc wird ‚erwachsen‘, indem er seine Rolle als Lebensgefährte und Vater akzeptiert. Dies sind Werte, die sich niemals ändern werden, so das Fazit. Das ist naiv, vielleicht albern, aber auch zuversichtlich: Der Tag wird kommen, an dem es wieder aufwärtsgeht. Die Filmkritik hat diesen Optimismus eher verhalten zur Kenntnis genommen; sie schätzt die Konsequenz des vollständigen Untergangs höher und misstraut dem Prinzip Hoffnung. Die zynische Fraktion des Publikums – Spanien ist heutzutage unbehaglich nahe – schloss sich dem an.

Nimmt man die Botschaft nicht bierernster, als sie gemeint ist, bietet dieser Film spannende Unterhaltung, die sich interpretieren lässt aber nicht interpretiert werden muss. Die Story kennt zwar Rückblenden aber keine Längen, die Schauspieler sind ausgezeichnet, die Spezialeffekte angesichts des Finanzrahmens beachtlich. Gegen die lauten, leeren Dumm-Dumm-Blockbuster aus Hollywood kann sich „The Last Days“ allemal behaupten.

DVD-Features

Über den Hauptfilm informiert ein „Making of“, das wieder einmal stroboskopschnelle Ausschnitte mit sogenannten ‚Interviews‘ mischt und statt Information eher Kopfweh und Verdruss produziert. Diverse „Entfallene Szenen” sind zu Recht auf dem Boden des Schnittraumes gelandet. Ein „Teaser” und ein Kinotrailer kündigen einen Film an, der so glücklicherweise nicht stattfindet.

Kurzinfo für Ungeduldige: Weltweit hindert eine mysteriöse Epidemie die Menschen daran, ihre Häuser zu verlassen. Während sich auch in Barcelona das Leben chaotisch in den Untergrund verlagert, suchen zwei Männer verzweifelt nach ihren Angehörigen … – Trotz beträchtlicher Schauwerte kein Apokalypse-Spektakel, sondern die (allegorische) Geschichte eines Wandels, der einen Neubeginn zumindest erhoffen lässt: ein wenig (zu) sentimental aber sehenswert.

[md]

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