The Last Will and Testament of Rosalind Leigh

Originaltitel: The Last Will and Testament of Rosalind Leigh (USA 2012)
Regie u. Drehbuch: Rodrigo Gudiño
Kamera: Samy Inayeh
Schnitt: Duncan Christie
Musik: Mercan Dede
Darsteller: Aaron Poole (Leon/Rettungssanitäter), Vanessa Redgrave (Rosalind Leigh), Julian Richings (Rahn-Zwillinge/Bill Phillips), Stephen Eric McIntyre (Prediger), Charlotte Sullivan (Anna/Radiosprecherin) u. a.
Label: Mad Dimension
Vertrieb: AL!VE AG
Erscheinungsdatum: 29.08.2014
EAN: 4260336460527 (DVD)/4260336460534 (Blur-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 77 min. (Blu-ray: 80 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Leon zieht in das Haus seiner Mutter ein. Der erfolgreiche Künstler hat sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Als Kind hatte ihn Rosalind mit ihrem religiösen Fanatismus gequält und ihm den Glauben auf diese Weise förmlich ausgetrieben. Als der Vater Selbstmord beging, war Maß voll. Leon ging und kehrte nie zurück.

Nun ist Rosalind gestorben, und ihr Sohn sichtet den Nachlass. Voller Staunen und Schrecken betritt er das Haus einer Besessenen. Überall stehen Statuen und Skulpturen von Engeln, die Rosalind inbrünstig verehrt hat. Dazwischen findet Leon seine Kunstwerke: Sie sind nie auf den Markt gekommen, sondern wurden von Rosalind exklusiv aufgekauft. Auf diese Weise konnte sie wenigstens den Schein einer Beziehung zum schmerzlich vermissten Sohn aufrechterhalten.

In dem mit religiöser Kunst und Kitsch vollgestopften Haus findet Leon überall alte Familienfotos und Rosalinds Tagebuch. Die alte Frau litt entsetzlich unter ihrer Einsamkeit und fürchtete um den Sohn, der die Existenz der unsterblichen Seele leugnete: Agnostik hielt nach ihrer Auffassung böse Geister und Dämonen keineswegs fern. Solange sie lebte, hatte Rosalind Leon deshalb aus der Ferne beschützt. Nun ist er etwaigen Verfolgern ausgeliefert.

Diese lassen nicht lange auf sich warten. Als Leon im Garten einem verdächtigen Geräusch nachgeht, stürzt sich eine skelettdürre aber ungemein starke und mit scharfen Krallen bewehrte Kreatur auf ihn, die sich Einlass ins Haus verschaffen kann. Seltsame Gestalten gesellen sich hinzu, die das Haus zu belagern scheinen. Der psychisch ohnehin angeschlagene und von seinen Erinnerungen gepeinigte Leon beginnt die Nerven zu verlieren. Leidet er unter Wahnvorstellungen? Er beschließt, sich seinen Ängsten zu stellen, und sorgt damit für eine unerwartete Gegenreaktion …

Nichts ist, wie es zu sein scheint

Einige Worte der Warnung gleich zu Beginn: Dies ist nicht nur ein kurzer Film mit einem langen Titel, sondern auch eine Geschichte, die ungeachtet der Inhaltsbeschreibung mit einer ‚normalen‘ Geistergeschichte wenig zu tun hat. Es dauert außerdem, bis die Handlung in Fahrt kommt, und selbst dann besteht sie vor allem aus langsamen, sehr ausführlichen Kamerafahrten: Wir begleiten den zunehmend fassungslosen Leon auf seinen Gängen durch das seltsame Haus.

Aber Vorsicht: Die scheinbare Ereignislosigkeit ist bereits Teil eines Geschehens, das sich der Zuschauer aus zahlreichen Hinweisen zusammenreimen muss. Das gemächliche Tempo der Kamera und das Verweilen auf Gemälden, Statuen, Sinnsprüchen und anderem Inventar sind dabei hilfreich. Schon früh argwöhnen wir, dass in diesem Haus etwas vorgeht, das mit simplem Geisterbefall allein nicht zu begründen ist.

Schon das simple Herabfallen einer Gabel vom Abendbrottisch besitzt eine symbolische Bedeutung. Wer hier nicht aufpasst und sich wie üblich berieseln lässt, versäumt den eigentlichen Film und eine tieftraurige Geschichte. Es ist einfach, dem Regisseur und Drehbuchautor Rodrigo Gudiño ein allzu ausgeprägtes Streben nach eklektischem Arthouse-Kino zu unterstellen. „The Last Will and Testament of Rosalind Leigh“ ist zwar sein (Langfilm-) Erstling aber keine cineastische Spielwiese: Diese Hörner hat sich Gudiño bereits in seinen Kurzfilmen abgestoßen. Deshalb erzählt „The Last Will“ eine durchaus stringente Geschichte. Nichtsdestotrotz beantwortet Gudiño nicht sämtliche Fragen; er lässt Raum für individuelle Interpretationen.

Die Form folgt dem Inhalt

„The Last Will“ scheint ein Ein-Personen-Stück zu sein: Nur Leon tritt vor die Kamera. Andere Figuren werden nur als Stimmen aus dem Handy oder dem Radio, in Filmaufzeichnungen oder auf Fotografien präsent. Selbst Rosalind Leigh wird kaum sichtbar. Von ihr hört man die Stimme, die aus dem Off (= dem Jenseits) versucht, Leon ihre Sicht der Vergangenheit nahezubringen.

Es kristallisiert sich das Bild einer Frau heraus, die letztlich den Verstand verlor. Zuletzt hat Rosalind begriffen, dass sie Leon mit ihrer fanatischen Frömmigkeit nicht beschützt, sondern vertrieben hat. Die grässliche Kreatur entpuppt sich als verkörpertes Sinnbild der Einsamkeit, der Rosalind schließlich zum Opfer fiel. Nun sitzt sie scheinbar auch einem Leon im Nacken, der die Folgen seiner unglücklichen Kindheit nie überwunden hat, Psychopharmaka schluckt und noch heute ständigen telefonischen Kontakt mit der Psychologin Anna hält.

Die tatsächliche Auflösung der mysteriösen Ereignisse soll an dieser Stelle natürlich verschwiegen werden. Allerdings macht es dieser Verzicht schwierig, die Raffinesse zu würdigen, mit welcher Gudiño die Handlung im Finale einen Twist schlagen lässt. Plötzlich wird klar, dass Einsamkeit und Wahn auch durch den Tod nicht beendet werden: Die Seele schleppt die Fehler und Versäumnisse des Lebens mit sich. Sie müssen vor dem Tod verarbeitet und ad acta gelegt werden. Rosalind ist in einer Endlosschleife gefangen. Dagegen hat der ‚echte‘ Leon seine Krise überwunden. Er ahnt nicht einmal die Not seiner Mutter.

Der Preis des Glaubens

Rodrigo Gudiño wurde nach eigener Auskunft (s. www.rodrigogudino.com) katholisch erzogen – eine Erfahrung, die ihn offensichtlich noch als Erwachsenen verfolgt. Insofern kann man Leon als (in der Figur zugespitztes) Alter Ego des Regisseurs sehen, der sich mit den Problemen beschäftigt, in die ein Mensch zielsicher gestürzt wird, der nicht einfach glauben kann, weil ihm sein Verstand sagt, dass mit dem Glauben so, wie er durch die Kirche interpretiert wird, etwas im Argen liegt. Da solche Kritik als Frevel verboten ist, muss daraus eine Krise erwachsen, die der Zweifler für sich lösen muss.

„The Last Will“ spielt die drei Möglichkeiten durch: Da ist die jüngere Rosalind Leigh, die ihren Glauben sogar über die eigene Familie stellt und diese dadurch zerstört. Lange konnte sie sich damit trösten, aus fundamentalchristlicher Sicht die korrekte Entscheidung getroffen zu haben. Im Alter begann sie zu zweifeln, ohne den Konsequenzen gewachsen zu sein, da Rosalind von einem Leben überfordert war, das ohne die bisher geheiligten Regeln funktionieren musste. Leon hat den Absprung früh genug geschafft. Er hat das schlechte Gewissen überwunden und führt ein Leben ohne ständige Furcht vor Regelverstößen. Deshalb fällt er der Bestie Einsamkeit anders als seine Mutter nicht zum Opfer.

Religion ist eine Medizin, die in sorgfältiger Dosis genossen werden sollte, so Gudiño. Wer dies vernachlässigt, verurteilt sich zu einer Frömmigkeit, die doch niemals auszureichen scheint: Immer gibt es jemanden, der dich anspornt, noch intensiver zu beten, die böse Welt zu verdammen oder den Umgang mit ‚Sündern‘ zu meiden. Leon findet eine Videokassette, auf der seine Mutter eine Messe aufzeichnete, die in ihrem Haus stattfand. Nicht Glauben und Vertrauen dominiert die Szene, sondern schiere Hysterie, die aus den Gläubigen einen Mob werden lässt.

Rosalinds Haus ist eine gruselige Rumpelkammer, die mit Devotionalien so vollgestopft ist, dass sich deren Sinn ins Gegenteil verklärt: Vor allem der mannsgroße Engel in Rosalinds Privatkapelle wirkt wie eine verdorrte Mumie. Sein Anblick tröstet nicht, sondern jagt Entsetzen ein. Überall fordern gemalte, gestickte, gerahmte Sinnsprüche Gehorsam, Vorsicht und Unterwerfung. Das Treppenhaus versperrt beinahe ein präparierter Pfau. Das christliche Sinnbild der Unsterblichkeit ist hier eine verstaubte, spröde Parodie auf das Leben, deren trockene Hautfetzen und Federn auf diejenigen zu rieseln droht, die sich die Stufen hinauf- oder hinabwagen.

Die Kunst des Bildes

Nur einmal verlassen wir mit Leon das Haus aber niemals das Grundstück. Der Garten ist jedoch nur die Erweiterung der überladenen Bedrückung des Hauses. Hier stehen noch mehr, noch größere Engel, die halb im wuchernden Unkraut versinken und dadurch erst recht unheimlich wirken. Dazu kommt ein mit pechschwarzem Wasser gefüllter Pool, der alle möglichen Schrecken beherbergen könnte.

Haus und Grundstück symbolisieren Rosalinds Isolation. Sie hat sich schon zu Lebzeiten ihr Grab geschaffen. Diese Erkenntnis rechtfertigt die Akribie, mit der die Haus-Kulisse gestaltet und eingerichtet wurde. Dem Zuschauer verschlägt es ob der Wucht des ausgestrahlten ‚Glaubens‘, in den sich unübersehbar Wahnsinn mischt, den Atem.

Kameramann Samy Inayeh steigert die Atmosphäre der Trostlosigkeit und der Bedrohung durch den geschickten Einsatz von Licht und Schatten. Zwar spielen Teile der Handlung am Tage. Dass die Sonne scheint, muss man ahnen. Ihr Licht vermag die verhängten, zum Teil buntverglasten Fenster kaum zu durchdringen, und in den mit Nippes und Krimskrams zugestellten Ecken nisten die Schatten. Von außen dringt kein Geräusch ins Innere, weshalb die nächtlichen Aktivitäten möglicher ‚Besucher‘ umso klarer herausklingen.

Wer die Bilder aufmerksam betrachtet, wird die Doppelung der Figuren bemerken: Jeder Darsteller verkörpert zwei Rollen. Dies geschieht nicht, weil Budgetknappheit es forderte, sondern ist Element des Geschehens und trägt zur Aufklärung bei. „The Last Will“ gehört zu den Filmen, die man noch einmal sehen möchte, um beim zweiten Mal die Vorbereitung des Finaltwists erkennen und genießen zu können. Allerdings setzt dies den Sinn für eine Geschichte voraus, die ohne Action und Gewalt (aber nicht ohne Spezialeffekte) auskommt und nicht den Spuk hervorhebt, sondern die Tragödie im simplen, stillen Scheitern eines Lebens sieht.

DVD-Features

Ausgerechnet dieser mehrschichtige Film wird ohne erklärende Extras veröffentlicht. Dabei würde man gern wissen, was Rodrigo Gudiño über sein Werk zu sagen hat. Wie konnte er Vanessa Redgrave, nicht nur eine berühmtesten, sondern auch eine der besten Schauspielerinnen überhaupt, für seinen Film gewinnen, um sie dann auf ihre Stimme zu beschränken? (Diese Frage beantwortet sich allerdings von selbst, wenn man Redgraves Originalstimme hört: Von „Beschränkung“ kann keine Rede sein!)

Das Konzept dürfte ihr Interesse gefunden haben – und die Herausforderung: Redgrave ist die Hauptfigur, obwohl sie nur sekundenlang im Bild gezeigt wird. Wie Gudiño dies gelingt, wäre einige Anmerkungen wert. Stattdessen war das (deutsche) Label sogar zu geizig, den Filmtitel übersetzen zu lassen. Glaubt man tatsächlich, „The Last Will and Testament of Rosalind Leigh” klinge verlockend geheimnisvoll und würde mehr potenzielle Käufer locken …?

Kurzinfo für Ungeduldige: Die Rückkehr in das Haus, in dem er seine freudlose Kindheit verbrachte, konfrontiert Leon mit jenem Monster, vor dem ihn seine verstorbene Mutter immer gewarnt hatte … – Was als klassische Geistergeschichte beginnt, entwickelt sich zur rätselreichen Vision, die entschlüsselt werden muss, um das tatsächliche Geschehen zu verstehen: Es gilt Augen und Ohren offenzuhalten sowie zu entscheiden, ob sich der intellektuelle Aufwand lohnt.

[md]

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