Ölarbeiter und Wissenschaftler geraten in Alaska in den Bann mysteriöser Visionen oder Wesenheiten, die aus dem tauenden Frostboden aufsteigen und zunehmend aggressiver werden … – Stimmungsvoller und spannender, nie lamentierender Öko-Thriller, der dem Zuschauer die Entscheidung über die Ursache der Ereignisse überlässt. Der enge Budgetrahmen macht sich hin und wieder bemerkbar, und das Finale wirkt dem Massengeschmack geschuldet. Dennoch ein echter Geheimtipp.

Das geschieht:

Im Norden Alaskas will der Konzern North Star neue Ölquellen erschließen. Ein Voraustrupp unter dem Kommando des Raubeins Ed Pollack soll das Terrain für den Aufbau der Fördertürme sondieren. Da der Bau von Eisstraßen aufgrund eines ungewöhnlich milden Winters nicht möglich ist, will Pollack das Equipment mit Kettenfahrzeugen herantransportieren lassen. Dagegen stellt sich Wissenschaftler James Hoffman, den North Star als ökologisches Feigenblatt engagiert hat.

Hoffman musste feststellen, dass aufgrund der globalen Erderwärmung der Dauerfrostboden zu schmelzen beginnt. Ein Transport mit schwerem Gerät würde ihm schweren Schaden zufügen. Zudem scheint es in der Tundra umzugehen; seltsame Geräusche und Erscheinungen jagen dem Team Angst ein. Für Pollack ist das Unfug. Den lästigen Hoffman lässt er von der Konzernleitung feuern. Dass dieser mit seiner Ex-Freundin Abby eine Affäre begonnen hat, trug nicht zu Pollacks Verträglichkeit bei.

Die Situation spitzt sich zu, als Maxwell McKinder, der ‚Neue‘ im Team, in der Nacht nackt in die Schneewüste läuft. Nach einem Einsatz war er kurz zuvor orientierungslos und verwirrt im Camp aufgetaucht; er habe „etwas gesehen“, war aber außer Stande, es zu in Worte zu fassen. Die Sucher finden seine ausgeblutete Leiche – und eine Videokamera, die McKinder brabbelnd im Eis zeigt, bis ihn plötzlich von hinten eine riesige Kreatur zu packen scheint.

Satellitentelefon und Internet fallen aus. Weitere Teammitglieder zeigen Anzeichen geistiger Verwirrung, haben seltsame Visionen von schemenhaften Wesen oder leiden unter körperlichen Beschwerden. Als das sehnsüchtig erwartete Nachschubflugzeug abstürzt und dabei die Station zerstört, bleiben die Männer und Frauen isoliert auf dem Eis zurück. Pollack und Hoffman sollen Rettung holen, aber als die lange Nacht anbricht, steigt aus dem tauenden Boden das Grauen auf …

Öko-Spuk der unterhaltsamen Art

„Öko-Thriller“ ist ein Etikett, mit dem vorsichtig umzugehen ist, um einen Film nicht von vornherein abzustempeln. Allzu rasch entsteht für ‚normale‘ Zuschauer das Schreckensbild ‚grüner‘ Gutmenschen, die mit erhobenen Zeigefingern die Schandtaten anprangern, die Mutter Erde angetan werden. Der Tatbestand ist eindeutig, doch die Medizin zu bitter, um unverdünnt eingenommen zu werden. So ist der Mensch in seiner Mehrheit; die Botschaft benötigt ein Medium, das sie sacht zum Ohr ihres Publikums trägt. Das ist eine intellektuelle Herausforderung für jene, die informieren und unterhalten wollen.

Larry Fessenden, der sowohl als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent in Personalunion auftritt als auch eine Schauspielerrolle übernimmt, gelingt mit „The Last Winter“ dieser Seiltanz. Das Drehbuch vermittelt viele unangenehme Wahrheiten zum Thema Klimaerwärmung, ihre Ursachen und ihre Folgen, doch diese sind integraler Bestandteil der Handlung und werden deshalb nicht nur höflich zur Kenntnis genommen, sondern aufmerksam gehört.

Dies umso mehr, als Fessenden den Faktor Unterhaltung niemals vernachlässigt. „The Last Winter“ ist ein Thriller, eine Geistergeschichte oder eine Parabel – die Spannbreite möglicher Interpretationen ist groß. Seit jeher fesselt jene Phantastik ihr Publikum am meisten, die ihm Spielraum für die eigene Vorstellungskraft lässt. „The Last Winter“ ‚erklärt‘ nicht, sondern bietet Ansätze zur eigenen Auslegung. Bis zum Finale darf entschieden werden, ob es wirklich spukt, ob Mutter Erde sich gegen die allzu frech gewordene Menschheit wehrt, ob eine Massenpsychose das einsam in der Eisöde hausende Team heimsucht oder ob der tauende Boden der Tundra giftige Gase freisetzt.

Angst vor der nur scheinbaren Leere

Die Landschaft wird – unterstützt von einem im heutigen Film ungewöhnlichen, weil nicht aus Rock-/Popsongs geklitterten, sondern sehr atmosphärisch orchestrierten Musik-Score – zum wichtigsten Darsteller der Geschichte. „The Last Winter“ startet mit dokumentarischen Aufnahmen. Sie zeigen, wie brachial in einer Region, die sehr empfindlich auf solche Eingriffe reagiert, nach Öl gesucht wird. Die Realität ist knallhart: Umweltschutz ist nur dort ein massentaugliches Thema, wo die Masse keine Zugeständnisse machen muss. Ed Pollack weiß die schweigende Mehrheit sehr genau auf seiner Seite: Sie will möglichst kostengünstige Energie, die sie wie gewohnt sorglos verschwenden kann. Diese Rechnung wird nicht ewig aufgehen.

„The Last Winter“ präsentiert natürlich eine populäre und dramatisch aufgeheizte Vision vom Tag der Abrechnung. „Vision“ ist womöglich ein allzu großes Wort, denn Fessenden fehlen die Mittel, um Gaias Gegenschlag rundum überzeugend bebildern zu können. Sparsam werden Fernsehbilder der Katastrophen eingespielt, die alltäglich geworden zu sein scheinen: Wirbelstürme, Flutwellen und andere Vorboten des Unheils. Trotzdem ist „The Last Winter“ ein Film, der ‚teurer‘ wirkt als er ist. Dass Geld knapp war, wird meist geschickt verschleiert, denn die grandiose Kulisse – gefilmt wurde in Alaska und auf Island – ersetzt kostspielige Kulissen.

Im Finale übertreibt Fessenden es. Man versteht ihn, denn „The Last Winter“ ist kein selbstzweckhaftes Manifest, sondern ein Film, der Gewinn einspielen soll. Im Finale offenbart sich das Grauen, das bisher vage und gerade deshalb erschreckend blieb. Der einstmals gefrorene Tundraboden schwitzt echte Ungeheuer aus, die in deutlich identifizierbarer CGI-Gestalt über die Darsteller herfallen.

Das Ende ist offen

Fessenden hat ihr Erscheinen immerhin sorgfältig vorbereitet. Er thematisiert den Mythos vom Wendigo, der gemäß der Vorstellung diverser indianischer Stämme in Kanada und Alaska in den Wäldern und Weiten der Tundra haust und sich von unvorsichtigen und allzu vorwitzigen Eindringlingen ernährt.

Am Beispiel einer kleinen Gruppe, die gleichzeitig die Menschheit in ihrer Herkunfts- und Meinungsvielfalt symbolisieren soll, möchte Fessenden den unerklärten Krieg zwischen Mensch und Natur darstellen. Damit hat er sich einen Bissen genommen, der deutlich zu groß zum Schlucken ist, denn die internen Streitigkeiten folgen wie die Figurenzeichnungen allzu deutlich bekannten Klischees.

Das Ende bleibt offen, was gleichermaßen Kostenfrage wie freie Entscheidung der Drehbuchautoren gewesen sein mag: Was sich offenbar nicht nur in Alaska, sondern zeitgleich auf der ganzen Welt gegen die Menschen erhoben hat, muss sich der Zuschauer vorstellen. Bitterböse Kritiken belegen, dass nicht jede/r dazu bereit oder in der Lage ist. Dabei hat Fessenden auch hier Hinweise gegeben: „Hoffen wir, dass diese Sachen nur hier geschehen“, spricht ein Teammitglied so inbrünstig, dass wir sogleich wissen: Das Unheil ist ganz sicher nicht auf unser kleines Öl-Team beschränkt.

Vor Ort im Eis

Für seine Öko-Fabel castete Fessenden keine ‚Stars‘, die er sich ohnehin nicht leisten konnte, sondern solide Schauspieler der zweiten und dritten Garde. Prominent ist höchstens Ron Perlman, der einmal mehr den grobschlächtigen Macher mimt, dessen harte Schale bald Risse zeigt. Stärke bei gleichzeitiger Schwäche – das ist Ed Pollack, dessen Führungskraft zum Starrsinn gerinnt und hauptverantwortlich für den Untergang des North-Star-Teams ist. Wenn Perlman chargiert, dann nur dort, wo das Drehbuch es von ihm fordert bzw. ihn im Stich lässt. Das geschieht im Finale, wo es Pollack plötzlich völlig irrationale Reaktionen abfordert. Pollack war bis zu diesem Zeitpunkt oft ein Schweinehund, der indes im Rahmen seines Jobs und seines Charakters logische Entscheidungen traf. Deshalb fällt die Diskrepanz deutlich und negativ auf.

Als Gegenpart stößt Pollack auf den Forscher Hoffman, den James LeGros als ruhigen aber starken Charakter mimt, der zermürbt ist vom Kampf gegen die Windmühlenflügel, die in diesem Fall nicht nur aus der Geldgier des North-Star-Konzerns, sondern auch aus der Gleichgültigkeit seiner Mitmenschen besteht, die nichts hören wollen von den ökologischen Konsequenzen ihres Alltags. Zudem gibt es geschickt eingestreute Szenen, die Zweifel an Hoffmans geistiger Gesundheit wecken.

Des Dreiecks Spitze bildet wie so oft eine Frau. Connie Britton spielt die ungeschminkte Öl-Fachfrau Abby Sellers, die in der Wildnis Fördertürme aufstellt. Die Liebe zum Mahner Hoffman endet dort, wo sie mit der Loyalität zu Abbys Arbeitgeber kollidiert: Im Charakter gleicht sie eher Pollack. In der Krise mutiert sie keineswegs zur Superfrau, sondern ist realistisch der Situation ebenso wenig gewachsen wie ihre Gefährten.

Ein kleines aber feines Team guter Schauspieler gibt den Nebenrollen Format. Das Camp ist wie gesagt ein miniaturisiertes, allerdings der Kulisse angepasstes Spiegelbild der Menschheit. So gibt es hier keinen Quoten-Schwarzen, sondern zwei Ureinwohner Alaskas, die erfreulicherweise keine ‚indianischen Weisheiten‘ von sich geben müssen, sondern mit beiden Beinen in der Gegenwart stehen, ohne ihre Traditionen völlig vergessen zu haben.

DVD-Features

Die Doppel-DVD der Kaufversion enthält ein Produktionstagebuch und Interviews. Akustisch ist „Der letzte Winter“ eine Ohrenweide. Auch das Bild ist grundsätzlich fabelhaft, d. h. kontrastscharf, detailreich und harmonisch sowohl vor Schnee und Eis als auch in den Nachtszenen: „The Last Winter“ wurde eindeutig für die große Leinwand konzipiert, und davon profitiert die DVD ungemein.

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The Last Winter
Originaltitel: The Last Winter/Síðasti veturinn
USA/Island 2006
Regie: Larry Fessenden
Drehbuch: Larry Fessenden, Robert Leaver
Kamera: G. Magni Agustsson
Schnitt: Larry Fessenden
Musik: Jeff Grace
Darsteller: Ron Perlman (Ed Pollack), James LeGros (James Hoffman), Connie Britton (Abby Sellers), Kevin Corrigan (Motor), Jamie Harrold (Elliot Jenkins), Pato Hoffmann (Lee Means), Zach Gilford (Maxwell McKinder), Joanne Shenandoah (Dawn Russell), Larry Fessenden (Charles Foster) u. a.
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
EAN: 4041658272001 (DVD)/404165822006 (DVD/2-Disc-Special-Edition)/4041658292009 (Blu-ray)
Erscheinungsdatum: 31.01.2008 (DVD)/06.08.2010 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1 = 16 : 9 anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 97 min. (Blu-ray: 105 min.)
FSK: 16

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