Einst grausam hingerichtete Hexen haben sich Jahrhunderte Zeit für ihre Rache gelassen. Erst im 21. Jahrhundert kehren sie aus der Hölle zurück, um den Nachfahren ihrer Henker ebenfalls grässliche Tode zu bescheren … – Die haarsträubende aber bierernst erzählte Schauermär leidet unter dem exzessiven Gestaltungswillen ihres Regisseurs, dessen höllische Visionen jedoch eher kindisch als unheimlich sind sowie erhebliche Budgetschwächen verraten: Thema leidlich unterhaltsam verfehlt.

Das geschieht:

Das Städtchen Salem im neuenglischen US-Bundesstaat Massachusetts ist durch seine ebenso berühmten wie berüchtigten Hexenprozesse in die Geschichte eingegangen. Zwischen Februar 1692 und Mai 1693 forderten diese zwanzig Opfer. Hinzu kamen jene, die ‚nur‘ gefoltert, eingesperrt oder verdächtigt wurden.

Unter den Richtern tat sich Reverend Jonathan Hawthorne besonders hervor. Ihm gelang es, den wohl schlimmsten Hexenkreis zu sprengen: Angeführt von Margaret Morgan, waren die sieben „Lords of Salem“ die entschlossensten Jüngerinnen Satans. Hawthorne ließ sie alle ergreifen und hinrichten. Bevor sie starb, belegte Margaret ihre Henker bzw. deren Nachfahren mit einem Racheflug.

Mehr als vier Jahrhunderte später profitiert die „Hexenstadt“ Salem touristisch beträchtlich von ihrer düsteren Vergangenheit. Ohne Wissen (oder Interesse an) der Tatsache, dass der Reverend ihr direkter Urahn ist, arbeitet Adelaide „Heidi“ La Rock, wie sie sich nennt, für einen kleinen Radiosender. Mit ihren Kollegen und Freunden „Whitey“ und „Munster“ moderiert sie dort eine sehr beliebte Show, in der Rockmusik härterer Gangart präsentiert wird.

Heidi ist labil und hat erst kürzlich das Rauschgift aufgegeben. Deshalb denken ihre Freunde an einen Rückfall, als sie geistig zunehmend abwesender im Sender erscheint. Doch Heidi sitzen die „Lord von Salem“ im Nacken. Sie kehren nicht nur aus der Hölle zurück, um sich zu rächen, sondern haben Heidi auch auserkoren, Satans Kind in die moderne Welt zu setzen.

Die ahnungslose Heidi ist umzingelt von toten und lebenden Hexen, die zielstrebig daran arbeiten, Margaret Morgans Masterplan in die Tat umzusetzen. Wer sich ihnen dabei in den Weg stellt, wird gnadenlos niedergemacht. In einer Nacht, die Salem nicht vergessen wird, lassen die „Lords of Salem“ ihre Deckung fallen …

Lust und Last

Hexen als Bösewichte in einer Horrorgeschichte sind heute mindestens verdächtig, politisch nicht mehr korrekt zu sein. Die historische Realität ist düster; unzählige Menschen – übrigens keineswegs ausschließlich Frauen – wurden eines dominanten Aberglaubens wegen verfolgt, drangsaliert und auf grausame Weisen hingerichtet: eines der vielen unzähligen Kapitel seiner Geschichte, die dem Menschen nicht zur Ehre gereichen.

Doch „der Hexe“ erging es wie „dem Indianer“ oder „dem Nazi“: Sie existiert quasi doppelt – als Phänomen der Historie und als Archetyp der populären Unterhaltung. Dort steht sie neben ähnlichen Gestalten, ohne die vor allem die Phantastik nicht existieren könnte: der Vampir, der Werwolf, die Mumie, das Gespenst. Diese Hexe repräsentiert in gewisser Weise das alte Schreckensbild, die den Verfolgungen und Prozessen zugrunde lag. Sie ist weniger lüstern als böse, eine Jüngerin Satans, der ihr magische Fähigkeiten im Tausch gegen Unterwürfigkeit und die Verbreitung des Bösen verleiht.

Rob Zombie greift in „The Lords of Salem“ sämtliche Eigenschaften der klassischen Populär-Hexe auf. Dass diese in ihrer Mehrzahl längst ins Klischee umgeschlagen sind, ist kein grundsätzliches Problem. In der Tat bemüht sich Zombie, die alten Bilder ganz bewusst aufzugreifen, um sie mit neuem Schrecken aufzuladen. Sein Scheitern in diesem Punkt ist sicherlich das elementarste Problem, mit dem dieser Film zu kämpfen hat, doch keineswegs das einzige.

Hexen in der Gegenwart

Womöglich hat sich Zombie schlicht überhoben. Humor ist nicht sein Ding; er liebt den Horror, den er gern beinhart zelebriert. Wer wissen möchte, wie er „Witz“ definiert, sollte sich „House of 1000 Corpses“ (2003; dt. „Haus der 1000 Leichen“) oder „The Devil’s Rejects“ (2005) anschauen. Zombie nimmt die Populär-Hexe deshalb sehr ernst. (Gleichzeitig distanziert er sich vom realen Salem-Terror, indem er u. a. die „Lords“ einige Jahre nach den ‚offiziellen‘ Prozessen wüten lässt.)

Damit geht er ein Risiko ein, denn was einst den Hexen vorgeworfen wurde, wirkt heute erst recht albern, wenn es buchstabengetreu bebildert wird. Zwar bemühen sich Meg Foster und ihre sechs Hexenschwestern nach Kräften, dämonisch und unheimlich zu wirken. Doch schon ihre Nackt-Auftritte im offensichtlichen Latex-Kostüm, das zwischen Nabel und Knien zensurfreundlich verschwommen gestaltet ist, reizen zum Grinsen. Grünzahniges Grinsen, Krächz-Stimme oder enthemmtes Kreischen zum rituellen Kindsmord können ebenfalls nicht die von Zombie geplante Stimmung verbreiten.

Besser gelungen ist ihm das moderne Hexenwesen. Gerade weil Lacy, Megan und Sonny wie biedere US-Hausfrauen wirken und das entsprechende Benehmen an den Tag legen, gelingt die Überraschung, als sie sich ‚outen‘. Der Kontrast zwischen der Realität und dem Übernatürlichen bleibt scharf, während die ‚alten‘ Hexen wie einem Märchenbuch entsprungen wirken. Dieses Problem macht auch oder gerade dem Teufel und seinen Schergen zu schaffen. Vor allem jener Winz-Dämon, der hüftsteif wie R2D2 der entsetzten Heidi entgegenwatschelt, ist nicht gruselig, sondern lächerlich. Auch Zombies Entschluss, fast ausschließlich ‚handgemachte‘ Spezialeffekte zu verwenden, muss als missratenes Stilmittel gewertet werden, da sich das erwünschte unmittelbare Grauen keineswegs einstellen will, weil diese klassischen Tricks ihre Zeit nicht immer zu Unrecht hinter sich haben.

Geklotzt und trotzdem gekleckert

Rob Zombie ist ein sehr visueller Künstler. Das zeigen auch seine Bühnenshows als Musiker, die mit einschlägigen Horror-Elementen angereichert werden. Zombie geht nie sparsam mit ihnen um. Er stellt das Spektakel über die Stimmung bzw. das eine der anderen zur Seite, wobei er alles daran setzt, sein Publikum durch einen Effekt-Overkill dorthin zu treiben, wo er es sehen möchte. Das funktioniert in Filmen wie „Haus der 1000 Leichen“ oder „The Devil’s Rejects“, die auf Überspitzung setzen und entsprechend inszeniert werden, schlägt aber wie in „Halloween 2“ (2009) schnell in Übertreibung und Lächerlichkeit um, wenn es übertrieben und ohne Gespür für die Verhältnismäßigkeit der Mittel eingesetzt wird.

„The Lords of Salem“ gerät spätestens im letzten Handlungsdrittel auf diese abschüssige Bahn. Bis dahin hat sich Zombie bemüht, seine Story aufzubauen und zu entwickeln. Dabei machte er vieles richtig und manches gut. Das moderne Salem ist eine interessante Kulisse, weshalb Zombie seinen Film tatsächlich dort gedreht hat. Man ist in gewisser Weise durchaus stolz auf seine Vergangenheit, die so weit zurückliegt, dass man sie ohne allzu schlechtes Gewissen instrumentalisieren darf. Touristisch hat Salem jenseits ‚seiner‘ Hexen nichts Besonderes anzubieten, weshalb man gern und oft (und ohne Rücksicht auf das passende Umfeld) mit ihnen wirbt.

Heidis Höllenfahrt beginnt verheißungsvoll unterschwellig, bis Zombie recht plötzlich beschließt, Vollgas zu geben. Ein aufwändig eingeführter Subplot – die Machenschaften der Hexen fallen einem aufmerksamen Historiker auf – gerät dabei unter die Räder, doch er ist keineswegs als einzige Opfer: Zu ihm gesellen sich Logik, Timing und Atmosphäre. Zombie würde das sicher verneinen, denn er meint ein wahres Pandämonium zu entfesseln, wenn er mit wagnerianischem Pomp in Bildräuschen und Symbolismen schwelgt. Die folgen im wilden Wechsel und unter Verzicht auf jegliche Handlungsdisziplin; Zombie lässt sich offenkundig hinreißen. In der Tat hat er so ausgiebig gefilmt, dass ganze Szenenfolgen im Schneideraum blieben. Dabei scheint er mit angezogener Bremse zu arbeiten. Die dargebotenen Perversionen bleiben seltsam vage.

Treffen der Horror-Größen

Schauspielerisch bleibt „The Lords of Salem“ bestenfalls Routine. Einmal mehr übertrug Regisseur Zombie die weibliche Hauptrolle seiner Gattin Sheri, die sich eher müht als mimt aber sich auf eine interessante, recht gut gezeichnete Rolle stützen kann: Heidi La Rock ist kein Teenie, sondern eine Frau mit wilder Vergangenheit und fragiler Gegenwart, die sich in ihrem schönen aber nicht mehr jungen Gesicht abzeichnet.

Die übrigen Figuren haben nicht Sheri Moons Glück. Höchstens Bruce Davison kann als akademischer Pechvogel Francis Matthias Akzente setzen. Die drei ‚gegenwärtigen‘ Hexen wurden bereits erwähnt. Als Margaret Morgan kann Meg Foster nicht gegen ihre Maske und die Klischees anspielen, obwohl sie sich sichtbar Mühe gibt, Satan zu huldigen und Gott zu schmähen – Szenen, die wahrscheinlich in den bigotten USA wesentlich stärker wirken.

Das Feld der übrigen Darsteller ist vor allem ein Paradies für Genre-Nerds. Wer spielt wen, und wo haben wir sie oder ihn vorher gesehen? Zombie hat vor allem Schauspieler engagiert, die Spuren im Film-Horror hinterlassen haben. Judy Geeson kennt der Grusel-Fan aus „Doomwatch“ (1971; „Doomwatch – Insel des Schreckens“) oder „Diagnosis: Murder“ (1974; dt. wunderschön absurd „Der See der verstümmelten Leichen“), Dee Wallace aus „The Howling“ (1981; dt. „Das Tier”) oder „Cujo” (1983), Patricia Quinn als Magenta in „The Rocky Horror Picture Show” (1975), Ken Foree aus George A. Romeros „Dawn of the Dead” (1978; dt. „Zombie”), María Conchita Alonso aus „The Running Man“ (1987) oder „Predator 2“ (1990), Meg Foster aus „Masters of the Universe“ (1987) oder John Carpenters „They Live! “ (1988; dt. „Sie leben! “), Barbara Crampton aus „Re-Animator“ (1985) oder „From Beyond“ (1987; dt. Aliens des Grauens“). In kleinen Gastauftritten erkennt der aufmerksame Betrachter außerdem Lisa-Marie („Ed Wood“, 1994, oder „Mars Attacks! “, 1996), Michael Berryman („The Hills Have Eyes“, 1977; dt. Hügel der blutigen Augen“) oder Rob Zombies Stamm-Mimen Sid Haig.

Zugutehalten sollte man Zombie, dass er etwas Neues versucht hat und weg vom allzu vordergründigen Splatter-Grusel wollte. Das Publikum folgte ihm dabei nicht; „The Lords of Salem“ war trotz des minimalen Budgets ein Misserfolg. Zombies Stamm-Fans witterten spätestens Unheil, als die Zensur vor der Veröffentlichung recht gleichgültig reagierte: ‚Echte‘ Rob-Zombie-Filme müssen establishmentverflucht sein! Der Meister begriff und kehrte reumütig zu seinen Wurzeln zurück. „31“ bot 2016 wieder, was der moderne Freizeit-Rebell fordert: „sadistic graphic violence, bizarre sexuality/nudity, pervasive disturbing images and some strong language“ (aus dem Urteil der Motion Picture Association of America).

DVD-Features

In Sachen Extras bleibt „The Lords of Salem“ hierzulande eine Sparschwein-Version. Immerhin gehen Bild- und Tonqualität in Ordnung, und für die Eindeutschung kann der Begriff „Synchronisierung“ verwendet werden, ohne dass den der Teufel holt, der diese Behauptung aufstellt.

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The Lords of Salem
Originaltitel: The Lords of Salem (USA/GB/Kanada 2012)
Regie u. Drehbuch: Rob Zombie
Kamera: Brandon Trost
Schnitt: Glenn Garland
Musik: John 5 (= John William Lowery)
Darsteller: Sheri Moon Zombie (Heidi La Rock/Adelaide Hawthorne), Jeff Daniel Phillips (Herman „Whitey” Salvador), Judy Geeson (Lacy Doyle), Patricia Quinn (Megan), Dee Wallace (Sonny), Ken Foree (Herman „Munster” Jackson), Bruce Davison (Francis Matthias), María Conchita Alonso (Alice Matthias), Meg Foster (Margaret Morgan), Andrew Prine (Reverend Jonathan Hawthorne), Barbara Crampton (Virginia Cable), Michael Berryman (Virgil Magnus), Sid Haig (Dean Magnus), Lisa Marie (Priscilla) u. a.
Label/Vertrieb: Universal Pictures
Erscheinungsdatum: 31.10.2013
EAN: 5050582940879 (DVD)/5050582940893 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 97 min. (Blu-ray: 101 min.)
FSK: 16

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