Die alkoholsüchtige Kathy und ihre Tochter Lizzy bleiben nach einem nächtlichen Unfall mit dem Wagen auf einer kaum befahrenen Waldstraße liegen. Dort treibt ein riesiges Ungeheuer sein Unwesen, das erst einige Pechvögel erledigt, die es ebenfalls in die Einöde verschlägt, um sich dann Mutter und Tochter zu widmen … – Als Mischung aus Sozialdrama und Horror eher ambitioniert als gelungen, doch die Heimsuchung durch das Monster ist klassisch als Duell inszeniert, die beiden Hauptdarstellerinnen sind ausgezeichnet, das Timing stimmt: Trotz des sichtlich kostengünstigen Monster-Kostüms bietet dieser Film Spannung und Stimmung.

Das geschieht:

Lizzy hat die Nase voll, sich um ihre stets betrunkene Mutter zu kümmern. Die Vierzehnjährige will zum Vater ziehen, der sich schon vor langer Zeit von Kathy getrennt hat. Diese weiß um ihr Versagen, kann aber ihrer Sucht nicht entkommen und stimmt dem Umzug schweren Herzens zu. Da der Vater weit verzogen ist, steht Mutter und Tochter eine lange Autofahrt bevor.

Die Nacht bricht herein, es regnet heftig, und die Straße führt durch einen dichten Wald. Genau hier bringt etwas den Wagen ins Schleudern; dabei rammt er zu allem Überfluss einen urplötzlich aufgetauchten Wolf. Kathy und Lizzie werden nur leicht verletzt, aber das Auto und der Wolf haben den Geist aufgegeben. Per Handy ruft man einen Abschleppwagen und einen Notarzt.

Während man wartet, verschwindet der tote Wolf. Die neugierige Lizzy findet ihn ein Stück jenseits der Straße; der Kadaver wurde angefressen, und im Fleisch steckt ein gewaltiger Reißzahn. Dessen Eigentümer lernen Mutter und Tochter kennen, als Abschleppfahrer Jesse auf der Szene erscheint: Noch bevor er ihren Wagen an den Haken nehmen kann, wird er von einer gewaltigen Kreatur attackiert und buchstäblich in Stücke gerissen.

Kathy und Lizzy ahnen, dass sie als nächste auf der Speisekarte stehen, denn das Wesen belauert sie. Fluchtversuche scheitern und führen nur dazu, dass Kathy schwer verletzt wird. Zwar taucht irgendwann der alarmierte Krankenwagen auf, aber selbstverständlich schenken die beiden Insassen den Warnungen keinen Glauben und erleiden ein horrorfilmtypisches Ende. Mutter und Tochter bleiben auf sich gestellt. Bis zum Anbruch des Tages dauert es zu viele Stunden. Das Monster wird dreister, weshalb sich seine Opfer etwas einfallen lassen müssen …

Das dreifache Monster

Normalerweise bedeutet ein Horrorfilm, der mit Ambitionen gedreht wurde, wenig Gutes für die Zuschauer. Meist ist es der Grusel, der zu kurz kommt, weil das menschliche Drama über den Schrecken gestellt wird. Kein Kritiker, der sich als solcher fühlt, würde es riskieren, laut nach einem Horror zu rufen, der vor allem erschreckt = unterhält.

Auch Bryan Bertino kann offenbar nicht einfach eine Mutter und ihre Tochter in eine Todesfalle tappen und um ihr Leben kämpfen lassen. Er müht sich mächtig, dem Paar eine Vorgeschichte zu geben, und gießt dabei ein Fundament, auf dem eine ganze Fernsehserie lasten könnte. Auch später kehrt er per Rückblende mehrfach in die Zeit vor dem Monster-Crash zurück, denn Bertino – der auch das Drehbuch verfasst hat – will sicherstellen, dass wir seine metaphorische Intention begriffen haben: Kathy und Lizzy kämpfen schon gegen Monster, bevor die wuchtige Gestalt aus dem Wald springt. Das eine Ungeheuer heißt „Alkohol“ und hat das Leben der Mutter bereits zerstört, das andere ist Kathy selbst: Tochter Lizzy hat genug davon, der betrunkenen Mutter hinterher zu räumen, sich von ihren nichtsnutzigen Liebhabern anbrüllen zu lassen oder vor ihren Freunden blamiert zu werden, was Bertino verdeutlicht, indem er sie einmal ein Messer an Kathys Kehle setzen lässt, während diese ahnungslos schnarcht.

Benötigen wir diese Vorgeschichte? Die Antwort lautet eindeutig Nein. Sobald Mutter und Tochter im Wald gestrandet sind, ist das Drama ihrer gestörten Beziehung unwichtig. Es zählt allein der Kampf ums Überleben, der ausschließlich im Hier und Jetzt stattfindet. Auch Bertino weiß das, weshalb er sich auf das Problem konzentriert, seine eigentlich hoffnungslos unterlegenen Hauptfiguren (halbwegs) glaubhaft gegen ihre Nemesis kämpfen zu lassen.

Das Ding aus dem Wald

Während Bertino besagte Hauptfiguren mit einer ausführlichen Vorgeschichte belastet, schweigt er sich klug darüber aus, worum es sich bei dem Monster handelt. Eine überzeugende Erklärung gibt es ohnehin nicht, und niemandem wäre geholfen, wenn wir wüssten, aus welcher Höhle, Dimension oder Hölle die Kreatur gekrochen ist. Sie muss einfach anwesend sein bzw. allgegenwärtig und unbesiegbar wirken. Auf diese Weise ist gewährleistet, dass erstens Mutter und Tochter in der Krise wieder zueinanderfinden, während sie zweitens eine ureigene menschliche Eigenschaft reaktivieren: Wenn man uns in eine Falle ohne Ausweg jagt, erwacht der Höhlenmensch in uns, und wir stellen uns einem Angreifer, der in diesem Fall nicht damit rechnet, dass seine vermeintlichen Opfer über eine Intelligenz verfügt, die körperliche Unterlegenheit ausgleichen kann.

Filmisch liegt die Herausforderung darin, dies auf eine Weise zu zeigen, die gleichzeitig spontan und einfallsreich wirkt. In dieser Hinsicht setzt Bertino – wiederum im Geist der Vorgeschichte – auf den Faktor Mutterliebe, was in diesem Umfeld bedeutet, dass sich Kathy in ein rasendes Muttertier verwandelt, das ihr eigenes Leben opfert, um die Tochter zu retten. Auf diese Weise wird sie außerdem geläutert; ihr verpfuschtes Leben erhält einen Sinn.

Ob dies eine realistische oder sentimentale Wendung ist, stellt sich als Frage im Grunde nicht, denn hier sehen wir einen Film, weshalb die emotionale Lösung und die Symbolträchtigkeit nicht nur wahrscheinlich (oder entschuldbar), sondern quasi geboten ist. So ist ein Finale möglich, das dem Tod der drei Monster (Bestie, Alkohol und ‚besessene‘ Mutter) folgt und Lizzy zwar allein aber gestärkt in einen neuen Tag = den Beginn eines besseren Lebens gehen lässt.

Das Glück der richtigen Wahl

„The Monster“ ist ein Kammerspiel, obwohl es nicht auf einer Bühne, sondern auf einer Waldstraße spielt (die allerdings in einem Studio nachgebildet wurde, um Licht und Wetter besser kontrollieren zu können). Fast ausschließlich stehen Zoe Kazan (Kathy) und Ella Ballentine (Lizzy) buchstäblich im Rampenlicht. Hier konnte sich Bertino keine Fehler bei der Schauspielerwahl gestatten.

Vor allem die Suche nach einer auch äußerlich jungen Darstellerin, die in die Rolle der überforderten Tochter schlüpfen konnte, statt nur Disney-Präsenz (= Penetranz) zu demonstrieren, war eine Herausforderung, die mit Bravour gemeistert wurde. Ella Ballentine gehört zu jenen wenigen Schauspielern, deren Karriere nicht mit dem Ende der Kindheit enden, sondern mit ihr wachsen wird. Ungeachtet ihrer Jugend hat sie bereits in zahlreichen Kino- und TV-Filmen mitgespielt. Als Lizzie ist Ella Ballentine jederzeit präsent – nicht als altkluge Nervensäge, sondern als allzu früh in die Erwachsenenrolle gedrängtes Kind, das nicht nur unglücklich, sondern stets auf der Hut ist: Womit wird mich meine Mutter dieses Mal ‚überraschen‘?

Dass Zoe Kazan ihrer Filmtochter darstellerisch gewachsen ist, könnte man leicht ihrer Herkunft zuschreiben. Sie wuchs praktisch zwischen Kameras auf; Kazans Eltern sind der Drehbuchautor Nicholas Kazan (u. a. „Frances“; 1982, Die Affäre der Sunny von B.; 1990, „Der 200-Jahre-Mann“; 1999) und die Regisseurin Robin Swicord (u. a. „Der seltsame Fall des Benjamin Button“; 2008), ihr Großvater Elia Kazan (1909-2003, u. a. „Endstation Sehnsucht“; 1951, „Die Faust im Nacken“; 1954, „Jenseits von Eden“; 1955). Man sieht Zoe Kazan kaum in prestigeträchtigen Blockbustern. Stattdessen konzentriert sie sich auf kleine, schwierige Projekte, die schauspielerische Anforderungen an sie stellen. „The Monster“ fügt sich nahtlos in die Reihe dieser Werke ein. Kazans Kathy ist gleichermaßen abstoßend, bemitleidenswert und wild entschlossen, endlich etwas richtig zu machen, auch wenn es sie das Leben kosten wird.

Budget-Börse mit Halleffekten

Obwohl Bertino sich innerhalb eines knappen Finanzrahmens bewegen musste, ist „The Monster“ keine Billig-Produktion. 2,7 Mio. Dollar standen immerhin zur Verfügung, was angesichts der sparsamen Kulissen (und des gnädig verschleiernden Dauerregens) für grundsolides Filmhandwerk reichte. Die Kamera unterstreicht geschickt die Isolation der dem Monster ausgelieferten Figuren. Licht und Schatten sorgen für weitere Akzente, die Farben wurden ‚gedimmt‘, um die Schauplätze unheimlicher wirken zu lassen. Ein echter Score wurde eingespielt, der das Geschehen begleitet und verstärkt, statt wie heutzutage üblich Filmmusik als vermarktungsfähiges Nebenprodukt zu generieren.

Obwohl „The Monster“ nicht als Splatterfilm konzipiert ist und ein Großteil der monsterlich verübten Gewalt im Halbdunkeln verborgen bleibt, negiert Bertino keineswegs, dass hier brutal Leben ausgelöscht werden. Jesse nimmt deshalb ein überaus grausames Ende; dass er dabei einen Arm verliert, wissen wir auch deshalb, weil ihn Bertino den schockierten Zeuginnen auf die Haube ihres Wagens wirft. Dagegen verzichtet er weitgehend auf plakative Buh!-Effekte.

Umso rätselhafter ist die Anwesenheit eines Monsters, das wie aus alten Autoreifen zusammengebastelt wirkt. Bertino ist offensichtlich kein Freund des modernen CGI-Kinos. Auf seine Seite stellen sich Kritiker, die ihn rühmen, weil er den ‚handgemachten‘ Ungetümen eines noch analogen und irgendwie besseren Horrorfilms seine Reverenz erweise. Falls dies Bertinos Intention war, ist er erfolgreich höchstens in dem Bemühen, die Offensichtlichkeit der unbeholfenen Monster-Kostüme dieser Vergangenheit aufleben zu lassen. Da „The Monster“ eindeutig keine Horror-Hommage darstellt, kann dieses Argument nicht greifen.

Schwächen weist die finale Konfrontation zwischen Lizzy und dem Monster auf. So leicht dürfte eine bisher unverwüstliche Kreatur keinesfalls außer Gefecht gesetzt werden! Aber es geht zumindest Bertino vor allem darum, Lizzy allegorisch ‚erwachsen‘ werden zu lassen. Da „The Monster“ ansonsten das Wichtigste richtig macht, d. h. spannend geraten ist, verzeihen wir, dass es Bertini nur ansatzweise gelingt, sein Kamel durch ein cineastisches Nadelöhr zu führen.

DVD-Features

Zwar wurde die Featurette „Eyes in the Darkness“ aufgespielt, doch welche Informationen kann ein Beitrag vermitteln, der siebeneinhalb Minuten dauert? Bryan Bertino, die Produzenten Aaron L. Ginsburg und William Green sowie die Darsteller Zoe Kazan, Ella Ballentine und Aaron Douglas dürfen ein paar Worte sagen, einige Impressionen von der Dreharbeiten werden gezeigt und Spezialeffekte erläutert.

Dafür entschädigt der Hauptfilm, der auch als DVD ausgezeichnete Bild- und Ton-Qualitäten bietet. Lobend muss auch hervorgehoben werden, dass „The Monster“ keine Lindenberg-Als-ob-Eindeutschung erfuhr, sondern tatsächlich synchronisiert wurde.

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The Monster
Originaltitel: The Monster (Kanada 2016)
Regie u. Drehbuch: Bryan Bertino
Kamera: Julie Kirkwood
Schnitt: Maria Gonzales
Musik: Tomandandy (= Thomas Hajdu u. Andy Milburn)
Darsteller: Zoe Kazan (Kathy), Ella Ballentine (Lizzy), Aaron Douglas (Jesse), Scott Speedman (Roy), Christine Ebadi (Leslie), Chris Webb (Monster)
Label/Vertrieb: Koch Media
Erscheinungsdatum: 23.03.2017
EAN: 4020628813888 (DVD)/4020628813871 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min. (Blu-ray: 91 min.)
FSK: 16

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