The Morgue – Endstation Tod

Originaltitel: The Morgue (USA 2008)
Regie: Halder Gomes u. Gerson Sanginitto
Drehbuch: Najla Ann Al-Doori
Kamera: Jack Anderson
Schnitt: Bryndon Smith
Musik: Perry La Marca
Darsteller: Lisa Crilley (Margo Dey), Chris Devlin (Peter Townsend), Heather Donahue (Nan Townsend), Taylor Lipman (Jill Townsend), Brandon Quinn (Jacob), Michael Raye (Horace Sparks), Bill Cobbs (George), Sammy Sheik (Samim), Brady Matthews (Detective Philip Drake), Googy Gress (Detective Chet White), Fred Ochs (Chief Will Malone), Chris Torres (vermummter Mörder) u. a.
Label u. Vertrieb: Koch Media Home Entertainment (www.kochmedia.de)
Erscheinungsdatum: 24.02.2009 (Kauf-DVD)
EAN: 4020628972035 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1   anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 81 min.
FSK: 16

Das geschieht:

Obwohl sie gerade ihren untreuen Freund verlassen hat, bleibt Margo Dey eine Frohnatur. Dabei verdient sie sich ihren Lebensunterhalt, indem sie in der Nacht die düsteren Flure eines gewaltigen Bestattungsinstituts reinigt, wobei ihr nur der altersschwache Nachtwächter George Gesellschaft leistet, der allerdings mächtig an der Flasche hängt.

In einer an sich schönen Sommernacht gerät Margos Leben endgültig aus den Fugen. Schon als sie ihren Dienst antritt, ist sie irritiert, weil sich ihr Arbeitsplatz subtil verändert zu haben scheint. Ihr bleibt keine Zeit darüber nachzudenken, denn die Familie Townsend – Vater Peter, Mutter Nan, Tochter Jill – verlangt Einlass, nachdem ihnen auf der Straße das Benzin ausging. Kurz darauf schleppt der junge Jacob seinen bei einem Autounfall schwer verletzten Freund Samim herein.

Hilfe von außen kann seltsamerweise nicht gerufen werden. George ist spurlos verschwunden, das Telefon gibt seinen Geist auf, und als Peter und Jacob versuchen, das Institut zu Fuß in Richtung Stadt zu verlassen, scheinen sie permanent im Kreis zu laufen; stets kehren sie an ihren Ausgangsort zurück.

Dabei wäre Flucht definitiv ratsam, denn in den labyrinthischen Gängen des Instituts geht ein vermummter Killer um, der die kleine Gruppe mit Skalpell, Schaufel und anderen Werkzeugen des Bestattungswesens bedroht. Immer dreister wird der Verfolger, und er scheint überall zu sein. Ist es der Geist vom alten Horace, der einst hier arbeitete, bis er sich im Wahn die Kehle durchschnitt? Irgendwie müssen Margo und ihre Schicksalsgefährten bis zum Morgen durchhalten, der Hilfe bringen wird, doch das wird noch Stunden dauern, in denen nicht nur der Killer zuschlägt, sondern auch merkwürdige Vorfälle die Gruppe zusätzlich in Angst versetzen …

Einsatz ist der halbe Filmerfolg

Wer sich als Zuschauer nur ein wenig im Phantastik-Genre auskennt, ist nach diesen Andeutungen bereits im Bilde: Das jüngere Publikum denkt an Filme wie „Dead End“ (2001) oder „Reeker“ (2005), die älteren Horrorfreunde erinnern sich an den Seelenwanderungs-Klassiker: „Carnival of Souls“ (dt. „Tanz der toten Seelen“, 1962). Aber auch Neulinge vor dem Bildschirm werden bald erkennen, in welche Richtung der Geister-Hase läuft.

„The Morgue“ gehört zu den seltsamen Filmen, die eigentlich versagen müssten, weil sie das Produkt gleich mehrerer Negativ-Faktoren darstellen. Die Story gehört nicht unbedingt dazu, weil die Wiederholung des Bekannten und Bewährten gerade im Horrorfilm gang & gäbe ist. Gemeint sind stattdessen jene offensichtlichen Fehler, die auf ein Null-Budget sowie Unerfahrenheit vor und hinter der Kamera hinweisen.

In der Tat ist „The Morgue“ ein Film, der unter enormem Geld- und Zeitdruck entstand. Nicht einmal für die Inszenierung eines anständigen Autounfalls war Geld da; im „Making-of“ sieht man einsatzfreudige Requisiteure, die mit Holzlatten auf diverse Wagenteile einprügeln, die später auf einem Straßenstück verteilt werden und besagten Unfall suggerieren sollen. (Was übrigens durchaus klappt – schon ein erster Hinweis auf ein Gut, mit dem die Macher von „The Morgue“ nicht knausern: Einfallsreichtum.)

Das Durchschnittsalter von Crew und Darsteller dürfte sich zwischen 20 und 25 Jahren bewegen. Kameramann Jack Anderson gibt im Interview zu, er habe sich wie ein Filmdozent unter Studenten gefühlt. Die gehen, ebenfalls im „Making-of“ festgehalten, mit großer Begeisterung und einem Einsatz ihren Jobs nach, ohne die bzw. den „The Morgue“ nur ein weiteres „Direct-to-DVD“-Machwerk geworden wäre.

Zwischen Leben und Tod

Auch eine bekannte Story kann wie gesagt entzücken, wenn sie gut erzählt wird. „The Morgue“ ist kein ‚richtiger‘ Horrorfilm, was heute viel zu oft mit „Splatter“ gleichzusetzen ist. „Mystery“ trifft es hier besser – eine seltsame Geschichte wird präsentiert, das Interesse des Zuschauers durch unwirkliche Vorkommnisse geweckt, die Blut- und Gedärme-Spritzereien erfolgreich ersetzen.

Irritation ist das Stichwort: Drehbuchautorin Al-Doori legt zahlreiche Schlingen aus, in denen sich ihre Opfer – also wir – meist zuverlässig fangen. Die Regie vermag dies im Bund mit einer sorgfältig geführten Kamera in spannungsreiche Bilder umzusetzen. Dass nicht jede Idee zündet, liegt in der Natur eines Films, der ohne übermäßigen Aufwand gedreht werden musste: Nicht jeder Einfall, der im Skript gut aussieht, überlebt die Realisierung so wie geplant.

Eine glückliche Hand bewies der Regisseurs-Duo Gomes und Sanginitto mit der Wahl des Drehorts. Für Kulissen war wiederum kein Geld da. Man fand eine wahrlich eindrucksvolle Alternative: die „Mountain View Mortuary“ in Los Angeles, eine regelrechte Bestattungs-Fabrik, die nicht nur zahlreiche Leichen gleichzeitig ‚verarbeiten‘ kann – was damit gemeint ist, belegt die zurückhaltend gefilmte und doch unangenehm deutliche Eingangssequenz -, sondern mit mächtigen, unterirdisch angelegten, neugotischen und absolut geschmacklos gestalteten Hallen ausgestattet ist, in deren Wänden die Toten hinter Marmortafeln wie Weinflaschen gestapelt liegen. Die hallende Trostlosigkeit dieser Anlage bietet eine fabelhafte Staffage, vor der die Darsteller passend zum Geschehen winzig und verloren wirken.

In vielen Kritiken zu diesem Film kommen die Schauspieler nicht gut weg, was erstaunt, da sie im Rahmen ihrer begrenzten Erfahrungen – der Talentfaktor bleibt hier unberücksichtigt – gute Arbeit leisten. Hauptdarstellerin Lisa Crilley überzeugt als robustes, gut gelauntes Mädchen von nebenan, dessen Denken und Handeln nicht von jenen Hollywood-Klischees bestimmt werden, die so viele Horrorfilme zum Ärgernis machen. Dass Taylor Lipman kein Kinderstar des frühen 21. Jahrhunderts ist, kann man weder den Regisseuren noch der Drehbuchautorin zum Vorwurf machen.

Die Schrecken der Ungewissheit

Der Schauplatz gibt die Atmosphäre des Schreckens vor bzw. unterstützt sie. Gern verharrt die Kamera auf Werkzeugen, Einrichtungsdetails und Dekors, die den Tod und das (mögliche) Nachleben thematisieren. „The Morgue“ spielt an einem Ort, den die meisten Menschen meiden, weil er sie an ihre Vergänglichkeit nicht nur erinnert, sondern sie damit konfrontiert. Die scheinbar pietätvolle Zurückhaltung macht dies noch aufdringlicher.

Selbstverständlich hätte Margo auch in einem Großraumbüro putzen können, doch der Effekt wäre kaum vergleichbar gewesen. Die Leichenhalle gibt ein wesentlich wirkungskräftigeres Fegefeuer ab. Schon thematisch passt die Stätte zum Geschehen, und natürlich werden auch klassische Gruselszenarien genutzt. Immer wieder wirksam ist beispielsweise das lebendige Erwachen im geschlossenen Sarg, aber auch der Anblick nackter Körper auf kaltem Präpariertisch-Stahl verfehlt seine Wirkung nicht.

Der Killer im Kapuzenanzug ist an sich keine glückliche Wahl. Hier benimmt er sich (sogar gemessen an den Maßstäben, die Hollywood an irre Schlitzer anlegt) allerdings so irrational, dass sich sein Verhalten in die lange Reihe weiter oben erwähnter Irritationen einfügt. In der ersten Hälfte trägt der auf diese Weise errichtete Spannungsbogen gut – der Zuschauer ahnt zwar, was tatsächlich geschieht, will es aber eigentlich nicht wissen, sondern sich weiter an der Nase herumführen lassen.

Das klappt in der zweiten Hälfte nicht mehr. Jede Seltsamkeit erfährt nunmehr ihre Erklärung; „The Morgue“ erhält auf diese Weise einen überlangen Epilog, dessen Detailreichtum überflüssig bzw. der schlecht getimt ist. Immerhin entfällt das Happy-End. Kitschige Himmelfahrten bleiben aus, das Finale für die sympathische Margo ist grimmig.

Das alles macht „The Morgue“ nicht zu einem Meisterwerk. Auch mit größerem finanziellen Rückhalt wäre das kaum gelungen. Womöglich ist es die Entscheidung der Macher, den schwierigeren Weg zu gehen, der für sie einnimmt: Sie drehen einen Film, der keine Tabus zu brechen versucht und den obligatorischen Overkill ausspart. Das ist altmodisch, aber es ist auch zeitlos, und auf diesem Level funktioniert „The Morgue“ trotz seiner Mankos.

DVD-Features

Es ist beileibe nicht üblich, dass ein ‚kleiner‘ Film wie „The Morgue“ durch Features ergänzt wird. Hier geschieht es, und der Blick „Behind the Scenes“ fällt durch die Aufdeckung der alltäglichen Schwierigkeiten, mit der die Produktion verbunden war, angenehm auf. Vor allem hinter der Kamera sind alle Interviewpartner ungekünstelt und geben stolz über ihre jeweilige Funktion Auskunft. Improvisation ist sichtlich Trumpf, und mancher uralte Trick aus der Effektkiste der Filmgeschichte leistet auch heute noch erstaunlich gute Dienste.

Lisa Crilley versucht im Interview den abgeklärten Star der (hoffentlich nahen) Zukunft zu geben, wobei ihr das eigene übersprudelnde Wesen im Weg steht. Eine Attitüde haben sie und ihre Kollegen und Kolleginnen leider übernommen: Sie loben einander über den grünen Klee und verlassen sich nicht auf die Wirkung der Bilder vom Dreh, die das wesentlich überzeugender aussagen. Diese Sequenzen lassen sich ohnehin besser verfolgen, da das „Making-of“ weder übersetzt noch deutsch untertitelt wurde.

Weitere Extras sind eine nutzarme Slideshow sowie der Originaltrailer.

[Michael Drewniok]

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