The Nesting – Haus des Grauens

Originaltitel: Apparition/The Nesting (USA 2014)
Regie: Quinn Saunders
Drehbuch: Pete Cafaro u. Andrew Kayros
Kamera: Alice Brooks
Schnitt: Aaron Maisano
Musik: Cody Westheimer
Darsteller: Jody Quigley (Doug), Katrina Law (Lori), Lili Bordán (Jamie), Airen DeLaMater (Hausmädchen), Dave Droxler (Connor), Pete Postiglione (Alan), Thomas Roy (Woody) u. a.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 11.12.2015
EAN: 4048317384310 (DVD)/4048317484317 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 92 min. (Blu-ray: 95 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Gerade hatten sich Doug und Lori verlobt, da kam sie durch einen von ihm mitverschuldeten Autounfall um. Untröstlich und mit schlechten Gewissen – ein heftiger Streit hatte das Unglück eingeleitet – zieht sich Doug in ein altes Farmhaus zurück, das er mit Lori irgendwo im Hinterland des US-Staates Pennsylvania erworben haben. Gemeinsam wollten sie es renovieren und dort eine Familie gründen.

In dem einsam gelegenen und großen Haus scheint es nachts zu huschen und zu flüstern. In einer Bar trifft Doug den alten Woody, der ihm die Geschichte des Anwesens erzählt: Nach dem Bürgerkrieg wurde es von einer reichen aber mordlustigen Frau erbaut, die im Keller eine Gaskammer einrichtete. Dann lockte sie junge Frauen als Hausmädchen ins Haus, um sie nach einiger Zeit umzubringen. Seitdem gilt das Haus als verflucht, was Woody nur bestätigen kann, da hier seine Nichte 1970 ihre gesamte Familie abschlachtete.

Wenig später erscheinen Doug einige der toten Hausmädchen und bitten ihn um Hilfe. Seine Aufmerksamkeit wird allerdings abgelenkt, als auch Lori wieder auftaucht. Doug ist sich sicher, dass er sich ihre Präsenz nur einbildet, doch in seiner Trauer und Einsamkeit lässt er sich auf die Illusion ein.

Die seltsame Harmonie gerät durcheinander, als Doug die Nachbarin Jamie kennenlernt. Sie ist jung und hübsch sowie zwischenmenschlich an Doug interessiert, was Geister-Lori mit heftigem Zorn quittiert. Sie will die Rivalin keineswegs dulden, zumal Doug deutliche Anzeichen dafür erkennen lässt, dass er die Trauer um Lori überwindet und sich Jamie zuwenden will. So lässt Lori Doug wissen, dass sie bei ihrem Tod schwanger war. Diese Taktik funktioniert nur kurzfristig und hat eine verhängnisvolle Nebenwirkung: Doug beginnt den Bezug zur Realität immer öfter zu verlieren. Bald kann er zwischen Illusion und Tatsache nicht unterscheiden, was den Konflikt mit Lori und Jamie in einen gefährlichen Seiltanz verwandelt …

Die Negativ-Kraft des Geistes

Vor allem der rational denkende Kritiker stellt den ‚realen‘ Wahn über die Heimsuchung durch Geister und Monster. Selbst wenn man die Spielverderber aussortiert, bleibt es beim Zugeständnis, dass daran unbehaglich viel Wahrheit steckt. Natürlich ist es ein unerfreulicher Gedanke, von einem Gespenst, Vampir oder Werwolf attackiert zu werden. Allerdings ist die Gewissheit hilfreich, dass solche Geschöpfe dem Reich der Fantasie angehören und uns auch im nächtlichen Alltag nicht belästigen werden.

Dagegen ist es jederzeit möglich, vom eigenen Hirn ‚verraten‘ zu werden. Es dient als Instrument, das uns die Welt buchstäblich ins Bewusstsein rückt und dadurch erlebbar macht. Wenn es diese Interpretations- und Filterfunktion nicht mehr oder nur teilweise erfüllt, kommt es zu Missverständnissen, die es an Schrecken mit den weiter oben genannten Kreaturen leicht aufnehmen: Auf unser Hirn sind wir angewiesen.

Folgerichtig beschäftigen sich nicht nur Mediziner, sondern auch Künstler seit jeher mit den Folgen entsprechender Ausfälle. Die Quintessenz des Wahns ist die Verschmelzung von Fiktion und Realität, die in einer Art Parallelwelt münden. Der Betroffene muss für echt halten, was ihm sein Hirn vorgaukelt. Das Wissen um eine Fehlfunktion ist keineswegs hilfreich, sondern schürt den Schrecken, denn es gipfelt in der Frage, was man für real halten kann oder für eine Täuschung halten muss.

Am Beispiel einer normalerweise belanglosen Episode

Damit ist das Fundament beschrieben, auf dem Quinn Saunders seine Geschichte baut. Um ‚richtigen‘ Spuk geht es ihm nicht, obwohl er als Element der Verunsicherung eingesetzt wird. So lange wie möglich möchte der Regisseur sein Publikum zusammen mit Doug, der unglücklichen Hauptfigur, in Unsicherheit wiegen: Geht es in dem alten Haus tatsächlich um, oder bildet sich Doug nicht nur die Wiederkehr Loris, sondern auch die Erscheinungen der gasvergifteten Hausmädchen ein?

Die Entscheidung fällt letztlich eindeutig aus – so eindeutig, dass die gesamte Gründungs-Gruselgeschichte des Hauses eigentlich überflüssig ist. Saunders hätte sich besser auf sein gegenwärtiges Figurenpersonal – Doug, Lori und Jamie – konzentriert und dadurch eine wesentlich stringentere Handlung erzielt. Doch nicht nur diese Abschweifung kann bzw. soll vertuschen, dass Saunders sich auf ein Drehbuch stützt, dessen Substanz vergleichsweise fadenscheinig ist.

Vielleicht haben wir schon zu viele ähnlich gestrickte Storys gesehen. Wie diese ausgehen wird, bleibt jedenfalls dem leidlich erfahrenen Zuschauer nicht lange verborgen, zumal Saunders das Finale in einer Art Prolog vorwegnimmt. Da in den folgenden anderthalb Stunden nur eine überschaubare Zahl von Fakten generiert wird, ist es einfach, die Handlung schon vor dem offiziellen Finale aufzulösen. Nicht einmal der ‚schockierend‘ tragische Epilog kann dann noch einen Akzent setzen: Dieser Film bietet einschließlich der durch Buh!-Musik ‚unterstützten‘ Schreckmomente solide aber tausendfach erzählte Kost. (Um auch die Freunde des härteren Horrors anzulocken, wurde der Film erst ab 18 Jahre freigegeben, was nur durch die beigefügten Trailer zu erklären ist, da „The Nesting“ ansonsten nicht einmal Zwölfjährige erschrecken kann.)

Die Schrecken der Einsamkeit

„The Nesting“ ist ein kostengünstig produzierter Spielfilm. 3 Mio. Dollar betrug das Budget laut IMDb.com. Angesichts einer Geschichte, die nicht auf Spezialeffekte angewiesen ist, konnte diese Summe in einen Film fließen, der handwerklich gut gelungen ist. Die Handlung konzentriert sich auf das Innere des alten Hauses, das je nach Dougs Gemütszustand verkommen oder unheimlich wirkt.

Für die Besetzung griff Regisseur Saunders auf TV- und Nebenrollen-Profis zurück, die konzentriert und schnell spielen können, was angesichts beschränkter finanzieller Mittel hilfreich ist. Während Jody Quigley als Doug, der Mann von nebenan, überaus überzeugend wirkt, wirft die Besetzung der beiden weiblichen Rollen Fragen auf: Sowohl Katrina Law (Lori) als auch Lili Bordán (Jamie) sind bemerkenswert schöne Frauen, die sich hoffnungslos und auf Anhieb in einen Mann verlieben, der auf seinem Kopf keine Frisur, sondern eine schon vor lange Zeit verstorbene Seeanemone trägt.

Anders ausgedrückt: Sollte Doug über verborgene menschliche/männliche Qualitäten verfügen, die eine solche Anziehungskraft bedingen, vermag Jody Quigley sie uns nicht deutlich zu machen – ein Manko, unter dem die Glaubwürdigkeit eines Geschehens leidet, das sonst recht geschickt, d. h. vertrackt zwischen Illusion und Realität wechselt. Katrina Law macht das Beste aus ihrer Standardrolle der wütenden Lori, die ihre Ansprüche auf den Gatten auch nach dem Tod nicht aufgibt. Zwischen die beiden gerät bis zuletzt ahnungslos Pechvogel Jamie, die im Augenblick der Erkenntnis den Weg zum tragischen gemeinten aber nur bedingt gelungenen Finaltwist ebnet. Was anderthalb Stunden auch deshalb fesselt, weil es ruhig und ernsthaft präsentiert wird, kann ebenso schlüssig als auf Dauer langweilig kritisiert werden.

Noch ein „Nesting“

In Berichten über Quinn Saunders Film ist manchmal zu lesen, dieser sei ein Remake des Horrorfilms „The Nesting“, den der C-Movie-Regisseur Armand Weston (1932-1988) sieben Jahre vor seinem frühen Tod verbrochen hatte. Es wäre nicht die erste modernisierte Wiederauflage eines möglichst obskuren Horrorfilms aus den Splatter-Hochjahren des Genres; tatsächlich scheint man derzeit sämtliche Streifen der 1970er und 80er Jahre neu (aber meist nicht gut) zu verfilmen.

Doch Saunders Film trug ursprünglich den Titel „Apparition“, also „Erscheinung“, und wurde erst später in „The Nesting“ umgetauft. Weston erzählte 1981 die Geschichte der jungen Schriftstellerin Lauren Cochran, die in ein Mord- und Spukhaus einzieht, das nicht nur von den Geistern gemeuchelter Prostituierter, sondern auch von deren Mörder heimgesucht wird. Diese seltsame Story wurde mit zeitgenössischem Splatter der handgemachten Art ansehnlicher gemacht, ohne selbst ein anspruchsarmes Publikum zu Begeisterungsstürmen hinzureißen. Westons „Nesting“ geriet in Vergessenheit und blieb nur dem üblichen Kern beinharter Horror-Nerds im Gedächtnis; Neu-Titel wie „Phobia“ oder „Massacre Mansion“ halfen da wenig.

DVD-Features

Obwohl Quinn Saunders versucht, seine Geschichte schlicht, ernsthaft und ohne blutige Schaueffekte zu erzählen, wird „The Nesting“ höchstens eine Fußnote der Filmgeschichte bleiben. Ein bisschen Geld mag sich trotzdem auch hierzulande damit verdienen lassen, wenn man die Nebenkosten niedrig hält. Das deutsche Label verzichtete deshalb nicht nur auf Untertitel, sondern auch auf Features.

Während man dies verschmerzen kann, lassen die Lautäußerungen jener Nöhl- und Knödel-Stammler, die anstelle echter Synchronsprecher angeheuert wurden, wieder einmal den zuschauerlichen Blutdruck in die Höhe schießen. „The Nesting“ ist kein guter aber ein ansehbarer Film. Seinen bescheidenen Zauber kann er jedoch nicht entfalten, weil dem Publikum kollektiv die Ohren bluten.

Kurzinfo für Ungeduldige: Nach dem Tod seiner Braut verkriecht sich der Fast-Gatte in einem einsamen Spukhaus. Bald kämpft er dort gegen Wahnvorstellungen und Geister, während Realität und Irrsinn sich immer stärker verschränken … – Sehr ruhig erzählte Geschichte, die primär auf den Faktor Wahnsinn setzt, ohne auf ‚Übernatürliches‘ verzichten zu wollen: Das Ergebnis will sich nicht harmonisch mischen und führt zu einem durchaus spannenden aber holprigen und vorhersehbaren Geschehen.

[md]

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