pyramidArchäologen dringen in eine unterirdische Pyramide vor, in der nicht nur gemeine Todesfallen, sondern auch uralte, übelmeinende Kreaturen auf sie lauern … – Übel ist vor allem die babyhaarfeine Storyline, die nur durch die grausam eindimensionale ‚Figurenzeichnung‘ in den Gruft-Schatten gestellt wird. Wünscht man ausschließlich Hatz-Action, bietet „The Pyramid“ allerdings durch hübsch-hässliche Settings, erstaunlich hochwertige Spezialeffekte sowie diverse Splattereien und unterhält, ohne den Zuschauerblutdruck in Schlaganfall-Gipfelhöhe zu treiben.

Das geschieht:

Da in Ägypten ein Bürgerkrieg auszubrechen droht, sollen Ausländer das Land vorsichtshalber verlassen. Diese Ausweisung trifft auch das Team um die Archäologen Miles (Vater) und Nora (Tochter) Holden, die 400 km von Kairo entfernt inmitten der Wüste vor dem Fund ihres Lebens stehen: Tief unter dem Sand kommt die Spitze einer nur dreiseitigen Pyramide zum Vorschein, die 180 Meter in die Tiefe reicht!

Wer hat diesen ohnehin absurden Bau wann und wieso buchstäblich begraben? Vor allem Nora gedenkt nicht abzureisen, ohne dieses Geheimnis wenigstens ansatzweise gelüftet zu haben. Misstrauisch beobachtet von ihrer Militär-‚Eskorte‘, schleicht sie sich zum Eingang der Pyramide, wo Hightech-Spezialist Michael einen ferngesteuerten sowie mit Kameras und Messinstrumenten gespickten Roboter-Rover in die Tiefe rollen lässt.

Leider geht das Gerät dort verloren. Nora fackelt nicht lange. Sie überredet ihren zögerlichen (aber ebenso neugierigen) Vater sowie die just im Ausgräberlager anwesenden Dokumentarfilmer Sunni Marsh und „Fitzie“ Fitsimmons, nach dem Roboter zu suchen. Auch Michael drängt es in die Pyramide, denn der Rover ist teuer und nur geliehen.

Zunächst fasziniert dringt die Gruppe in reich verzierte Räume und Gänge vor, die allerdings so gestaltet sind, dass man sich ihnen verirren soll. Dies geschieht rasch, was zunächst keine Sorgen bereitet, denn schließlich sind Spezialisten am Expeditions-Werk! Allerdings können weder Miles noch Nora die in grauer Vorzeit installierten und weiterhin funktionstüchtigen Todesfallen entschärfen, und statt den Ausgang zu finden, gerät man immer tiefer in die Pyramide hinein. Dort beginnt es in dunklen Winkeln zu rascheln, Augenpaare glühen erschreckend hoch über Fußbodenniveau, und darunter werden Zähne und Klauen sichtbar …

Das können wir auch – und wahrscheinlich besser!

Schauspieler, Produzenten und selbstverständlich Drehbuchautoren: Sind sie lange genug im Geschäft, wissen sie, wie der Hase läuft. Vor allem sind sie davon überzeugt, eigentlich viel besser zu wissen, wie man einen Film inszeniert. Irgendwann wollen sie das unter Beweis stellen. Sind sie berühmt, lässt man sie, um sie nicht zu vergrätzen. Ansonsten dürfen sie ihr angebliches Talent für den sprichwörtlichen Appel (und oft genug ohne Ei) unter Beweis stellen, sprich: für den Mindestlohn schuften.

Da der Regisseur derjenige ist, der angeblich über einen entstehenden Film herrscht, lassen sich immer wieder hoffnungsfrohe Neulinge auf dieses Spiel ein. Die Zeche zahlen der Regel – buchstäblich – die Zuschauer, denn ihnen wird anschließend noch das übelste Machwerk präsentiert. Viel Entsetzliches musste das Publikum deshalb erdulden, weshalb es wichtig ist, aus dieser Spreu die seltenen Weizenkörner zu sieben. „The Pyramid“ gehört dazu, obwohl es schwierig ist, dies zu erkennen bzw. zu begründen.

Bereits die Voraussetzungen waren ungünstig. „The Pyramid“ gehört zu jenen Filmen, die gleichzeitig Versuchsballons sind. In diesem Fall war es das legendäre Hollywood-Studio „Twentieth Century Fox“, das sich als „global player“ versuchte. Kooperationen zwischen etablierten Film-Metropolen und bisher eher exotischen Drehstätten nehmen zu, seit sich auf dieser Erde auch jene Länder rühren, die bisher als „Dritte Welt“ unter „ferner liefen“ abgehakt wurden. In diesem Fall war es Ägypten, das sich als Partner anbot und das Know-how aus Hollywood durch Fördergelder und die Bereitstellung pittoresker Schauplätze honorierte.

Unterirdisch in fast jeder Beziehung

In das fremde Land kamen jene, die daheim noch nicht die gewünschte Prominenz errungen haben und sich deshalb nach der Decke strecken müssen. Dies beschreibt die Darsteller, die höchstens eifrige TV-Zuschauer oder die Freunde des B-Movies erkennen. Betroffen ist aber auch Regisseur Grégory Levasseur, obwohl er durchaus kein unbeschriebenes Blatt ist: Zumindest als Autor kennen und schätzen ihn die Freunde des phantastischen Films. Levasseur hat sich vor allem durch seine Zusammenarbeit mit dem bereits berühmten Regisseur Alexandre Ajas einen Namen gemacht; er schrieb die Drehbücher für die Grusel-Paukenschläge „High Tension“ (2003). „The Hills Have Eyes“ (2006), „The Mirror“ (2008) und „Maniac“ (2012).

Angesichts solcher Meriten fragt man sich, wieso Levasseur für das eigene Regie-Debüt nicht selbst Schreibhand anlegte, sondern zwei offensichtlichen Flaschen wie Daniel Meersand und Nick Simon die Feder überließ. Diese beiden waren ebenso unerfahren wie inspirationsarm, als sie den Auftrag übernahmen, einen eigentlich narrensicheren Filmstoff zu entwickeln: die Hetzjagd durch unzugängliches Gelände.

Die ‚Story‘ kennt jedes Kind: Eine überschaubare Gruppe gerät in eine Höhle, einen Bunker oder eben in eine Pyramide und verirrt sich. Die Handlung besteht in der Suche nach einem Fluchtweg, wobei sich die Mitglieder besagter Gruppe entweder in die Haare geraten oder auf unheimliche Bewohner der jeweiligen Stätte stoßen, die sich ihnen hungrig an die Fersen heften. Diverse, gefälligst liebevoll ausgestaltete Todesfälle begleiten die einsetzende Flucht, die irgendwann im Finalkampf mit den Verfolgern gipfelt. Entweder entkommt jemand – meist die weibliche Hauptfigur oder ein zueinandergefundenes Paar -, oder die Bestie packt in letzter Sekunde doch zu.

Eine solche Geschichte ist wahrlich keine große Kunst, sondern bodenständiges Handwerk. Umso peinlicher ist einerseits das Garn, das Levasseur sich spinnen ließ. Es entbehrt jeglicher Originalität und bleibt auch in seinen Variationen ohne Überraschungen. Jedes „Hit-&-Run“-Game ist einfallsreicher. Dazu kommen Figurenzeichnungen, die den Zuschauer schaudern oder schnauben lassen: Meersand & Simon trieb anscheinend der Ehrgeiz um, jedes ausgelaugte Klischee schlapp wiederaufleben zu lassen.

Tempo, Tempo!

Ansatzweise gibt es durchaus Versuche, Individualität zu generieren: Vater und Tochter Holden sind in der Archäologie Konkurrenten, Noras Freund passt dem alten Miles nicht. Natürlich treffen sich Vater und Tochterbeischläfer unter Tage in der titelgebenden Pyramide, doch der erwartete Konflikt bleibt aus. Es bliebe auch keine Zeit ihn auszufechten, denn sobald wir die Mitglieder der Untergrund-Expedition einigermaßen auseinanderhalten können, geht es in die Tiefe! Glücklicherweise, denn ausgerechnet dort, wo das Murren der internationalen Kritikerschar richtig anschwillt, beginnt dieser Rezensent sich zu unterhalten.

Wer kennt aus seiner Jugend nicht den Zorn über ‚phantastische‘ Filme, die Horror und Monster versprachen, um sich stattdessen in endlosen (aber kostengünstig zu realisierenden) Liebeständeleien zu erschöpfen? In diesem Punkt macht Levasseur es richtig: In der Pyramide sind die obertägigen Alltäglichkeiten unwichtig. Es bleiben nur das Labyrinth, die Todesfallen und die mörderischen Verfolger.

Selbstverständlich ist es nicht innovativ, die Darsteller von einer düsteren Kammer in die nächste zu hetzen. Andererseits ist das Innere der verfluchten Pyramide großzügig und im Detail liebevoll gestaltet. Aus dem begrenzten Budget hat Levasseur einen Film gequetscht, der zumindest optisch überzeugt. Zum klassischen Kulissenhandwerk gesellen sich CGI-Effekte, die man in einem Film dieser Preisklasse nicht erwartet hätte: Was in der Pyramide umgeht, ist erstaunlich lebensecht gestaltet und bewegt sich auch so!

Laufen, schreien, sterben

Die „Schauspieler“ sind eher Darsteller, die vor allem Leidensfähigkeit und körperliche Fitness an den Tag legen müssen. Sand spielt eine große Rolle in dieser Geschichte, und einmal begräbt er die Protagonisten sogar unter sich, was auch in einer reinen Kulisse – dreiseitige Pyramiden gibt es nicht! – kaum angenehm gewesen sein dürfte. Immerhin erspart sich im ständigen Halbdämmer ein diffiziles Mienenspiel. Gefühle werden deshalb lautstark demonstriert. Sie münden in neun von zehn Fällen in einem zünftigen Streit, dessen Ursache der Zuschauer nicht immer nachvollziehen kann; es hat den Eindruck, dass Regisseur Levasseur Stille ebenso fürchtet wie Bewegungslosigkeit.

Stillstand kann man ihm jedenfalls nicht vorwerfen, wobei es zunehmend härter zur Sache geht. Manche Lebensenden werden ausgesprochen blutig zelebriert, was der eher dem Splatter zuneigende Fan als Bonus betrachten mag. Auch hier fällt die Liebe zum Detail positiv auf. Sie versöhnt u. a. mit einem jener Finalkämpfe, die einfach kein Ende finden wollen, weil das x-fach durchbohrte, in die Tiefe geschleuderte oder anderweitig gemeuchelte Monster einfach immer wieder aufersteht. Schließlich wartet man nicht auf eine zumindest in einem Fall gelungene Flucht, sondern darauf, wie die Kreatur sich ein letztes Mal zurückmelden wird – und so kommt es auch!

Nichtsdestotrotz kann „The Pyramid“ Unterhaltungsspaß verbreiten. Dies ist kein Trash, sondern ein ordentlich gemachter und zumindest erträglich gespielter Film. Ungeachtet der Story-Schwächen bleiben genug bewährte und routiniert dargebotene Spannungseffekte, um der Langeweile Paroli zu bieten. Dümmliche ‚Witze‘ unterbleiben (fast) ebenso wie eine wüstendürre Liebesgeschichte. Anerkennenswert ist zudem Levasseurs Blick für das Wesentliche: eine Pyramide, die sich tatsächlich als „Grab des Grauens“ entpuppt!

DVD-Features

Kaum zu glauben, aber es gibt tatsächlich ein „Extended Ending”, das uns glücklicherweise nur als DVD-Feature präsentiert wird! Wie weiter oben bereits beklagt, zieht sich der Finalkampf ohnehin in die Länge, weshalb man dem oder der Unbekannten, die ihn für den Hauptfilm eingedämmt hat, Dankbarkeit schuldet. Vier „Featurettes“ erweisen sich als minutenkurze und wenig informative Blicke hinter die Kulissen. Ansonsten gibt es natürlich den obligatorischen Trailer.

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The Pyramid – Grab des Grauens
Originaltitel: The Pyramid (USA 2014)
Regie: Grégory Levasseur
Drehbuch: Daniel Meersand u. Nick Simon
Kamera: Laurent Tangy
Schnitt: Scott C. Silver
Musik: Nima Fakhrara
Darsteller: Ashley Hinshaw (Dr. Nora Holden), Denis O’Hare (Dr. Miles Holden), Christa Nicola (Sunni Marsh), James Buckley (Terry „Fitzie“ Fitsimmons), Daniel Amerman (Luke), Amir K (Michael Zahir), Faycal Attougui (Shadid), Joseph Beddelem (Taxifahrer), Chakir El Faaiz (vergifteter Arbeiter) u. a.
Label/Vertrieb: Studiocanal
Erscheinungsdatum: 17.11.2016
EAN: 4006680083322 (DVD)/4006680083339 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min. (Blu-ray: 91 min.)
FSK: 16

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