The Quiet Ones

Originaltitel: The Quiet Ones (GB 2014)
Regie: John Pogue
Drehbuch: Craig Rosenberg, Oren Moverman u. John Pogue (nach einer Story von Tom de Ville)
Kamera: Mátyás Erdély
Schnitt: Glenn Garland
Musik: Lucas Vidal
Darsteller: Jared Harris (Prof. Joseph Coupland), Olivia Cooke (Jane Harper), Sam Claflin (Brian McNeil), Rory Fleck-Byrne (Harry Abrams), Erin Richards (Kristina Dalton), Max Pirkis (David Q), Aldo Maland (David als Kind), Laurie Calvert (Phillip) u. a.
Label/Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 26.08.2014
EAN: 7613059805132 (DVD)/7613059405134 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 94 min. (Blu-ray: 98 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Im Mai des Jahres 1974 kultiviert Psychologie-Professor Joseph Coupland in Oxford den Ruf eines unkonventionellen Denkers. Während seine Kollegen ihn wenig schätzen, konnte Coupland eine kleine aber ihm treu ergebene Studentenrunde um sich versammeln. Harry Abrams und Kristina Dalton assistieren ihm bei dem Versuch, zur Untermauerung seiner Thesen die junge, geistig verwirrte Jane Harper zu heilen. Sie glaubt, von einem Dämon besessen zu sein, den sie „Evey“ nennt. Coupland ist davon überzeugt, dass Jane Evey kraft ihres gestörten Geistes selbst erschaffen hat und ihre poltergeistähnlichen Manifestationen durch telekinetische Kräfte hervorruft.

Coupland will Jane mit Evey konfrontieren. Er heuert den Kameramann Brian McNeil an, der dieses Experiment für die Fachwelt dokumentieren soll. Als die Universität die Mittel streicht, zieht die Gruppe in ein einsam gelegenes, halb verfallenes Haus auf dem Land. Dort kann Coupland ungehindert seine Forschungen treiben, die schon bald auszuarten beginnen: In seiner Besessenheit schreckt der Forscher keineswegs davor zurück, Janes Gesundheit zu gefährden.

Brian, der sich in die junge Frau zu verlieben beginnt, begehrt gegen Couplands Regiment auf. Allerdings zeitigen dessen Maßnahmen Ergebnisse: In dem alten Haus beginnt es mächtig zu spuken! Während seine Studenten überzeugt sind, dass in der Tat ein Geist umgeht, beharrt Coupland hartnäckig auf seiner Theorie einer sich verselbstständigenden Geisteskrankheit.

Die ohnehin angespannte Situation spitzt sich zu, als sich herausstellt, dass Coupland ein heimliches Verhältnis mit Kristina unterhält und offenbar auch Jane nachstellt. Empört verlassen Kristina und Harry das Haus, doch was dort unklug geweckt wurde, stellt ihnen auch in Oxford nach und treibt sie verängstigt zurück. In einer letzten Nacht klären sich alle Rätsel, aber der Preis der Erkenntnis ist hoch …

Was wahr sein soll, ist besonderer Blödsinn

„Basierend auf einem wahren, schrecklichen Experiment“, unkt es düster vom Cover. Der Filmzuschauer ist somit vorgewarnt, dass ihn nunmehr eine besonders unglaubwürdige Geschichte erwartet, die es entweder mit der historischen Realität nicht besonders genau nimmt oder den gesunden Menschenverstand leugnet; nicht selten trifft beides zu.

Auch „The Quiet Ones“ ist weder faktentreu noch der Logik verpflichtet; was 1972 im kanadischen Toronto (und nicht im englischen Oxford) tatsächlich geschah, hat mit der Geschichte, die hier präsentiert wird, rein gar nichts zu tun: Im genannten Jahr rief Dr. Alan Robert Owen (1919-2003) – der nicht einmal Psychologe, sondern Genetiker war – einige Mitglieder der eher obskuren, mit keiner offiziellen Universität oder Forschungseinrichtung verbandelten „Toronto Society for Psychical Research“ zusammen, um das „Philip-Experiment“ zu starten. Die Mitglieder sollten versuchten, kraft ihres Geistes einen Geist quasi ins Leben zu rufen, der den Namen Philip tragen sollte. Doch sosehr sich die Gruppe auch konzentrierte, es erschien kein Geist. (Selbstverständlich tauchte in diesem Zusammenhang auch nie ein böser Kult auf.)

Der Geist bzw. Dämon von „The Quiet Ones“ ist dagegen von vornherein existent und besitzt eine Vorgeschichte, die bis ins vierte oder fünfte vorchristliche Jahrtausend und in das Reich der Sumerer zurückreicht. Eigentlich muss die Kreatur nicht einmal geweckt werden. Professor Coupland stolpert praktisch über sie und reizt sie (sowie den Zuschauer) durch seine ignorante Ungläubigkeit, bis sie voll des berechtigten Zorns über ihn kommt.

Horror im Zeitalter des Wassermanns

Faktisch erzählt „The Quiet Ones“ eine Geistergeschichte, wie wir sie aus unzähligen Filmen bereits kennen. Nicht gerade selten konnten uns frühere Darstellungen stärker beeindrucken oder gar erschrecken als dieser Streifen, der sich schrecklich ernstnimmt: „Hammer“ schwebt verheißungsvoll über dem Projekt, ein Name wie Donnerhall, der dem Gruselfreund Ehrfurcht und Grusel-Vorfreude einflößen soll. Dabei wird gern ignoriert, dass die Vergangenheit der „Hammer Film Productions“ nicht so glorreich ist, wie uns heute vorgegaukelt wird; nicht grundlos hatte das Unternehmen 1979 seinen letzten, nur noch unfreiwillig schrecklichen Film produziert und dann bankrottgemacht. Überhaupt war bei der ‚Reanimierung‘ Hammers 2007 in erster Linie der legendäre Name wichtig.

Wenn man „Hammer“-Filme lobt, dann sind es jene Werke, die in den relativ wenigen Jahren zwischen 1955 und etwa 1970 entstanden. Auch aus dieser Zeit kann man die meisten Streifen vergessen. Geblieben sind vor allem die farbenfrohen, blutigen, stimmungsstarken Neuverfilmungen archetypischer Horrorgestalten: Dracula, Frankensteins Monster, die Mumie, der Werwolf.

Diesem Ruhm läuft der neue „Hammer-Film“ mehr oder weniger erfolgreich hinterher. Wirklich gut gelungen sind nur „Let Me in“ (2010) – das Remake des schwedischen Vampir-Films „So finster die Nacht“ – und „Die Frau in Schwarz“ (2012), wobei die Kritiker in diesem Urteil keineswegs einig sind. „The Quiet Ones“ möchte gern in dieser Liga mitspielen, wirkt aber stattdessen bemüht bis prätentiös. Beispielsweise benötigt die Geschichte die Verwurzelung in den 1970er Jahren nicht. Die einzige ‚logische‘ Begründung liegt in der Tatsache, dass ein Wissenschaftler heutzutage sicher nicht mehr so einfach an einem Menschen herumexperimentieren darf – oder?

Form statt Inhalt

Ansonsten beschränkt sich die Anwesenheit der Flower-Power-Ära auf Miniröcke und Schlaghosen, gewagte Fönfrisuren, fahrtaugliche Oldtimer und das allgegenwärtige, geradezu demonstrative Saugen an Zigaretten innerhalb geschlossener Räume. Die Szenen in Oxford spielen im Merton College und in der Bodleian Library, die 1974 so aussahen wie 1814 oder 2014. Das alte Haus irgendwo in der Grafschaft Oxfordshire bildet ebenfalls keinen zeitlichen Anker. Nicht einmal die Technik ist von Bedeutung für die Rückdatierung der Story: Hightech von heute hätte den Dämon auch nicht effektiver aus der Deckung locken können.

Ansonsten setzt Regisseur und Drehbuch-Mitautor John Pogue primär auf den Spannungsfaktor Gruppendynamik. Das ist kein Fehler, denn dieses Thema ist zeitlos und lässt sich vielfach variieren. Kommt das Übernatürliche hinzu, ergeben sich weitere Facetten. In unserem Fall liegt ein grundsätzlicher Konflikt in dem Riss, der eine Gruppe teilt, die in der Krise zusammenhalten müsste: Bis es zu spät ist, unterdrückt der charismatische Coupland die Stimme der Vernunft, die immer lauter verkündet, dass hier kein Dachschaden, sondern ein ‚echter‘ Geist die Ursache allen Übels ist.

Zwar behauptet Pogue im Interview gern, er habe sein Publikum im Ungewissen darüber lassen wollen, ob die Ereignisse tatsächlich dämonisch dominiert oder durch Janes telekinetisch aktives Unterbewusstsein ausgelöst werden. Offensichtlich hat er den eigenen Film lange nicht mehr gesehen. Dort lässt er keinen Zweifel an der Übernatürlichkeit der Heimsuchung, die er u. a. Brian durch Archivrecherchen in Wort und Bild belegen lässt. Sollte Ambivalenz wirklich Pogues Ziel gewesen sein, wirft es sie ohnehin für einen (fortsetzungstauglichen) Schlussgag über Bord. (Wie man den erwähnten Zweifel wirklich schürt, zeigte uns Robert Wise 1963 in „The Haunting – Bis das Blut gefriert“.)

Spuk sollte spannend sein

Ein weiteres Manko ist Pogues Unfähigkeit, spannende Szenen auszuspielen. Der Zuschauer weiß schon bald: Sobald etwas Unheimliches = Interessantes geschieht, bricht die Handlung ab und setzt erst am nächsten Tag wieder ein. Pogue will nicht durch Effekte erschrecken, sondern Angst durch Andeutungen erzeugen. Darüber vergisst er, dass den Andeutungen irgendwann Taten folgen müssen. Im Finale ist es soweit: Nun lässt Pogue jegliche Zurückhaltung fahren. Kristina wird durch die Luft gewirbelt, auch Harry nimmt ein unschönes Ende; Jane geht in Flammen auf. Dazu kracht, brüllt und kreischt es zum Gotterbarmen. Das Ergebnis lässt den Zuschauer zusammenzucken – dies aber nur, weil das Trommelfell zu reißen droht.

Ignoriert man alle Vorab-Ansprüche und den „Hammer“-Nimbus, kann „The Quiet Ones“ als x-beliebiger Gruselfilm durchaus unterhalten. Zwar hat man Besseres, ganz sicher aber Schlechteres gesehen. Die Ausstattung ist gediegen bis angemessen schauerlich. (Man denke nicht, dass unsere Akademiker in dem gemieteten Landhaus einen Besen in die Hand nehmen! Lieber hausen sie in dem aufgetürmten Müll, der sich vor allem auf der großen Treppe malerisch angehäuft hat.) Kameramann Mátyás Erdély müht sich sichtlich und oft erfolgreich, der schablonenhaften aber nicht wirklich langweiligen Handlung interessante und stimmungsvolle Bilder abzuringen.

Unter den Schauspielern gibt es eine bedrückend deutliche Rangordnung: „The Quiet Ones“ ist Jared Harris‘ Film. Zwar stellt ihn bereits die Rolle ins Zentrum, doch Harris spielt auch sonst alle Kolleginnen und Kollegen als selbstgefälliger, verblendeter, die Wissenschaft mit Füßen tretender Puppenspieler schlicht an die Wand. Die im Finale zu Tage tretende Familientragödie, die ihm zum Antrieb wurde, hätte die Rolle nicht benötigt. Joseph Coupland, der schon ‚weiß‘, was er erst erforschen sollte, bietet dank Harris eine großartige Figur.

Harris/Coupland Einigermaßen gewachsen zeigt sich Olivia Cooke als Jane Harper. Sie ist verletzlich als Opfer ihres Geistes und erotisch aggressiv im Stadium der Besessenheit. (Vor zehn Jahren hätte Christina Ricci – der Cooke auch äußerlich gleicht – die Rolle spielen können.) Blass bleiben dagegen die übrigen drei Hauptrollen. Vor allem für Harry ist im Grunde kein Platz in der Runde, die sich auch über amouröse Spannungen definiert. Kristina ist vor allem eifersüchtig, während Hollywood-Shootingstar Sam Claflin („Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten“, „Die Tribute von Panem“) als tragischer Held gegen Jared Harris chancenlos bleibt, was auch an der flach ausgeführten Figur des Brian McNeil liegt.

Auf diese Weise reiht sich „The Quiet Ones“ – ein merkwürdiger Titel übrigens für einen Film, in dem es so lautstark spukt – dort ein, wo schon die meisten „Hammer“-Produktionen vor 1979 landeten: im unterhaltsamen Mittelfeld, wo man solche Filme ansieht und vergisst, weil sie keine Ecken und Kanten besitzen, mit denen sie sich im Gedächtnis verhaken könnten.

DVD-Features

Die Liste der Extras gaukelt eine erfreuliche Fülle vor. Dahinter verbirgt sich jedoch nur Bild- und Tonmüll. Eine vorgebliche „Featurette” entpuppt sich als gepimpter Trailer. Die „B-Roll“ langweilt mit beliebigen, unkommentierten Bildern von den Dreharbeiten.  Was als „Interviews“ mit Jared Harris, Sam Claflin, Erin Richards, Rory Fleck-Byrne, Olivia Cooke, John Pogue, Ben Holden und Simon Oakes angekündigt wird, zerfällt in kurze Info-Schnipsel („soundbites“), in denen die vor und hinter der Kamera Beteiligten Phrasen über „The Quiet Ones“, die tiefere Bedeutung der erzählten Geschichte und die beste Darsteller-Crew der Filmhistorie dreschen. Das traurige Gemenge wird durch ‚echte‘ Trailer belanglos abgerundet.

Einen Vergleich zwischen dem historischen „Philip-Experiment“ und der Handlung von „The Quiet Ones“ bietet diese Website.

Kurzinfo für Ungeduldige: Die unprofessionelle Experimental-Heilung einer verstörten jungen Frau lockt den in ihr verborgenen Dämon hervor, der die beteiligten Forscher erst das Fürchten lehrt und sie dann unmittelbar bedroht … – Angeblich nach einer wahren Begebenheit entstanden, bietet „The Quiet Ones“ den üblichen, meist faulen Zauber, der höchstens durch einen fabelhaft besessenen Jared Harris sowie das schaurige Flower-Power-Ambiente erschreckt: ansonsten nur ein Spuk-Film unter vielen.

[md]

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Preisrätsel 2 x 1 DVD: Wer einen der Gewinne erhalten möchte einfach folgende Frage richtig beantworten und einsenden an sfbgewinne@buchrezicenter.de (im Betreff bitte den Gewinntitel angeben!): Welche Funktion hatte John Pogue laut dem Rezensenten bei diesem Film? (Antwort auf unserer Homepage zu finden!) Sobald 200 Mails eingetroffen sind, werden daraus  die Gewinner mit der richtigen Lösung gezogen, wie immer ist der Rechtsweg ausgeschlossen! BITTE NICHT VERGESSEN, DIE ANSCHRIFT UND E-MAILADRESSE EXTRA MIT ANZUGEBEN!


GEWINNER: Peter Pressel, Gustav Wrzeciono. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! WIR DANKEN ALLEN TEILNEHMERN UND SPONSOREN!