The Raven – Prophet des Teufels

Originaltitel: The Raven (USA/Ungarn/Spanien 2012)
Regie: James McTeigue
Drehbuch: Ben Livingston u. Hannah Shakespeare
Kamera: Danny Ruhlmann
Schnitt: Niven Howie
Musik: Lucas Vidal
Darsteller: John Cusack (Edgar Allan Poe), Luke Evans (Inspektor Emmett Fields), Alice Eve (Emily Hamilton), Brendan Gleeson (Captain Hamilton), Kevin McNally (Maddux), Oliver Jackson-Cohen (Constable John Cantrell), Jimmy Yuill (Captain Eldridge), Sam Hazeldine (Ivan), Pam Ferris (Mrs. Bradley) uva.
Label/Vertrieb: Universum Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 07.12.2012
EAN: 0886919496598 (DVD)/0886919496697 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 106 min. (Blu-ray: 110 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Baltimore, US-Staat Maryland, im Oktober des Jahres 1849: Der Dichter und Schriftsteller Edgar Allan Poe ist sowohl ab- als auch ausgebrannt. Er trinkt zu viel und konsumiert obskure Rauschmittel, und er ärgert sich weiterhin maßlos über eine Welt, die ihm, dem genialen Literaten, die banale Unterhaltung vorzieht. Zu allem Überfluss hat er sich in die schöne Emily verliebt, deren Vater, der ebenso reiche wie reizbare Captain Hamilton, Poe mit dem Tod droht, sollte er sich der Tochter weiterhin zu nähern wagen.

An anderer Stelle der Stadt kommen Inspektor Emmett Fields die Spuren am Tatort eines bizarren Mordes seltsam bekannt vor: Der Täter hat penibel nach dem Vorbild der Poe-Erzählung „Ein Doppelmord in der Rue Morgue“ getötet. Als kurz darauf ein Literaturkritiker wie in „Die Grube und das Pendel“ sterben muss, steigt Poe zum Hauptverdächtigen auf. Für den Nachweis seiner Unschuld sorgt ausgerechnet der Mörder. Er kündigt schriftlich ein intellektuelles Kräftemessen mit Poe an. Für den Einsatz sorgt der Schurke selbst: Nachdem er seine Tat angekündigt hat, gelingt es ihm trotz eines großen Polizeiaufgebots, Emily Hamilton zu entführen. Er begräbt sie lebendig. Falls es Poe nicht gelingen sollte, die vom Mörder gestellten Rätsel zu lösen, wird er sie sterben lassen.

Poe wird auf eine groteske Schnitzeljagd durch Baltimore geschickt. Zusammen mit Fields folgt er seinem Peiniger, der in immer neue Masken schlüpft und eine Spur weiterer Leichen hinterlässt, an denen er Hinweise auf die nächste Station dieser Irrfahrt finden und enträtseln soll. Als zusätzliche Grausamkeit muss Poe die Ermittlungen dokumentieren und in der Zeitung veröffentlichen.

Die Angst um Emily lässt Poes Talent noch einmal erwachen. Ganz Baltimore verfolgt  gebannt die Ermittlungen. Die Zeit wird knapp, weshalb Poe dem Mörder einen ganz besonderen Bonus anbietet: Er will sein Leben für das Emilys geben …

Ein Rätsel und eine Idee

Am 3. Oktober 1849 wurde Edgar Allan Poe krank, verwirrt und orientierungslos in Baltimore entdeckt und in das Washington Medical College gebracht. Dort starb er nach viertägigem Delirium im Alter von nur 40 Jahren. Die genaue Todesursache bleibt unbekannt. Ebenfalls rätselhaft sind Poes Aktivitäten zwischen dem 27. September – hier stieg er in Richmond in den Zug nach Baltimore – und dem 3. Oktober geblieben.

Nachdem Poe, den man zu Lebzeiten beinahe vergessen hatte, postum berühmt und zumindest sein Werk unsterblich geworden war, wuchs das Interesse an seinem Ende, das ebenso traurig wie angemessen sowie unterhaltsam mysteriös wirkte. Zahlreiche Theorien wurden entwickelt, die der vermutlich profanen Wahrheit oft weit enthoben waren. Auf diese Weise wurde Poe selbst zum Helden, denn den Biografen folgten die Schriftsteller, die das Rätsel für gern abenteuerliche Geschichten nutzten und dabei ‚lösten‘.

Zu ihnen gesellen sich die Drehbuchautoren Ben Livingston und Hannah Shakespeare sowie Regisseur James McTeigue, die mit „The Raven“ einen auf morbide Mystery und Abenteuer getrimmten Historien-Thriller vorlegen. Sie wandeln dabei sehr offensichtlich auf den Spuren jener Sherlock-Holmes-Filme, in denen sich der einst eher bedächtig vorgehende Detektiv in einen flinken, schlagfertigen Action-Helden und das viktorianische London in einen pittoresken Abenteuerspielplatz verwandelt haben.

Alles mindestens eine Nummer kleiner

Warum nicht Edgar Allan Poe in einer ähnlichen Rolle und vor bzw. in ähnlicher Kulisse zeigen? Schließlich gilt Poe als Erfinder des modernen Krimis und sein C. Auguste Dupin als erster Meisterdetektiv der Kriminalliteratur. Zumindest Poes Name ist weltweit bekannt und gilt als Synonym für guten Grusel. Allerdings stand für den Film „The Raven“ kein dreistelliger Dollarmillionen-Betrag zur Verfügung. Selbst ohne den direkten Vergleich mit den genannten Holmes-Blockbustern wird dies in jeder Filmsekunde und oft geradezu schmerzhaft deutlich. Tatsächlich wirkt „The Raven“ wie einer jener TV-Spielfilme, die zu besonderen Anlässen wie Ostern oder Weihnachten versendet werden. Die Kostenschere dürfte zwischen diesen Produktionen und „The Raven“ nicht besonders weit auseinandergeklafft haben. Die „International Movie Data Bank“ meldet ein Budget von 26 Mio. Dollar, was erstaunt, da dieser Film deutlich ‚billiger‘ aussieht.

Dabei hat man ihn kostensparend nicht vor Ort, sondern in Osteuropa – im ungarischen Budapest sowie im serbischen Belgrad – gedreht. Dort fand man als zusätzlichen Anreiz ganze Straßenzüge, die zumindest an das Baltimore um 1850 erinnerten, das deshalb weder nachgebildet noch digital neu erschaffen werden musste. Reale Straßen wurden mit realen Statisten bevölkert, die freilich – ein generelles Problem ‚historisierender‘ Filme – nie wirklich realistisch sondern in die Kulissen gestellt wirken.

Ansonsten meidet die Kamera die kostspielige Weite der Außenwelt und konzentriert sich auf überschaubare Innenräume. Kameramann Danny Ruhlmann liefert routiniert Bilder, die wiederum dem Fernsehen näher sind als dem Kino. Weil die Handlung nicht nur in der präelektrischen Vergangenheit, sondern auch im Herbst spielt, wallen Smog und Nebel, während die Innenräumlichkeiten vor allem durch blakende Gaslampen ‚erleuchtet‘ werden. Das Ergebnis sind verwaschene Bilder, die wohl authentisch wirken sollen aber auch nützlich sind, die Kargheit der Kulissen zu verschleiern. Ein wenig „From-Hell“-Gewalt soll jene locken, denen der ‚neue‘ Sherlock Holmes ein wenig zu zahm ist. (Die deutsche Fassung wird durch eine ärmliche Synchronisierung zusätzlich beschädigt. Ein kräftiger Tritt in den Hintern gebührt auch dem Schöpfer des marktschreierisch-irreführenden Untertitels „Prophet des Teufels“.)

Ein literarisch interessierter Ripper

Dies lässt sich eher verschmerzen als eine Story, die Poe-konträr jegliche Originalität ausdrücklich zu meiden scheint. Stattdessen docken die Autoren an das schon von den Zeitgenossen gern missbrauchte Stereotyp vom malerisch zermürbten, süchtigen und moralisch verderbten Poe an, der in dekadenten „Southern-Gothic“-Visionen von Tod & Grauen schwelgt. In diesem trüben Licht scheint es, als habe der Dichter das Schicksal verdient, von einem irren Serienkiller um Ruf, Geliebte und Leben gebracht zu werden.

Dabei ist die Auflösung dieser seltsamen Mörderhatz der letzte Nagel in dem Sarg, mit dem dieser Film zu Grabe getragen werden muss. Während die Jagd wie so oft zumindest unterhalten kann, bricht jede Illusion im Finale zusammen. Der bisher so übermächtige Strolch ist trotz aller Bemühungen, den dämonischen Psychopathen zu mimen, ein Würstchen, und was ihn zu seinen Taten trieb, ist nicht nur wahn-, sondern auch schwachsinnig.

Bis es soweit ist, macht sich das Drehbuch-Duo noch manchen Bockschusses schuldig. Inspektor Fields wird angeblich von seinen Vorgesetzten drangsaliert, die Poe-Morde endlich zu stoppen? Es gibt keine Szene, in der dies dramatisiert würde. Stattdessen scheint Fields völlig selbstbestimmt zu ermitteln. Ob es daran liegt, dass die gesamte Polizei von Baltimore bei McTeigue stets aus denselben sechs oder sieben Männern zu bestehen scheint?

Figuren ohne Profile

Ist es eine Überraschung, dass die Figurenzeichnungen der Handlungslogik folgen? Über McTeigues Film-Baltimore herrscht unangefochten König Stereotyp. Luke Evans bleibt als Inspektor Fields das Opfer eines Drehbuchs, das ihm nur vorgeblich eine wichtige Rolle einräumt. Stattdessen ist er in Verkehrung der üblichen Rangfolge der Watson für einen Poe, der die Holmes-Rolle übernimmt.

Alice Eve ist unzweifelhaft eine Augenweide. Dass Poe sich in sie verliebt, glaubt man sofort. Darüber hinaus bleibt Eve nur die übliche Funktion des schönen Opfers, das vor dem Unhold gerettet werden muss. Hin und wieder zeigt uns McTeigue, wie sie in ihrem Sarg liegt und daraus zu flüchten versucht, was selbstverständlich fehlschlägt, da Emily Hamiltons Präsenz erst im dramatischen Finale wieder erforderlich ist. Bis es soweit ist, hat das Drehbuch keine Funktion für sie.

Immerhin bleiben ihr solche Hakenschläge erspart, wie sie Brendan Gleeson als Captain Hamilton versuchen muss: Glaubhaft mimt er den treusorgenden Vater, der den unerwünschten Schwiegersohn-in-spe Poe notfalls mit blanker Waffe in die Flucht treibt, ihm einen ordentlichen Kinnhaken verpasst, als sein Töchterlein nach einer Poe-Vorlage gekidnappt wird und auch sonst ein arroganter Kotzbrocken ist, der auch den tüchtigen Inspektor Fields gern vor den Kopf stößt. Plötzlich – als Zuschauer weiß man keinen Grund – frisst dieser Wolf Kreide und wird Poes Verbündeter und Freund.

Ein Mann im hoffnungslosen Einsatz

Stichwort Poe: Dass „The Raven“ nicht in trauriger Obskurität versinkt, verdankt Regisseur McTeigue einzig seinem Hauptdarsteller. Erst Jeremy Renner und dann Ewan McGregor sollten Edgar Allan Poe spielen, doch sie sprangen ab. Kandidat Nr. 3 akzeptierte: John Cusack ist ein Ausnahme-Schauspieler. Er hat schon mehr als einen Film durch sein Talent gerettet. Dieses Mal muss er dafür besonders hart arbeiten. Es gelingt ihm mit der üblichen Brillanz. Dabei sieht Cusack auch in seiner Maske dem echten Poe nicht annähernd ähnlich. Es ist gleichgültig, denn ihm glückt die beste Alternative: John Cusack ist ein Edgar Allan Poe, der perfekt in die ihm für „The Raven“ zugedacht Rolle passt.

Schon als wir ihn das erste Mal als Poe sehen, zieht er uns in seinen Bann. Poe ist ein Getriebener, der durchaus arrogant das eigene Talent nicht einmal zu zügeln bereit ist, wenn sein Leben davon abhängt. Er hasst das behäbig Unterhaltsame, denn er sieht sich als Künstler, der provozieren will. Sein Problem: Die meisten Menschen ziehen eine gemächlichere Gangart vor oder sind an echter intellektueller Herausforderung gar nicht interessiert.

Cusacks Poe ist selten sympathisch und kann doch das Mitleid des Zuschauers erregen, der ihn zumindest versteht. Immer wieder unterläuft Cusack ein Drehbuch, das ihn zum tragischen Helden verklären will, aber dabei mit Klischees arbeitet, die ein weniger fähiger Darsteller peinlich hervorheben würde. Cusack arbeitet sie in seine Rolle ein und macht sie glaubhaft. Dafür kann man ihn nur bewundern sowie sich wieder einmal über die Seltsamkeit einer (Film-) Welt ärgern, in der es statt Cusack Knattermimen vom Schlage eines Tom Cruise zu Starruhm bringen.

DVD-Features

Die Extras zum Hauptfilm sind nicht üppig aber zum Teil sogar interessant. Die Featurette „The Raven Guts: Bringing Death to Life” verschafft Einblick in das Konzept eines Films, der weniger der Realität als dem Mythos Poe verpflichtet ist und trotzdem mit drastischen Bluteffekten nicht spart. „Behind the Beauty and Horror” ist nur ein zweiminütiger Aufguss, der auf aus „The Raven Guts“ bekannte Ausschnitte und Interviews zurückgreift.

„The Madness, Misery & Mystery of Edgar Allan Poe“ soll über den ‚wahren‘ E. A. Poe informieren, so gut dies in knappen zehn Minuten ist. Dieser Featurette zielt von vornherein auf die typischen Poe-Klischees – verrückt, traurig, rätselhaft –, doch wurde immerhin Chris Semtner, Kurator des „Edgar Allan Poe Museum“ in Richmond, Virginia, interviewt, der mit Fakten dienen kann.

In „The Raven Presents: John Cusack & James McTeigue“ ergehen sich die beiden Genannten in verkappter Film-Promotion, die als Informationen verkleidet werden.

Einige aus dem Film entfernte und erweiterte Szenen summieren sich auf zehn Minuten Laufzeit. Sie deuten keinen genialen, vom skrupellosen Produzenten verhinderten „Director’s Cut“ an, sondern reihen nur Szenen auf, die es variiert oder gekürzt in die Endfassung schafften.

Ansonsten gibt es den Trailer zum Film.

[md]

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