The Reeds – Die Tödlichen

Originaltitel: The Reeds (GB 2009)
Regie: Nick Cohen
Drehbuch: Chris Baker u. Mark Anthony Galluzzo
Kamera: Dennis Madden
Schnitt: Peter Davies u. Phil Eldridge
Musik: Vincent Watts
Darsteller: Anna Brewster (Laura), Daniel Caltagirone (Joe), Emma Catherwood    (Mel), O. T. Fagbenle (Nick), Scarlett Johnson (Helen), Will Mellor (Chris), Geoff Bell (Mr. Croker), Scarlett Sabet (rothaariges Mädchen), Natai Pauwels (Zigeunermädchen), Karl Ashman (Dean), Reece Chapman (Shaggy), James Marriot (Ed)
Label/Vertrieb: Schröder Media
Erscheinungsdatum: 21.07.2011 (DVD/Blu-ray)
EAN: 9120027346590 (DVD) bzw. 9120027346460 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch), Dolby Digital 2.0 (Deutsch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 79 min. (Blu-ray: 83 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Sechs Freunde aus London wollen eine wochenendliche Bootsfahrt unternehmen. Es zieht sie in die „Broads“, ein Naturschutzgebiet an der englischen Ostküste. Dort bilden flache Seen das ideale Biotop für wahre Schilfwälder, zwischen denen sich schmale Wasserrinnen schlängeln. Über 160 Quadratkilometer erstreckt sich diese urwüchsige Landschaft, in der man leicht verlorengehen kann, wenn man die abgesteckten Routen verlässt.

Genau diesen Fehler begeht unser Sextett selbstverständlich. Die Strafe folgt rasch und ist erbarmungslos: Ein unter Wasser verborgener Eisenspieß durchbohrt erst die Bootsplanken und anschließend den Unterleib von Urlauber Joe. Der Schwerverletzte muss umgehend in ein Krankenhaus, doch da weder die Handys noch der Bootsfunk funktionieren, ist man mitten im Sumpf gestrandet.

Chris will schwimmend Hilfe holen. Er verirrt sich im Schilf und gerät an eine Gruppe bedrohlich wirkender Jugendlicher, die plötzlich die Flucht ergreifen, als in der dichten Vegetation ein unheimliches Grollen ertönt. Auf dem Boot werden Nick, Laura, Mel und Helen von seltsamen Gestalten belagert. Als Feuer ausbricht, müssen auch sie ins Schilf flüchten. Dort werden sie – ihre Zahl ist inzwischen deutlich geschrumpft – Zeugen einer gespenstischen Verfolgungsjagd, in die sie sich unfreiwillig einreihen müssen …

Kleine Geschichte mit großen Schrecken

Manchmal schießt sich der Filmfreund quasi selbst durchs Knie: Er sollte nach vielen Jahren einschlägig trüber Erfahrungen eigentlich gelernt haben, der Werbung zu misstrauen und niemals zu glauben, da diese stets die Gefahr einer Fehleinschätzung aufgrund irreführender Informationen heraufbeschwört. In diesem Fall schienen die Vorab-‚Infos‘ nicht nur anzudeuten, dass in „The Reeds“ das uralte und ausgefaserte Stroh vom verschollenen Volksstamm gedroschen wird, der in einem abgelegenen Winkel fernab der Zivilisation rasant zur Kannibalen-Horde degenerierte und auf Dummköpfe lauert, die es erst in seine Fänge und dann in seine Kopftöpfe treibt.

Da ein „Eden Lake“ pro Jahrzehnt genug ist und die niederen Instinkte des Gruselfreundes durch US-amerikanischen Backwood-Horror zuverlässig bedient werden, ist das skizzierte Szenario reizlos. Es hat deshalb gedauert, bis dieser Rezensent, aus anderer Quelle neugierig gemacht, das Risiko einging, erneut mit formal wie inhaltlich billigem Amateur-Grausen auf die sprichwörtliche Palme getrieben zu werden.

Aber Nick Cohen spinnt ein gänzlich anderes Garn: „The Reeds“ ist eine lupenreine Geistergeschichte. Obwohl erstaunlich viele Kritiker diese für missglückt halten, vertritt dieser Rezensent eine andere Meinung und findet „The Reeds“ unterhaltsam weil sauber geplottet, überzeugend gespielt und handwerklich gut umgesetzt.

Ein ganz besonderer Ort

Damit dieser Hattrick gelingen konnte, benötigte Regisseur Cohen eine den Grusel unterstützende Kulisse, denn faktisch erzählt er eine solide aber keineswegs originelle sowie nicht durchweg überraschende Story. Außerdem lebt die Geistergeschichte von ihrer Atmosphäre. Die fand Cohen in der Grafschaft Norfolk, wo ein ehemaliges Moor, das sich durch ein Ansteigen des Grundwasser- und Meeresspiegels in eine flache Seenlandschaft verwandelte, als Naturschutzgebiet „The Broads“ erhalten blieb.

Ein endloses Schilfmeer wird von einem Gewirr schmaler Wasserwege eher verwirrt als erschlossen. Hin und wieder streckt sich ein Landrücken aus dem Sumpf. Hügel gibt es nicht, das Auge findet kaum Orientierungspunkte. Der Boden ist tückisch und das Schilf meist so hoch, dass man es nicht überschauen bzw. feststellen kann, ob und wer sich einem eventuell nähert.

Mit filmischen Tricks erhöht Cohen die einsame Trostlosigkeit der „Broads“. Was vor allem im Sommer ein wunderschöner Flecken Natur ist, wird in „The Reeds“ künstlich entfärbt und durch die geschickte Ausblendung menschlicher Siedlungsspuren in eine ferne, lebensfeindliche Wildnis verwandelt. Digitale Wolken, das Anwerfen der Nebelmaschine und die Verlegung der Handlungsmitte in die Nacht vervollkommnen diesen Eindruck.

Verdammnis in der Schleife

Da „The Broads“ eine ursprünglich durch Menschenhand entstandene Landschaft ist, ranken sich um Moor und Seen zahlreiche Legenden und Geschichten. Die Folklore bildet jedoch nicht den Hintergrund für „The Reeds“. Cohen geht davon aus, dass die „Broads“, eine Landschaft, die bereits optisch nur bedingt von dieser Welt zu sein scheint, nicht nur Mücken, sondern auch Geister ausbrüten. Eine Erklärung spart er sich. Sie ist auch nicht notwendig.

Cohens Spukgeschichte ist in der unmittelbaren Vergangenheit angesiedelt. Vor zwanzig Jahren kam es im Schilf zu einer Tragödie, die von der Außenwelt nur am Rande wahrgenommen wurde. Das damals begangene Unrecht ersteht in jeder Nacht auf und muss von den Beteiligten erneut bis zum bitteren Ende durchgespielt und durchlitten werden. Sie sterben tausend Tode und sind in einer Zeit- oder Ereignis-Schleife gefangen, die sich ausweglos immer wieder schließt.

Dass nun sechs neue Pechvögel und offenbar nur sie in diesen Teufelskreis geraten, wird durch einen geschickten Drehbuch-Kniff plausibel gemacht: Einer unserer Wochenendgäste ist dem Drama im Schilf verbunden, ohne davon zu wissen. So können die Geister Macht über ihre Opfer gewinnen.

Schrecken ohne Ende – buchstäblich

Es ist schwierig, über „The Reeds“ zu schreiben, ohne allzu viel über die Story zu verraten. Diese ist wie schon erwähnt nicht wirklich innovativ; sie lebt primär durch den Faktor Variation. Cohen gießt den alten Wein mit Hilfe seiner beiden Drehbuchautoren in neue Schläuche. Der durch zuschauerliche Ratlosigkeit entstandene Zauber wird entweder bestätigt oder verfliegt, wenn diese geöffnet sind und die Schlusstitel anlaufen – es kommt darauf an, ob der endgültige Sprung in die „ghost story“ das Publikum mitreißen kann.

Cohen konnte sich hinter und vor der Kamera auf professionelle Handwerker und echte Schauspieler verlassen. Aus dem niedrigen Budget wurde mit beachtlichem Einfallsreichtum das Optimale herausgeholt. Die vor allem in der Dunkelheit leicht körnigen Filmbilder sind deshalb nicht einem minderwertigen Equipment, sondern dem Gestaltungswillen des Regisseurs geschuldet – scharfe Kontraste auch in dunklen Szenen verraten, dass durchaus moderne Technik zum Einsatz kam.

Darsteller suchte und fand Cohen in der aktuellen britischen TV-Szene. Sie alle sind keine ‚Stars‘, sondern Schauspieler, die ihren Job verstehen und es gewöhnt sind, schnell und zielorientiert zu arbeiten. Also unternehmen in „The Reeds“ sechs glaubwürdige Twentysomethings – Daniel Caltagirone und Will Mellor sind allerdings schon einige Jährchen älter – einen verhängnisvollen Ausflug. Auch weil das Drehbuch die Rollen manchmal bis ins Klischee überspitzt, wirken die Figuren nicht unbedingt sympathisch, aber der Zuschauer nimmt an ihren Schicksalen Anteil

Das Übernatürliche hält sich bedeckt

Zur Geistergeschichte gehört nicht nur die Atmosphäre, sondern auch die Andeutung. Die Kulisse garantiert für unschöne Überraschungen. Das endlose Schilfmeer ist das Pendant zum US-amerikanischen Maisfeld, das der Gruselfreund ebenfalls als Hort des Schreckens kennt. Schon ein paar Halmbreiten genügen, um dem Sichtfeld ein Ende zu bereiten. Geräusche wirken stets bedrohlicher, wenn ihre Quelle unsichtbar aber beweglich bleibt.

Selbstverständlich schreckt die Kamera nicht davor zurück, in Stellvertretung des nicht gezeigten Grauens rasant durch das Schilf zu jagen – ein alter Trick, der seine Wirkung schon lange verloren hat. Niemals wird außerdem geklärt, wer da im Sumpf knurrt & faucht. (Oder ist es der Geist des Schäferhund-Mischlings, der dort von bösen Kids einst gebraten wurde?)

Cohen will gar nicht genau zeigen, wer oder was im Schilf umgeht. Schattenhafte Gestalten und kurze aber intensive Begegnungen mit dem Unbekannten gewinnen ohnehin erst ihre eigentliche Wirkung, als sich in der zweiten Hälfte die Realitätsebenen zu verschränken beginnen und deutlich wird, wer wem begegnet.

Ein offenes Rätsel bleibt in diesem Zusammenhang die Frage, wieso „The Reeds“ in Deutschland erst ab 18 Jahren freigegeben ist. Es gibt keinen einzigen Effekt, der drastisch genug ausfiele, um dies zu begründen. Wie es scheint, ist es nicht nur Gott, der würfelt, sondern auch die deutsche Zensur. Sie suggeriert damit freilich eine filmische Schlachtplatte, die „The Reeds“ weder sein kann noch will, und schürt damit falsche Erwartungen, die einem Film nachhängen, der auf seine Weise durchaus gelungen ist. Sogar der finale Twist funktioniert, was der Zuschauer nicht nur mit Überraschung, sondern auch mit Dankbarkeit zur Kenntnis nimmt.

DVD-Features

So kurz und schmerzhaft wie der Film ist die Liste der Extras: Es gibt nur den Trailer und eine Slideshow.

[md]

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