The Shadow Within

Originaltitel: The Shadow Within (I/GB 2007)
Regie: Silvana Zancolo
Drehbuch: Daniel Aarons, Giovanni Eccher u. Silvana Zancolo
Kamera: Pier Luigi Santi
Schnitt: Annalisa Schillaci
Musik: Paolo Marzocchi
Darsteller: Hayley J. Williams (Marie Dumont), Laurence Belcher (Maurice/Jacques), Beth Winslet (Dr. Prevost), Rod Hallett (Monsieur Prevost), Bonny Ambrose (Madame Armand), Georgia Mitchell (Madame Piecuche) u. a.
Label: Great Movies
Vertrieb: HMH – Hamburger Medien Haus
Erscheinungsdatum: 25.02.2010 (Kauf-DVD u. Blu-ray)
EAN: 4260157713499 (Kauf-DVD) bzw. 4260157714014 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 86 min. (Blu-ray: 89 min.)
FSK: 18

Das geschieht:

1931 starb bei der Geburt der Zwillinge Maurice und Jacques der ‚jüngere‘ Sohn, weil er sich in der Nabelschnur des Bruders erdrosselt hatte. Diesen tragischen Verlust hat Marie Dumont niemals verwunden. Sie macht Maurice für den Tod verantwortlich, ist eine strenge, wenig liebevolle Mutter und hält ihn der Dorfgemeinschaft fern. Nur Monsieur Prevost, der Schullehrer, und seine Gattin, die Dorfärztin, lassen sich nicht abweisen und bemühen sich um den einsamen Jungen.

Maurice ist ein Medium, das Kontakt mit den Geistern verstorbener Kinder aufnehmen kann. Auch Jacques besucht ihn regelmäßig – oder besser: sucht ihn heim, denn der tote Bruder ist zornig, dass er allein und ohne seine Familie im Jenseits existieren muss. Maurice hasst diese Heimsuchungen und erträgt sie nur, weil sie ihn bei seiner Mutter aufwerten, die so wenigstens indirekt eine Verbindung zum toten Jacques aufrecht erhalten kann.

Inzwischen ist das Jahr 1940 angebrochen. In Europa tobt der II. Weltkrieg, fast sämtliche Männer des Ortes kämpfen an die Front. Auch Maurices Vater musste einrücken. Obwohl Marie das Gemeindeleben meidet, munkelt man über Maurices Fähigkeiten. Madame Armand, eine selbst ernannte spirituelle Führerin, sammelt drei Mütter um sich, die ebenfalls ihre Kinder verloren haben. Geschickt macht sie sich an Marie heran und überzeugt sie, Maurice als Sprachrohr ins Jenseits einzusetzen. Der Junge wehrt sich, denn er ahnt, was geschehen wird: Die einsamen Geister wollen ihre Angehörigen nicht trösten, sondern zu sich ins Totenreich ziehen. Und wirklich: Als sie erst einmal bemerkt haben, dass der von den Frauen bedrängte Maurice ihnen ein Tor öffnet, lassen sie sich nicht mehr kontrollieren. Als düstere Schatten strömen sie in der Nacht herbei und holen sich, was ihnen bisher verwehrt bleib …

Schrecken aus den Schatten

Man sollte die Toten wohl besser lassen, wo sie gelandet sind, fällt einer der trauernden Mütter ein wenig zu spät ein, denn die Geister, die man rief, sind bereits los, und was sie fordern, stimmt in keiner Weise mit den rührenden Vorstellungen überein, die sich die Lebenden gemeinhin über das Jenseits machen. Die Differenz ist enorm, und aus den Konsequenzen, die sie erzeugt, ergibt sich der grundsätzliche Plot-Pfeiler für „The Shadow Within“. (Gibt es eigentlich überhaupt keine ins Deutsche übersetzbaren Titel mehr?) Regisseur und Drehbuch-Mitautor Silvano Zancolo inszeniert daraus eine nicht neue aber sorgfältig umgesetzte Film-Geschichte, die zwar auf Schock-Momente und Spezialeffekte nicht verzichtet, beides aber sehr dezent einsetzt und dabei der Story unterordnet.

Auch in der Andeutung kann Schrecken liegen, denn dort, wo Bild und Ton enden, springt die menschliche Vorstellungskraft ein. Sie schafft unabhängig vom Film individuelle Angstbilder, die alles übertreffen können, was die Effektspezialisten auf ihre Zuschauer loslassen können. So lautet jedenfalls die Theorie, die der Rezensent keineswegs in jedem Fall teilen kann. In „The Shadow within“ funktioniert das Konzept freilich; vor allem jene Szene, in der sich der ‚Körper‘ eines Geisterkindes durch die dünne Bettdecke abzeichnet, die allein Maurice von seinem unheimlichen Besucher trennt, lässt an Grusel nichts zu wünschen übrig.

Das Seltsame benötigt eine Heimat

Zancolo findet für seine Geschichte ungemein stimmungsvolle Bilder. Sie spielt in einer Vergangenheit, deren Verfremdungsfaktor für Irritationen sorgt. Niemals fällt der Name des Dorfes, das offenbar in Frankreich liegt (obwohl es von englischen und italienischen Darstellern bewohnt wird). Der Krieg des Jahres 1940 wird niemals handlungsrelevant, ist aber stets durch seine Folgen präsent sowie für das Geschehen wichtig. Die Männer sind fort, eine Seuche dezimiert die Kinder, die Dorfärztin ist eine Frau und wird in dieser Eigenschaft nicht einmal von ihren weiblichen Patienten akzeptiert.

Das Dorf selbst ist ein klaustrophobisch enger, in ein enges Gebirgstal gezwängter Ort, dessen Düsternis durch eine Handlung, die tief in einem grimmigen, nasskalten Winter spielt, unterstrichen wird. Der Friedhof ist ein bizarrer Ort mit Hügeln und Hang-Galerien, in die Gräber nicht nur hinein gebaut wurden, sondern sich übereinander türmen. Die Schule, die Kirche, die Innenräume: Alles ist dunkel, verwittert, nicht behaglich verwohnt, sondern einfach nur alt. Maurices ‚Heim‘ ist das Spiegelwelt seiner traurigen Welt – ein großes, leeres, ungemütliches Haus mit knarrenden Wänden und viel zu vielen Winkeln, in denen schon tagsüber Schatten nisten.

Die Dorfbewohner bilden eine verschworene Gemeinschaft, die sich auf der anderen Seite misstraut und beobachtet. Sämtliche Frauen wirken verhärmt; sie tragen schwarze Kleidung und leben in der Vergangenheit, die offensichtlich ‚besser‘ war, obwohl man es nicht glauben kann. Nur Lehrer Prevost und seine Ehefrau, die Ärztin, bilden den Kontrast. Ihr Umgang ist liebevoll, ihre Wohnung hell und farbenfroh eingerichtet, und sie sprengen auch geistig das Korsett des in sich ruhenden und eigentlich toten Dorflebens; kein Wunder, dass sich der intellektuell ausgehungerte Maurice zu ihnen hingezogen fühlt.

Das Böse kommt auf allzu leisen Sohlen

Der Plot funktioniert, die Kulisse ist stimmig, das Figurenpersonal überzeugt: Was ist dennoch schiefgegangen? Aus vielen gelungenen Einzelelementen gelingt Zancolo kein spannender Film. Damit ist nicht der Verzicht auf ‚Action‘ und Splatter kritisiert, der prinzipiell erfolgreich kompensiert wird. Doch auch eine ‚psychische‘ Gruselgeschichte darf nicht gar zu lange vor sich hindümpeln. Während Zancolo in der kargen, kleinen Welt seines Dorfes förmlich schwelgt, vernachlässigt er die Handlung, die einen 90-minütigen Spielfilm nicht tragen kann. Erst im letzten Drittel kommt Schwung ins Geschehen. Der Zuschauer nimmt es erleichtert zur Kenntnis, erkennt aber hinter der kunstvollen Kulisse sehr bekannte und vor allem allzu bekannt in Szene gesetzte Ereignisse: „The Shadow Within“ verwandelt sich plötzlich in einen konventionellen Horrorfilm.

Die unheilvolle aber allzu ausgeprägte Ruhe der ersten beiden Drittel lässt dem Zuschauer darüber hinaus die Möglichkeit, über ein grundsätzliches Problem des Drehbuchs zu grübeln: Wieso hasst Marie Maurice und vergöttert Jacques? Den einen hat sie seit neun Jahren um sich, den anderen konnte sie niemals kennenlernen. Im Gegensatz zu den anderen Müttern des Ortes ist Marie Mutter geblieben. Ihre Fixierung auf Jacques wirkt niemals überzeugend. Damit fällt die logische Grundlage für Maries Verhalten weg.

Dramatis personae – die Schauspieler des Stücks

Silvano Zancolo konnte „The Shadow Within“ offenbar nur als europäische Ko-Produktion verwirklichen. So entstand ein italienischer Film, der in Frankreich spielt und dessen Hauptdarsteller aus England stammen. Das Ergebnis ist optisch aber vor allem akustisch unstimmig, wobei der englische Originalton (!) dennoch besser klingt als die deutsche Synchronisation, die inhaltlich in Ordnung geht, aber dünn und kümmerlich die Ohren erreicht.

Die Schauspieler leisten durchweg gute Arbeit. Zancolo unterscheidet zwischen realistisch angelegten Hauptdarstellern und überzeichneten ‚Typen‘ – die Mütter, der Pfarrer, der Fotograf –, die für einige wenige humorvolle Filmmomente sorgen. Hayley J. Williams, die frappierend an eine junge Mia Farrow erinnert, mimt erschreckend plausibel die nur scheinbar starke Marie. Ihr als Gegenspielerin gewachsen ist Beth Winslet, die unter dem starken Make-up der 1940er Jahre ihrer älteren Schwester Kate („Titanic“) zum Verwechseln ähnlich sieht.

Immer ein Glücksspiel bleibt die Besetzung einer großen Rolle mit einem Kind. Laurence Belcher ist immer glaubhaft, wobei der Zuschauer dankbar registriert, dass der Darsteller (in seinem Filmdebüt) tatsächlich ein Kind ist, das darüber hinaus über schauspielerisches Talent verfügt. Zancolo überfordert den Jungen zudem nicht. Manche dramatische Situation wird durch Kameraführung und Lichtsetzung effektvoll unterstützt.

Schatten, (not) made in Hollywood

Obwohl Zancolo die Stimmung dem Filmtrick vorzieht, verzichtet er keineswegs auf Spezialeffekte. Er setzt auf CGI, was riskant ist, da diese Technik im 21. Jahrhundert zwar einen bemerkenswerten Entwicklungsstand erreicht hat, jedoch keineswegs als Zaubermittel gelten darf. Wie so oft markieren Geld und Zeit den Grad der unterhaltsamen Täuschung. Einer dieser beiden Faktoren fiel hier zu niedrig aus.

Ein wichtiges Stilmittel bilden die titelgebenden Schatten, die dem armen Maurice oft buchstäblich auf den Fersen sind. Sie kriechen über den Boden, über Wände und Decken und strecken dabei ihre Krallenfinger aus. Leider sehen sie eher nach über die Realbilder gelegtem Zeichentrick aus. CGI soll’s ebenfalls richten, wenn sich Maurice in Jacques verwandelt. Dann bekommt er pechschwarze Augen und einen gelblichen Teint, der von Rissen durchzogen wird: Klischee-Spuk also, der wirkungslos verpufft.

Der moderne europäische Horrorfilm genießt einen guten Ruf. Gerade in den Mittelmeerländern entstehen immer wieder eindrucksvolle Werke. „The Shadow Within“ gehört indes nicht zu ihnen. Der Wille zum eigenen Stil ist zwar jederzeit spürbar, und die Ausstattung ist gediegen. Was fehlt, ist eine Umsetzung, die nicht nur das Auge, sondern sämtliche Sinne fordert. Das Ergebnis ist grausam: „The Shadow Within“ ist ein mittelmäßiger Film, der sich – wenn auch auf seine eigene Weise gescheitert – in jenem trüben Tümpel wiederfindet, in dem u. a. die übliche Hollywood-Routine treibt.

DVD-Features

Auf Extras zum Hauptfilm muss der Zuschauer gänzlich verzichten. Schade, denn hinter die Kulissen dieser kleinen aber feinen Produktion hätte man gern einen Blick geworfen.

Nicht der Drastik seiner Effekte ‚verdankt‘ „The Shadow Within“ übrigens seine FSK-18-Einstufung. Diese geht auf die Trailer zurück, die dem Film aus Werbezwecken aufgespielt wurden – gleichzeitig eine beliebte Rosstäuscher-Methode, um einen ‚harmlosen‘ Gruselfilm auch den Liebhabern des harten Horrors schmackhaft zu machen.

[md]

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