An einem einsamen Strand gerät Surferin Nancy vor die Fänge eines Riesenhais. Verletzt kann sie sich auf einen Felsen im Wasser retten. Weil ihre Körperkräfte schwinden, muss sie ihr Hirn anstrengen, um dem unermüdlich kreisenden Untier zu entkommen … – Der klassische, eigentlich unmögliche Kampf gegen einen übermächtigen Gegner wird gut gefilmt und routiniert gespielt, weist aber vor allem im letzten Drittel eklatante Logiklücken auf: wieder einmal nicht das behauptete Meisterwerk, sondern vor allem formal gut gelungene Unterhaltung.

Das geschieht:

Weil ihre Mutter einer schweren Krankheit erlag, zweifelte Medizin-Studentin Nancy Adams am Sinn ihres Tuns. Sie verließ die Universität und begann ein unstetes Wanderleben, während Vater und jüngere Schwester sich daheim um sie sorgen. Aktuell hält Nancy sich in Mexiko auf. Dort sucht und findet sie einen einsamen Strand, den einst die mit ihr schwangere Mutter entdeckt hatte.

Der freundliche Carlos bringt Nancy und ihr Surfbrett dorthin. Eigentlich sollte eine Freundin mitkommen, die jedoch betrunken in ihrem Hotelbett zurückblieb. Dafür nutzen zwei junge Männer die ideale Brandung für ihre Brettspiele. Nancy schließt sich ihnen an, beschließt aber einen letzten Surfgang in der Dämmerung, während ihre Begleiter sich verabschieden.

Ein dunkler Fleck im Wasser erregt Nancys Neugier. Sie paddelt hin – und stößt nicht nur auf den zerfetzten Kadaver eines Wals, sondern auch auf einen gigantischen Weißen Hai, der auf seine Privatsphäre bzw. einen Nachtisch = Nancy besteht. Sie kann der Attacke gerade noch auf den toten Wal und später auf einen winzigen Felsen ausweichen, wird aber schwer am Oberschenkel verletzt. Die Wunde blutet und entzündet sich, während Nancy festsitzt: Der Hai umkreist aufmerksam den Felsen und will nicht weichen.

Die folgenden Stunden werden zum Überlebenskampf. Zunächst hofft Nancy auf Rettung von außen, doch die wenigen Menschen, die sich tatsächlich an den Strand verirren, tappen ins Wasser und fallen der Bestie zum Opfer. Nancy erkennt, dass sie sich selbst helfen muss, bevor sie ihre Kräfte endgültig verlassen. Zwar ist der Hai riesig und im Wasser zu Haus, doch sie verfügt über Verstand. Allmählich kristallisiert sich ein verzweifelter Plan in Nancys Hirn, doch ihr Widersacher bleibt grimmig entschlossen, ihr einen bissigen Strich durch die Rechnung zu machen …

Der Mensch und das Monster

Kammerspiele stellen für Schauspieler eine Herausforderung dar. Hier sind sie es, die das Geschehen tragen, während die Kulisse zweitrangig bleibt. Individuelles Denken und Handeln ist gefragt, die Kommunikation bleibt eingeschränkt bzw. fällt gänzlich aus, wenn die Hauptfigur allein ihre Szenen bestreiten muss. Körpersprache und Mienenspiel treten an die Stelle des Gesprächs. Wenn solches Schauspiel gelingt, darf auf Lob und Aufmerksamkeit von Kritik und Publikum gerechnet werden, die – ein Zusatz-Plus – ungeteilt beansprucht werden dürfen.

Hinzu sollte sicherheitshalber eine Story kommen, die einen solchen Aufwand auch lohnt. Der einsame Kampf ums Überleben ist da eine sichere Bank. Auch im 21. Jahrhundert fällt es dem Menschen leicht, sich geistig in eine Lage zu versetzen, die eine gelungene Flucht eher unwahrscheinlich macht. Die Konfrontation mit einem tonnenschweren aber blitzschnellen Riesenhai fällt ganz sicher in diese Kategorie.

Was würde ich tun, wäre ich an Nancys Stelle? Dass ihre Möglichkeiten denkbar beschränkt sind, erhöht das Interesse und den Eifer auf der Suche nach Antworten. Nancy kann nur auf Hilfsmittel zurückgreifen, die sie an ihrem Körper trägt. Da sie im tropenwarmen Wasser surft, beschränken sich dies durchaus logisch auf wenige bunte Bikini-Fäden, ein Neopren-Jöppchen und eine Uhr. Hinzu kommt ein wenig Schmuck, der im Laufe des Geschehens schmerzhaft aber lebensrettend zweckentfremdet wird.

Letztlich konzentriert sich die Handlung auf eine Auseinandersetzung zwischen Geist und Kraft. Der Mensch hat im Laufe seiner Geschichte gelernt, sich scheinbar übermächtiger Tiergegner zu erwehren und sie nicht selten ausgerottet. Die Fähigkeit, sich in höchster Not zu stellen und zu kämpfen, ist verschüttet aber nicht verschwunden. Nancy will leben, und sie setzt das einzige Instrument ein, das ihr bleibt: den Verstand.

Ein nicht gänzlich ungleicher Kampf

Regisseur Jaume Collet-Serra und Drehbuchautor Anthony Jaswinski legen Wert auf einen Hai, der zwar gigantisch und gefährlich ist aber jederzeit Tier bleibt. Im Hirn des Hais gibt es keine womöglich übernatürliche Intelligenz. Collet-Serra bemüht sich sogar zu begründen, wieso dieser Hai so hartnäckig sein Opfer belagert (was Haie in der Realität nicht tun): Nancy ist seinem Futterplatz zu nahe gekommen und wird als Konkurrentin betrachtet. Erst als sich das Finale – und damit die Notwendigkeit einer spektakulären Auflösung – nähert, verliert der Hai seine Instinktgebundenheit. Jetzt scheint er Nancys Gegenattacken doch persönlich zu nehmen – oder ist das ihre Interpretation? Niemals degeneriert der Hai jedoch zur „Bestie“. Er ist weder grausam noch gemein, sondern ein Hai.

Es ist klar, dass Nancy sich ihrem Jäger irgendwann stellen muss. Bis es soweit ist, baut Collet-Serra am Spannungsbogen. So dauert es seine Zeit bis zum Erstauftritt des Beißfisches. Wir lernen Nancy und ihre tragische Vorgeschichte sowie den Schauplatz kennen. Damit schindet der Regisseur nicht (nur) Zeit, sondern versorgt uns mit Informationen, die später nützlich sind, wenn Nancy Pläne schmiedet, deren Zustandekommen wir uns zusammenreimen können. Dass dabei manchmal allzu sehr auf Nummer Sicher gegangen wird, ist hollywoodtypisch: Dort orientiert man sich seit jeher am dümmsten möglichen Zuschauer, der trotzdem dem Geschehen folgen soll.

Als der Hai schließlich präsent ist, schneidet er der ohnehin strandfern isolierten Nancy scheinbar systematisch alle Fluchtwege ab. Parallel dazu versucht sie trotzdem zu entwischen, was in knappem Entkommen, weiteren Verletzungen und zuschauerlicher Schnappatmung gipfelt. Das Schwinden der Kraft ist ein weiteres Element des Spannungsaufbaus: Keineswegs kann es sich Nancy leisten, auf ihrem Felsen auszuharren. Ihre Lebensuhr läuft ab, was sie zum aus der Not geborenen Handeln zwingt.

Auf dem Präsentierteller

Für ihre Darstellung der Nancy Adams hat Blake Lively wie erhofft viel positive Resonanz gefunden. In der Tat leistet sie bereits körperlich gute Arbeit und ist sich für keinen Stunt zu schade. (Das Surfen musste freilich Profi Isabella Nichols übernehmen.) Als Nancy wuchtig gegen das Metall von Boje 42 geworfen wird, sind die Wunden auf Nase und Oberlippe der Darstellerin echt. Der Unfall wurde in das Filmgeschehen integriert.

Von einer schauspielerischen Glanzleistung zu sprechen, wäre nichtsdestotrotz eine Übertreibung. Dieses Kammerspiel ist stark ereignisorientiert. Wenn der Hai Nancy eine Pause gönnt, setzt Lively zum Schauspielen an. Dabei ist sie auf ein Drehbuch angewiesen, das auf Bewährtes setzt. Tragische Hintergrundstory, Familienprobleme, Verschwesterung mit einer flügellahmen Möwe, der engelsgleiche Muttergruß aus dem Jenseits: Angesichts solcher Routinen ist man froh, wenn der Hai wieder auftaucht.

Es hätte freilich schlimmer kommen können. Obwohl sich diverse ansehnliche Mannsbilder am Strand herumdrücken, fällt die befürchtete Love-Story glücklicherweise ins Wasser: Sie wäre völlig fehl am Platz in dieser Geschichte einer Selbstfindung per Überlebenskampf. Die junge Frau und das Meer bleiben ungeachtet mancher Drehbuch-Fahrigkeit im Fokus des Geschehens.

Weit gekommen seit „Bruce“

Ein Zusammenspiel zwischen Mensch und Hai ist nicht unproblematisch zu realisieren. Seit Steven Spielberg dem dampfgetriebenen Plastik-Hai „Bruce“ in „Jaws“ (1975; dt. „Der Weiße Hai“) vor allem durch geschickte Schnitte und tarnende Schatten bedrohliches Leben einhauchen musste, ermöglicht die moderne CGI-Technik wesentlich geschmeidigere Untiere. Das „Shallows“-Budget lag bei 17 Mio. Dollar, was im Vergleich zum aktuellen Kino-Blockbuster ein Parkgroschen war aber trotzdem solides Trickhandwerk ermöglichte. Meist wirkt unsere Fisch-Dame – dieser Hai ist übrigens weiblich – ziemlich ‚echt‘. Um Lively in ihrer Darstellung zu unterstützen wurden ganz klassisch einige Teilmodelle gebaut. Gern hätte Collet-Serra mit einem leibhaftigen Hai gearbeitet, um den Realitätsfaktor weiter zu erhöhen. (Blake Livelys Kommentar ist nicht überliefert.) Der Tierschutz verhinderte diesen Plan, da Weiße Haie in Gefangenschaft gewöhnlich nur kurz überleben und sie jegliche Dressur ablehnen.

Die meisten Szenen entstanden in einem riesigen Schwimmbecken, das mit Bluescreens umstellt war. Auf diese Weise konnte das unberechenbare Wetter als Störfaktor ausgeschaltet werden. Manchmal mussten Schauspieler und Team tatsächlich ins Freie; gedreht wurde an der australischen Goldküste. Die Farben sind tropisch satt, die Kontraste hart, und in der (künstlichen) Ferne bilden sich wunderschöne Unwetterwolken. Ähnliche Formen nimmt das Blut an, das reichlich ins Wasser rinnt, während die eigentlichen Todesbisse im Kamera-Off erfolgen: „The Shallows“ ist kein Splatter-Film, soll und muss auch keiner sein und ist ab 12 Jahren freigegeben.

So schreiten die Ereignisse flott voran bis zu einem Höhepunkt, den man freundlich „bizarr“ nennen kann und gesehen haben muss, um dem Geschehen trotzdem keinen Glauben schenken zu können. Hier ist der Schnittpunkt zwischen „The Shallows“ und „Sharknado“ bedenklich nahe; Collet-Serra zollt Hollywood endgültig Tribut. (Weshalb textilknapp auch jemand wie Blake Lively die Hauptrolle spielt und nicht – sagen wir mal – Melissa McCarthy.) „The Shallows“ ist eben doch ‚nur‘ ein Film, der eine spannende Geschichte erzählt. Dabei kommen auch Kniffe zum Einsatz, die sich nachträglich als schlechte Ideen erweisen. Eines gilt weiterhin: „Jaws“ ist weiterhin erschreckend gut. „The Shallows“ bietet gute Unterhaltung.

DVD-Features

Das Feature-Menü gaukelt Vielfalt vor, wo sich stattdessen Clips zu einem 30-minütigen Info-Brei mischen. Drei entfallene bzw. (zum Wohle des Zuschauers) überarbeitete Szenen gibt es da zu sehen, außerdem Impressionen vom Dreh, die kaum Informationsgehalt besitzen. Vorgestellt wird der Außendrehort, die Insel Lord Howe Island, während „The Shallows“ ansonsten in einem ebenfalls gezeigten Pool entstand, den man auf einem Footballfeld errichtete.

Selbstverständlich wird der meist digitale Hai präsentiert, der einiges können sollte, das Haie normalerweise nicht beherrschen (z. B. rückwärts schwimmen) sowie möglichst bedrohlich aber trotzdem realistisch aussehen musste.

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The Shallows – Gefahr aus der Tiefe
Originaltitel: The Shallows (USA 2016)
Regie: Jaume Collet-Serra
Drehbuch: Anthony Jaswinski
Kamera: Flavio Labiano
Schnitt: Joel Negron
Musik: Marco Beltrami
Darsteller: Blake Lively (Nancy Adams), Óscar Jaenada (Carlos), Brett Cullen (Nancys Vater), Sedona Legge (Chloe Adams), Angelo José Lozano Corzo, José Manuel Trujillo Salas (Surfer), Pablo Calva (Carlos’ Sohn), Diego Espejel (diebischer Säufer), Janelle Bailey (Nancys Mutter)
Label/Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 27.12.2016
EAN: 4030521745063 (DVD)/4030521745087 (Blu-ray)/4030521748408 (Blu-ray/Limited Edition)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Dänisch, Finnisch, Norwegisch, Schwedisch, Französisch, Italienisch, Holländisch, Türkisch, Arabisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 83 min. (Blu-ray: 86 min.)
FSK: 12

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Bait – Haie im Supermarkt

Piranha 3D

Nymph – Mysteriös. Verführerisch. Tödlich

Keiler – Der Menschenfresser