spiritThe Spirit

Originaltitel: The Spirit (USA 2008)
Regie u. Drehbuch: Frank Miller
Kamera: Bill Pope
Schnitt: Gregory Nussbaum
Musik: David Newman
Darsteller: Gabriel Macht (The Spirit/Denny Colt), Samuel L. Jackson (Octopus), Eva Mendes (Sand Saref), Eric Balfour (Mahmoud), Louis Lombardi (Pathos/Ethos/Logos usw.), Scarlett Johansson (Silken Floss), Sarah Paulson (Ellen Dolan), Dan Lauria (Polizeichef Dolan), Jaime King (Lorelei Rox), Paz Vega (Plaster of Paris), Stana Katic (Morgenstern), Johnny Simmons (junger Denny Colt), Seychelle Gabriel (junge Sand Saref), Frank Miller (Liebowitz) uva.
Label/Vertrieb: SONY Pictures Home Entertainment (www.sphe.de)
Erscheinungsdatum: 18.06.2009 (Leih-DVD) bzw. 16.07.2009 Kauf-DVD)
EAN: 4030521716193 (Leih-DVD) bzw. 4030521518186 (Kauf-DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 98 min.
FSK: 16

Das geschieht:

Nachdem er scheinbar bei einem Einsatz sein Leben ließ, begraben wurde und wiederauferstand, agiert Ex-Cop Denny Colt als leibhaftiger Schutzpatron ’seiner‘ Stadt Central City, deren Straßen er des Nachts als maskierter „Spirit“ durchstreift und von Strolchen reinigt. Nur Polizeichef Dolan weiß von seiner Doppelexistenz und profitiert davon, da der Spirit auch dort ermitteln und handeln kann, wo der Polizei die Hände gebunden sind.

Aktuell geht der Spirit gegen seine alte Nemesis vor. Der Octopus, ein genialer aber größenwahnsinniger Wissenschaftler und Gangsterkönig, plant den Coup seines Lebens. Er will die Vase mit dem Blut des Herakles stehlen und den Inhalt trinken, der ihm die Kraft und Unsterblichkeit eines Halbgottes verleihen soll. Die berüchtigte Diebin Sand Saref kommt ihm zuvor, aber auch ihr Streich misslingt: Dem Octopus fällt in die Hände, was sie mit Leib und Seele begehrt – das Goldene Vlies der Argonauten.

Octopus und Sand vereinbaren einen Tausch, doch sie misstrauen einander heftig. Außerdem mischt sich der Spirit ein. In Sand Saref erkennt er eine alte Jugendliebe, und der Octopus weiß etwas über die übernatürlichen Kräfte, über die der Spirit seit seinem Wiedererwachen verfügt. Im Hauptquartier des verrückten Octopus‘ wird er schon erwartet – vom Hausherrn persönlich, von seiner skrupellosen Assistentin Silken Floss, von vielen schlagkräftigen Klonen und von Plaster of Paris, die grausige Wundertaten mit ihrem Schwert vollbringt …

Eigentlich hätte es gutgehen müssen …

Grundsätzlich standen die Sterne günstig: Mit „The Spirit“ gelang Will Eisner (1918-2005) eine der ganz großen Schöpfungen der Comic-Geschichte. Die Geschichten vom ‚untoten‘ Verbrecher-Jäger Denny Colt beeindruckten nicht nur durch ihre grandiose Grafik, die zum ersten Mal Stilmittel des Kinos einbezog, sondern fesselten auch durch inhaltliche Qualitäten. Der Spirit war kein Superheld und erst recht nicht unfehlbar. Oft obsiegte er nur mit der Hilfe seiner Freunde oder des Zufalls. Manchmal verschwand er aus seinen eigenen Geschichten, die auch ohne ihn funktionierten. Mehr und mehr wurde der Spirit zum Beobachter (und Eisner zum Chronisten) einer Alltagswelt, deren Menschenschicksale er nur selten positiv beeinflussen konnte. Die Schwarzweiß-Sicht der frühen „Spirit“-Comics wurde schnell durch unzählige Schattierungen von Grau ersetzt. Eisner spielte gekonnt auf einer emotionalen Klaviatur, deren Spektrum simple Spannung ebenso beinhaltete wie Pathos, Melancholie, Humor und Slapstick. In ihrer Gesamtheit addierten sich diese Elemente zur einmaligen Saga des „Spirit“, der über die Jahre nicht alterte, sondern reifte.

Diesem Klassiker widmet sich nunmehr ein Mann, der selbst zu den ganz Großen des Comics gehört. Frank Miller (*1957) ist der Schöpfer moderner Genre-Erfolge wie „Sin City“ und „300“. In der Neuinterpretation ‚alter‘ Comic-Figuren hat er ebenfalls Maßstäbe gesetzt; mit „The Dark Knight Returns“ (1986, dt. „Die Rückkehr des dunklen Ritters“) gelang Miller die Wiedergeburt Batmans, und Ähnliches verdankt ihm der bis dato längst abgehalfterte Superheld Daredevil. Auch im Kino ist Miller kein Neuling; so schrieb er u. a. Drehbücher zu Filmen wie „Robocop 2“ und „Robocop 3“. Auf Einladung von Robert Rodriguez führte er 2005 mit Regie in „Sin City“, einem Thriller, der durch seine innovativen Bilder ebenso gefiel wie durch die starke Story.

Ein Meisterwerk degeneriert zum faden Witz

Also: Ein künstlerisch kreativer, kompromissloser und im Filmgeschäft erfahrener Mann greift ein echtes Meisterwerk auf. Unterstützt wird er auf seinem Regiestuhl von einem Team begeisterter und ungemein fähiger Männer und Frauen, die dank digitaler Technik jede unglaubliche Kulisse realisieren können, sowie von einer Riege enthusiastischer Darsteller, die nicht davor zurückschrecken, fast ausschließlich vor grünen Wänden („greenscreen“) schauspielern zu müssen, welche die Basis für erst später eingearbeitete Hintergrundbilder bilden.

Aber alle vielversprechenden Ansätze gerinnen binnen 100 Minuten zu einem Fiasko, das der Zuschauer ungläubig und mit zunehmendem Ärger registriert. Wer vom „Spirit“ nie zuvor hörte, muss anschließend der Überzeugung sein, einen tumben, prügelfesten Frauenhelden und Slum-Fetischisten kennengelernt zu haben. Will Eisners Spirit ist alles andere als das (s. o.), aber er ist jetzt Frank Millers Spirit geworden.

Was hatte sich der Meister Gedanken gemacht! In seinem Audio-Kommentar und in einem eigenen Feature („Miller über Miller“) sprudelt er förmlich über, wenn er seine Untaten begründet. Der Spirit war unter Eisner ein Geschöpf seiner Zeit. Jetzt ist er ein Gefangener jenes schicken, stylishen „contemporary noir“, das Miller so liebt. Central City wird zur Stadt zwischen den Zeiten. Die Polizei verwendet Handys und Laptops, aber in ihre Einsätze steuert sie Autos, die in den 1950er Jahren gebaut wurden. Atmosphäre ist alles, was bei Miller stets Dunkelheit und schlechtes Wetter bedeutet.

Ein Superheld namens „Spirit“

Die größte Sünde stellt Millers Versuch dar, den Spirit zu ‚erklären‘. Eisner begnügte sich mit Andeutungen und tat gut damit. Miller macht aus dem Spirit, dem niemals übernatürliche Kräfte zugesprochen wurden, einen Superhelden. Wie Batman stürzt er sich unerschrocken von hohen Häusern in tiefe Straßenschluchten und zerplatzt doch nicht auf hartem Pflaster. Man sieht ihn sogar im Laufschritt über Telegrafendrähte hopsen. Dazu trägt er – Millers Zugeständnis an das 21. Jahrhundert – helle Turnschuhe zu dunklem Anzug und Hut, was einfach lächerlich aussieht.

Apropos Batman … Unter Millers Drehbuch-Herrschaft wird der Spirit zum Abziehbild des „Dunklen Ritters“. Schauerlich unvergesslich bleibt des Spirits pompöse Liebeserklärung an Central City, die einmal mehr belegt, dass solche platten Worte im Comic besser aufgehoben sind als im Film.

Aus der Tatsache, dass die Frauen den Spirit lieben, wusste Will Eisner amüsant Funken zu schlagen. Auch der ’neue‘ Denny Colt hat durchaus ein Auge für das schöne Geschlecht, aber er ist vor allem der typische Ritter, der Frauen in Not beisteht und nur schwach zu werden droht, während er im letzten Moment seiner wahren Liebe Ellen Dolan treu bleibt. Die daraus resultierenden Komplikationen bilden ein wichtiges Unterhaltungspotenzial der „Spirit“-Comics.

Miller macht aus dem Spirit auch als „womanizer“ einen Superhelden, dem keine Frau widerstehen kann. Jede Glaubwürdigkeit bleibt dabei auf der Strecke. Gabriel Macht bleibt als Held und als Liebhaber anonym und blass unter seiner Maske. „Der Spirit“ wird ihm nicht den Durchbruch zum Starruhm bringen.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht?

Will Eisner hatte keine Angst davor, seinen ‚Helden‘ der Lächerlichkeit preiszugeben. Der Spirit überstand das prächtig, denn er war als Mensch gezeichnet. (Reine Ironie war bereits die ‚Maske‘ des Spirits, hinter der jedes Kleinkind Denny Colt erkennen müsste.) So hielt es Eisner auch mit den Frauen und den Gegnern des Spirits, die trotz aller psychischen und physischen Übertreibungen über echte Persönlichkeit verfügten.

Miller versteht offensichtlich Eisners feinen Sinn für einprägsame Schöne & Schurken nicht, denn ihm gerinnen sie zu Witzfiguren. Der Octopus wird zur peinlichen Nervensäge. In den originalen Comics unterstützte Eisner die Wirkung dieser Gestalt, indem er nie ihr wahres Gesicht zeigte, sondern sich darauf beschränkte, die Handschuhe des Bösewichts mit ihrem charakteristischen Dreistrich-Muster ins Bild zu bringen. Samuel L. Jackson, realiter ein guter Schauspieler ist, der sich regelmäßig für Blockbuster anheuern lässt, um seinen A-Star-Status zu wahren, mimt hier einen grinsenden Entertainer, der den Erz-Gauner nur mimt. Der ‚echte‘ Octopus ist ganz und gar kein überlebensgroßer Superschurke, der mit lachhaft aufgeblasenen Science-Fiction-Knarren ganze Helikopter-Staffeln unter Feuer nimmt oder Füße mit Menschenköpfen züchtet (sic!). Solche und viele, viele andere Kalauer zerren plump an der Stimmung, die Miller doch so wichtig ist.

Invasion der tollen Frauen

Eisners Galerie der braven und bösen aber immer schönen Frauen ist legendär. Auch ihnen vermochte er per Zeichenstift in ein Leben zu rufen, das sich offenbar nicht auf die Leinwand übertragen lässt. Eva Mendes und Scarlett Johansson kommen leidlich glimpflich als Sand Saref und Silken Floss davon, während um einige Schraubendrehungen bizarrere Figuren wie Lorelei Rox und Plaster of Paris jeden exotischen Zauber vermissen lassen und Jung-Polizistin Morgenstern zu einer weiteren überflüssigen Witzfigur zerfließt.

Überhaupt: Wer die „Spirit“-Comics nicht kennt, wird vergeblich auf eine Auflösung der merkwürdigen ‚Beziehung‘ zwischen dem Spirit und der geisterhaften Lorelei warten. Viel wird geredet und erklärt in diesem Film, der außerdem an Rückblenden nicht spart, aber dieser nicht unwichtige Aspekt bleibt außen vor.

Ellen Dolans quasi einzige Funktion bestand ursprünglich darin, den attraktiven Spirit zu erden, der in den prüden 1940er und 50er Jahren seinen potenziellen Erfolg bei den Damen nicht praktisch nutzen durfte. In dieser Funktion ist Ellen im 21. Jahrhundert überflüssig, weshalb sie nach Millers Ansicht einer Neuinterpretation bedarf. Sie wird zur leidvoll Duldenden, die ihren Liebsten als Ärztin zusammenflickt und darauf hofft, dass er eines Tages nur ihr gehören wird. Glücklicherweise bleiben Sarah Paulsons Auftritte überschaubar, und überhaupt hat es Miller so eilig, dass der Zuschauer durch neue Schauwerte & Schlägereien vor dem endgültigen Einschlafen bewahrt bleibt.

Die Frank-Miller-Filmschule

Optisch bietet „The Spirit“ seinem Publikum diverse Genüsse, die zeitweilig sogar mit der trübsinnig abgespulten Story versöhnen können. „The Spirit“ ist hier die vollendete Synthese zwischen Comic und Film. Die digitale Technik gestattet heute die Erzeugung überzeugender Spezialeffekte, die man bewundern muss. Miller zeichnet auch als Regisseur mit Licht und Schatten und versteht sich auf die Kunst der Andeutung. Scheinbar schwarze Bildflächen zeigen bei näherem Hinschauen verblüffend detaillierte Strukturen. Verfremdungen unterstützen paradoxerweise die Eindeutigkeit des Gezeigten.

Miller selbst hat diese Form der Filmkunst in „Sin City“ nicht nur mit entwickelt, sondern bereits zur Vollendung gebracht. „The Spirit“ kann dem nur technisch Neues hinzufügen. Die Bilder sind in ihrer Künstlichkeit noch prächtiger geworden. Das kann freilich nicht dauerhaft davon ablenken, dass sie nicht durch eine entsprechende Handlung getragen werden. Andererseits ist dies irgendwie tröstlich – das Sein besitzt noch immer Präferenz vor dem Schein, so hübsch dieser auch glänzen mag.

In unserem Fall kommt die Gewissheit dazu, mit diesem Urteil nicht allein zu stehen. Das vom produzierenden Studio erhoffte „Spirit“-Franchise wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zustande kommen. Schade nur, dass ausgerechnet der Spirit, eine Comic-Figur, die einen Film ‚verdient‘, dort scheitern musste, wo Lachgestalten wie der Hulk, Iron Man oder die Transformers sich durchsetzten. Der Dumme ist in wie meist der Zuschauer.

DVD-Features

Frank Miller ist ein Mann, der gern redet sowie seiner Meinung nach viel zu sagen hat. Dem darf er im Bonus-Bereich dieser DVD ausgiebig frönen. Wer „The Spirit“ allerdings gesehen hat, dürfte vermutlich schon nach „Miller über Miller“ aufstecken und sich den Audiokommentar des Regisseurs (und der ihm nach dem Mund redenden Produzentin Deborah Del Prete) verkneifen: Miller spricht von seinem „Spirit“-Konzept und seiner Verehrung des (ihm persönlich bekannten) Will Eisner und schwadroniert über die Verpflichtung, die ihm dessen Werk auferlegt … kurz, er listet im Grunde Grundpfeiler einer gelungenen Verfilmung auf, die er sämtlich ignoriert hat.

„Grüne Welt“ bietet manchmal tatsächlich einen Blick hinter die (grün eingefärbten) Kulissen und in den Arbeitsalltag eines praktisch erst im Computer entstandenen Films. Eingerahmt werden diese Informationen jedoch durch hektisch montierte ‚Interview‘-Fetzen, die nichts als massive Filmwerbung darstellen. Diese fällt so plump aus, dass der Griff zur Vorspultaste automatisch erfolgt.

Ein alternatives Ende wird mit Millerschen Storyboard-Zeichnungen vorgestellt: Der Spirit kann den Octopus nur außer Gefecht setzen, indem er ihn mit bloßen Händen buchstäblich in Stücke reißt. Dies macht deutlich, dass für „The Spirit“ ursprünglich eine härtere Gangart vorgesehen war. Aber wäre dieser Film als Splatter unterhaltsamer geraten …?

[md]

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