The Tall Man – Angst hat viele Gesichter

Originaltitel: The Tall Man (Kanada/Frankreich 2012)
Regie u. Drehbuch: Pascal Laugier
Kamera: Kamal Derkaoui
Schnitt: Sébastien Prangère
Musik: Todd Bryanton
Darsteller: Jessica Biel (Julia Denning), Jodelle Ferland (Jenny Weaver), Stephen McHattie (Lt. Dodd), William B. Davis (Sheriff Chestnut), Samantha Ferris (Tracy), Eve Harlow (Christine), Jakob Davies (David), Colleen Wheeler (Mrs. Johnson), Janet Wright (Trish), John Mann (Douglas), Teach Grant (Steven), Garwin Sanford (Robert), Ferne Downey (Parker Leigh) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 10.05.2013
EAN: 0887654773098 (DVD)/0887654772992 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 102 min. (Blu-ray: 106 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Cold Rock ist ein Städtchen im gebirgigen Norden des US-Staates Washington. Die einst florierende Wirtschaft liegt am Boden, seit die örtliche Mine schloss. Seit Jahren stirbt Cold Rock langsam aus; wer bleibt, muss sich meist ohne Job durchschlagen. Angst und Armut sorgen für ein depressives Klima, das durch Alkohol, häusliche Gewalt und Missbrauch verschärft wird.

Zu allem Überfluss wird Cold Rock vom „Tall Man“ heimgesucht, der der Nachts in die Häuser eindringt und Kinder verschleppt. 17 Opfer gilt es bisher zu beklagen. Obwohl der vom Fall besessene Ermittler Dodd ständig vor Ort ist, bleibt der Kidnapper in der dicht bewaldeten und unterirdisch von Höhlen und Stollen durchzogenen Wildnis unsichtbar.

In Cold Rock gibt es längst keine Schule und keinen Arzt mehr. Krankenschwester Julia Denning muss allein die medizinische Grundversorgung leisten. Mit Sorge verfolgt sie den Niedergang des Ortes. Vor allem um die ohne Zukunft aufwachsenden Kinder macht sich Julia Sorgen; aktuell versucht sie, wenigstens die jüngere der beiden Weaver-Töchter vor dem geilen Freund der Mutter zu schützen.

Nach dem Tod ihres Gatten lebt Julia mit Sohn David und Haushälterin Christine allein in einem abgelegenen Haus. Dort bricht eines Nachts der „Große Mann“ ein und entführt David. Julia kann ihn zunächst stellen, bleibt jedoch nach einem erbitterten Kampf verletzt zurück. Dodd entdeckt und rettet sie auf einer seiner nächtlichen Patrouille-Fahrten.

Doch die Dorfbevölkerung reagiert merkwürdig auf die Nachricht vom letzten Auftritt des „Großen Mannes“. Julia muss feststellen, dass man ihr mit Misstrauen und feindlich begegnet. Weiß man in Cold Rock mehr über den mysteriösen Entführer, als man offiziell zugeben mag? Sogar der Sheriff scheint in ein Komplott verwickelt zu sein. Wie recht sie hat, erfährt Julia schmerzhaft, als sie eigene Nachforschungen anstellt …

Ein Franzose (fast) in Amerika

Nachdem ihm mit „Martyrs“ 2008 ein von Kritikern und Zuschauern gleichermaßen gerühmter Mystery-Thriller gelungen war, wartete man gespannt auf Pascal Laugiers nächsten Geniestreich. Der französische Regisseur und Autor war schlau genug, sich nicht für das US-Remake seines großen Erfolgs verheizen zu lassen. Dennoch sollte sein nächstes Werk nicht auf einem eigenen Buch basieren. Laugier versuchte sich an einer Neu-Version des Horror-Klassiker „Hellraiser“, den Autor Clive Barker 1987 selbst sehr effektvoll auf die Leinwand gebracht hatte. Leider fanden die Produzenten des Remakes Laugiers Version zwar künstlerisch wertvoll aber nicht massentauglich und damit einträglich genug. Deshalb zerschlug sich das Projekt. Laugier hatte viel Zeit umsonst investiert. Erst 2011 konnte er seinen nächsten Film inszenieren. Wiederum schrieb er das Drehbuch selbst, und dieses Mal saß er fest im Sattel bzw. Regiestuhl.

„The Tall Man“ wurde nicht Laugiers Hollywood-Debüt. Der Film konnte als französisch-kanadische Co-Produktion realisiert werden. Gedreht wurde im Südosten der kanadischen Provinz British Columbia. Viele heimische Darsteller konnten beschäftigt werden. Das Budget lag bei 18 Mio. Dollar; „The Tall Man“ war also recht üppig budgetiert, zumal in Kanada die Produktionskosten niedriger als in den USA liegen.

In „The Tall Man“ bricht Laugier erneut mit den Konventionen des scheinbar gewählten Genres, um über den Trümmern eine gänzlich unerwartete Geschichte zu erzählen. Damit ging er ein Risiko ein, denn die Mehrheit des (nordamerikanischen) Publikums schätzt es nicht, wenn sich ein angekündigtes Horror-Spektakel in einen Psycho-Thriller verwandelt. So wundert es kaum, dass „The Tall Man“ zumindest an den Kino-Kassen versagte und seine Kosten erst auf dem DVD-Markt einspielen wird.

Das ist doppelt schade, ist dies doch ein Film, der für die große Leinwand gedreht wurde. Die Kamera leistet wunderbare Arbeit; sie schwebt über den Szenen, folgt den Darstellern, ignoriert dabei die Physik und ist stets auf der Suche nach dem besten Bild, das nicht nur optisch beeindruckt, sondern auch die Stimmung unterstreicht, die unter der Handlung sicht- und spürbar werden soll.

Das Leben ist schmerzhafter als der Tod

Diese Stimmung ist durchweg düster. Womöglich wurde Laugier ein wenig zu realistisch. „The Tall Man“ thematisiert eine unangenehme Frage zu, die zu einer noch unangenehmeren Antwort zwingt: Versucht die moderne Gesellschaft überhaupt noch, den zahlenstarken, aufgrund der Globalisierung wirtschaftlich ‚überflüssig‘ gewordenen Gesellschaftsschichten den Weg zurück in ein Arbeitsleben zu ermöglichen, oder hat sie diese bereits abgekoppelt? Offenbar lässt sich ein Land auch regieren, wenn es seine Armen durch eine Mischung von Wohlfahrt und staatlicher Drohung in Schach und unter Kontrolle halten kann. Was geschehen wird, wenn dieser ‚Frieden‘ nicht mehr zu wahren ist, wird von denen, die (noch) krisenfrei leben, auf eine möglichst ferne Zukunft verschoben.

Laugier entlarvt diese Heuchelei, indem er ihre bereits sichtbaren Folgen zeigt: Die vom System auf ein totes Gleis geschobenen Menschen verrohen und verkommen. Ihre Resignation, ihre Frustration, ihr Zorn wird an die nächsten Generationen weitergegeben und dabei verstärkt. Die Kinder der Aufgegebenen sind von Geburt an Verlorene, stigmatisiert und verurteilt zu einem elenden ‚Leben‘ in einer Sackgasse, die Laugier als Cold Rock bildhaft werden lässt. Schon der Ortsname deutet eine Dorf-‚Gemeinschaft‘ an, die ihr Herz verloren hat. Die Bürger saufen, prügeln sich, steigen inzüchtig denen hinterher, die sie lieben, achten und erziehen sollten.

Nicht nur Julia ist zu dem Schluss gekommen, dass das System versagt und darüber hinaus aufgegeben hat. Für die Erwachsenen ist es zu spät, aber könnte man die Kinder retten? Die Kur ist dabei so hart wie die Krankheit schwer: Sie müssen ‚sterben‘, um unbelastet wiedergeboren werden.

Aalglatte Story mit Widerhaken

So kryptisch muss an dieser Stelle umschrieben werden, was Laugier durchaus deutlich zeigt. „The Tall Man“ ist ein spannender Film, der es nicht verdient, durch Spoiler ‚verraten‘ zu werden. Obwohl der Plot als solcher kritisch zu beurteilen ist, sollte man ihm keinen Knüppel in Gestalt der Logik zwischen die Beine werfen. Außerdem fällt die Auflösung eines Rätsels in der Regel enttäuschend aus. Der Weg dorthin ist das eigentliche Ziel. Laugier verwandelt ihn in einen Parforceritt, bei dem es den Zuschauer mindestens zweimal aus dem Sattel hebt.

Ist der „Große Man“ real? Diese Frage steht für den Hardcore-Gruselfan im Vordergrund, weshalb die auf ihre ernüchternde Weise eher noch schrecklichere Wahrheit nicht zufriedenstellen kann. Man sollte und darf dieser Zuschauerfraktion nicht zwangsläufig eine gewisse intellektuelle Schlichtheit unterstellen. Dies fällt allerdings schwer, wenn man sich die US-amerikanischen Kritiken anschaut. Nicht nur aber eben doch verstärkt hier stößt man auf Beschwerden, die dort anknüpfen, wo die Handlung die durchaus bediente Horrorschiene verlässt. Von nun an werde sie undurchsichtig und ‚schwierig‘, was nüchtern betrachtet als Werturteil ein Armutszeugnis darstellt, zumal Laugier die Fäden fest in der Hand hält. Was er erzählen möchte, nimmt sehr deutlich Gestalt an. Es läuft halt nicht – siehe oben – auf eine simple, einfach nur spannende Lösung hinaus, sondern rührt an realen Schrecken.

Wenn man dies anerkennt und goutiert, bewundert man an die Kunstfertigkeit, mit der Laugier sein Publikum an den Nasen herumführt. Während des Films wird man überrumpelt von einem Perspektivensprung, den so selbst der erfahrene Zuschauer nicht erwartet hat bzw. voraussehen konnte. Aus Erstaunen wird Bewunderung, wenn es Laugier im letzten Drittel ein weiteres Mal gelingt, der Story eine gänzlich neue Richtung zu geben. Gekrönt wird dies durch ein starkes Ende, das den oft gesuchten aber selten gefundenen dritten Weg zwischen Happy-End und Horror-Twist beschreitet.

Schauspieler statt Killerfutter

Faktisch existieren nicht nur formale, sondern auch inhaltliche Ähnlichkeiten zwischen „The Tall Man“ und Laugiers Vorgängerfilm „Martyrs“. Tatsächlich wäre „Martyrs“ sogar der bessere Titel für das jüngere Werk. Allerdings geht Laugier über eine Kopie weit hinaus.Ihm geht es darum zu ergründen, welche Kräfte das menschliche Leiden freisetzen kann.

Eine solche Geschichte benötigt echte Schauspieler. „The Tall Man“ ist kein Teenie-Horror, weshalb die in diesem Genre üblichen, (mehr oder weniger) unterhaltsamen Dümmlichkeiten vollständig entfallen. Das Gelingen der weiter oben genannten Sprünge kann nicht allein das Drehbuch gewährleisten. Die Geschichte steht oder fällt mit der Hauptdarstellerin, die nicht nur quasi drei Rollen spielen, sondern diese schließlich glaubhaft zusammenführen muss.

Jessica Biel meistert diese Herausforderung. Als „ausführende Produzentin“ ist sie auch hinter der Kamera aktiv gewesen; das Drehbuch bzw. seine Umsetzung als Film lag ihr offensichtlich am Herzen, was Biel im Interview bestätigt. In der Tat schont sie sich nicht und ergänzt emotional überzeugende Szenen durch körperlich hartes Darstellungshandwerk.

Als Jenny Weaver kann und muss die noch junge aber viel beschäftigte Jodelle Ferland mithalten. Jenny ist die heimliche Hauptfigur des Geschehens; sie repräsentiert ein Mitglied der ‚verlorenen‘ Generation der Kinder und erzählt uns die Geschichte von Cold Rock aus dem Off. Jenny lüftet das Geheimnis um den „Großen Mann“, und sie hat das letzte Wort.

Die übrigen Rollen besetzte Laugier nicht mit Stars, sondern mit spielstarken Schauspielern, die er oft in Kanada fand. Viele Gesichter identifiziert auch der deutsche Zuschauer, denn Stephen McHattie, William B. Davis oder Samantha Ferris kennt er aus zahlreichen US-Filmen und vor allem TV-Serien.

„The Tall Man“ ist kein Geheimtipp, keine Offenbarung, sondern stattdessen etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte, tatsächlich aber so selten (geworden) ist, dass es eine eigene Erwähnung verdient: eine gute Geschichte, die gut erzählt wird und das Anschauen lohnt.

DVD-Features

„Tall Man“ gehört zu den Filmen, die sehr gut für sich allein stehen können. Blicke hinter die Kamera u. a. Features benötigt diese Geschichte nicht. Etwas über zwanzig Minuten können Jessica Biel, Stephen McHattie, Pascal Laugier sowie Produzent Clément Miserez dennoch erzählen, wieso ihnen die Arbeit an diesem Film so großen Spaß bereitet hat. Als Zuschauer meint man ihnen die Erleichterung ansehen zu können, zur angenehmen Abwechslung dabei nicht werben bzw. lügen zu müssen.

Außerdem gibt es einen Trailer.

Eine weitgehend informationsfreie Website findet sich hier.

Kurzinfo für Ungeduldige: In einer Kleinstadt entführt der „Große Mann“ immer wieder Kinder. Als er sich am Sohn einer Krankenschwester vergreift, folgt diese ihm bis in sein Versteck … – Was wie ein x-beliebiger Gruselfilm beginnt, entwickelt sich zu einem überraschungsstarken und spannenden Psycho-Thriller, in dem niemand – die ausgezeichnete Hauptdarstellerin an der Spitze – ist, wer er oder sie zu sein vorgibt: sehenswert.

[md]

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