Als seine Braut umgebracht wird, erfindet der untröstliche Erfinder Hartdegen eine Zeitmaschine, um ihren Tod ungeschehen zu machen. Da dies komplizierter ist als gedacht, strandet Hartdegen im 802ten Jahrtausend, wo gruselige Kannibalen die letzten Menschen piesacken … – Dass Hartdegen daraufhin Anführer einer Anti-Morlock-Rebellion wird, ist eher Hollywood als H. G. Wells; auch sonst regiert das filmtrickreiche Spektakel jederzeit über die Story und eventuelle Untertöne: als kunterbunte, schnelle und laute Unterhaltung ansehnlich.

Das geschieht:

New York im Winter des Jahres 1899: Physiker und Erfinder Alexander Hartdegen reißt sich von der Arbeit los: Er hat er sich durchgerungen, seiner geliebten Emma einen Heiratsantrag zu machen. Der wird freudig angenommen, doch das Glück währt nur kurz, da ein Räuber das Paar überfällt und Emma erschießt. Alexander zieht sich in sein Labor zurück und flieht in die Arbeit. Dabei beherrscht ihn ein Gedanke: Was wäre, wenn … es eine Möglichkeit gäbe, zurück in die Zeit zu reisen, um die Bluttat zu verhindern? Vier Jahre intensiven Forschens erfordert es, aber dann steht sie wider alle wissenschaftliche Wahrscheinlichkeit da: der Welt erste und einzige Zeitmaschine!

Sie funktioniert tadellos, und Hartdegen reist vier Jahre zurück, um seine Emma zu retten. Es gelingt, doch als der Forscher sein Glück perfekt wähnt, wird die wundersam Wiedererstandene von einem frühen Automobil überfahren. Offenbar dulden das Schicksal oder die Zeit oder die Götter keine Korrekturen des Zeitstroms. Konnte die Wissenschaft der Zukunft dieses Rätsel lösen? Hartdegen legt den Starthebel seiner Maschine entschlossen in die andere Richtung um und macht sich auf ins Jahr 2030.

Dort erfährt er, dass die Zeitreise offiziell ein physikalischer Wunschtraum geblieben ist. So begibt sich Alexander erneut auf die Reise, die schon 2037 dramatisch unterbrochen wird: Der Mond zerbirst, die Trümmer legen die irdische Zivilisation in Schutt und Asche. Hartdegen entflieht dem Inferno schwer verletzt. Unkontrolliert rast die Zeitmaschine in die Zukunft und kann erst im Jahre 802.701 zum Halt gebracht werden.

Der Chrononaut erwacht in einer paradiesischen Parklandschaft unter freundlichen aber technikfernen Menschen – den Eloi. Doch es gibt auch die unterirdisch hausenden Morlocks: lichtscheue, affenähnliche und kannibalische Kreaturen. Als diese Hartdegens neue Freundin Mara entführen, macht dieser sich rettend auf in die Unterwelt, wo er feststellt, dass die Morlocks von einer höchst intelligenten Grauen Eminenz aus dem Hintergrund beherrscht und gesteuert werden …

Die Realität holt die Fiktion ein

Ein Rauschen ging durch den Medienwald, als 2001 die Neuverfilmung des Science-Fiction-Klassikers „Die Zeitmaschine“ angekündigt wurde. Noch bevor der fertige Streifen in die Kinos kam, konnte man den Verdacht hegen, dasselbe offensichtlich gar nicht so blinde Schicksal, das dem armen Alexander Hartdegen ständig chrono-logische Knüppel zwischen die Beine wirft, sei auch seinen Nachfahren in Hollywood in die Parade gefahren.

Es ist kurios: Ein Film über das Reisen durch die Zeit fällt beinahe selbst einem historischen Ereignis zum Opfer. In diesem Fall war dies der Terroranschlag auf das World Trade Center im September 2001, als „The Time Maschine“ gerade für den Einsatz im Weihnachts-Kino den letzten Schliff erhielt. Der große Knall des Mondes, den der entsetzte Hartdegen im Jahre 2037 miterleben muss, nahm ursprünglich in der Handlung wesentlich mehr Raum ein. Liebevoll, aufwändig (und teuer) hatten die Spezialeffekt-Magier Hollywoods ein New York in Szene gesetzt, das von den Trümmern des Mondes spektakulär vernichtet wird. Höhepunkt des Dramas: Das WTC wird von lunaren Splittern dem Erdboden gleichgemacht …

Dieser Knalleffekt hätte jenseits der ‚moralischen‘ Bedenken krokodilsträniger Kritiker die Glaubwürdigkeit der „Time-Machine“-Geschichte nachhaltig beeinträchtigt: 2037 würde es kein World Trade Center geben. Doch diese Episode, zusammengekürzt auf wenige Sekunden, ist wichtiger für die Handlung, als man jetzt ahnen kann: Hier erleben wir den Startschuss für das evolutionäre Rennen, aus dem einst die Eloi und die Morlocks hervorgehen werden. Da generell nur wenig Subtext aus dem H.-G.-Wells Roman überlebt hat, ist dieser Sinn- und Verständnisverlust durchaus relevant.

Wells 2.0 war nicht die Lösung

Man kann verstehen, dass den armen Simon Wells, der die „Time Machine“ in Szene setzte, schier der Schlag traf. Als Regie-Neuling mit einem 80-Millionen-Dollar-Projekt ohnehin überfordert, warf ihn der Rückschlag in letzter Minute völlig aus der Bahn; er musste durch Gore Verbinski vertreten werden. Klar, dass sich die Presse auf diese Geschichte stürzte. Hier rächte es sich, dass die Studios Warner und Dreamland sich gar zu sehr in ein scheinbar werbewirksames Detail verliebt hatten: Simon Wells ist ein legitimer Nachfahre von H. G. Wells (1866-1946), der „Die Zeitmaschine“, den Roman von 1895, verfasst hat. Viel Gewese wurde um diese faktisch, d. h. für das Ge- oder Misslingen des Films absolut unwichtige Tatsache gemacht. Angeblich habe Simon Zugang zum Wells- Familienarchiv gehabt und in Ur-Opas geheimen Aufzeichnungen völlige neue und unbekannte Entwürfe zum späteren Literaturklassiker entdeckt. Wer‘s glaubt, ist wirklich selig, vor allem aber arm im Geiste, denn das Drehbuch bemüht sich fast betont um Ferne zum Ursprungs-Konzept der Zeitmaschinen-Saga.

Herbert George Wells hatte 1895 nicht nur spannende Unterhaltung, sondern vor allem eine Botschaft im Sinn. Sein Romanerstling sollte warnen vor den fiktiven und dramatisch überspitzten aber für den Verfasser im Kern realen Folgen der sozialen Ungerechtigkeiten, die er in der Gegenwart des spätviktorianischen Zeitalters erkannte. Wells sah in der stetig wachsenden und im Getriebe des modernen und industrialisierten Staates immer wichtiger werdenden, aber schlecht bezahlten, rechtlosen und proletarisierten Arbeiterklasse den Zündstoff für eine soziale Explosion, die in einer vielleicht gar nicht fernen Zukunft die bestehende Gesellschaftsordnung zerreißen könnte. Die Morlocks des Jahres 802.701 wurden nach Wells von den Vorfahren der Eloi – der herrschenden Klasse des 19. und 20. Jahrhunderts – selbst fahrlässig geschaffen.

Wells verlieh seinem Schreckensbild zusätzliche Eindringlichkeit durch die Sinnlosigkeit, die dem zukünftigen Schlachten zugrunde liegt: Sowohl die Eloi als auch die Morlocks haben bei ihm jede Erinnerung an die Vergangenheit verloren; sie bleiben gefangen im Teufelskreis ihres mörderischen Systems, büßen unschuldig für die Sünden der Väter und bleiben in ihrer unheiligen Symbiose gefangen, denn die Morlocks sorgen für die Wartung der Maschinen, die den Eloi ihre müßige Oberflächen-Existenz überhaupt erst ermöglicht. Trotzdem gibt es keinen echten Grund, der einen Ausgleich verhindern könnte, doch beide Rassen wurden so gründlich konditioniert, dass es niemand versucht.

Augen, Ohren & Bauch funktionieren auch ohne Hirn

Das ist auch heute noch starker Toback – und wurde im nikotin- und sozialkritikfeindlichen Hollywood des 21. Jahrhunderts sogleich entschärft bzw. verfälscht. Eloi und Morlocks sind nun die Produkte einer Naturkatastrophe, deren Verursacher schön anonym bleiben. Die Morlocks werden regiert von ziemlich schlauen Superhirnen, die eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse gewiss anstoßen könnten, dies aber aus unerfindlichen Gründen unterlassen. Das Drehbuch lässt den bösen Über-Morlock ebenso bedeutungsschwanger wie hohl von Schicksal und Verdammnis faseln; ob der arme Jeremy Irons im O-Ton unter seiner Mephisto-Maske einen teutonischen Akzent durchquetscht, um diesen Aspekt zu vertiefen, entzieht sich der Kenntnis des Rezensenten. (Die ‚neuen‘ Eloi sind übrigens in keiner Weise von den Morlocks abhängig. Trotzdem lassen sie sich ohne Gegenwehr verspeisen: Wells II. legt definitiv weniger Wert auf innere Logik als sein Urahn.)

Aber erwartet jemand ernsthaft Tiefgründigkeit von einem Hollywood-Spektakel? Hat man sich von entsprechenden Erwartungen befreit, findet man nicht nur seinen Seelenfrieden, sondern entdeckt ein Film-Abenteuer, das Spaß verbreitet und dabei den Zuschauer nicht offen beleidigt. Zumindest in der ersten Hälfte finden Herz und Spektakel durchaus zueinander. Interessanterweise stützt sich das Drehbuch hier nicht auf den Wells-Roman, sondern auf die Verfilmung aus dem Jahre 1960: Die Katastrophe von 2037 lehnt sich an den III. Weltkrieg von 1966 an. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde der Weltuntergangs-Schrecken auf den aktuellen Stand gebracht – und das sind heuer Wurfgeschosse aus dem All.

Damit sind nicht ausschließlich die Spezialeffekte gemeint, obwohl diese 2002 ein Augenschmaus waren und oft heute noch sind. Hier fanden die Hexer von Hollywood ein angemessenes Spielfeld. Was sie sich einfallen ließen, den Fluss der Zeit zu verdeutlichen, spottet (im Positiven) jeder Beschreibung. (Obwohl: Die allzu künstlich geratene Bewegung der Erdkruste auf Playstation-Niveau und die Morlocks, deren Masken genauso miserabel geraten sind wie in der Erstverfilmung, weckten schon 2002 kritischen Unmut. Das Ende ist sogar beinahe genial – eine simple aber klug erdachte und umgesetzte Vision, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem Schlussbild vereint.

Frau retten, Morlocks hauen: Hollywood klassisch

Das ist auch nötig, denn die Eloi/Morlock-Sequenz und damit die gesamte zweite Hälfte ebnet die hohe Meinung, die man sich bis zum Crash von 2037 gebildet hat, nachdrücklich wieder ein. Schöne Bilder & viel Getöse ohne Sinn und Verstand sorgen für Langeweile. Es reicht nicht, Affen oder Morlocks wie Gummibälle zwischen Komparsen herumhüpfen zu lassen. Typisch Hollywood ist die Auflösung des Konflikts: Während H. G. Wells‘ Zeitreisender nur versucht, sich in die Angelegenheiten der Zukunft zu mischen (und dabei kläglich scheitert), jagt Hartdegen die Morlocks kurzerhand in die Luft: Ist der Feind tot, herrscht automatisch Ruhe im Land. Wer jetzt noch nicht wusste, dass „The Time Machine“ eine US-Produktion ist, ist jetzt im Bilde.

Erfreuliches gibt es über die Schauspieler zu berichten. Guy Pearce, der den Alexander Hartdegen mimt, verleiht seiner Rolle Überzeugung, Tragik und Tiefe. Später verdammt ihn das Drehbuch zu einem Dasein als Action-Man, aber auch das meistert er mit Anstand. Samantha Mumba wurde von der Kritik als Mara mit wenig Beifall bedacht, aber was sollte die arme Frau aus ihrer ärmlichen Rolle machen? Immerhin können die Eloi von 2001 sprechen; 1960 war Mara (damals noch „Weena“ geheißen) ein stummes Dummchen, das heute jeder Zeitreisende mit Freuden den Morlocks überlassen würde. Für den Film-Nerd gibt es einen Gastauftritt von Alan Young (1919-2016), der in der Version von 1960 den besten Freund des Zeitreisenden – Rod Taylor (1930-2015) gespielt hatte.

„The Time Machine“ war an den Kinokassen ein Flop, der nicht einmal seine Kosten einspielte. Simon Wells wechselte zum Animationsfilm und feilte zukünftig an Drehbüchern für Werke wie „Shrek der Dritte“, „Kung Fu Panda“ oder „Die Croods“. 2011 stach ihn wieder der Hafer; er inszenierte „Milo und Mars“, der bei einem Budget von 175 Mio. Dollar nur 40 Mio. erlöste und zu den größten Misserfolgen der Kinogeschichten zählt. Obwohl die Verantwortung für diesen Flop nicht Wells allein zugeschoben werden darf, ist mit seiner nochmaligen Rückkehr auf den Regiestuhl in absehbarer Zeit nicht zu rechnen.

DVD-Features

Die DVD-Ausgabe führt zurück in eine Zeit, als dieses Medium noch jung und eine gute Ausstattung mit Extras gerade bei Filmen dieser Preisklasse quasi üblich war. So gibt es gleich zwei Audiokommentar (Nr. 1 mit Regisseur Wells und Cutter Wayne Wahrman, Nr. 2 mit Produzent David Valdes, Trickspezialist James E. Price und Produktionsdesigner Oliver Scholl) Ist man der englischen Sprache mächtig – untertitelt sind die Kommentare nicht – erfährt man viel Interessantes über den Film und seine Entstehung.

Weiterhin gibt es vier Featurettes, die Auskunft über „Die Erschaffung der Morlocks“, „Die Konstruktion der Zeitmaschine“, „Die visuellen Effekte“ und „Die Choreographie“ geben. Hinzu kommen diverse nicht verwendete Szene und die Animationssequenz „Die Jagd“. Abgerundet werden die Extras mit dem US-Kino-Teaser, dem US- und dem internationalen Trailer und einer Galerie (20 Bilder aus dem Produktionsdesign).

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The Time Machine
Originaltitel: The Time Machine (USA 2002)
Regie: Simon Wells (u. Gore Verbinski)
Drehbuch: John Logan (nach einem Roman von H. G. Wells)
Kamera: Donald McAlpine
Schnitt: Wayne Wahrman
Musik: Klaus Badelt
Darsteller: Guy Pearce (Alexander Hartdegen), Mark Addy (David Philby), Sienna Guillory (Emma), Orlando Jones (Vox 114), Samantha Mumba (Mara), Jeremy Irons (Über-Morlock), Omero Mumba (Kalen), Yancey Arias (Toren), Phyllida Law (Mrs. Watchit), Alan Young (Blumenhändler) u. a.
Label/Vertrieb: Warner Home Video
Erscheinungsdatum: 22.08.2002 (DVD)
EAN: 7321921221910 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Spanisch), Dolby Digital 2.0 Stereo (Audiokommentare)
Untertitel: Deutsch, (für Hörgeschädigte), Englisch (für Hörgeschädigte), Dänisch, Finnisch, Französisch, Griechisch, Hebräisch, Isländisch, Italienisch, Norwegisch, Portugiesisch, Schwedisch, Spanisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 92 min.
FSK: 12

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