Ein vierköpfiges Journalistenteam spürt in verlassenen U-Bahn-Schächten einem vermeintlichen Polit-Skandal hinterher und gerät stattdessen an eine mysteriöse Kreatur, die sie nicht mehr gehen lassen will … – Die gefühlt 100.000ste „Found-Footage“-Mockumentary spielt geschickt mit der Angst vor der Dunkelheit und Klaustrophobie, wartet aber ansonsten mit dem bekannten Handlungsprogramm – undeutliche Bilder, Rennen & Geschrei – auf: Kann aber muss nicht gesehen werden.

Das geschieht:

Mit großem Tamtam hat der australische Bundesstaat New South Wales ein aufwändiges Programm angekündigt, das den Trinkwassermangel der Großstadt Sydney endgültig beheben soll: Unter der Stadt gibt es riesige Tunnel und stillgelegte U-Bahn-Schächte, die in Wasserspeicher umgewandelt werden sollen. Die Opposition und kritische Medien erinnern an die Obdachlosen der Stadt, die im Untergrund Zuflucht suchen, doch der Minister versichert, dass dies nur Gerüchte und fortschrittsfeindliche Unterstellungen seien.

Der Startschuss fällt – und dann geschieht nichts. Das gesamte Tunnelprojekt ist abgeblasen und wird totgeschwiegen. Die Politiker mauern, die Medien rätseln oder sind Teil des Komplotts, das Journalistin Natasha Warner vermutet. Die junge Frau sucht verzweifelt nach einer brisanten Story, denn ihr Job steht auf der Kippe.

Natasha kann ihren Chef überreden, ein kleines Team zusammenzustellen. Dazu gehören Kameramann Steve Miller und Tonmann Jim „Tangles“ Williams. Der erfahrene Produzent Peter Ferguson wird Natasha zur Seite gestellt. Die Männer sind Profis. Sie stellen keine Fragen, sondern packen ihre Arbeitsinstrumente zusammen, denn Natasha beschließt, der Sache buchstäblich auf den Grund zu gehen. Durch einen unbewachten Hintereingang kann sich die Gruppe heimlich Einlass in das Tunnelsystem verschaffen. Zwar muss Peter feststellen, dass die mitgebrachte Karte eher verwirrt als führt. Dennoch schafft das Quartett den Weg hinab zum geplanten Stausee tief unter der Erde.

Hier endet die Reportage abrupt, denn man ist nicht allein: Eine nie wirklich sichtbare aber sehr präsente und offensichtlich intelligente Kreatur haust in der Finsternis und hat beschlossen, die Eindringlinge zu jagen. Sie kennt sich vorzüglich im Labyrinth der Tunnel aus und kann bald erste, blutige Erfolge feiern …

Anderes Land, bekannte Geschichte

Wenn du gern einen Film drehen möchtest aber knapp bei Kasse bist, denke dir einen Gruselfilm aus, der sich als Kammerspiel inszenieren lässt. Wenn du gar kein Geld hast, gestalte ihn zusätzlich als „Found-Footage“-‚Dokumentation‘ und erhebe auf diese Weise Handlungssprünge, Bildschwächen und andere Defizite geschickt zum Stilmittel.

Wie viele hoffnungsfrohe Nachwuchstalente gehen seit 1999 diesen Weg? Wer hätte gedacht, dass der wahre Fluch der „Blair Witch“ sich als Flut in Finsternis wackelig mit der Handkamera heruntergekurbelter „Mockumentarys“ erweist, die ihren Zuschauern erst Stirnrunzeln und schließlich Kopfschmerzen bereiten?

Daran wird sich wohl wenig ändern. Obwohl „FF“ längst lautstark für tot erklärt wurde, sind die Möglichkeiten einfach zu verlockend. „The Tunnel“ wurde für angeblich 135.000 australische Dollar realisiert. Das ist eine lächerliche Summe, die über der Erde vermutlich für einen fünfminütigen Kurzfilm ausgereicht hätte. Doch die kluge Wahl eines Drehortes, der praktisch kostenlos eine natürlich limitierende aber eindrucksvolle Kulisse darstellt, ermöglichte einen anderthalbstündigen Hauptfilm.

„The Tunnel“ lässt das vor und hinter der Kamera eingeflossene Herzblut deutlich spüren, ist aber leider wenig spannend. Dass es nun in oder besser unter Sydney umgeht, bringt nicht wirklich etwas Neues in die bekannte Story vom Labyrinth mit dem irgendwo wartenden Minotaurus. Tunnel- und U-Bahn-Stationen sehen überall auf der Welt gleich aus. Dass diese in Australien liegen, ist für die Handlung belanglos. Dabei hätte eine aus der Geschichte des Kontinentes geborene Bedrohung dieser sicher gutgetan.

The same procedure as every year

Es dauert erwartungsgemäß seine Zeit, bis das Geschehen in Gang kommt. Zunächst bleiben wir über der Erde. Regisseur Carlo Ledesma stellt uns die Hauptfiguren vor. Da diese vorgeblich in einem Dokumentarfilm auftreten, kommentieren sie ihre Handlungen und Gedanken selbst. Nebenbei wird klargestellt, wieso die Bilderflut nie abreißt, selbst wenn die Gruppe panisch durch Sydneys Untergrund stürmt: Einerseits lässt Steve die Kamera vorsichtshalber durchlaufen, weil er „ein komisches Gefühl“ hat und beweisen will, dass es Natasha war, die für den Tunnel-Trip verantwortlich ist, andererseits ist die Kamera mit einem kräftigen Scheinwerfer verschraubt, sodass sie nicht zurückgelassen werden kann.

Weitere Bilder liefern Überwachungskameras, von denen einige sogar im Inneren der Redaktion aufzeichnen (was für ein besonderes Arbeitsklima sorgen dürfte). Die themenkonform unterirdische Bildqualität erklärt sich durch die erschwerten Arbeitsbedingungen; wer sorgt sich um Schärfe und Belichtung, wenn ein Monster umgeht?

Um den Figuren Profil zu verleihen, werden ihnen drehbuchseitig diverse Kanten eingeschliffen. Natasha ist jener Journalisten-Typ, der für eine gute Story über Leichen geht. Peter ist insgeheim in sie verliebt und lässt sich deshalb von ihr manipulieren. Steve und besonders Tangles sind große Jungs, die sich in den Arbeitspausen wie Idioten benehmen. Sie alle eint die Gleichgültigkeit, die der Zuschauer ihren Schicksalen entgegenbringt.

Extrapolierte Isolationsschäden

Entstanden ist „The Tunnel“ tatsächlich in geräumten Gewölben unterhalb Sydneys. Wie in allen Großstädten tut sich dort unter der Erde eine eigene Welt auf. Keller, Versorgungstunnel, Wasserleitungen, U-Bahn-Schächte und -Stationen, Bunker: Im Untergrund wird seit Jahrhunderten gegraben. Weil dort unten niemand lebt, sparte man sich die Mühe, aufgegebene Räumlichkeiten sorgfältig zuzuschütten. In vielen Jahren entstand ein Labyrinth von Hohlräumen, die mehrere Stockwerken tief in die Erde reichen. Die Kartierung ist dürftig, die Beleuchtung rudimentär. Hier unten regiert die nackte Zweckmäßigkeit.

Für hartgesottene Zeitgenossen ist die Unterwelt trotzdem anziehend. Hier lässt sich die Ordnungsmacht naturgemäß selten blicken. Im Winter friert es nicht, im Sommer bleibt es kühl. Platz gibt es genug, Strom und Wasser sind gratis. In vielen modernen Großstädten sind unterirdische Schattengemeinden entstanden, die sich quasi selbst regieren und wenig freundlich auf Eindringlinge von ‚oben‘ reagieren.

Diese Entwicklung lässt sich extrapolieren. Was geschieht, wenn Menschen die Oberfläche endgültig aufgeben? Was wird aus Kindern, die das Tageslicht nie kennenlernen? Dem Horror sind Tür und Tor geöffnet: Abwässer tragen nahrhaften Müll und genmutierende Giftstoffe in die Dunkelheit. Aus natürlichen Höhlen sind bizarr veränderte und an ihre lebensfeindliche Umwelt angepasste Kreaturen mit riesigen Augen, bleicher Haut und spitzen Zähnen bekannt. Mutation wird mit Degeneration verschmolzen, und siehe da: Aus unglücklichen Obdachlosen werden kannibalische Tunnel-Trolle.

Hit & run

Dies ist jedenfalls das ‚Geheimnis‘, das die Regierung so dringend geheim zu halten versucht. Zwar leuchten die Augen des ansonsten unsichtbaren Stalkers wie beim seligen Gollum, wenn sie ein Lichtschein trifft, doch werden in den wenigen Szenen, die ihn zeigen, sehr deutlich Menschenarme und -hände sichtbar. Unter der Erde geht es folglich nicht übernatürlich zu.

Wenn es in der zweiten Hälfte endlich gruselig wird, sieht der Zuschauer meist schwarz. Das ist wörtlich gemeint, soll mit dem Wissen um Isolation und Finsternis, in der ein ‚sehender‘ Feind lauert, für Gruselspannung sorgen und funktioniert tadellos, wo das Prinzip nicht überstrapaziert wird. Es beginnt zu langweilen, wenn die Protagonisten schluchzend und schnaufend durch immer neue Räume und Gänge laufen, ohne dass tatsächlich jemand angreift. (Auf diese Weise wurden auch die „Chernobyl Diaries“ 2012 gegen die Wand gefahren.)

Wenn es geschieht, taucht das Monster selbstverständlich wie aus dem Boden gewachsen auf. Dank dieser Fähigkeit kann es sich die Verfolgung sparen; kein Wunder, dass es stets bei Kräften ist, während seine Opfer bald kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen können. Wer genau hier sein Unwesen treibt, verschweigt man uns allerdings; schließlich soll hier nach Möglichkeit ein Franchise entstehen (das 2014 mit „The Tunnel: Dead End“ seine Fortsetzung findet).

Neue Wege gehen

In Sachen Vermarktung ging das „Tunnel“-Team einen neuen und von der etablierten Konkurrenz interessiert beäugten Weg: Der Film wurde nicht nur auf verschiedenen Festivals gezeigt, sondern ins Internet gestellt; über bestimmte Websites ließ er sich kostenlos und legal downloaden. Auf diese Weise hofft die Crew, Aufmerksamkeit für zukünftige Projekte zu wecken. Verdienst soll durch die Vermarktung einer DVD/Blu-ray-Fassung erwirtschaftet werden, die durch reiche Features (s. u.) einen deutlichen Mehrwert bietet.

Carlo Ledesma und das „Tunnel“-Team folgen dem eingeschlagenen Pfad. Bis zur Fortsetzung halten sie ihr Publikum mit der Internet-Mystery-Serie „Event Zero“ bei Laune. Das ist auch nötig, da zumindest „The Tunnel“ nicht einmal die schwarzen Herzen besonders fanatischer Horrorfans höher schlagen lassen dürfte.

DVD-Features

Erstaunlich lang ist die Liste der Features; sie füllen sogar eine eigene DVD. Hier macht sich bemerkbar, dass „The Tunnel“ durch Crowdfounding finanziert wurde. Zwar ging diese Rechnung nur zum Teil auf. Dennoch hielt Ledesma jene, die Geld gespendet hatten, bei Laune, indem er sie u. a. mit Hintergrundinformationen versorgte. Es kam eine Menge Material zusammen, das vor allem auf der filmeigenen Website aber auch exklusiv hier präsentiert wird. Dazu gehören das übliche „Making-of“, Interviews mit Hauptdarstellern, ein alternatives Ende und der Trailer, zu denen der eigenwillige Soundtrack – offensichtlich gibt es ein Musik-Genre namens „Electronic-Industrial“ – sowie Aufnahmen von der Filmpremiere kommen.

Gleichzeitig nutzt Ledesma die Gelegenheit, die Zuschauer mit seinem Kurzfilm „The Last One“ von 2009 vertraut zu machen. Außerdem zeigt er seine Mini-Dokumentation „The Day the Zombies Walk“ (2010) über ein seltsames Spektakel, das sich „Sydney Zombie Walk“ nennt: Menschen sämtlicher Altersstufen verkleiden sich als Leichen und torkeln im Rahmen einer untoten „love parade“ durch die Straßen. Spezialeffekt-Mann David Sander steuert den eigenen Kurzfilm „Ghosts of War“ bei. Abschließend aufgespielt wurden die Musik-Videos dreier Electronic-Industrial-Bands: „Motion Fused: Reflection of Madness”, „Split Dogs: The Underground” und „The Blackwater Fever: Better Off Dead”.

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The Tunnel – Fürchte die Dunkelheit!
Originaltitel: The Tunnel (Australien 2011)
Regie: Carlo Ledesma
Drehbuch u. Schnitt: Enzo Tedeschi u. Julian Harvey
Kamera: Steve Davis
Musik: Paul Dawkins
Darsteller: Bel Deliá (Natasha Warner), Andy Rodoreda (Peter Ferguson), Steve Davis (Steve Miller), Luke Arnold (Jim „Tangles“ Williams), Goran D. Kleut (Stalker), James Caitlin (Trevor Jones), Ben Maclaine (Sicherheitsmann), Peter McAllum (Minister), Shannon Jones (Jane Schmidt), Arianna Gusi (Kate), Russell Jeffrey (Sef), Jessica Fallico (Jess) u. a.
Label: Turbine Medien
Vertrieb: Rough  Trade
Erscheinungsdatum: 18.10.2013
EAN: 4260294853270 (DVD)/4260294853348 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: keine
DVD-Typ: 2 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 90 min. (Blu-ray: 92 min.)
FSK: 16

Titel bei Amazon.de (DVD)
Titel bei Amazon.de (Blu-ray)

The Descent – Abgrund des Grauens

Die Höhle

Beneath – Abstieg in die Finsternis

Katakomben