In einem rumänischen Dorf lässt ein Fememord Vampire erscheinen, die vor allem damit beschäftigt sind, zu Lebzeiten begonnene Streitigkeiten fortzusetzen … – Kuriose Mischung aus Gruselfilm, Komödie und satirischer Parabel; vor Ort und mit rumänischen Schauspielern entstanden, ist „Strigoi“ formal gelungen, während die Komödie zu dezent, die Gesellschaftskritik zu sanft und der Horror zu aufgesetzt wirkt: interessante Idee aber mittelmäßige Umsetzung.

Das geschieht:

Podoleni ist ein Dorf in der rumänischen Region Moldau. Vor allem die älteren Einwohner können bittere Geschichten von Unrecht und Tod erzählen, die u. a. nazideutsche Invasoren, dann sowjetische Besatzer und schließlich der Diktator Ceausescu über sie brachten. Auch nach der Revolution von 1989 wurde es nicht besser. Constantin Barbulescu, einst regimetreuer Bürgermeister, hat sich zum Hardcore-Kapitalisten gemausert, der seinen Mitbürgern ihren Landbesitz abpresst. Schließlich haben die Menschen genug. Eines Nachts schlagen sie Constantin und seine ebenso raffgierige Gattin Ileana tot und lassen die Leichen verschwinden.

Allerdings hätten die Henker Constantins letzten Worten Glauben schenken sollen: Man könne ihn nicht umbringen, warnte er, und er hatte Recht: Er und Ileana steigen des Nachts als „strigoi“ aus ihrem Doppelgrab. Während sie nach dem Blut ihrer mörderischen Mitbürger lechzt, setzt Constantin – eher Raff- als Eckzahn – alles daran, die letzten Grundstücke in seinem Besitz zu bringen, wobei er seine Mörder zur Mithilfe erpresst.

Ahnungslos kehrt Vlad Cozma nach einem längeren Italien-Aufenthalt in sein Heimatdorf zurück. Als ausgebildeter Arzt erkennt er sofort, dass der just durch einen ‚Unfall‘ gestorbene Florin Cojocaru umgebracht wurde. Doch die Dorfprominenz mauert, und Polizist Octav fordert Beweise. Erschwerend kommt hinzu, dass die Barbulescus längst für vampirischen ‚Nachwuchs‘ gesorgt haben, der tüchtig im Kampf um die Grundstücksrechte mitmischt.

Als Mensch des 21. Jahrhunderts glaubt Vlad nicht an Vampire. Einige drastische Zwischenfälle später merkt er, dass die Einwohner von Pololeni selbst nicht mehr wissen, wer noch Mensch und wer schon Strogoi ist. Die Problematik ist keineswegs neu, wie Vlad von Großvater Nicolae erfährt, der ihn bei dieser Gelegenheit über bisher unbekannte Aspekte der Familiengeschichte aufklärt …

Die Gier nach Blut & Geld

Zwar wird der „strigoi“ auch in diesem Film mit dem Vampir gleichgesetzt, doch um dem kuriosen Geschehen einen Sinn abzuringen, ist es wichtig, den Unterschied zu kennen: Der klassische Vampir à la Dracula ist ein untoter Mensch, in den sich eine dämonische Präsenz eingenistet hat. Demgegenüber ist der Strigoi Mensch geblieben, obwohl er tot ist – oder auch nicht, denn es gibt auch lebende Strigoi. Sie wurden zu Lebzeiten verflucht und müssen nach ihrem Tod umgehen. Doch gleichgültig ob tot oder lebend, Strigoi sind dem Leben, ihren Familien und Freunden deutlich näher als der Vampir geblieben. Sie tauchen ‚daheim‘ auf, mischen sich in die Angelegenheiten der Lebenden ein, stehlen Essen, bringen Krankheiten, trinken Blut und sind auch sonst die reinste Landplage, weshalb man sie tunlichst endgültig ins Jenseits befördert. Dies geschieht, indem man ihr Grab öffnet, das sie tagsüber aufsuchen müssen, und dem Strigoi das Herz herausschneidet, um es zu verbrennen.

Wo man dies unterlässt, weil es beispielsweise im 21. Jahrhundert als Aberglaube gilt und polizeilich verfolgt wird, kann ein Durcheinander entstehen wie in Podoleni, dem kleinen Dorf im Nordosten Rumäniens, in dem man ohne Rücksicht auf Leben und Tod alte Streitigkeiten fortsetzt. Aus dieser Konstellation speist sich das komödiantische Element dieses Films, denn wie man sich denken kann, bedingen die daraus resultierenden Unsicherheiten zahlreiche Missverständnisse.

Ein ernsterer Unterton resultiert aus der Frage, wer in Podoleni, das nach dem Willen von Regisseurin und Drehbuchautorin Faye Jackson auch ein Stück reales und aktuelles Rumänien repräsentieren soll, eigentlich die echten Blutsauger sind. Die Habgier ist offensichtlich ein Charakterzug, der sich um Tod oder Leben nicht schert. Die Strigoi von Podoleni hießen & heißen Hitler, Stalin, Ceausescu und Tirescu. Unter dem Deckmantel eines angemaßten Rechtes presst man die Einwohner seit jeher aus.

Todernst mit blutigem Witz

1989 sollte die Revolution für Gerechtigkeit sorgen. Doch die alten Genossen sicherten früh genug ihre Seilschaften, und alles blieb, wie es immer war, oder wurde noch übler: Der Turbo-Kapitalismus des bisher ausgesperrten Westens fand leichte Beute, vor Ort lernten skrupellose Zeitgenossen schnell. Die Tirescus reihten sich nahtlos in die Reihen der ausländischen Glücksritter ein und nutzten ihren Heimvorteil.

Auf Besserung sollte man nicht hoffen, macht uns Jackson ebenso ironisch wie niedergeschlagen klar: Am Anfang sehen wir Constantin und Ileana Tirescu vor dem improvisierten Dorfgericht. Nicht grundlos ähneln diese Szenen den Bildern, die 1989 den gestürzten Despoten Nicolae Ceausescu und seine Gattin Elena vor einem hastig und juristisch fragwürdigen Militärgerichtshof zeigen: Eine Hinrichtung ist keine Lösung für das grundsätzliche Problem. Sie sorgt nur für eine kurze Scheinblüte, die Jackson in einen surrealen, rundum geglückten Gag umsetzt, als sie die Bürger von Podoleni beim Plündern der Tirescu-Villa fröhlich zu den Klängen des rockigen Gassenhauers „Spirit in the Sky“ tanzen lässt.

In dieser alten/neuen Welt des Eigennutzes wirkt ein Strigoi wie Konstantin Tirescu nicht einmal fremd. Während seine Gattin die Bürger von Pololeni auf klassische Strigoi-Art piesackt, indem sie diese in ihren Wohnungen heimsucht, wo sie in einem höllischen, nie gestillten Heißhunger sämtliche Lebensmittel frisst, verkneift sich Konstantin solche Anwandlungen. Er registriert die Vorteile seines Todes, denn jetzt hat er die Bürger, die er bisher nur bestahl, endgültig in der Hand: Sie sind auch seine Mörder, die sich vor Verfolgung und Strafe fürchten müssen. Neuerliche Attacken auf Konstantin sind fruchtlos, denn als Toter kehrt er in der folgenden Nacht zurück, um weiter an der Erfüllung seines Lebenstraums zu arbeiten: Er will Großgrundbesitzer und Herr von Podoleni sein!

Wo die Vernunft herrscht, hat der Aberglaube es leicht

Wie geht man gegen einen unsterblichen Unterdrücker vor, den man selbst im Rahmen eines kollektiv begangenen Mordes erschaffen hat? Es ist wenig verwunderlich, dass Vlad Cozma in ein Dorf zurückkehrt, das von Konfusion regiert wird. Dennoch ist er, der Unbeteiligte, die einzige Hoffnung auf ein Ende des Durcheinanders. Leider ist Vlad zwar examinierter Arzt aber trotzdem nicht das hellste Licht unter Rumäniens Himmel. Zusätzlich lähmt ihn die Unfähigkeit, einen alten Aberglauben als Realität zu akzeptieren. So können nicht nur die Dorfbewohner, sondern auch die Strigoi ihn lange problemlos instrumentalisieren.

In diesen Szenen funktioniert der Film am besten. Handlung und Subtext liegen denkbar dicht beieinander. Auch der mit den rumänischen Verhältnissen nicht oder nur wenig vertraute Zuschauer erkennt die Ambivalenz des Geschehens und weiß den daraus resultierenden Witz zu goutieren. Dies gelingt Jackson leider nicht immer. Während sie die Herausforderung meistert, als Engländerin eine in Rumänien verwurzelte Geschichte ausschließlich mit rumänischen Schauspielern zu drehen, geht ihr als Drehbuchautorin die Luft aus.

Jackson selbst hätte Abhilfe schaffen können, denn sie hat ihren Film selbst geschnitten. Dabei legte sie eine gewisse Betriebsblindheit an den Tag und blieb nachsichtig, wo sie die Schere entschlossener hätte anlegen sollen. „Strigoi“ schleppt sich im Mittelteil deutlich zu behäbig dahin; man wird es müde, Vlad bei immer neuen Irrgängen und -fahrten zu beobachten, die doch wieder ins Leere führen.

Mit wachem Blick fern der Heimat

Faye Jackson ist mit einem Mann rumänischer Herkunft verheiratet. Diesem Umstand sowie ausgiebigen Reisen in und durch das Heimatland ihres Gatten verdanken wir die Entstehung eines Films, der eine ur-rumänische Geschichte erzählt, die tatsächlich in Rumänien entstand. Podoleni gibt es wirklich. Anders als Sacha Baron Cohen, der sich in Rumänien – die Szenen in Borats ‚kasachischem‘ Heimatdorf Kuzcek entstanden 2006 im rumänischen Glod – nicht mehr blicken lassen darf, ist Jackson in Podoleni weiterhin wohl gelitten. Sie missbraucht das in westeuropäischen Augen weit hinter der Zeit zurückgebliebene Dorf und seine Bewohner nicht als exotische Hinterwald-Kulisse, über die man Schadenfreude für einen Film generiert, sondern nimmt Podoleni als Heimat von Menschen wahr, die selbst um die Schattenseiten ihres Lebens wissen.

Obwohl „Strigoi“ in englischer Sprache gedreht wurde, stammen sämtliche Darsteller aus Rumänien. Der deutliche Akzent – auf den die deutschen Zuschauer verzichten müssen – unterstreicht die ‚Authentizität‘; zu steigern wäre dies höchstens durch untertitelten Originalton gewesen, was die internationale Auswertung des Films radikal eingeschränkt hätte. Ohne an diese Tatsache hässliche Vorurteile zu knüpfen, trifft es zu, dass englische und rumänische Schauspieler sich in der Physiognomie deutlich unterscheiden. „Strigoi“ zieht seine Wirkung auch aus der offensichtlichen Deckungsgleichheit von Land und Leuten. Was englisch besetzt als Komödie allzu offensichtlich geworden wäre, zieht nun einen stillen aber intensiven Witz aus wunderbar gespielten Figuren, denen ihre Rollen maßgeschneidert sitzen. Dabei bedient Jackson keineswegs die Komödienstadl-Fraktion ihres Publikums, die „Ureinwohner“ gern als dummdreistes Lachvolk bloßgestellt sieht. Man lacht nicht über die schrägen Vögel von Podoleni, man lacht mit ihnen.

Was soll/te dies werden?

Man möchte es jedenfalls. Leider meint es Jackson wohl ein wenig zu ernst mit ihrer Satire. Der Funke will nur bedingt überspringen. Die Handlung ist kompliziert und in sich nicht immer stimmig. (Was geschah beispielsweise, nachdem die Dörfler den schon  toten Konstantin in der Kirche niederschlugen? Was machen sie mit ihm – oder eben nicht, weil er in der nächsten Nacht kommentarlos wieder auftaucht?) Abrupt lässt Jackson gern die Stimmung springen. War es gerade noch witzig oder gar albern, wird es plötzlich bitterernst.

„Strigoi“ ist trotz des Vampir-Plots sicher kein Horrorfilm, obwohl Jackson durchaus einschlägige Szenen bietet und u. a. ein Herz aus einem Strigoi-Leib geschnitten wird. Die Effekte sind jedoch sichtlich ‚handgemacht‘ und frei von jedem Splatter, der in diesem Film ohnehin fehl am Platz wäre. Dennoch muss man vermuten, dass Jackson auf Nummer Sicher gehen und ihr Publikum um die Horror-Fans verstärken wollte, denen sie deshalb einige saftig-blutige Brocken vor die Nasen hielt. Das Ergebnis lässt „Strigoi“ endgültig zwischen alle Stühle sinken. Man mag die Idee, den Schauplatz und die Figuren. Mit der Geschichte, die alles verbinden sollte, hapert es dagegen. „Strigoi“ ist ein Film der versprochenen aber selten gehaltenen Versprechen. Deshalb bleiben sowohl das Vergnügen an als auch die Moral der Geschichte mittelmäßig.

DVD-Features

Man darf davon ausgehen, dass es über eine Produktion wie „Strigoi“ Interessantes zu sagen gäbe. Doch ‚Features‘ verpacken heute vor allem zusätzliche Filmwerbung, mit denen die Blockbuster bepackt werden. „Strigoi“ bleibt ohne „Making of“, ohne Interviews und selbstverständlich ohne Regiekommentar.

Dafür wurde in ein wirklich dämliches Cover investiert. Was als Original-Artwork die schräge Machart witzig betonte, kommt hierzulande wie eine x-beliebige Billig-Schlachtplatte daher – ein Schicksal, das dieser Film nicht verdient hat!

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Strigoi – The Undead
Originaltitel: Strigoi (GB/Rumänien 2009)
Regie/Drehbuch/Schnitt: Faye Jackson
Kamera: Kathinka Minthe
Darsteller: Catalin Paraschiv (Vlad Cozma), Rudi Rosenfeld (Nicolae Cozma), Constantin Barbulescu (Constantin Tirescu), Roxana Guttman (Ileana Tirescu), Camelia Maxim (Mara Tomsa), Adrian Donea (Maras Ehemann), Dan Popa (Tudor), Vlad Jipa (Octav), Zane Jarcu (Stefan), Ovidiu Papa (Radu), Neculai-Relu Stingaciu (Petre), Cristian Irimia (Aurel), Mircea Nicola (Vasile), Nicolae Stanila (Florin Cojocaru) u. a.
Label: White Goatee Films
Vertrieb: Schroeder Media
Erscheinungsdatum: 05.06.2012
EAN: 9120027348907 (DVD)/9120027348891 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 105 min. (Blu-ray: 109 min.)
FSK: 16

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