Visit 2015
Becca und Tyler freuen sich, ihre bisher nie gesehenen Großeltern kennenzulernen. Allein mit ihnen auf der einsam gelegenen Farm schlägt dies zunehmend in Schrecken um, denn Oma und Opa benehmen sich erst seltsam und dann bedrohlich … – Solide, gut gefilmte sowie besetzte Schauermär, die bei der Sache bleibt, auf den gruseligen Punkt kommt und durch Humor aufgelockert wird: kann sich sehen lassen.

Das geschieht:

Seit sie vor 14 Jahren ihre Eltern im Streit verließ, hat Loretta Jamison Mutter Doris und Vater John nicht wiedergesehen. Auch umgekehrt gab es keinen Versuch, den Kontakt wiederaufzunehmen. Vor allem Loretta ist unglücklich, zumal der Mann, der damals den Zorn der Eltern entflammte, sich tatsächlich als Lump erwies, der sie und die beiden Kinder im Stich ließ.

Die 15-jährige Becca und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Tyler leiden unter der Situation. Becca plant nunmehr unter dem Vorwand, eine Dokumentation über ihre Familie zu drehen, zumindest Loretta und die Eltern wieder zusammenzubringen. Anlass ist ein Brief der älteren Jamisons, die ihre unbekannten Enkelkinder kennenlernen möchten. Becca und Tyler sind neugierig und bereit, ins Hinterland von Pennsylvania zu reisen, wo Opa John und Oma Doris eine Farm bewirtschaften. Mutter Loretta geht inzwischen mit Lover Miguel auf eine Kreuzfahrt.

Die Geschwister werden enthusiastisch in Empfang genommen; die Großeltern überschlagen sich förmlich vor Freundlichkeit, um ihren Enkeln eine unvergessliche Ferienwoche zu bereiten. Das gelingt ihnen tatsächlich, doch das Vergnügen der beiden Gäste verfliegt rasch: Oma und Opa benehmen sich überaus merkwürdig.

Doris scheint unter einer besonders intensiven Form nächtlichen Schlafwandelns zu leiden, denn sie tobt nackt durch das Haus, kratzt an den Wänden und rüttelt an den Türen. John wiederum sammelt volle Windeln in einem Schuppen, wie der allzu neugierige Tyler entsetzt herausfindet. Als die Kinder ihre Großeltern auf ihre Entdeckungen ansprechen, wird dies verschämt mit altersbedingter Demenz bzw. Inkontinenz begründet. Allerdings nehmen die Ausfälle an Intensität zu und wecken die Angst der Kinder, die einerseits die Großeltern bei Laune halten müssen, während sie andererseits ihre Flucht planen – ein Vorhaben, das buchstäblich lebenswichtig wird, als Becca und Tyler die Wahrheit über Oma und Opa herausfinden …

Letzte Chance & neuer Erfolg

Möchte man sich diesem Film wirklich objektiv nähern bzw. als Rezensent seinen Lesern näherbringen, empfiehlt es sich beinahe, den Namen des Regisseurs und Drehbuchautors zu verschweigen. Es ist M. Night Shyamalan, das filmhistorisch hoch eingestiegene und besonders tief gefallene Wunderkind. Mit „The Sixth Sense“ (1999) und „Unbreakable“ (2000) begeisterte er einst Kritiker und Zuschauer gleichermaßen. Sein Markenzeichen wurde jedoch vom Segen zum Fluch: Shyamalan setzte als eigentlichen Höhepunkt seiner Filme auf einen Finaltwist, der das Geschehen buchstäblich auf den Kopf stellte – eine Herausforderung, die auf Dauer nicht zu meistern war.

Schon 2006 lag Shyamalan nach „Lady in the Water“ (dt. „Das Mädchen auf dem Wasser“) am Hollywood-Boden. In seiner Not erklärte er sich bereit, einen konventionellen Blockbuster zu inszenieren, doch auch „The Last Airbender“ (dt. „Die Legende von Aang“) wurde verrissen und scheiterte an den Kinokassen. Damit war Shyamalan faktisch erledigt; er musste sich erneut als Erfüllungsgehilfe verdingen und drehte „After Earth“, ohne wie einst das Recht zum Endschnitt geltend machen zu dürfen; für Shyamalan eine böse Schlappe.

In seiner Not begann er buchstäblich kleinere Brötchen zu backen. „The Visit“ inszenierte Shyamalan für gerade einmal 5 Mio. Dollar; nie musste er weniger Geld für einen Spielfilm einsetzen. Den Löwenanteil dieser Summe brachte er selbst auf, um die vollständige Kontrolle zu behalten. Das Risiko hat sich gelohnt, denn „The Visit“ wurde zu einer der erfolgreichsten Produktionen des Jahres 2015. Allein an den Kinokassen spielte der Film knapp 100 Mio. Dollar ein. Für Shyamalan ebenso wichtig war jedoch, dass er nicht nur ein Publikum, sondern auch die Gunst der Kritiker zurückgewann: Zuletzt hatte die Tatsache seiner Beteiligung jedes damit verbundene Projekt quasi zum Scheitern verurteilt.

Solides Handwerk mit Talentspitzen

Wie verfrüht und ungerecht dieses Urteil war, belegt Shyamalan nun mit einem Film, der einfach eine spannende Geschichte erzählt, ohne dabei auf die ‚typische‘ Shyamalan-Wende zu verzichten. Diese wird jedoch nicht auf Biegen & Brechen herbeigezwungen, sondern fließt harmonisch in die Handlung ein. Auf diese Weise ist Shyamalan außerdem der Verantwortung enthoben, um jeden Preis ‚originell‘ zu sein; ein Prädikat, das die Auflösung ohnehin keinesfalls beanspruchen könnte.

Stattdessen laufen die Ereignisse logisch auf einen Höhepunkt zu, der dieses Mal vor dem Filmende stattfindet und nicht versucht, sämtliche Vermutungen des Publikums in die Irre zu führen bzw. für einen Knalleffekt zu sorgen, der sich vermutlich abermals als Blindgänger erwiesen hätte: Was Oma & Opa Jamison umtreibt, kann sich der Zuschauer recht bald denken. Spannend bleibt die Geschichte trotzdem, weil Shyamalan einerseits für entsprechende Momente sorgt, während er andererseits großes Geschick bei der Auswahl seiner Darsteller bewies.

Die richtige Mischung aus Harmonie, Verdrängung und Terror ist von elementarer Bedeutung für diese Story. Dabei wich Shyamalan durchaus nicht dem Risiko aus. „The Visit“ erstaunt vor allem in der ersten Filmhälfte durch witzige (bzw. witzig gemeinte) Einlagen. Horror und Humor schließen einander keineswegs aus, sondern können zusammenwirken und einander verstärken, wenn man die korrekte Mischung findet. Dass Shyamalan dieses Kunststück oft gelingt, entschuldigt beinahe die Entscheidung, „The Visit“ im Found-Footage-Stil zu drehen: Wir sehen ausschließlich, was Becca und Tyler mit ihren Kameras festhalten, was in Krisensituationen zu den üblichen Wackeleien und Unschärfen führt. Immerhin bietet Beccas Filmprojekt eine tragfähige Begründung für die subjektive Kamera. (Seekrank wird der Zuschauer trotzdem.)

Vier plus eins: Familienfronten

„The Visit“ ist ein auf die isolierte Farm beschränktes Kammerspiel. Vier Personen spielen die Hauptrollen, zumindest anfänglich und später per Skype mischt auch Mutter Loretta mit. Schauspielerische Ausfälle wären angesichts dieses übersichtlichen Figurenfelds nicht zu übertünchen. Umso glücklicher durfte sich Shyamalan schätzen, der jede Rolle ansprechend besetzen konnte – bemerkenswert auch deshalb, weil zwei Jugendliche die Handlung entscheidend mittragen. Hollywood hat uns in dieser Hinsicht über viele Jahrzehnte ein bemerkenswertes Horrorkabinett mainstreamverbogener „Kids“ und „Teenies“ präsentiert, die erstens Nervensägen sind und zweitens mit der Lebensrealität gar nichts gemeinsam haben.

Auch Becca und vor allem Tyler sind keine ‚Alltagskinder‘. Das Drehbuch zwingt Olivia DeJonge und Ed Oxenbould zu allerlei Altklugheiten. Vor allem die tiefschürfenden gegenseitigen Psychoanalysen wirken wenig überzeugend, sondern sollen allzu deutlich auf die Tränendrüsen des Publikums drücken. Hart an der Grenze zur parodistischen Übertreibung sind weiterhin Tylers Vorstellungen als ‚weißer‘ Rapper. Es bleiben jedoch mehr als genug Momente, in denen die beiden Jungdarsteller ihre Rollen sowohl komisch als auch tragisch mit echtem Leben füllen. Dies gipfelt darin, dass sich der Zuschauer nicht wünscht, diesem Geschwisterduo die Hälse so bald wie möglich herumgedreht zu sehen.

Deanna Dunagan (Oma Doris) und Peter McRobbie (Opa John) haben es schwerer, denn sie müssen zunächst ‚normal‘ wirken, um nur nach und nach in den Wahnsinn abzugleiten. Hier ist das Drehbuch eher auf McRobbies Seite, denn er lässt lange den Riss in seiner Hirnwaffel vor allem ahnen, während Dunagan buchstäblich die Wände hinauf- und hinabgeht, sich auch sonst wie eine Bilderbuch-Irre benimmt und dadurch ihrer Figur einiges Angstpotenzial raubt.

Ein Ende voller (gewollter) Schrecken

Nachdem der Moment der Erkenntnis gekommen ist, schaltet Shyamalan auf Autopilot um. Weiterhin spannend aber tausendfach gesehen inszeniert er die Fluchtversuche der Kinder vor ihren scheinbar übermächtigen und allgegenwärtigen Verfolgern. Zwischendurch bleibt die Zeit, einige binsenpsychologisch bedingte Synapsen-Kurzschlüsse – Tyler hasst Keime und erstarrt in der Krise gern zur Salzsäule; Becca ist harmoniesüchtig und hält sich für wertlos – zu beheben: Horror in Kombination mit der Chance, jemanden gewaltsam umzubringen, ist zumindest in den USA weiterhin hilfreicher Ersatz für jede Therapie.

Angesichts des knappen Budgets hat nicht nur Shyamalan, sondern auch Kamerafrau Maryse Alberti ausgezeichnete Arbeit geleistet – kein Wunder, wenn man weiß, dass sie Werke wie „Velvet Goldmine“ oder „The Wrestler“ (2008, dt. „The Wrestler – Ruhm, Liebe, Schmerz“) fotografiert hat und mehrfach ausgezeichnet wurde. Alberti hat es nicht nötig, exzessiv in dunklen Kellern, staubigen Dachböden oder unheimlichen Schuppen zu schwelgen: Dieses Grauen zeichnet sich auch dadurch aus, dass es sich seinen Opfern offen und sogar bei Tageslicht nähert.

Auf diese Weise vergehen anderthalb Stunden unterhaltsam und leidlich erschreckend. Becca und Tyler lernen ihre Familie kennen – allerdings auf denkbar unerwartete Weise. Das Ende ist ein wenig zu happy: M. Night Shyamalan bleibt ein Romantiker, was zwischenmenschliche Beziehungen betrifft. So hemmungslos wie er dürften eher wenige Zuschauer dem zustimmen, doch man gönnt es den Überlebenden dieses kleinen, feinen, fiesen, ulkigen Schauer-Dramas.

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The Visit

Originaltitel: The Visit (USA 2015)
Regie u. Drehbuch: M. Night Shyamalan
Kamera: Maryse Alberti
Schnitt: Luke Franco Ciarrocchi
Musik: Paul Cantelon
Darsteller: Olivia DeJonge (Becca), Ed Oxenbould (Tyler), Deanna Dunagan (Oma Doris), Peter McRobbie (Opa John), Kathryn Hahn (Loretta Jamison), Celia Keenan-Bolger (Stacey), Samuel Stricklen (Schaffner), Patch Darragh (Dr. Sam) u. a.
Label/Vertrieb: Universal Pictures Germany
Erscheinungsdatum: 04.02.2016
EAN: 5053083064082 (DVD)/5053083064068 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Türkisch, Hindi/(Indisch), Audiodeskription für Sehbehinderte (Dolby Digital 2.0 Stereo)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Arabisch, Dänisch, Finnisch, Französisch, Hindi/Indisch, Isländisch, Italienisch, Niederländisch, Norwegisch, Portugiesisch, Schwedisch, Spanisch, Türkisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 90 min. (Blu-ray: 94 min.)
FSK: 12

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