Wolfman
Extended Director‘s Cut

Originaltitel: The Wolfman (USA 2010)
Regie: Joe Johnson
Drehbuch: Andrew Kevin Walker u. David Self
Kamera: Shelly Johnson
Schnitt: Walter Murch, Dennis Virkler u. Mark Goldblatt
Musik: Danny Elfman
Darsteller: Benicio Del Toro (Lawrence Talbot), Anthony Hopkins (Sir John Talbot), Emily Blunt (Gwen Conliffe), Hugo Weaving (Inspector Abberline), Art Malik (Singh), Simon Merrells (Ben Talbot), Mario Marin-Borquez (Lawrence als Kind), Asa Butterfield (Ben als Kind), Cristina Contes (Solana Talbot), Geraldine Chaplin (Maleva), Nicholas Day (Colonel Montford), Michael Cronin (Dr. Lloyd), David Schofield (Constable Nye), Roger Frost (Reverend Fisk), Rob Dixon (Squire Strickland) uva.
Label/Vertrieb: Universal Pictures
Erscheinungsdatum: 05.08.2010 (DVD u. Blu-ray/Steelbook-Blu-ray)
EAN: 5050582771985 (DVD) bzw. 5050582771992 (Blu-ray) bzw. 5050582789393 (Steelbook-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch, Dänisch, Schwedisch, Finnisch, Norwegisch, Isländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 114 min. (Blu-ray: 119 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Schon vor Jahren ist Lawrence Talbot vor seinem despotischen Vater nach London geflüchtet, wo er sich Ruhm als Theater-Schauspieler erwerben konnte. Nach Blackmoor und Talbot Manor, das düstere Haus seiner Familie, ist er nie wieder zurückgekehrt, bis in diesem Jahr 1891 Gwen Conliffe, seine zukünftige Schwägerin, ihn um Hilfe bittet: Bräutigam Ben ist in den Wäldern um Blackmoor verschwunden. Lawrence macht sich auf den Weg, doch Sir John, sein Vater, empfängt ihn mit der Nachricht, dass Bens Leiche – in Stücke gerissen – inzwischen gefunden wurde. Die abergläubischen Dörfler beschuldigen einen Zigeunerstamm, der auf Sir Johns Ländereien sein Lager aufgeschlagen hat. Eine nächtliche Strafaktion endet als Fiasko: Eindringlinge wie Zigeuner werden von einer übermenschlich starken Bestie niedergemetzelt. Auch Lawrence, der just im Lager Nachforschungen über seinen Bruder anstellte, wird attackiert und schwer verletzt.

Aus London eilt Inspector Abberline nach Blackmoor. Er verdächtigt offen Lawrence, der als Jugendlicher nach dem Selbstmord der Mutter einige Zeit im Irrenhaus verbringen musste. Die Dorfbewohner glauben an das Wirken eines Werwolfs. Weil Laurence gebissen wurde, wollen sie ihn gefangen setzen oder töten, bevor er sich in der nächsten Vollmondnacht verwandelt. Sir John verteidigt seinen Sohn, und auch Gwen, die sich in Lawrence verliebt hat, glaubt an seine Unschuld.

Aber Lawrence trägt tatsächlich den Fluch in sich. Der Vollmond lässt den Wolf in ihm erwachen, der prompt ein Blutbad anrichtet. Sir John liefert Lawrence an Abberline aus. Lawrence landet erneut im Irrenhaus. Erst dort setzt ihn sein Vater vom Familienfluch in Kenntnis. Sir John hatte sich in Indien infiziert. Viele Jahre ließ er sich von seinem treuen Diener Singh bei Vollmond einsperren. Doch nun will er Bestie sein.

Lawrence schwört Rache. Als er erneut zum Werwolf mutiert, kann er ausbrechen. Nachdem er eine blutige Spur durch London gezogen hat, macht er sich auf den Weg nach Blackmoor. Dort warten sein Vater, der ihn töten, und Gwen, die ihn retten will, während Abberline seine Leute mit Silberkugeln munitioniert …

Kleine Geschichte wird viel zu breit getreten

1941 entstand in Hollywoods Universal-Studios unter der Regie des Routiniers George Waggner und nach einem Drehbuch des aus Deutschland vor den Nazis geflohenen Curt Siodmak „The Wolf Man“ (dt. „Der Wolfsmensch“), ein kaum 70 Minuten ‚langer‘, schwarzweißer Horror-Film der B-Kategorie, also einfallsreich aber in billigen Atelier-Kulissen und auch sonst möglichst kostengünstig heruntergekurbelt. Dennoch entstand durch das Zusammenwirken eines hochroutinierten Teams vor und hinter der Kamera ein Klassiker. Für Lon Chaney jr., der bisher als Darsteller im Schatten seines Vaters gestanden hatte, wurde Larry Talbot zur Rolle seines Lebens. In den nächsten Jahren trieb er noch mehrfach in der Werwolf-Maske sein filmisches Unwesen.

Fast sieben Jahrzehnte später investierten die immer noch aktiven Universal-Studios 150 Mio. Dollar in das Remake ihres einstigen Erfolgsstreifens – in Hollywood ist es wahrlich nicht üblich, die Wurst nach der Speckseite zu werfen! Filme mit einem hohen Anteil möglichst spektakulärer Spezialeffekte führen heute die Blockbuster-Listen an, wobei das Genre Nebensache ist: Längst kann auch ein Horrorfilm gewaltige Gewinne einfahren.

Universal sitzt zudem auf einem Archivschatz: Hier entstanden neben „Der Wolfsmensch“ die Kult-Horrorfilme der 1930er Jahre: „Dracula“, „Frankenstein“, „Frankensteins Braut“, „Die Mumie“ und andere. Diese Tradition wollte man im 21. Jahrhundert neu beleben und gleichzeitig demonstrieren, dass man auf der Höhe der Zeit zu wandeln in der Lage ist!

Es läuft aus dem Ruder

Doch Wunsch und Wirklichkeit klaffen in Hollywood oft weit auseinander. „Der Wolfsmensch“ von 1941 ist ein Kammerspiel. Es lässt sich keineswegs nur durch erhöhten Aufwand in ein Spektakel verwandeln. Unter der Regie von Joe Johnson – der erst drei Wochen vor Drehbeginn den eigentlich vorgesehenen Mark Romanek ersetzte – wurden die eigentlichen Qualitäten der Vorlage vernachlässigt. „Der Wolfsmensch“ mutierte zum Historien-Dreiecks-Duell zwischen Vater, Sohn und schöner Frau, in das sich vordergründige phantastische Züge mischen.

Testvorstellungen verliefen unerfreulich. Den schon 2008 abgedrehten Film brachte das Studios nicht in die Kinos, sondern setzte aufwändige Nachdrehs an. Hollywood-typisch blieb das in Panik geratene Studio auf denkbar dümmsten Kurs. Bevor „The Wolfman“ 2010 endlich freigegeben wurde, kürzte man den Film einerseits, während man ihn andererseits um die blutigsten Details erleichterte, um für den Film eine möglichst niedrige Altersfreigabe und damit ein größeres zahlendes Publikum zu erreichen. Doch der Verlust der turbulenten Jagd- und Metzel-Szenen vergrätzte ein Publikum, das ohnehin Wind von einem recht blutarmen, womöglich künstlerisch wertvollen Werwolf-Film bekommen und gar nicht positiv darauf reagiert hatte. Was ein bildgewaltiges, tragisches, morbides Epos werden sollte, schnurrte auf 100 Minuten zusammen – und wurde – trotzdem bzw. gerade deshalb – nicht der erhoffte Blockbuster.

Volle Kraft zurück!

16 Minuten Handlung durfte Regisseur Johnson für „Extended Director’s Cut“ nun wieder in diesen Filmtorso einflicken, um wenigstens auf dem Video-Markt Kasse zu machen. „The Wolfman“ wird dadurch kein guter aber wenigstens ein schlüssigerer Film. Das verdient er; nicht wegen des Drehbuchs, sondern aufgrund der oft berauschend schönen Bilder. Kulissenbauer, Ausstatter und Kostümbildner haben, ergänzt durch die digitalen Hexer der Neuzeit, Großartiges geleistet. Sie ließen nicht das historische England des ausgehenden 19. Jahrhunderts erstehen, sondern schufen filmgerecht eine künstliche Fantasiewelt für eine fantastische Geschichte.

Ohne Furcht vor Übertreibung und Bombast bahnt sich die Kamera ihren Weg durch diese Welt. „The Wolfman“ erinnert in diesem Punkt an Francis Ford Coppolas „Dracula“-Version von 1992 sowie an die pseudo-viktorianischen Horrorfilme der britischen Hammer-Studios. Die Farben bleiben gedeckt, immer wieder gelingen tolle Effekte mit Licht und vor allem Schatten. Zudem lässt Johnson dem Zuschauer die nötige Zeit, sich in der Geschichte einzuleben.

Auch geschlachtet wird nun wieder ohne Hemmungen. Obwohl „The Wolfman“ bereits ab 16 Jahren freigegeben ist, dürfen sich Darmschlingen aus aufgeschlitzten Unterleibern ergießen, Köpfe und Gliedmaßen fliegen oder ein (allerdings höchst unsympathischer) Irrenarzt aus hohem Fenster auf einen pfeilspitzigen Eisenzaun stürzen. Dass solche Gore- und Splatter-Effekte dem Stil der Filmerzählung widersprechen, steht auf einem anderen Blatt.

Viele Köche verderben den Brei

Womit wir zu einem Kardinalproblem dieses Films kommen. Die Story von „The Wolfman“ trägt weder über 100 noch über 115 Minuten. Sie musste künstlich gestreckt werden. Ein gutes Drehbuch hätte das Ergebnis harmonisch geglättet. Hier lässt sich viel zu deutlich erkennen, wo Nebenstränge angeflanscht wurden. Dabei verdeutlichen die aus dem Film gestrichenen oder verlängerten Szenen, die dem Hauptfilm als Features angehängt wurden, dass die drei (!) Cutter bereits kräftig gestrafft haben. So wurde Lawrence Talbots Flucht aus London ursprünglich vom Abstecher in eine Musikhalle unterbrochen, wo er auf eine blinde Sängerin trifft, die sich nicht vor ihm fürchtet – eine Reminiszenz an „Bride of Frankenstein“ (1935, dt. „Frankensteins Braut“), die mehrere Minuten ausgewalzt wird und außerdem zeigen soll, dass Lawrence auch als Werwolf menschlich ansprechbar bleibt.

Seines Sinns völlig beraubt ist der Auftritt der Zigeuner-Weisen Maleva. 1941 vertrat Maria Ouspenskaya in dieser Rolle einen griechischen Chor und kündigte eindringlich das kommende Unheil an. Nur wenige Minuten ist sie zu sehen, doch ihr Auftritt ist ebenso legendär wie Lon Chaney als Werwolf. Geraldine Chaplin geht in dem Gewimmel der vielen Figuren völlig unter. Als Lawrence sie aufsucht, gönnt ihr das Drehbuch keine Antwort auf seine Fragen. Stattdessen tobt der Werwolf durch das Zigeunerlager.

In „Der Wolfsmensch“ musste Larry Talbot mit sich bzw. dem Werwolf in sich ringen. 2010 wird daraus ein Vater-Sohn-Konflikt der plakativen Art. Dass „The Wolfman“ in seinem gleichzeitig pompösen wie vor Klischees knirschenden Finale nicht in Lächerlichkeit erstickt, verdankt Johnson einem wie so oft fabelhaft spielenden Anthony Hopkins, der keinen eindimensionalen Finsterling mimt, sondern deutlich zu machen versteht, dass der Ausbruch der Bestie auch eine Befreiung ist. (Doch als das Drehbuch den gut genährten Hopkins in einen grauen Werwolf-Pelz zwingt, ist es auch mit seiner Schauspielkunst vorbei …)

Was mache ich bloß hier?

Wer hätte damit rechnen können, dass ausgerechnet Benicio Del Toro zum schlimmsten Stolperstein dieser Geschichte würde? Sein Talent als Schauspieler belegt nicht nur sein „Oscar“ für „Traffic“ (2000). Doch als Lawrence Talbot ist Del Toro eine Zumutung. Dabei bleibt der deutsche Zuschauer vom Originalton verschont, der den unüberhörbaren hispanischen Akzent den urbritischen Adelssohnes Lawrence Talbot offenbart. Überdeutlich bleibt indes Del Toros offensichtliche Langeweile in einer Rolle, in der er sich nicht wohlfühlt. Der innere Konflikt zwischen Mensch und Wolf spiegelt sich in seinem Gesicht kaum wider. Stattdessen macht er Schafsaugen und stiert angestrengt irgendwo neben oder hinter die Kamera.

Emily Blunt bleibt wenigstens die meiste Zeit blass im Hintergrund. Als Objekt inniger Liebe will sie sich dem Zuschauer partout nicht einprägen. Als sie und Lawrence sich endlich küssen, fällt dieser aus allen Wolken, da von einer aufkeimenden Beziehung bisher wenig zu spüren war. Zu allem Überfluss weiß Gwen im Finale nie, ob sie ihren Lawrence nun retten oder erschießen will. Das kann von einem Moment zum nächsten wechseln, was immerhin den Werwolf so verwirrt, dass sie ihn schließlich überraschen kann.

Neben dem Routinier Anthony Hopkins hält sich wacker Hugo Weaving als Inspector Abberline. Dabei ist seine Rolle im Grunde überflüssig: Sir John verrät seinen Sohn, die Dorfbewohner jagen ihn, und Gwen wird ihn töten. Abberline kreuzt hin und wieder Lawrences Weg. Typisch ist sein finaler Auftritt; als er tüchtig zerkratzt und mit dem Silberdolch in der Hand auf der Szene erscheint, ist die Arbeit schon getan und der Werwolf zur Strecke gebracht.

Das Ding im Pelz

Der Mensch ist kein Wolf – und umgekehrt. Gestalt und Gang sind unterschiedlich und vor allem unvereinbar. Daraus resultiert ein Werwolf, dem kein Rick Baker und keine Digitalkunst eine glaubwürdige Erscheinung schaffen können. Immer wieder muss zumindest der filmhistorisch vorgebildete Zuschauer erkennen, dass Benicio Del Toro als Werwolf genauso plump und – ja – lächerlich aussieht wie Lon Chaney jr. oder Oliver Reed in „The Curse of the Werewolf“ (1961, dt. „Der Fluch von Siniestro“). Die Mutation kann heutzutage knochenbrechend authentisch dargestellt werden. Das Ergebnis ist damals wie heute ein Mann mit Haaren im Gesicht, der insgesamt eher an einen tapsigen Bären als an einen eleganten Wolf erinnert.

Es GIBT überzeugende Film-Werwölfe. Schon 1981 schuf Rick Baker (wer sonst?) sie für „The Howling“ (dt. „Das Tier“). Allerdings sind diese Kreaturen künstlich; kein Mensch kann sie verkörpern. Doch die Geschichte von Lawrence Talbot ist eine tragische. Er soll auch als Wolf erkennbar sein. Del Toro sollte spielen können (auch wenn er es dann nicht tat), ohne durch Spezialeffekte außer seiner Wolfsmaske eingegrenzt zu werden.

Manchmal gelingt die Illusion – weniger, wenn ein CGI-Werwolf über CGI-Dächer springt, mehr, wenn Stuntmänner den tierischen Bewegungsapparat imitieren und die Kamera sich etwas fernhält. Im großen Schlusskampf zwischen Vater und Sohn wirken die Kämpfer freilich wie US-Wrestler im Affenkostüm – ein perfektes Bild für einen Film, der viel will und verspricht, aber nur wenig umsetzen und halten kann. So schlimm wie „Van Helsing“ ist es glücklicherweise nicht geworden, da „The Wolfman“ nicht durch Komik (oder was man im Hollywood-Mainstream dafür hält) endgültig zur eierlegenden Wollmilch-Kassen-Sau getrimmt werden sollte. Angesichts des in Ansätzen spürbar werdenden Potenzials bleibt nach zwei Stunden Getümmel und Geschrei dennoch eine spürbare Enttäuschung zurück: „The Wolfman“ ist ein hohles Spektakel.

DVD-Features

Während das Publikum der Blu-ray-Fassung mit der üblichen Mischung aus „Making of“, Interviews und Dreh-Ausschnitten beglückt wird, muss sich der geizige, neutechnikfeindliche DVD-Zuschauer, der auf seinem Alt-Medium besteht und damit der Filmindustrie und dem Handel die höheren Einnahmen nicht gönnt, mit einigen verlängerten bzw. aus der endgültigen Fassung geschnittenen Szenen begnügen.

[md]

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