These Final Hours
Es ist nie zu spät, für jemanden zu kämpfen

Originaltitel: The Final Hours (Australien 2013)
Regie u. Drehbuch: Zak Hilditch
Kamera: Bonnie Elliott
Schnitt: Nick Meyers
Musik: Cornel Wilczek
Darsteller: Nathan Phillips (James), Angourie Rice (Rose), Jessica De Gouw (Zoe), Daniel Henshall (Freddy), Kathryn Beck (Vicky), David Field (Radio-Moderator), Lynette Curran (James‘ Mutter), Sarah Snook (Mandys Mutter) uva.
Label/Vertrieb: Studiocanal
Erscheinungsdatum: 19.02.2015
EAN: 4006680074740 (DVD)/4006680074757 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 84 min. (Blu-ray: 87 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Ein riesiger Asteroid ist im Nordatlantik eingeschlagen und hat die Erdkruste aufgerissen. Die dabei erzeugte Wolke aus glühenden Trümmern und brennenden Gasen rast mit Schallgeschwindigkeit um die Erde. Binnen zwölf Stunden wird sich die Erdoberfläche in eine kochende, luftlose Lavawüste verwandeln. Niemand wird davonkommen, das Leben auf der Erde ausgelöscht.

Australien liegt weit vom Deep-Impact-Punkt entfernt. Bis die Zerstörung dennoch auch diesen Kontinent erreicht, bleiben den Bürgern zehn letzte Lebensstunden. Sie wurden informiert und konnten Pläne für die letzte Frist schmieden. Die Reaktionen fallen denkbar unterschiedlich aus. Massenselbstmorde, reuevolle Gottesdienste oder der Rückzug ins Heim kommen häufig vor. Andere wollen stattdessen ein letztes Mal die Sau rauslassen, sich ins Koma saufen oder endlich bisher unterdrückte Träume von Vergewaltigung und Massenmord in die Tat umsetzen.

James verlässt seine Geliebte Zoe, die in ihrem Strandhaus auf das Ende warten will. Ihn treibt die Angst zur monumentalen Party, die Kumpel Freddy organisiert hat. Alkohol, Drogen, Orgien und die neue Freundin Vicky werden ihn hoffentlich ablenken, wenn der Tod ihn holt. Aber James hat das vor der Apokalypse ausbrechende Chaos unterschätzt. Er rettet das Mädchen Rose vor Kinderschändern und muss feststellen, dass er damit Verantwortung übernommen hat: Rose will die Katastrophe mit ihrem Vater erleben, mit dem sie auf dem Weg zu einer Verwandten war. Jetzt soll James sie dorthin bringen.

Lange sträubt dieser sich und nimmt Rose stattdessen mit zu Freddy und Vicky. Doch die zügellose Party erkennt James als Totentanz: So will er seine letzten Stunden nicht vergeuden. Deshalb macht er sich mit Rose auf den Weg durch die dem Untergang geweihte Stadt und erkennt schließlich, wie er sich dem Ende tatsächlich stellen will …

Tragödie ohne Hintertürchen

Geht in Film oder Fernsehen die Welt unter, wird dies in der Regel von beachtlichem Getöse und liebevoll in Szene gesetztem Flurschaden begleitet. Ist das Produktions-Säckel weniger prall gefüllt, muss auf Plan B zurückgegriffen werden: Die globale Katastrophe wird auf einen räumlich abgelegenen Bereich verengt und von einigen wenigen Darsteller erlitten.

Eines ist jedoch im teuren wie im kostengünstigen Drama identisch: Bis es (endlich) kracht, müssen allerlei zwischenmenschliche Beziehungskrisen geklärt werden. Freundlicherweise wartet die Apokalypse, bis alles geklärt ist. Wurde sie in Hollywood entfesselt, zeigt sich als Belohnung gar wundersame Weise ein Hintertürchen, das zumindest für brav bereuende Sünder Seelenfrieden oder gar Rettung verheißt.

Diese Konstellation ist logisch, denn wer interessiert sich für eine Geschichte, deren Ausgang von vornherein feststeht? Zudem ist der Zuschauer quasi geeicht auf Happy-Endings: Zwar lässt er sich zwischendurch gern filmisch deprimieren, will aber final wieder aufgeheitert werden. Dies gilt vor allem, wenn das Drehbuch gut war und die Schauspieler diesen Titel verdienten, die eine oder andere Rolle dem Publikum also ans Herz gewachsen ist. Selbst der Arthouse-Film, der auf solche Konventionen normalerweise pfeift, mag nicht gänzlich auf apokalyptische Schaueffekte verzichten. Lars von Trier hat 2011 die Erde in „Melancholia“ unter Einsatz sämtlicher zur Verfügung stehenden Spezialeffekte in Stücke reißen lassen.

Zuvor stand immerhin fest, dass der kosmische Schlussstrich energisch gezogen wurde: Nach dem großen Knall war wirklich alles aus. Damit wurde theatralisch erhöht vollzogen, was Zak Hilditch ohne entsprechenden Aufwand mindestens ebenso nachhaltig gelingt. Es kommt noch dicker: Der Verzicht auf monumentale Tricks zugunsten einiger weniger, klug gewählter Vorzeichen des Untergangs unterstreicht kurioserweise eine emotionale Wucht, die kein pathetischer Alles-ist-aus-Blockbuster der letzten Jahre oder Jahrzehnte (Parade-Negativbeispiel: Roland Emmerichs „2012“) nur annähernd erreichen konnte.

Die Basis ist stabil

Dieses Wunder wurzelt in der fruchtbaren Erde eines richtig guten Drehbuchs. Zwar & natürlich erzählt Hilditch – der es geschrieben und inszeniert hat – keine neue Geschichte. Selbst die Details kennen wir, und die Klischees sind zahlreich. Nichtsdestotrotz schafft Hilditch es, dass der Zuschauer solches Wiedererkennen schnell ignoriert und sich stattdessen auf die Story konzentriert und einlässt: Er – und garantiert auch sie – will wissen, wie es weitergeht. Welcher moderne Film kann vor allem dem erfahrenen Zuschauer dieses elementare Erlebnis noch verschaffen?

Im Hintergrund erkennbar ist stets die einzig noch relevante Frage: Wie führe ich mein Leben zu Ende? Normalerweise geschieht dies durch Krankheit oder Alter, was normal ist und eine Gewöhnungsfrist setzt. Wenn ein Unfall abrupt für den Tod sorgt, stellt sich dem Betroffenen die Frage ohnehin nicht. Doch die Apokalypse betrifft auch Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, dies genießen und kaum einen Gedanken auf einen Schnitt verwenden.

Hilditch spielt die ganze Palette möglicher Reaktionen durch. Dabei geht er nie systematisch vor, sondern lässt vieles quasi beiläufig in die Handlung einfließen. Dabei meidet er dankenswerterweise allzu ausgefahrene Geleise: Religiöse Reue im Angesicht des Todes findet Erwähnung, bleibt aber für das zentrale Geschehen ohne Belang. Den Menschen, denen Hilditch seine Aufmerksamkeit widmet, müssen sich ohne Trost der Situation stellen. Wie sich herausstellt, ist dies eine gnadenlose Herausforderung, die auch der typische Hollywood-Held nicht (mehr) meistern kann.

Story mit Rückgrat und Faden

Die Folge ist Chaos. Es wird dadurch verstärkt, dass sich die meisten Rezepte für ein spektakuläres oder euphorisches oder würdevolles oder gefasstes Ende als Illusion erweisen. Auch Selbstmord ist eigentlich keine Alternative, da im Grunde niemand sterben will. Immer wieder gerät James auf seiner Suche nach seiner persönlichen Abschiedsmöglichkeit in eine Sackgasse oder dreht sich im Kreis.

Der Wendepunkt ist spätestens gekommen, als James sein eigentliches Ziel erreicht hat: Er hat kaum Freddys Untergangs-Party betreten, als ihm bereits dämmert, dass sein Plan, dem Ende möglichst besinnungslos zu begegnen, ein Irrtum war. Die zügellose Orgie strahlt in Hilditchs Inszenierung nur Hoffnungslosigkeit aus. Folgerichtig versucht Freddy mit der großkalibrigen Pistole in der Hand, das Aufkommen einer Verzweiflung zu verhindern, die das Partyvolk in einen mörderischen Mob verwandeln könnte.

Dass sich James entschließt, ein ihm fremdes Kind erst zu beschützen und unter großen Schwierigkeiten dorthin zu bringen, wo – vielleicht – die Familie es erwartet, ist kein Beleg heldenhaften Pflichtgefühls, sondern nur ein weiterer Versuch, dem nahenden Ende einen Sinn abzuringen. Niemand außer Rose scheint zu wissen, was zu tun ist. Also schließt er sich ihr an und wird belohnt: Kurz vor dem Ende weiß James endlich, was noch zu tun ist.

Drama statt Tragödie

Bis es soweit ist, liefern sich Nathan Phillips als James und Angourie Rice als Rose kein schauspielerisches Duell, sondern ein Duett der Meisterklasse. Die Vorteile scheinen allein bei Rice zu liegen, die ungeachtet ihrer Jugend nie zu spielen scheint, sondern in ihrer Rolle aufgeht. Mal ist sie ganz Kind, dann wieder über die Jahre abgeklärt. Nie wirkt dies aufgesetzt, sondern ist logisches Element der jeweiligen Handlung.

Phillips lässt sich freilich nicht abhängen. Als großflächig tätowierter Prolet mit dröhnendem Muscle-Car und Realitätsflüchtling wird er eingeführt, doch schon in den nächsten Minuten wird dieser Schutzschild durchlöchert, zerschlagen und schließlich davongeweht. James wird in seinen letzten Lebensstunden erwachsen. Er versöhnt sich mit seiner Mutter, steht fassungslos vor der Leiche seiner Schwester, die sich und die Familie umgebracht hat, und entwickelt väterliche Gefühle. Dies präsentiert uns Hilditch sentimental aber nie gefühlsduselig und stets unter Erinnerung daran, dass diese Entwicklung an der Apokalypse nichts ändern wird.

Ein gut ausgesuchtes und ebenfalls fabelhaft schauspielendes Gesamtensemble gibt dem Chor der Verdammten echte Gesichter. Sie werden alle sterben, und das ist im Gegensatz zum Meucheltod US-amerikanischer Slasher-Teenies keine Erleichterung, sondern bitter. Vor allem der Abschied von James und Rose setzt Maßstäbe: So traurig und gleichzeitig beiläufig hat man das selten gesehen!

Die Präsenz des Todes verdeutlicht Hilditch durch körnige Fernsehbilder des in weiter Entfernung niederstürzenden Asteroiden, einen allmählich gelbstichig werdenden Himmel und schließlich durch ein lange kaum hörbares, allmählich anschwellendes Grollen, welches das Finale ankündigt. Darüber hinaus lässt er einen Radiomoderator darüber berichten, wie die Erdoberfläche Stück für Stück zerbricht.

Ganz am Ende sieht man die heranbrausende Todeswolke – grausig und wunderschön, wie die mit James wiedervereinte Zoe feststellt. Ihr bleibt das letzte Wort, bevor das Bild weiß wird: Das war’s, die Menschheit ist Geschichte, die Bösen, die Feigen und die Reuelosen sind genauso tot wie die Guten, die Edelmütigen und die Kinder. Mehr gibt es einfach nicht mehr zu sagen: eine bekanntes aber selten so überzeugend dargebotenes Schlusswort.

„The Final Hours“ ist ein großer ‚kleiner Film‘; ein Plädoyer für das alternative Kino, das viel zu oft kostengünstig nachäfft, was die Blockbuster kassenklingelnd vorgeben. Zak Hilditch riskiert einen eigenen Weg, ignoriert das Kunstkino und verschmilzt Anspruch mit Unterhaltung; eine wirkungsvolle Mischung, die das Hirn davon abhält, jenen längst beinahe routinemäßig betätigten Schutzschalter zu aktivieren, der das prompte Vergessen in Gang setzt.

DVD-Features

Wie heutzutage leider üblich, schaut der DVD-Nutzer in Sachen Extras in die Röhre. Nur ein Trailer zum Hauptfilm wurde aufgespielt. Dafür gibt es eine ungewöhnlich gute, mit Infos und Überraschungen prall gefüllte Website, die allerdings einen Facebook-Account voraussetzt: http://thesefinalhours.com.au

Kurzinfo für Ungeduldige: Eigentlich wollte James die letzten Stunden vor der Zerstörung der Erde durch einen gewaltigen Asteroiden saufend und hurend auf einer Weltuntergangs-Party verbringen. Stattdessen spielt er Babysitter für die junge Rose und erlebt dabei, wie sich seine Mitmenschen auf den Tod vorbereiten … – Eindrücklich, hart und spannend, in sämtlichen Rollen großartig besetzt, sentimental aber nie gefühlsduselig: einer der besten Filme zum Thema Apokalypse überhaupt!

[md]

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