Tokyo Gore Police

Originaltitel: Tôkyô zankoku keisatsu (Japan 2008)
Regie u. Schnitt: Yoshihiro Nishimura
Drehbuch: Kengo Kaji, Sayako Nakoshi (d. i. Maki Mizui), Yoshihiro Nishimura
Kamera: Shu G. Momose
Musik: Kou Nakagawa
Darsteller: Eihi Shiina (Ruka), Itsuji Itao (Key Man), Yukihide Benny (Polizeichef), Jiji Bû (Barabara-Man), Ikuko Sawada (Barfrau), Cay Izumi (Hundemädchen), Keisuke Horibe (Rukas Vater) uva.
Label: I-ON New Media
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 26.06.2009 (DVD)
EAN: 4260034632318
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Japanisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 101 min. (ungekürzte Fassung: 109 min.)
FSK: 18

Titel bei Amazon.de (DVD)

Das geschieht:

In einer nicht allzu fernen Zukunft ist die Polizei der Stadt Tokyo privatisiert. Aus Beamten wurden Angestellte, aus Ordnungshütern Richter und Henker, die Mörder und Terroristen gleich vor Ort exekutieren. In dieser neuen „Tokyo Police“ zollt man der jungen Ruka viel Respekt. Sie ist nicht nur das Ziehkind des Polizeichefs, sondern auch eine fanatische Polizistin, seit ihr Vater, ebenfalls Polizist, vor ihren Augen erschossen wurde; ein Erlebnis, dass Ruka nie wirklich verwunden hat.

Aktuell macht der Polizei eine Welle besonders brutaler Gewaltverbrechen zu schaffen. Die dafür verantwortlichen Kriminellen sind im Besitz übermenschlicher Kräfte. Werden sie ernsthaft verletzt, wachsen die betroffenen Körperteile nach, wobei sie zu grotesken Waffen mutieren. Man kann diese kybernetischen Mischwesen, die „Maschinen“ genannt werden, nur ausschalten, indem man sie regelrecht in Stücke haut.

In den Leichen findet sich ein schlüsselförmiges Objekt, das offensichtlich die Mutation in Gang setzt. Ruka wird undercover auf den Fall angesetzt. Ihre Ermittlungen führen auf die Spur des ehemaligen Mediziners „Key Man“, der sich an der Gesellschaft rächen will, nachdem sein über alles geliebter Vater einem politischen Mord zum Opfer fiel. Er hat das Verfahren entwickelt, Menschen in Kampfmaschinen umzurüsten. Auch Ruka fällt dem Key Man in die Hände; sie muss anschließend vor ihren Kollegen verbergen, dass sie zumindest körperlich zum Gegner geworden ist.

Die Tarnung hält sie auch deshalb aufrecht, weil ihre Nachforschungen ergaben, dass der väterlich verehrte Polizeichef in den Tod des Vaters verwickelt ist. Allerdings wird dieser auf Rukas Recherchen aufmerksam. Bald steht die junge Frau zwischen allen Fronten: Die einstigen Kollegen stellen ihr ebenso nach wie die „Maschinen“, in deren Heer sich Ruka nicht einzureihen gedenkt. Im Alleingang hält sie die Ideale hoch, die ihr der Vater vorgelebt hat, auch wenn sie dafür immer öfter zum scharfen Samurai-Schwert greifen muss …

Lasst die Spiele beginnen!

Das Vergnügen, Blut möglichst hoch spritzen zu sehen, wird gern von Saubermännern und -frauen als Beleg für psychische Abwegigkeit gedeutet. Der strenge Kritiker regt sich eher über die scheinbare Selbstzweckhaftigkeit solcher Metzeleien auf. Die blutbadende Gegenseite erfreut sich am doppelten Tabubruch: Mord & Totschlag ist in jeder Hinsicht verwerflich und darf deshalb politisch korrekt nicht unterhaltsam gefunden werden. Man genießt aber trotzdem und hat gratis das zusätzliche Vergnügen, den zeternden Tugendwächtern (im übertragenen Sinn) den blanken Hintern zu präsentieren. Da dem offensiven Ignorieren des „künstlerisch Wertvollen“ immer ein gewisser Protest gegen den kanalisierten Mainstream und gegen das Establishment innewohnt, ist der Splatter quasi automatisch ein Liebling der Jugend.

Die Provokation durch fließendes Blut wird oft mit dem Film und hier mit den „Nastys“ gleichgesetzt, die u. a. Herschell Gordon Lewis in den 1960er Jahren auf ein entzücktes Publikum losließ. Doch die Sehnsucht nach dem schrägen Vergnügen und der Spaß, auf Zucht & Ordnung pochende Mitmenschen zu ärgern, sind wesentlich älter. Bereits ab 1897 wurde beispielsweise im „Theatre du Grand Guignol“ in Paris auf offener Bühne gefoltert, vergewaltigt und gemordet.

Das Prinzip ist global. Gerät man als Zuschauer nicht selbst in Gefahr, kann es überall auf der Welt ruhig rabiat zur Sache gehen. Während vor allem in Europa die Zensur seit jeher den Blutspritzern auf den Fersen ist, werden entsprechende Exzesse im asiatischen Raum als harmlos erachtet. (Anders ausgedrückt: Die Zensur sucht sich andere Opfer.) Kulturelle Eigenheiten generieren die Selbstverständlichkeit einer Gewalt, die selbst dem abgebrühten westlichen Zeitgenossen manchmal die Sprache verschlägt.

Gewalt ist Geschäft – ein gewaltiges Geschäft

„Tokyo Gore Police“ ist eigentlich kein Prüfstein für Augen und Magen. Nur hierzulande hat die Zensur wieder einmal ihr Protestgeheul erklingen und die Schere zuschnappen lassen: Möchte man die Gore-Polizisten ungeschnitten zur Tat schreiten sehen, sollte man deshalb die um 7,5 gorige Minuten erleichterte deutsche Fassung meiden. (Um den Verlust zu verschleiern, lässt man in dieser Rumpfversion den ohnehin endlosen Abspann langsamer laufen.) Das deutschsprachige Ausland – das man sich in Zensoren-Sicht als Brutstätte kollektiven Wahnsinn & allgegenwärtiger Gewalt vorzustellen hat – bietet glücklicherweise die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild zu machen.

Wie üblich ist alles nicht einmal halb so schlimm. Bei nüchterner Betrachtung ist „Tokyo Gore Police“ vor allem ein Versuch, aus der Provokation Geld zu schlagen. Dass dieser Film, dem das ‚Gütesiegel‘ „Nippon-Funsplatter“ aufgeprägt wurde, zensiert oder wenigstens als Lockruf des Teufels verdammt wird, ist als kostenlose Werbung einkalkuliert. Beim Publikum gesellt sich zum Gefühl, etwas angenehm Verbotenes zu tun, offenbar die Bereitschaft, produktionstechnische Schlampereien zu verzeihen, die ihrerseits gern als „trash“ verkauft werden.

Faktisch ist „Tokyo Gore Police“ reine Beutelschneiderei. Schon die Produktionsgeschichte kündet in erster Linie von kühlem Geschäftssinn. 2008 hatte Noboru Iguchi für möglichst wenig Geld den Splatter-Thriller „The Machine Girl” gedreht. Als dieser Film sein Publikum fand, sollte flugs für Nachschub gesorgt werden. Man beauftragte Yoshihiro Nishimura, der für „The Machine Girl“ die Spezialeffekte entworfen und realisiert hatte, ein weiteres Film-Blutbad anzurichten und dies möglichst noch kostengünstiger zu drehen. Mit im Boot saß dieses Mal das US-amerikanische Uncut-Label „Tokyo Shock“, das von den Kino-Eskapaden der bekanntlich verrückten und hemmungslosen Japaner profitieren wollte.

Ideenleerer Vollblut-Film

Absolut unwichtig waren Faktoren wie Originalität oder Logik. Nishimura staubte deshalb das Drehbuch zu „Genkai jinkô keisû“, seinem Debüt-Kurzfilm von 1995, ab und plusterte dessen Handlung zu „Tokyo Gore Police“ auf. Für die Dreharbeiten benötigte Nishimura gerade zwei Wochen, was bereits ein deutlicher Hinweis auf die Qualität des Werkes ist.

Die Story ist dreist aus erfolgreichen SF-Filmen zusammengeklittert. Zu nennen sind vor allem „Terminator“ (1984) „Robocop“ (1987) und „eXistenZ“ (1999), aber wer sich in der Filmgeschichte auskennt, wird weitere ‚Hommagen‘ entdecken. Ohnehin ist die Handlung höchstens von tertiärer Bedeutung; es geht zuallererst um die Effekte, zwischen denen die Zeitabstände möglichst kurz gehalten werden. Wird nicht geschlachtet, gefällt sich vor allem Hauptdarstellerin Eihi Shiina in ‚coolen‘ Posen, die durch möglichst knappe ‚Kleidung‘ und sexy Mordinstrumente verstärkt werden. Die männlichen Kollegen tragen anscheinend selbst gebastelte Uniformen im Samurai-Stil. Den Streifenwagen wurden hölzerne Pagodendächer aufgesetzt.

Für die Fetischisten unter den Zuschauern gibt es den Blick in einen japanischen SM-Gummi-Club, denn „Key Man“ verdient sich ein wenig Geld als Maßschneider für Mensch-Monster-Chimären hinzu. Wichtig sind ansonsten ein dröhnender Soundtrack und viele bunte Lampen, die den meist öden Schauplätzen buchstäblich Glanzlichter aufstecken sollen.

Action zwischen Hektik und Hysterie

Die dem Zuschauer nicht präsentierten, sondern über ihn hereinbrechenden Action-Szenen setzen ausschließlich auf bizarre Übertreibung, denn in „Tokyo Gore Police“ wird vorausgesetzt, dass der menschliche Körper deutlich mehr als die obligatorischen sieben Liter Blut enthält. Tatsächlich spritzt das rote Nass mit einer Intensität, die jegliches Grauen ins Lächerliche zieht und ziehen soll. Was zusätzlich komisch daran sein mag, dass Ruka, die gerade einem Tölpel beide Hände abschlagen hat, weil der in der U-Bahn ihren Hintern befummelte, sich einen Schirm über den Kopf hält, um sich der Blutflut zu erwehren, bleibt zumindest diesem Rezensenten verschlossen. Vielleicht ist es so zu erklären: Unterhaltung kann für ein darauf geeichtes Publikum auch durch die sinnfreie Folge möglichst rasch hintereinandergeschalteter Übertreibungen generiert werden.

Gesteigert wird der Gore-Faktor durch die seltsamen körperlichen Mutationen, zu denen die „Maschinen“ neigen. Hier darf man den Spieltrieb der Filmemacher durchaus bewundern. Leider können die absurden Effekte aufgrund ihrer billigen Machart oft nicht überzeugen. Nach asiatischer Auffassung ist die stilisierte Kulisse, das stilisierte Kostüm kein Beleg für Geld- oder Ideenarmut. Der Zuschauer ist gehalten, im Improvisierten das Gewollte zu erkennen.

Das europäische Publikum stellt in dieser Hinsicht höhere bzw. andere Ansprüche. Die Durchsichtigkeit der ‚handgemachten‘ Effekte erinnert unangenehm an den deutschen Amateur-Horror. Noch schlimmer sind die CGI-Tricks, die vor allem das Finale ungenießbar machen: Was nützt eine wirklich tolle Schreckensgestalt wie das mit Schwertklingen statt Armen und Beinen versehene Hundemädchen, wenn diese jederzeit sichtbar an Schnüren schaukelt oder gänzlich im Computer (und dann schlecht) geschaffen wurde?

Die Blutgefäße – Korrektur: Darsteller

Nach dem bisher Ge- und Beschriebenem dürfte es keine Überraschung darstellen, dass dieser Rezensent keinen Grund finden konnte, besondere Darstellerleistungen hervorzuheben. Körperliche Fitness und die Bereitschaft, sich epischen Maskenbildnereien auszusetzen, dürften wichtigere Voraussetzungen gewesen sein.

Wenigstens ansatzweise gestattet das Drehbuch Eihi Shiina die Verkörperung einer nur oberflächlich reibungslos funktionierenden Polizei-Kriegerin, die tatsächlich psychisch beschädigt ist. Dies fällt allerdings im „Tokyo-Gore-Police“-Umwelt nicht auf, da hier ausnahmslos jeder spinnt und das wesentlich deutlicher auslebt als Ruka.

Selbstverständlich übertreiben die Darsteller aus westlicher Sicht wieder schamlos. Gefühle werden nicht gespielt, sondern zelebriert. Wenigstens findet diese asiatische Form des Schauspiels hier zur Abwechslung eine Umgebung, in der solches Over-Acting nicht gar zu lästig ins Gewicht fällt.

Trotzdem bleibt ein Film wie „Tokyo Gore Police“ buchstäblich Geschmackssache. Man muss ein Faible für ‚gewollten‘ Trash besitzen, der unendlich viel schwieriger überzeugend dargeboten werden kann als im unfreiwilligen Scheitern. „Tokyo Gore Police“ soll um jeden Preis Übertreibung sein – und übertreibt damit. Was so geschrieben kryptisch klingen mag, dürfte denjenigen, die den Film bereits gesehen haben, sofort klar sein.

DVD-Features

Wie es einer zensierten und damit sinnlosen Version quasi gebührt, gibt es außer einem Trailer keine Extras. Die „Uncut“-Fassung aus dem Reiche Ö bietet in dieser Hinsicht allerdings auch nur zwei Postkarten. Dabei gibt es faktisch so viele Features, dass in der britischen „2 Disk Collector’s Edition“ eine Extra-Scheibe mit ihnen gefüllt werden konnte.

[md]

Titel bei Amazon.de (DVD)