Tucker & Dale vs. Evil

Originaltitel: Tucker & Dale vs. Evil (Kanada 2010)
Regie: Eli Craig
Drehbuch: Morgan Jurgenson u. Eli Craig
Kamera: David Geddes
Schnitt: Bridget Durnford
Musik: Michael Shields u. Andrew Kaiser
Darsteller: Tyler Labine (Dale), Alan Tudyk (Tucker), Katrina Bowden (Allison), Jesse Moss (Chad), Philip Granger (Sheriff), Brandon Jay McLaren (Jason), Christie Laing (Naomi), Chelan Simmons (Chloe), Travis Nelson (Chuck), Alex Arsenault (Todd), Adam Beauchesne (Mitch), Joseph Allan Sutherland (Mike), Sasha Craig (Reporterin) u. a.
Label/Vertrieb: Universum Film
Erscheinungsdatum: 22.07.2011 (DVD/Blu-ray)
EAN: 0886978976390 (DVD) bzw. 0886978976499 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 85 min. (Blu-ray: 88 min.)
FSK: 16

Titel bei Libri.de (DVD)
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Das geschieht:

Ihr Wochenendausflug führt eine Gruppe College-Studenten in die Hinterwälder des US-Staates Virginia. Gern machen der arrogante Chad und seine Freunde sich über die einheimischen Hillbillys lustig, bis sie mit dem hageren Tucker und seinem Kumpel, den bärenhaften Dale, aneinandergeraten, die nicht nur verkommen, sondern regelrecht unheimlich wirken und sich auch so benehmen.

Dabei sind die beiden Freunde herzensgute Menschen, die ihren Urlaub mit der Sanierung einer gerade erworbenen Waldhütte verbringen wollen. Der schüchterne Dale hat sich in die hübsche Allison verliebt, doch aufgrund des bedrohlichen Aussehens werden seine zaghaften Annäherungsversuche als Zudringlichkeit interpretiert.

In einem einsamen Waldsee gehen die Studenten später schwimmen. Nur Tucker und Dale, die in ihrem Boot zufällig dort angeln, bemerken, dass Allison nach einem Sturz bewusstlos im Wasser versinkt. Sie retten die junge Frau und nehmen sie in ihre Hütte mit. Ihre entsetzten Freunde glauben, dass Allison entführt wurde.

Bis der alarmierte Sheriff erscheint, plant Chad eine Rettungsaktion. Man bewaffnet sich und belagert die Hütte, in der Allison inzwischen erwacht ist und festgestellt hat, dass Tucker und Dale ausgesprochen nette Zeitgenossen sind. Um ihre handwerklichen Fähigkeiten ist es dagegen schlecht bestellt. Tuckers Ungeschick im Umgang mit einer Motorsäge versetzt die Studenten in Panik. Sie setzen zur Angriff an, sind jedoch denkbar unfähig als Krieger. Eine Kette bizarrer, sich in ihrer Wirkung immer höher aufschaukelnder Missgeschicke setzt sich in Gang, die zu grausigen Todesfällen unter den Studenten führen. Die Überlebenden setzen umso erbitterter nach, während Tucker und Dale – ahnungslose Auslöser dieser Attacken – um ihr Leben bangen und sich der Willkür Wahnsinniger ausgesetzt glauben …

„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben …“

„… wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Diese Erkenntnis, die Friedrich Schiller 1804 in seinem „Wilhelm Tell“ anschaulich machte, greift zwei Jahrhunderte später Eli Craig deutlich weniger künstlerisch aber ebenso einleuchtend auf. Er wählt dafür die Form des Horrorfilms, was zunächst verwundert aber bei näherer Betrachtung ausgezeichnet funktioniert.

Ein ebenso simpler wie genialer Einfall sorgt für die Entstehung eines Films der besonderen Art: Konsequent und vor allem ideenreich verkehrt Craig Konventionen und Klischees in ihr Gegenteil. Er wählt dazu ausgerechnet das Sub-Genre des „Backwood“-Horrors, der in Sachen Humor oder gar Ironie bisher recht unverdächtig wirkte.

In den tiefen Wäldern abgelegener US-Staaten existieren angeblich isolierte Kolonien, deren Angehörige sich einerseits über Arbeitslosigkeit, Armut, Intelligenzmangel und mangelhafte Körperhygiene sowie andererseits über Mordlust, unbedingte Gewaltbereitschaft und die ausgeprägte Neigung zum Frauenraub zwecks Belebung mürber DNA-Stränge definieren. In ihren mit Fallen gespickten Revieren kennen sie jeden Winkel, was ihnen zupass kommt, wenn sich ahnungslos Auswärtige dorthin verirren: Die Männer werden ausgeraubt und umgebracht, die Frauen zusätzlich geschändet, wobei mangelhafter Scharfsinn durch den Einsatz scharfer Mordinstrumente eindrucksvoll ausgeglichen wird.

„Beim Sterben ist jeder der Erste“

So lautet der (schwachsinnig-sinnlose) deutsche Titel des Films „Deliverance“, der 1972  die Konventionen des „Backwood“-Horrors einführte und bereits zementierte. Im Horror-Genre baute vor allem Tobe Hooper sie mit „The Texas Chainsaw Massacre“ (1974) nicht nur aus, sondern erweiterte sie u. a. durch die Elemente Kannibalismus und Inzucht. Seither stapfen Generationen psychopathischer Waldschrate durch die US-Wildnis, wo sie vorzugsweise junge und schöne Menschen möglichst grässlich zu Tode bringen, die einen „Wrong Turn“ über die „Hügel der blutigen Augen“ eingeschlagen haben.

Auf diese Weise ist der degenerierte Hinterwäldler zu einem Archetypus geworden. So fest hat er sich als solcher weltweit ins kollektive Gedächtnis des Filmpublikums gebrannt, dass es nachträglich wundert, wieso er nicht vor „Tucker & Dale vs. Evil“ in Frage gestellt wurde. Natürlich gab es schon ‚gute‘ Film-Hinterwäldler. Doch Eli Craig treibt es auf die Spitze. Er verkehrt die Rollen der Täter und Opfer konsequent ins Gegenteil und erzielt damit erstaunliche Erfolge.

Hinterwäldler können in ihrer kleinen Welt durchaus zufrieden ihr Leben fristen. Die Gefahr kommt dieses Mal von außen. Wo steht geschrieben, dass junge, gebildete Männer und Frauen die besseren Menschen sein müssen? Hochmut speist Vorurteile, und diese führen zu Missverständnissen. Dazu kommen die Tücke des Objekts sowie der horrortypische Wahnsinn, der dieses Mal auf der Seite der ‚Guten‘ zu orten ist.

Horror entsteht im Hirn

Die komödiantischen Elemente von „Tucker & Dale“ resultieren aus einem Drehbuch, das die Auswüchse des „Backwood“-Horrors zitiert, parodiert und sogar mit Slapstick anreichert, ohne das Genre dabei zu verraten. Stattdessen macht sich Craig seine Klischees geradezu liebevoll zu Eigen. Im ersten Teil erzählt er seine Geschichte auf zwei auch optisch getrennten Ebenen. In bunten, natürlichen Farben und in langen, ruhigen Sequenzen sehen wir, was aus Tuckers und Dales Sicht geschieht. Künstlich entfärbt, hektisch geschnitten und mit dramatischer Musik versehen sind jene Szenen, in denen sich die Studenten in einen realen Horrorfilm versetzt sehen, wie sie ihn aus dem Kino kennen. Tucker und Dale wirken plötzlich böse und gemeingefährlich. Im nächsten Moment springt Craig zu ihnen zurück, und wir sehen zwei ratlose, erschrockene und ängstliche Waldbürger.

Diese Trennung lässt Craig fallen, als es zur direkten Konfrontation der Parteien kommt. Er nähert sich dem ‚echten‘ Splatter und ersetzt es durch Gewalt. Tuckers und Dales Widersacher werden aufgespießt, fallen in eine Häckselmaschine, geraten in Brand oder kommen anderweitig zu Tode. Grundsätzlich übertreibt es Craig mit dem Metzeln so stark, dass die Stimmung wie geplant ins Komische kippt. Dazu trägt bei, dass sich die Opfer selbst auf dem Gewissen haben. Missgeschick reiht sich an Missgeschick, bis das böse Ende unvermeidlich wird.

Humor liebt es trocken

Die Wirksamkeit dieser durchaus drastischen Szenen wird durch die Ahnungslosigkeit der beiden Hauptfiguren verstärkt. Tucker und Dale wollen keinem Menschen Böses und kommen lange gar nicht auf den Gedanken, dass ihr Anblick und Verhalten wenig Vertrauen einflößt. Sie sind keineswegs dumm aber naiv und vor allem mit dem Talent gesegnet, sich verdächtig zu benehmen. Schon der Kauf der ersehnten Ferienhütte lässt sie ins Visier des misstrauischen Sheriffs wandern, der genau hier vor Jahren einen irrsinnigen Mörder festgenommen hat.

Später stellt sich Dale den Studenten vor, ohne daran zu denken, dass er eine schwere Sense in der Hand hält. Als er und Tucker Allison in ihrer Hütte pflegen, hinterlassen sie deren Gefährten hilfreich aber zweideutig die Mitteilung „Wir haben eure Freundin“, die sie mit der Axt in ein Holzscheit geschnitten haben. Tucker wird von einem Wespenschwarm angegriffen und versucht die Insekten ausgerechnet mit seiner Motorsäge zu verscheuchen. Solche Ereignisse entwickelt Craig mit trockenem Humor zum Höhepunkt, den er nicht selten mit einer unerwarteten Wendung hintertreibt.

Dabei nimmt Craig seine Figuren immer ernst. Tucker und Dale sind harmlose Pechvögel, die nie als Trottel bloßgestellt werden. Man lacht mit ihnen, nicht über sie. Die beiden Freunde sind schlicht im positiven Sinn dieses Wortes: Sie können sich über die kleinen Dinge des Lebens freuen – den Besitz einer baufälligen Hütte, nächtliches Fischen, stets eisgekühltes Bier.

Der Unterschied zwischen Witz und „Witzischkeit“

Wirklich humorvoll zu sein ist ein harter Job, wie ein Heer zotig fratzenschneidender ‚Comedians‘ belegt, denen genau dies niemals gelingt. Eli Craig lieferte seinen Darstellern ein Drehbuch, mit dem diese arbeiten konnten. Zu seinem Glück fand er gerade für die beiden Hauptrollen die Idealbesetzungen. Mit Tucker und Dale steht oder fällt dieser Film. Alan Tudyk und Tyler Labine halten ihn souverän auch dort auf Kurs, wo das Drehbuch schwächelt, weil mancher Gag nicht greift oder Craig sich dem Splatter allzu eng bzw. deckungsgleich nähert.

Die Studentenschar kann und soll mit den beiden Hauptfiguren nicht konkurrieren. Sie sind in ihrer hysterischen Mehrheit Futter für die diversen kruden Todesfälle. Jesse Moss überzeugt als trügerisch harmloser Spießer Chad, der sich zum Hillbilly-Jäger mausert und schließlich als Psychopath entpuppt. Katrina Bowden ist allerliebst als hübsches und gar nicht so unnahbares Objekt der Begierde, das sich nicht zu schade ist, mit Dale die Grube für ein Plumpsklo auszuheben. In seiner Rolle als argwöhnischer Sheriff setzt Philip Granger allen ländlichen Gesetzeshütern des Horrorfilms ein Denkmal, dem durch sein makabres Ende ein würdiger Abgang verliehen wird.

Sogar die (deutsche) Zensur erkannte, dass blutigem Tod ein hoher Humorfaktor innewohnen kann. Zahlreichen Figuren geht es gar nicht zimperlich an die Kragen, und die Folgen werden deutlich (sowie unter Einsatz entsprechender Spezialeffekte) gezeigt. Trotzdem wurde „Tucker & Dale“ ab 16 Jahren freigegeben, was völlig in Ordnung geht, gilt es doch, auch einem jugendlichen Publikum zu zeigen, dass Humor im Horror nicht Dummfug à la „Scary Movie“ 1 bis ∞ bedeuten muss.

DVD-Features

„Tucker und Dale“ gehört zu den Filmen, über deren Entstehung man nachträglich gern Näheres erfahren hätte. So scheint es Eli Craig noch nicht gelungen zu sein, einen Einsatz auf dem wichtigen nordamerikanischen Kinomarkt zu erreichen. Dort kennt man „Tucker und Dale“ von diversen Festivals, wo der Film auf ein überwiegend begeistertes Publikum stieß.

In Deutschland kam „Tucker und Dale“ verdientermaßen aber mit geringem Erfolg ins Kino; dies ist kein Blockbuster, sondern ein Film für ein einschlägig interessiertes und deshalb quantitativ überschaubares Publikum. Sowohl der DVD als auch der Blu-ray wurden deshalb nur ein kurzes „Making-of sowie der deutsche und der originale Trailer aufgespielt.

[md]

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