Twixt – Virginias Geheimnis

Originaltitel: Twixt (USA 2011)
Regie u. Drehbuch: Francis Ford Coppola
Kamera: Mihai Malaimare Jr.
Schnitt: Kevin Bailey/Glen Scantlebury/Robert Schafer
Musik: Dan Deacon/Osvaldo Golijov
Darsteller: Val Kilmer (Hall Baltimore), Bruce Dern (Bobby LaGrange), Elle Fanning (V), Ben Chaplin (Edgar Allan Poe), Joanne Whalley (Denise), David Paymer (Sam), Anthony Fusco (Allan Floyd), Alden Ehrenreich (Flamingo), Bruce A. Miroglio (Deputy Arbus), Don Novello (Melvin) u. a.
Label: Pandastorm Pictures
Vertrieb: Studiocanal
Erscheinungsdatum: 06.12.2012
EAN: 4006680065946 (DVD)/4006680065953 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,85 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 88 min. (Blu-ray: 92 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Auf einer seiner selbst organisierten Verkaufstouren landet Hall Baltimore, Autor drittklassiger Horrorromane, in dem kleinen Städtchen Swan Valley. Sein einziger Fan dort ist ausgerechnet der verschrobene Sheriff Bobby LaGrange, der sich ihm als Mit-Autor eines „True-Crime“-Thrillers andient: Seit einiger Zeit findet die Polizei immer wieder junge Mädchen, denen ein Pflock ins Herz gestoßen wurde. LaGrange macht dafür den mysteriösen „Flamingo“ verantwortlich, der sich mit einer Horde Gothic-Jünger nahe der Stadt niedergelassen hat.

Baltimore bleibt in Swan Valley, denn seltsame Träume beginnen ihn gleichermaßen zu plagen und zu inspirieren. Er begegnet der jungen V, die sich als Geist eines Mädchens entpuppt, das 1955 gemeinsam mit zwölf anderen Waisenkindern vom verrückt gewordenen Pastor Floyd umgebracht wurde. Zum eigentlichen Führer durch die Traum- und Geisterwelt wird Baltimore jedoch der berühmte Schriftsteller Edgar Allan Poe. Er bietet dem ausgebrannten ‚Kollegen‘ seine Hilfe an, warnt jedoch vor den Konsequenzen, die dies im realen Leben nach sich ziehen wird.

Dort sitzt LaGrange Baltimore im Nacken. Der wütende Sheriff hat herausgefunden, dass sein ‚Partner‘ in einem gerade begonnenen Roman seine Ideen verwertet, ohne ihn beteiligen zu wollen. Baltimore fragt sich zudem, ob und in welchem Maße LaGrange in die Morde verwickelt ist. Er beginnt auch wach zu recherchieren, muss dabei aber feststellen, dass sich Realität und Visionen zu überlappen beginnen.

Poe bereitet Baltimore behutsam auf die Erkenntnis vor, dass seine Träume Spiegelungen einer gestörten Psyche sind: Vor Jahren kam Baltimores Tochter bei einem Bootsunfall ums Leben – ein Schock, der den Schriftsteller in den Alkoholismus und auf seine endlosen Verkaufsfahrten trieb, die vor allem Flucht vor der Erinnerung sind. In einer letzten Nacht löst Baltimore die Rätsel von Swan Valley, stößt dabei aber auf eine Überraschung, die ihm das Blut nicht nur gefrieren lässt …

Fingerübung eines Genie-Rentners

Francis Ford Coppola ist über 70 und mehr als ein halbes Jahrhundert im Filmgeschäft aktiv. Er hat in dieser Zeit jeden bedeutenden Preis gewonnen – oft sogar mehrfach – und die Geschichte des Kinos vielfach bereichert. Coppola schuf „Der Pate“ I-III und „Apocalypse Now“, „The Cotton Club“ und „Tucker“. Er muss sich und niemandem mehr beweisen, dass er seinen Job versteht.

Eigentlich hatte man ihn im Ruhestand gewähnt. Im kalifornischen Napa Valley besitzt Coppola ein Weingut, das offenbar gut läuft. Dennoch kann er vom Kino nicht lassen. Neue Filme sind selten geworden, aber sie entstehen noch. Von den Multi-Millionen-Blockbustern der Vergangenheit hat sich Coppola allerdings verabschiedet. Er dreht nur noch, wonach ihm der Sinn steht. Auf Kritiker und Publikum gedenkt er dabei keine Rücksicht zu nehmen.

Was damit gemeint ist, verdeutlicht „Twixt“: Spätestens nach einer halben Stunde gibt es der Betrachter auf, den bunten Bildern einen Sinn abzuringen oder wenigstens einen roten Faden zu finden, der eine Handlung strukturiert, die nach Coppolas Willen ohnenhin nur bedingt einer Geschichte folgt. „Twixt“ beruhe auf einem Traum, erklärt Coppola, der jedoch durch verfrühtes Erwachen endete. Die daraus resultierende Frustration nahm Coppola als Anlass, diesen Traum im Wachzustand weiterzuspinnen.

Träume sind eben doch Schäume

Francis Ford Coppola ist nicht der erste Regisseur, der sich öffentlich darüber wundert, wie hartnäckig das Publikum auf einer nachvollziehbaren Geschichte besteht, wo doch das Kino auch als reine Wundertüte i. S. einer Bildermaschine funktioniere. (Tim Burton vertritt ebenfalls diesen Standpunkt.) Dem Traum-Konzept folgend, präsentiert oder besser: zelebriert er „Twixt“ als Folge in der Tat faszinierender Bildfolgen und -fluten.

Er greift dabei auf das eigene Schaffen zurück: Wie man filmisch eine unwirkliche, fiebrige und erschreckend anziehende Filmwelt erschafft, stellte Coppola 1992 mit seiner „Dracula“-Version grandios unter Beweis. Schon früher versuchte er die künstliche Verfremdung oder Nachahmung der Realität in Filmen wie „Die Outsider“, „Rumble Fish“ (beide 1983) und besonders „Einer mit Herz“ (1982). Insofern ist „Twixt“ (nur) die Fortsetzung eines Stilmittels auf der Höhe der aktuellen Technik.

Die hat Coppola seit jeher und manchmal stärker interessiert als die Handlungslogik, weshalb er mit „Einer mit Herz“ künstlerisch und finanziell Schiffbruch erlitt. Beeindruckt hat es ihn offenbar nicht. Außerdem profitiert er davon, dass sich Traumwelten heute tricktechnisch wesentlich kostengünstiger als 1982 realisieren lassen. „Twist“ kostete 7 Mio. Dollar („Einer mit Herz“ 25 Mio.) und sieht jederzeitig großartig aus, solange der Spieltrieb mit Coppola nicht durchgeht.

Absolut überflüssig sind vor allem zwei 3D-Sequenzen, die dem Publikum angekündigt werden, indem sich eine 3D-Brille über die Szene legt und später wieder verschwindet: Sie zeigt an, wann der Zuschauer seine Brille aufzusetzen und abzulegen hat – jedenfalls im Kino, denn auf DVD und Blu-ray wurde auf die dritte Dimension verzichtet. Der Film benötigt sie nicht, und sie hilft ihm auch nicht.

Fiebertraum mit Hintergrund

Coppola verwirklicht in „Twixt“ seine Version einer Phantastik, die unter der Bezeichnung „Southern Gothic“ bekannt ist. Sie brütet in der schwülen Sommerhitze der US-amerikanischen Südstaaten und schwelgt in pittoresken, morbide verfallenden Settings, gesellschaftlicher Dekadenz und bizarren, besonders blutigen Verbrechen. Hinzu kommt eine nur schwach ausgebildete Grenze zwischen der realen und der übernatürlichen Welt, wobei die Geister sich dem Genre anpassen und gleichermaßen böse und exzentrisch sind.

In dieses Umfeld fügt sich eine tragische Gestalt wie Edgar Allan Poe perfekt ein. Der geniale aber Zeit seines Lebens mit inneren Dämonen sowie beruflichem und privatem Unglück kämpfende Schriftsteller und Dichter ist nicht nur Hal Baltimores Führer durch die Geisterwelt, sondern auch sein Alter Ego: In Baltimore lebte und arbeitete Poe zwischen 1831 und 1835, und 1849 starb er hier im Alter von nur 40 Jahren unter tragischen Umständen. „V“ ist nicht nur ein mordbedingt geendetes Waisenmädchen, sondern auch eine Verkörperung der verstorbenen Baltimore-Tochter Vicky sowie der Poe-Gattin Virginia, die 1847 erst 24-jährig an Tuberkulose starb.

Ähnliche Doppelungen lassen sich immer wieder feststellen. Darüber hinaus besitzt „Twixt“ eine dritte Handlungsebene, die in der Realität bleibt und von Baltimore und Bobby LaGrange erzählt. Auch hier arbeitet Coppola mit Brechungen und Irritationen, in denen sich wiederum Baltimores durch Schuldgefühle und Alkoholismus zerrüttete Psyche und die Begründung für sein Changieren zwischen („twixt“ ist ein altes englisches Wort für die Präposition „zwischen“) Realität und Fiktion widerspiegeln.

Absicht und Wirklichkeit

Für eine Traumvision lädt Coppola seinem Film eine schwere Last auf. Nicht nur hin und wieder muss man zu dem Urteil kommen, dass er in seiner Begeisterung übertreibt. So lässt sich Baltimores Besuch eines siebeneckigen Glockenturms, in dem angeblich der Teufel haust, beim besten Willen nicht in das Story-Gefüge integrieren. Es bleibt nur die hübsche Idee eines erstaunlichen Bauwerks mit einer Uhr in der Spitze, deren sieben Ziffernblätter sieben unterschiedliche Uhrzeiten anzeigen.

Völlig sinnfrei mutet die „Flamingo“-Kolonie freigeistiger Emos an. Sie haben gar keine Zeit, die ihnen unterstellten Übeltaten zu begehen, da sie nach Coppolas Willen pausenlos zu miserabler Hardcore-Punk-Mucke tanzen müssen. Richtig übel nimmt man dem traumbegeisterten Regisseur und Drehbuchautor das abrupte und ratlose Finale. Es soll wohl dank einer weiteren Bedeutungsebene erst recht bedeutsam sein, wirkt aber wie ein eiskalter Wasserguss auf den bisher ins Traumland geschickten Zuschauer. Coppola geht tatsächlich so weit, offene Fragen durch Schlusstexte zu ‚beantworten‘. Sicherlich steckt aus seiner Sicht auch dahinter ein tieferer Sinn, doch den zu finden macht sich niemand mehr die Mühe.

Die Attraktion des Magiers

Francis Ford Coppola mag inzwischen ein Dinosaurier sein, der vor allem über seine filmische Vergangenheit lebt. Sein Ruf gibt ihm allerdings auch heute noch die Möglichkeit, Hollywood den Stinkefinger zu zeigen. Coppolas Wahl der Schauspieler beweist dies nicht nur deutlich, sondern auch erfreulich: Auf aktuellen Starruhm gibt Coppola sichtlich wenig. Er besetzt die Hauptrolle ausgerechnet mit Val Kilmer.

Ihn hatte nicht nur der Zuschauer längst abgeschrieben. Wie Lance Henriksen, Rutger Hauer oder Lou Diamond Phillips gehört Kilmer zu jenen tragischen Gestalten, die ihr Handwerk verstehen und eine Weile in Hollywood ganz oder wenigstens recht weit oben mitspielten. Schlechte Karriereplanung und private Probleme sorgten für den Absturz in den Orkus des B-Kinos, das ehemalige Stars gut beschäftigt aber gleichzeitig verheizt. Kilmer, der zudem enorm an Gewicht zulegte, schien zuletzt etwa alle zwei Monate schlecht gelaunt und uninspiriert in einem weiteren Billig-Thriller oder Horror-Streifen aufzutauchen.

In „Twixt“ beweist Kilmer, dass er ein guter Schauspieler ist. Man vergisst bald sein Doppelkinn oder seinen lächerlichen Haarzopf und akzeptiert ihn in seiner Rolle. Als cineastischen Gag engagierte Coppola für die Rolle der garstigen Gattin, die nur per Skype im Geschehen auftaucht, Joanne Whalley, die bis 1996 tatsächlich mit Kilmer verheiratet war.

Wieder einmal großartig ist Veteran Bruce Dern als übergeschnappter Sheriff, der das Pensionsalter schon weit hinter sich gelassen hat und nebenbei einen Laden für holzgeschnitzte Vogelhäuser betreibt. Von einer Sekunde zur nächsten und oft sogar gleichzeitig gibt Dern den seltsamen Vogel und den gefährlichen Irren. Das ‚junge‘ Hollywood ist durch Nachwuchs-Darstellerin Elle Fanning vertreten, die ungeachtet ihrer Jugend – zum Zeitpunkt der Dreharbeiten war sie rollengerecht tatsächlich erst 12 Jahre ‚alt‘ – die nicht unkomplizierte weil mehrschichtige Rolle der „V“ meistert.

Ein raues Erwachen

Wägt man die handwerkliche Präzision von „Twixt“ gegen die wirre, überfrachtete Handlung ab, hängt das Urteil mehr als sonst vom Auge des Betrachters ab. Realiter hat sich gezeigt, dass die zuschauerliche Mehrheit nicht willens oder fähig war, Coppola auf seinem Traumpfad zu folgen. Auch die Kritikerschaft blieb gespalten, was Coppola als Erfolg verbuchte. Schließlich wollte er kryptisch sein. Man muss ihm zugestehen, dass ihm dies gelungen ist. Das als Qualitätsmerkmal zu verkaufen, ist dennoch der Versuch der Rosstäuscherei. „Twixt“ hat viele schöne Momente, aber ein guter Film ist „Twixt“ nicht.

DVD-Features

Man kann und will es nicht glauben, aber „Twixt“ erscheint tatsächlich ohne Extras. Dabei hätte ein Mann wie Francis Ford Coppola sicherlich Interessantes zu sagen. Vielleicht hatte er aber auch keine Lust, sich vor der Kamera zu äußern, sondern verkostete lieber den neuen Wein des Jahrgangs 2011 in seinem luxuriösen Chateau bei Geyserville.

Website zum Film

[md]

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