Unearthed

Ein unklugerweise aus seiner Schlafstarre gewecktes außerirdisches Wesen terrorisiert einen winzigen Flecken in der Wüste von New Mexico. Die Bewohner setzen sich verzweifelt zur Wehr, doch die Kreatur scheint unverwundbar … – Hin und wieder leicht gegen den Strich gebürstetes aber insgesamt doch klassisches Monster-B-Movie, das aus seiner (Budget-) Not eine Tugend macht, durch seine Darsteller gefällt und anderthalb Stunden handwerklich gut gemachte Unterhaltung bietet.

Das geschieht:

Irgendwo in der Wüste des US-Staats New Mexico liegt ein so unbedeutendes Städtchen, dass nie sein Name erwähnt wird. Raue Jungs und Mädels leben und arbeiten hier, die gern einmal über die Stränge schlagen. Dennoch wählte die Gemeinde vor vier Jahren einen weiblichen Sheriff. Annie Flynn wird ihren Job allerdings bald verlieren: Seit sie im Vorjahr versehentlich ein Kind erschoss, hängt sie hemmungslos an der Flasche und vernachlässigt ihrem Dienst.

Als ein Lastwagen, der dringend benötigten Sprit bringen soll, verunglückt und das Wrack die einzige Straße in die Außenwelt blockiert, ärgert das vor allem einige Durchreisende, die nun in dem Nest festsitzen. Der Archäologe Kale, der in den Bergen nach Spuren der hier einst siedelnden Anasazi-Indianern sucht, und „Großvater“, ein Nachfahre dieses Stammes, wissen allerdings, dass besagtes Unglück kein Unfall war: In den Tiefen einer Anasazi-Höhle fand Kale ein scheintotes Wesen, das vor mehr als 900 Jahren auf die Erde kam und eine Art außerirdischer Probensammler zu sein scheint. Die Kreatur drehte durch, rottete die Anasazi beinahe aus und konnte erst in letzter Sekunde ausgeschaltet werden.

Jetzt hat Kale sie bei seinen Ausgrabungen versehentlich wieder geweckt, und sie beginnt mörderisch sogleich dort anzuknüpfen, wo sie einst gestoppt wurde. Sheriff Flynn versucht mit einigen Überlebenden verzweifelt den Ausbruch, doch man kommt nur bis zur erwähnten Höhle, wo Kale die Flüchtlinge in seine Gewalt bringt und Großvaters Enkelin Nodin, eine Biologin, zwingt, ein Gift herzustellen, das die Kreatur niederstrecken soll.

Auch dieser Plan scheitert spektakulär, die Bestie triumphiert und beginnt die Bewohner des Städtchens systematisch auszulöschen. Nodin erkennt schließlich ihren Fehler und kann ein wirksames Gift brauen, doch das Wesen ist sowohl schussfest als auch schlau genug, niemand mit einer Injektionsnadel in seiner Nähe zu dulden …

Der Geist, den man rief

Wer meint, in der skizzierten Handlung Ähnlichkeiten zu diversen anderen Horrorfilmen zu erkennen, liegt durchaus richtig. Das Rad konnte und wollte Regisseur und Drehbuchautor Matthew Leutwyler offensichtlich nicht neu erfinden. Wieso auch, da gut gemachte Routine das schwarze Herz des Horrorfreundes ebenso erfreuen kann?

Also erleben wir hier die übliche Story von der kleinen Gruppe, die isoliert gegen einen übermächtigen Gegner kämpft, einen hohen Blutzoll zahlt und – das zählt nicht als Spoiler – letztlich doch obsiegt. Der Plot ist bewährt und die Kulisse auch mit niedrigem Budget überzeugend in Szene zu setzen. Hat man dann noch das Glück, nicht nur motivierte, sondern auch fähige Darsteller anheuern zu können, ist der halbe Weg zum achtbaren Einspielerfolg bereits gegangen. Wer braucht da noch Originalität?

Die macht sich immerhin in Details bemerkbar. Mit offensichtlicher Freude bricht Leutwyler beispielsweise mit der Tradition, die ‚bösen‘ weil allzu selbstbewussten oder gar geilen, zumeist weiblichen Figuren in die Fänge des Ungeheuers zu treiben. Hier erwischt es das brave Mädchen sogar zuerst, während die Schlampen-Schwester nicht tot zu kriegen ist.

Ein Königreich für einen Plan, der funktioniert

Bemerkenswert ist auch das Primat von Murphy‘s Law: Was schiefgehen kann für unsere Helden, wird auch schiefgehen. Der Sprit geht aus, die Knarre hat Ladehemmung, das Gift will nicht wirken – Leutwylers Verdienst ist es, solche Zwischenfälle in die Handlung einfließen lassen, ohne dieser aufgesetzt zu werden. Heldenmut ersetzt weder das nötige Hintergrundwissen noch eine vernünftige Ausrüstung. Den Mutigen winkt nicht der Sieg, sondern ein grausiges Ende.

Wobei ‚Mut‘ hier in der Regel nie unverfälscht vorkommt. Archäologe Kale ist ein Haudegen, dessen Attacken jedoch sämtlich fehlschlagen. Der knorrige Rancher Horn vertraut auf die eigene Entschlossenheit, seine harten Jungs und eine Winchester; er lebt lang genug um zu lernen, dass dies manchmal nicht genügt. „Großvater“, der weise Indianer, weiß im entscheidenden Moment auch nicht was zu tun ist und scheidet aus der Handlung aus. Seine Enkelin übernimmt – und baut ebenfalls Mist. Die gestrandeten Besucher aus der Stadt sind ebenfalls keine Hilfe.

Erst recht nicht gewachsen ist dem ungebetenen Gast Sheriff Annie Flynn, die Hauptfigur unseres Gruseldramas. Emmanuelle Vaugier ist definitiv zu hübsch, um glaubwürdig eine Säuferin in der Lebenskrise darzustellen. Sie gibt sich aber große Mühe und spielt die sich selbst zur ewigen Verdammnis verurteilte Annie als depressives Wrack, dem auch der Kampf gegen das Monster keine Absolution bringt. Auch Techtelmechtel zwischen Heldin und Held (hier stehen mindestens zwei Kandidaten zur Auswahl), wie sie Hollywood so liebt und überstrapaziert, bleiben aus; die ausgebrannte Annie wirkt sogar im knappen Tank-Top eher asexuell und ist für den viel beschworenen Lockruf der Liebe taub.

Das Ende ist für einen Horrorfilm erstaunlich überraschend – der Zufall bestimmt, wer überlebte. Glücklicherweise ging dem ein furioses Finale voraus, für das mit Stunts und Spezialeffekten nicht gespart wurde. Der Endkampf unter einem zusammenbrechenden Wasserturm kann sich wahrlich sehen lassen.

Ballaststoffe für angeheizte Sinne

Auch sonst wird eher geklotzt als gekleckert. Wenn es kracht, dann richtig, und auch die Folgen werden nicht verschwiegen: In Stücke gerissene, verätzte, aufgeschlitzte oder anderweitig verunstaltete Leichen gibt es reichlich zu sehen; erstaunlich für einen Film, der hierzulande ab 16 Jahre freigegeben wurde.

Ausdrücklich ausgenommen vom Lob der Spezialeffekte muss leider das Monster werden, was fatal ist, da es quasi den Dreh- und Angelpunkt des Geschehens bildet. Im Interview äußert sich die SF/X-Truppe sehr stolz über ihr Werk. Faktisch wirkt der schier unverwüstliche Anasazi-Killer wie die Zwergausgabe des Giger-Alien mit Fledermausflügeln. Eine lobende Erwähnung ist das separat aktionsfähige Spinnenmodul wert, mit dem man wirklich nicht rechnet. Auch die Biografie des Geschöpfes als Cyborg-Sonde wirkt überzeugend. Ansonsten tut der Regisseur gut daran, die Kreatur meist nur in der Dunkelhaft, als Schemen oder auf andere Weise im Verborgenen zu halten. Tritt sie ins Licht, identifiziert man (immerhin aufwändiges) animatronisches Handwerk bzw. billige CGI-Effekte.

Die Wüste von New Mexico wird durch die grandiose Öde des US-Staates Utah gedoubelt. Wenigstens ist „Unearthed“ in Nordamerika entstanden. Normalerweise werden Filme wie dieser aus Kostengründen in Südafrika oder Osteuropa gedreht. Viel weiß Regisseur Leutwyler aber nicht mit der Landschaft anzufangen. Es ist heiß und vor allem einsam, das erkennt der Zuschauer, der ansonsten viel Zeit im Inneren eines alten Bergwerks verbringt.

B-Movie mit alten Tugenden

Trotz diverser charakterlicher Verwirbelungen bleibt der Klischee-Faktor in „Unearthed“ hoch. Hier zeigt sich, dass dieser Film ein klassisches B-Movie ist, das sich der funktionstüchtigen Elemente des Kinos bedient. Sheriff Annie ist die gebrochene aber taffe Heldin. „Großvater“ mimt den abgeklärten, weisen Indianer mit dem Ohr am Puls von Mutter Natur und einem ausgeprägten (und lästigen) Hang zu kryptischen Äußerungen, Nodin seine idealistische Enkelin. Kale ist der „mad scientist“, dem das Wissen wichtiger ist als Moral und Gesetz. Sogar ein schwarzer Eddie-Murphy-Verschnitt treibt peinliche Faxen.

Dennoch punktet Leutwyler mit der offensichtlichen Sorgfalt, die er seinem Film angedeihen ließ. „Unearthed“ ist ein B-Movie, das seine Story und sein Publikum ernst nimmt. Als Regisseur und Drehbuchautor hat es Leutwyler nicht nötig, sein Werk mit Klamauk oder übertriebenen Metzelszenen zu verschneiden. Nicht einmal der genretypische ‚Sex‘ in Gestalt plakativer Barbusigkeit wird bemüht. Die Vorstellungskraft des Zuschauers wird gefordert – ein Risiko in einer Zeit, da sich die Konzentrationsfähigkeit des Zielpublikums oft nur mehr auf Eichhörnchen-Niveau bewegt. Für „Unearthed“ musste sich Leutwyler denn auch mächtig schelten lassen. Wütende Kritiker forderten vor allem mehr Licht und mehr Blut. Sie begriffen nicht, dass sie Besseres bekamen: Ein redliches, zeitloses Gruselgarn in der Tradition klassischer Geschichtenerzähler wie Jack Arnold oder Gordon Douglas.

DVD-Features

„Unearthed“ ist nicht nur unterhaltsam sowie optisch und akustisch eine Augenweide, sondern wurde mit kleinen aber feinen Extras ergänzt. Ein eigentliches „Making-of“ fehlt zwar, wurde aber wie mehr und mehr üblich in kleine, auch webtaugliche Featurettes zergliedert.

Fünf Interviews sorgen für Hintergrundinformationen (erfreulich zahlreich), gegenseitiges Lob (ehrlich) und verkappte Werbung (dezent). Eine vergnügte Emmanuelle Vaugier wirkt völlig anders als in ihrer Rolle; die Schauspielerin muss sich mehrfach sichtlich zusammenreißen, um nach einer langen Drehnacht nicht völlig den Faden zu verlieren. Luke Goss bemüht sich um mehr Ernst, wird aber glücklicherweise immer wieder durch Zurufe aus dem Hintergrund aus dem Konzept gebracht. Russell Means, der erst mit über 50 Jahren Schauspieler wurde und zuvor viele Jahre dem „American Indian Movement“ (AIM) vorstand (1988 kandidierte er gar für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten), erläutert interessant und einleuchtend die Schwierigkeiten, als ‚Film-Indianer‘ nicht nur authentisch zu bleiben, sondern auch weiterhin existierende wenn auch versteckte Klischees aufzuweichen. Tonantzin Carmelo ist noch ziemlich neu im Filmgeschäft und deshalb um Objektivität bemüht, während Charles Q. Murphy, ein leidlich bekannter Comedian, der als Alibi-Schwarzer angeheuert wurde, um die Zuschauerbasis zu verbreitern, seinem Job nachgeht und mit ernster Miene hanebüchenen Blödsinn verzapft. Zum O-Ton gibt’s übrigens zu jedem Beitrag deutsche Untertitel; ein Service, der keineswegs selbstverständlich ist!

Der Blick hinter die Szenen zeigt zusammenhanglos Bilder von den Dreharbeiten. Für weitere Impressionen sorgt ein kurzer Bericht über das erste Storyboard-Meeting, bei dem Beteiligten über die handwerkliche Seite der Filmarbeit berichten. Außerdem gibt es ein Kapitel dieses Storyboards zu sehen, das belegt, wie exakt spätere Filmsequenzen vorab ausgearbeitet wurden.

Das „Making of Creature Effects“ dauert nicht einmal so lang wie sein Titel und zeigt einige Computerentwürfe des Aliens. Jason Hamer, der Special Effects Coordinator, gibt in einem eigenen Interview wesentlich wissenswertere Fakten zum Besten.

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Unearthed – Nichts bleibt für immer begraben
Originaltitel: Unearthed (USA 2007)
Regie u. Drehbuch: Matthew Leutwyler
Kamera: Ross Richardson
Schnitt: Shawna Callahan
Musik: Joseph Bishara
Darsteller: Emmanuelle Vaugier (Sheriff Annie Flynn), Luke Goss (Kale), Charlie Murphy (Hank), Beau Garrett (Caya), Tommy Dewey (Charlie), M. C. Gainey (Rob Horn), Miranda Bailey (Carla), Whitney Able (Ally), Russell Means (Großvater), Tonantzin Carmelo (Nodin), Deborah Offner (Tanya), Mark Kelly, (Frank), Isait De La Fuente (Luis), Chris Andrew Ciulla (Kelly), Ric Barbera (Curtis), Jeff Olson (Harlan) u. a.
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sunfilm Entertainment
Erscheinungsdatum: 27.06.2008 (DVD)
EAN: 4041658221924 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1 anamorph)
Audio: Dolby DTS 5.1 (Deutsch), Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 89 min.
FSK: 16

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