Ungeheuer ohne Gesicht

Originaltitel: Fiend without a Face (GB 1958)
Regie: Arthur Crabtree
Drehbuch: Herbert J. Leder (nach einer Story von Amelia Reynolds Long)
Kamera: Lionel Banes
Schnitt: R. Q. McNaughton
Musik: Buxton Orr
Darsteller: Marshall Thompson (Major Jeff Cummings), Kim Parker (Barbara Griselle), Kynaston Reeves (Prof. Walgate), Stanley Maxted (Colonel Butler), Terence Kilburn (Captain Chester), James Dyrenforth (Bürgermeister), Robert MacKenzie (Constable Gibbons), Peter Madden (Dr. Bradley), Gil Winfield (Dr. Warren), R. Meadows White (Ben Adams), Kerrigan Prescott (Atomtechniker) u. a.
Label/Vertrieb: Anolis Entertainment
Erscheinungsdatum: 06.12.2009 (DVD)
EAN: 4041036310158 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,70 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 2.0 mono (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 71 min.
FSK: 12

Titel bei Amazon.de

Das geschieht:

Um die roten Sowjet-Teufel besser kontrollieren zu können, hat die US-Regierung eine geheime Militärbasis in der kanadischen Provinz Winnipeg eingerichtet. Mit Hilfe atomstromverstärkter Radarstrahlen will man den kommunistischen Feind ausspähen, um auf diese Weise heimtückische Attacken im Keim ersticken zu können.

Obwohl die Versuche sich vielversprechend anlassen, gibt es Schwierigkeiten: Jemand zwackt der Basis den Atomstrom ab! Colonel Butler beauftragt Major Jeff Cummings mit der Suche nach dem Saboteur. Fingerspitzengefühl ist dabei ratsam, denn die Bürger des nahegelegenen Dorfes lehnen die Basis ab: Sie machen die Atomenergie für die Minderung ihrer Ernten und Milcherträge verantwortlich.

Aktuell sorgen seltsame Todesfälle für zusätzliche Aufregung. Im Umfeld der Basis liegen Bauernleichen mit schrecklich verzerrten Gesichtern. Ihnen wurden Gehirn und Rückenmark ausgesaugt! Auch der Bruder von Barbara Griselle wurde so aufgefunden. Da sie jung und hübsch ist, befragt Major Cummings sie besonders ausgiebig. Hierbei erfährt er, dass Barbara als Schreibkraft für Professor Walgate arbeitet. Der berühmte Naturwissenschaftler hat einst bahnbrechend über das menschliche Gehirn geforscht. Vor allem die vom Körper unabhängige Manifestation des Willens hat ihn fasziniert.

Inzwischen musste sich Walgate krankheitsbedingt in den Ruhestand zurückziehen, was Cummings nicht recht glauben will. Heimlich stellt er Nachforschungen an. In der Tat hat Walgate weitergemacht und Erfolg gehabt: Einer seiner Gedanken ist lebendig geworden! Leider hat Walgate dabei ein Monster geschaffen. Der Gedanke ist zum Gehirn-Vampir geworden. Er tötet seine Opfer und vermehrt sich dabei. Unsichtbar haben die Kreaturen Dorf und Basis eingekreist. In einer der folgenden Nächte setzen sie zum finalen Angriff auf die Bewohner an …

Trash kann so unterhaltsam sein!

Wer meint, dass die oben skizzierte Handlung bereits die Spitzen des Blödsinns beinhaltet, der in diesem Film verzapft wird, irrt sich gewaltig! „Ungeheuer ohne Gesicht“ stellt eine Apotheose des Unfugs dar – und ist gleichzeitig der triumphale Beweis der Tatsache, dass die vollständige Abwesenheit von Logik und Sinn den Unterhaltungsgehalt eines Films keineswegs beinträchtigen muss.

Selbst der nur unzureichend physikalisch oder biologisch vorgebildete Zuschauer quietscht vor Vergnügen, wenn routinierte Darsteller mit steinernstem Gesichtsausdruck die Funktion von Radarwellen ‚erläutern‘, die nuklear ‚verstärkt‘ werden, ohne dabei die gesamte nördliche Erdhemisphäre zu verstrahlen, Gehirne und Rückenmark durch winzige Lochöffnungen verschwinden oder – dazu weiter unten mehr – vom Hirndenken abgespaltene Wesen sehr seltsam Gestalt annehmen.

Die Freude an solchem blühenden Nonsens wird durch die professionelle Machart dieses Films unterstützt. „Ungeheuer ohne Gesicht“ erzählt unabhängig von den haarsträubenden Details eine sehr einfache Geschichte. Dabei bedienen sich Regie, Kamera, Schnitt und Darsteller hochroutiniert bewährter Spannungselemente. Das Budget ist wie eigentlich immer bei solchen B-Produktionen niedrig, wenn auch hier etwas höher als sonst. Kluge Ökonomie ermöglicht es, die Kosten niedrig zu halten, sodass Geld für ein überraschend effektreiches Finale ausgegeben werden kann.

Was du nicht siehst …

„Ungeheuer ohne Gesicht“ markiert als Film ein ebenso dreistes wie wirksames Konzept: Übernatürliche Wesen, die das menschliche Auge nicht sehen kann, lassen sich sehr kostensparend in Szene setzen. Buschäste, Besenstiele und Türknäufe werden mit dünnen Fäden bestückt, an denen Helfer außerhalb des Kamerabereichs ziehen, wenn die ‚unsichtbaren‘ Kreaturen angeblich vorbeischlurfen. Dabei sind sie notorisch tölpelhaft und stoßen ständig Dinge um, was ihr Vordringen augenfällig machen soll. Das Prozedere ist simpel, sollte aber um des Effektes willen beherrscht werden: Wenn sich hier Pflanzenwedel und Zweige bewegen, entsteht vor dem inneren Auge des Zuschauers unweigerlich das Bild von Gehirn-Vampiren, die übermütig Bäume und Büsche schütteln: Nach verstohlenem Anschleichen sehen diese Bewegungen jedenfalls nicht aus!

Selbstverständlich sind Filme wie „Ungeheuer ohne Gesicht“ auf die Nachsicht ihres heutigen Publikums angewiesen. Im Zeitalter digitaler Wunder muss das verschüttete Talent, stilisiert angedeutetes Grauen im Zuschauerhirn realistisch wirken zu lassen, reaktiviert werden. Die Effekte allein können nicht mehr für Spannung, sondern nur noch für Heiterkeit sorgen – eine Heiterkeit, die dieser Film nicht verdient, denn die Zeitgenossen fühlten sich noch erschreckt durch die umher vagabundierenden Gehirn-Vampire, sodass „Ungeheuer ohne Gesicht“ in einigen drastischen Szenen geschnitten werden musste, bevor der Film in die Kinos kommen durfte.

Auch wenn sich lange Zeit höchstens Darsteller kreischend an die Hälse fassen, um anschließend ‚tot‘ umzufallen, ist „Ungeheuer ohne Sicht“ nie langweilig. Die kurze Laufzeit bedingt ein forciertes Tempo. Nur selten lassen sich Längen wie Cummings für die Handlung unnötige Gefangenschaft in einer Friedhofsgruft feststellen, für die aber altmodisch-schaurige Schauwerte entschädigen.

Generell wussten Regisseur Arthur Crabtree und Kameramann Lionel Banes – beide Kino- und TV-Veteranen – sehr genau, wie sie aus den begrenzten Mitteln das optisch Mögliche herausholen konnten. Anders als beispielsweise in „The First Man Into Space“ (dt. „Rakete 510“), der 1959 ebenfalls mit Marshall Thompson in der Hauptrolle entstand, gelang die Illusion einer Handlung, die keinesfalls am tatsächlichen Drehort England, sondern vorgeblich in Nordamerika spielen sollte, sehr viel besser: „Ungeheuer ohne Gesicht“ spielt in einem kanadischen Ambiente, das dem Gelände der Nettlefold Studios in der südostenglischen Grafschaft Surrey überzeugend nahe kam, was durch sparsam aber geschickt eingesetzte Archivaufnahmen unterstützt wurde.

Darsteller 1: Die Menschen

Filme wie „Ungeheuer ohne Gesicht“ entstanden in der Film-Ära der „double features“: Um die Zuschauer gegen die Konkurrenz des aufkommenden Fernsehens in die Kinos zu locken, bekamen sie für ihr Eintrittsgeld zwei Filme präsentiert. Dem teuer produzierten Hauptfilm der A-Kategorie ging als ‚Anheizer‘ ein günstig produziertes, bis 75 Minuten ‚langes‘ B-Movie voran.

Obwohl diese auf die wesentlichen Unterhaltungs-Elemente konzentrierten Filme keineswegs per se ‚schlecht‘ waren, konnten sie den knappen Sparstrumpf, dem sie ihre Entstehung verdankten, nicht verbergen. So rekrutierten sich die Darsteller aus dem Heer derjenigen Schauspieler, die jung und noch im Aufbau oder alt und nur noch bedingt im Geschäft waren; hinzu kamen die ewigen Nebendarsteller und besseren Statisten. Die Arbeit war anstrengend und wurde schlecht entlohnt. Vor allem die Nachwuchsdarsteller gingen durch eine harte aber durchaus lohnende Schule. Viele später berühmte Schauspieler (John Wayne, Humphrey Bogart, Robert Mitchum) gingen diesen steinigen Weg.

Die Story von „Ungeheuer ohne Gesicht“ fordert keine darstellerischen Höchstleistungen, denn die Figuren sind Archetypen des Genres: der männliche Held, sein väterlicher Mentor, der fröhliche Kumpel, die weibliche Heldin als love interest, der mad scientist, der misstrauische Sheriff, der Feigling und jede Menge dümmliches Dorfvolk als Kanonenfutter für die (wohl chronisch unterernährten) Gehirn-Vampire. Marshall Thompson, Kim Parker und Kynaston Reeves bringen ihre Rollen selbst dann über die Bühne, wenn ihnen die schlappen Vampir-Muppets buchstäblich im Genick sitzen und haltlos-hilfloses Gelächter eigentlich unvermeidbar sein müsste.

Darsteller 2: Die Gehirn-Vampire

Irgendwann müssen sie Gestalt annehmen, unsere bisher unsichtbaren Parasiten. Sobald dies geschieht, beglückwünscht der Zuschauer den weisen Regisseur, der dies so lange wie möglich herauszögerte. Zugegeben, die Frage ist wirklich schwierig: Wie sieht ein materialisierter Gedanke als Gehirn-Vampir aus? Hier musste er diese Assoziation verkörpern und gleichzeitig als Effekt kostengünstig realisierbar sein. Das Ergebnis ist – milde gesprochen – fragwürdig. Man sollte meinen, dass sich ein Gedanke, der eine Laufbahn als Vampir plant, eine praktische Gestalt gibt; etwas mit Flügeln beispielsweise, mit Beinen und Armen oder Tentakeln und Greifklauen.

DIESE Kreaturen sehen ihrer Beute zum Verwechseln ähnlich: menschliche Gehirne, an denen ein wirbelverstärkter Rückmarkstrang hängt, der für die (mühsame) Fortbewegung zuständig ist: Er lässt sich wie ein Raupenkörper beugen und strecken und sorgt für den Vorwärtsschub. Unsichtbar unterhalb der Gehirnkuppel muss es so etwas wie ein biologisches Düsentriebwerk geben, denn die Vampire können bei Bedarf gewaltige und gut gezielte Luftsprünge absolvieren. Über Augen oder Ohren verfügen sie nicht, aber aus dem Hirn wachsen Fühler, die entsprechende Aufgaben übernehmen.

Unterm Strich sehen diese Monster allerliebst bescheuert aus. Weil sie so konsequent schräg ausgefallen sind, können sie in der SF-Filmgeschichte einigen Ruhm beanspruchen. (Es gibt sie sogar als Modell.) Immerhin lungern sie nicht nur herum. Sie werden per Stopp-Motion-Technik einigermaßen glaubwürdig in Bewegung gesetzt. Die entsprechenden Szenen sind verhältnismäßig aufwendig und trotz der veralteten Effekte unterhaltsam. Damit passen sie zu einem Film, der so charmant gealtert ist, dass man ihn sich immer noch gut ansehen kann.

DVD-Features

Einmal mehr wurden diesem fünften Film aus der Anolis-Reihe „Galerie des Grauens“ zahlreiche Extras aufgespielt. Es gibt Audiokommentare der Film-Experten Dr. Rolf Giesen, Christian Keßler und Ingo Strecker. Produzent Richard Gordon fasst kurz seine Erinnerungen an „Ungeheuer ohne Gesicht“ zusammen, dazu gibt es eine Auflistung der von ihm realisierten Filme.

Zusätzliches Filmmaterial bieten die (wie üblich dreist und unterhaltsam übertreibenden) deutschen und englischen Trailer, die Super-8-Fassung des Hauptfilms sowie die eigens für die englische Fassung entstandene Titel- bzw. Schlusssequenz.

Außerdem gibt es selbstablaufende Scans diverser Filmprogramme, des US Presse-Infos und eine Bildergalerie. Abgerundet wird dieses Angebot durch ein zwölfseitiges Booklet, das von Ingo Strecker verfasst wurde.

[md]

Titel bei Amazon.de