Vampire Nation

Originaltitel: Stake Land (USA 2010)
Regie u. Schnitt: Jim Mickle
Drehbuch: Nick Damici u. Jim Mickle
Kamera: Ryan Samul
Musik: Jeff Grace
Darsteller: Connor Paolo (Martin), Nick Damici (Mister), Kelly McGillis (Schwester), Danielle Harris (Belle), Sean Nelson (Willie), Michael Cerveris (Jebedia Loven), Eilis Cahill (Scamp), Tim House (Sheriff), Marianne Hagan (Doctor Foley), Adam Scarimbolo (Kevin) uva.
Label: Splendid Film
Vertrieb: WVG Medien GmbH
Erscheinungsdatum: 16.09.2011
EAN: 4013549875127 (DVD) bzw. 4013549275125 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 94 min. (Blu-ray: 98 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Die Menschheit wurde von einer Pandemie heimgesucht, die ihre Opfer in geistig retardierte aber überlegen starke, fast unverwundbare Vampire verwandelte. Ein Biss reicht aus, um einen nicht Infizierten zu einen der Blutsauger mutieren zu lassen. Auch in Nordamerika haben alle Schutzmaßnahmen versagt. Die USA gibt es nicht mehr; die wenigen Überlebenden verschanzen sich in kleinen Ortschaften, die zu Festungen ausgebaut wurden. Überall lauern die Vampire, auch wenn es Jäger gibt, die sich geschworen haben, die Kreaturen auszurotten.

Der namenlose „Mister“ gehört zu ihnen. Im Süden der einst Vereinigten Staaten hat er sich auf eine Odyssee begeben, deren vages Ziel „New Eden“ ist, eine angeblich vampirfreie Siedlung in Kanada. Der Weg dorthin ist weit und gefährlich, denn nicht nur die Blutsauger wollen ihm an den Hals: Seit der Apokalypse haben sich selbsternannte Propheten zu Herren über Leben & Tod aufgeschwungen. Sie geben vor, Gottes Wort zu verkünden, und nutzen doch nur die Chance, der Welt endlich ihre verqueren und  bigotten Ansichten aufzuzwingen.

Irgendwo auf seiner Reise rettet Mister dem jungen Martin das Leben, der ihn von nun an begleitet. Mister bildet ihn im Nahkampf aus, und die beiden werden ein gutes Team. Im Laufe der Zeit stoßen weitere Überlebende zu ihnen: eine desillusionierte Nonne, die schwangere Belle und der ehemalige Soldat Willie. Ihnen im Nacken sitzt die gefürchtete „Bruderschaft“, die den Nordosten der ehemaligen USA kontrolliert. Mister ist mit Jebedia Loven, ihrem Anführer, aneinandergeraten, der ihm Rache bis in den Tod geschworen hat.

Die Suche nach „New Eden“ wird zu einem Unternehmen, das die meisten Reisenden nicht überleben werden. Nicht alle Vampire haben ihre Intelligenz verloren, und die Späher der „Bruderschaft“ sind allgegenwärtig. Doch zumindest Mister und Martin sind ihnen gewachsen. Mit allen Mitteln kämpfen sie sich nach Norden durch …

Das Ende der Welt – aber ohne Zombies

In diesen Tagen sind es eigentlich immer die Zombies, die der Menschen-Zivilisation ein Ende bereiten, indem sie ihre Repräsentanten schlicht auffressen. Allerdings besteht kein echter Grund für einen entsprechenden Monopolanspruch. Grundsätzlich eignet sich jede globale Katastrophe als Auslöser und Hintergrund für jene Geschichte, die Regisseur und Drehbuch-Mitautor Jim Mickle in „Vampire Nation“ (der im Original sehr viel schöner und gar nicht kryptisch „Stake Land“ heißt; da eine dem Sinn eher entsprechende Übersetzung etwa „Land der Pflöcke“ lauten würde, kann man verstehen, wieso hierzulande ein anderer Titel gesucht und gefunden wurde) erzählen möchte.

Tatsächlich geht es weniger um die Bedrohung durch kaum auszutilgende Blutsauger, sondern um Frage, wie sich die Menschheit angesichts der Apokalypse verhalten und entwickeln würde. Mickle und sein Co-Autor Nick Damici – der auch die Hauptrolle des „Mister“ übernahm – spielen die entsprechenden Möglichkeiten durch. Sie kommen dabei weder zu neuen noch zu erfreulichen Erkenntnissen. „Vampire Nation“ liefert keine Offenbarungen, sondern variiert unterhaltsam und ansatzweise kunstvoll aber durchweg düster historische Erfahrungen und Klischees.

Gemeint ist damit das übliche Bild einer zerfallenden Nation, deren Bürger lebenstaugliche, der veränderten Gegenwart angepasste Neuzellen schaffen. Allerdings funktionieren diese Zellen nach unterschiedlichen Regeln. Nach Ansicht von Mickle & Damici geht die Demokratie zuerst über Bord. Nur strenge Kontrolle nach außen und notfalls erzwungene Zusammenarbeit innen garantieren den Bestand der einzelnen Gemeinde. Gewalt wird zum festen Bestandteil dieses Systems. So ist es wohl kein Wunder, dass die kleinen Orte, in denen Mister und seine Gefährten immer wieder eine Reisepause einlegen, den Pionierstädten gleichen, die den Wilden Westen des 19. Jahrhunderts kennzeichneten.

Die Schrecken des ‚wahren‘ Glaubens

Freilich sind es dieses Mal nicht nur die Indianer (= Zombies), vor denen man auf der Hut sein muss. Der Mensch ist seit jeher des Menschen Wolf. In jeder Krise tauchen sie deshalb auf: Propheten, die vorgeben zu wissen, welcher Sinn hinter der Krise steckt, und sich zum Sprachrohr höherer Mächte ernennen, in deren Namen sie endlich ihre eigene Weltordnung etablieren können. Erfahrungsgemäß endet dies in einer Diktatur, denn immer wird es welche geben, die sich dem Propheten nicht vollständig oder gar nicht unterwerfen wollen.

Die „Brüderschaft“ gibt sich betont fromm und christlich, wobei sie dem Alten Testament („Auge um Auge …“) den Vorzug gibt. Jebedia Loven ist ein Heuchler, Räuber, Vergewaltiger und Mörder, der die daraus resultierenden Vorzüge dosiert mit seinen „Brüdern“ teilt und ansonsten durch Terror herrscht. Mickle & Damici gehen einen Schritt in die falsche Richtung, wenn sie Loven unterstellen, es mit seiner Lehre ehrlich zu meinen: Solcher Irrsinn konterkariert das Bild von der Menschheit, die sich beinahe noch effizienter zerstört als die Vampire.

Auf der anderen Seite und hier repräsentiert durch die Schwester stehen hilflos die etablierten Religionen. Sie sind überfordert mit der Situation und können nicht mit den Fanatikern mithalten. Die Realität heißt „Stake Land“, in dem der Holzpflock für den Vampir und die Kugel für den feindlichen Mitmenschen die Entscheidung bringen.

Ein neues Gleichgewicht

Dabei ist die eigentliche Krise überwunden: Die Überlebenden haben sich mit den Verhältnissen arrangiert, ganze Landstriche sind bereits vampirfrei, und mit den Kenntnissen über den Gegner steigert sich die Abwehrkraft. Deshalb ist es umso bitterer, dass die schlimmsten Attacken inzwischen von potenziellen Verbündeten ausgehen. In einer der stärksten Szenen rückt die „Bruderschaft“ mit Hubschaubern an, aus denen sie gefangengesetzte Vampire über einer ‚ungläubigen‘ Siedlerstadt abwerfen: Die objektiv ‚unschuldigen‘, weil intelligenzlosen und nur aus Hunger tötenden Kreaturen werden als Mordmaschinen missbraucht.

Ob es ein „New Eden“ gibt, wie es Mister, Martin und ihre Gefährten sich vorstellen, ist fraglich. Der Film bricht ab, als man das gelobte Land erreicht hat. Mickle & Damici haben beim Zuschauer keine besonderen Erwartungen genährt. Möglich wäre es – einen Anflug von Hoffnung möchte man den gebeutelten Protagonisten und dem Publikum wohl gewähren.

Mit Martin und Scamp haben Mickle & Damici Adam und Eva der neuen Menschheit gefunden. Sie werden nicht aus dem Paradies vertrieben, sondern kehren dorthin zurück. Mister bleibt aus freien Stücken zurück; wie John Wayne in „The Searchers“ (1956; dt. „Der schwarze Falke“) sieht er für sich, den Sünder, keinen Platz im Paradies. Vielleicht machen es die Jungen besser.

Der Horror der Hoffnungslosigkeit

„Vampire Nation“ entstand in und Pottstown, einem Stadtbezirk im US-Staat Pennsylvania und dort in einer Region, die von der US-Rezession besonders hart getroffen wurde. So war es einfach, das niedrige Budget auszugleichen, das apokalyptisch zerstörte Kulissen nicht hergab: Überall am Wegesrand fand Mickle verlassene, einstürzende Häuser und Hallen, verrostete Bahnschienen, bröckelnde Brücken und verödete Straßenzüge.

Den ohnehin deprimierenden Bildern wurden sorgfältig die Farben entzogen. „Stake Land“ ist auch abseits der Städte kein grünes, sondern ein graues Land. Dunkle Wolken verhüllen den Himmel, wenn es nicht regnet, dann wirbelt Staub. Das trostlose Ambiente wird unheilvoll durch verbrannte, zerhackte, aufgehängte Vampire aufgelockert. In den bestenfalls nur verlassenen Häusern liegen unbestattete Leichen; es können sich hier aber immer auch Vampire verstecken.

Geht man davon aus, dass die Katastrophe zwischen sechs und höchstens neun Monaten zurückliegt – dafür gibt es sichere Indizien –, erfolgt der allgemeine Verfall eigentlich zu schnell. Mickle & Damici unterstreichen auf diese Weise das Chaos, in dem der Alltag von einst verschwunden ist.

Figuren und Rollen

„Vampire Nation“ beschreibt die Reise nach „New Eden“ als Folge locker verbundener Episoden. Dies passt zu einer Welt in fortgeschrittener Auflösung. Die Handlung selbst ist wie schon angedeutet nicht originell. Was diesen Film dagegen auszeichnet, sind neben einer großartigen Kameraarbeit die sauber akzentuierten Rollen, für die Mickle außerdem adäquate Schauspieler fand.

Manchmal haben sie – wie Mister oder die Schwester – ihre Namen gänzlich aufgegeben, ansonsten genügen Vornamen. Martin könnte auch „der Junge“ sein, Belle natürlich „das Mädchen“, Willie „der Soldat“. Stellt sich jemand in altmodisch gewordener Ausführlichkeit – „Jebedia Loven” – vor, ist dies verdächtig. Er maßt sich eine Bedeutung zu, die sich die Menschen dieser Gegenwart versagen: Faktisch lohnt es nicht, sich Namen zu merken, da ihre Träger viel zu schnell sterben. Kennt man jemanden näher, ist die Trauer umso größer.

„Vampire Nation“ ist kein Film der großen Stars. Kelly McGillis gehörte einmal zu ihnen, aber niemand wird in ihrer „Schwester“ die betörende Schönheit aus „Top Gun“ (1985) oder „Das Haus an der Carroll Street“ (1988) wiedererkennen. Geblieben ist ihr das Talent, das außer ihr alle Darsteller in diesen Film einbringen. Abgerundet wird die vorzügliche Arbeit vor und hinter der Kamera durch den minimalistischen aber geradezu empathischen Musikscore, der das Geschehen nicht begleitet, sondern untermalt und kommentiert.

Blut fließt reichlich

Obwohl die Vampire die meiste Zeit als Nemesis-Chor im Hintergrund wüten, wurde über Gestalt und Verhalten offensichtlich gut nachgedacht. Diese Vampire gehören ganz sicher nicht in die Kategorien „Edward“ oder „Dracula“; das weichliche Anschmachten tugendfrischer Jungfrauen ist ihnen ebenso fremd wie vornehme Blässe und aristokratisches Gehabe. Sie sind Raubtiere, wirken gleichermaßen mutiert wie verwest und sind geistlos wie Zombies aber blitzschnell und gewandt. Kruzifixe schrecken sie nicht, aber Sonnenlicht oder ein Pflock ins Herz machen ihnen ganz klassisch den Garaus.

Explizite Splatter-Szenen gibt es in „Vampir Nation“ nicht. Trotzdem wird herzhaft zugebissen, gepfählt oder geschnetzelt. Diese Gewalttaten sind dem Geschehen angepasst: In „Stake Land“ wird Gnade weder gegeben noch erwartet. Wut und Angst lassen die Menschen verrohen, die deshalb gefangene Vampire gern anketten, um sie von der Sonne langsam verbrennen zu lassen.

So bleibt „Vampire Nation“, der es hierzulande nicht ins Kino geschafft hat, ein Geheimtipp, der nicht in der Flut einfallsarmen Dutzend-Horrors untergehen sollte – ein spannendes, nie zimperliches, in der Aussage eindeutiges Horror-Road-Movie mit traurigem aber stimmungsvollem und vor allem nicht sentimentalen Grundton.

DVD-Features

„Vampire Nation“ gehört zu jenen Filmen, in die nicht nur Geld, sondern auch Ideen und einige Tropfen Herzblut investiert wurden. Die Extras spiegeln dies sogar in der DVD-Fassung wider. Hier sind vor allem sieben vier- bis sechsminütige Kurzfilme zu erwähnen, die als „Webisodes“ auch im Internet kursieren. Dies sind keine Abfälle vom Boden des Schnittraums, sondern wurde sorgfältig und mit dem Aufwand des Hauptfilms in Szene gesetzt.

Im Internet sollen diese Episodenfilme einerseits den Appetit auf den Gesamtfilm anregen, während sie andererseits zu dessen Verständnis beitragen. Wir erfahren mehr über die Vorgeschichten der Schwester, von Jebediah, Willie, Belle, Martin und Mister. Eine siebte Webisode („Origins”) greift ein beliebiges Einzelschicksal aus jener frühen Phase auf, in der die Vampir-Seuche gerade zu wüten begann.

Wer gern hinter die Kulissen einer Filmproduktion blickt, dem zeigt Regisseur, Drehbuch-Mitautor und Cutter Jim Mickle sein „Director Pre-Production Diary“. Nur minutenkurz gibt es Informationen über die digitale ‚Verfremdung‘ des Filmmaterials („VFX Breakdowns“). Der Original-Trailer rundet die Features ab.

[md]

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