V/H/S – Eine tödliche Sammlung

Originaltitel: V/H/S (USA 2012)
Regie: Adam Wingard („Tape 56“), David Bruckner („Amateur Night“), Ti West („Second Honeymoon“), Glenn McQuaid („Tuesday the 17th“), Joe Swanberg („The Sick Thing That Happened to Emily When She Was Younger“), Radio Silence [= Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett, Justin Martinez u. Chad Villella] („10/31/98“)
Drehbuch: Simon Barrett („Tape 56“ u. „The Sick Thing That Happened to Emily When She Was Younger“), Radio Silence („10/31/98“), David Bruckner u. Nicholas Tecosky („Amateur Night“), Glenn McQuaid („Tuesday the 17th“), Ti West („Second Honeymoon“)
Kamera: Eric Branco, Andrew Droz Palermo, Victoria K. Warren, Michael J. Wilson
Schnitt: Joe Gressis
Darsteller: „Tape 56“: Calvin Reeder (Gary), Lane Hughes (Zak), Kentucker Audley (Rox) Adam Wingard (Brad); „Amateur Night“: Hannah Fierman (Lily), Mike Donlan (Shane), Joe Sykes (Patrick), Drew Sawyer (Clint), Jas Sams (Lisa); „Second Honeymoon“: Joe Swanberg (Sam), Sophia Takal (Stephanie), Kate Lyn Sheil (Stalker); „Tuesday the 17th“: Norma C. Quinones (Wendy), Drew Moerlein (Joey), Jeannine Elizabeth Yoder (Samantha), Jason Yachanin (Spider); „The Sick Thing That Happened to Emily When She Was Younger“: Helen Rogers (Emily), Damiel Kaufman (James); „10/31/98“: Chad Villella (Chad), Matt Bettinelli-Olpin (Matt), Tyler Gillett (Tyler), Paul Natonek (Paul), Nicole Erb (Mädchen) u. a.
Label/Vertrieb: Splendid Entertainment
Erscheinungsdatum: 26.10.2012
EAN: 4013549043861 (DVD)/4013549043380 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 112 min. (Blu-ray: 116 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Rahmenhandlung („Tape 56“): Vier Kleinkriminelle sollen in ein einsames Haus einbrechen, um ein altes Videotape zu stehlen. Dort finden sie einen toten Mann und einen ganzen Stapel Bänder, von denen fünf vor Ort gesichtet werden.

Tape 1 („Amateur Night“): Die Proleten Shane, Patrick und Clint wollen es richtig krachen lassen. Wider Erwarten können sie zwei Frauen in das hoffnungsvoll als Liebes-Höhle gemietete Motel-Zimmer locken. Doch Lisa ist stockbetrunken und Lily ein männerfressender Sukkubus.

Tape 2 („Second Honeymoon“): Sam und Stephanie unternehmen eine Autoreise durch Arizona. Sie fühlen sich zunehmend beobachtet, und eines unschönen Abends bestätigt sich dieser Verdacht ebenso eindeutig wie lebensverkürzend.

Tape 3 („Tuesday the 17th“), Joey, Wendy, Samantha und Spider verschlägt es nicht ganz zufällig an einen Waldsee, an dem ein Teenie-Mörder umgehen soll, der nicht an die Gesetze von Zeit und Raum gebunden ist.

Tape 4 („The Sick Thing That Happened to Emily When She Was Younger”): Da sie in weit voneinander entfernten Städten studieren, halten Emily und James den Kontakt per Skype, was James auf die Rolle des hilflosen Zuschauers degradiert, als es in Emilys Wohnung heftig zu spuken beginnt.

Tape 5 („10/31/98“): Vier Freunde verfahren sich auf der Suche nach einer Halloween-Party und landen nicht nur in einem fremden Haus, sondern platzen auch in eine daraufhin spektakulär aus dem Ruder laufende Teufelsaustreibung.

Rahmenhandlung („Tape 56“): Die Einbrecher stellen zu spät fest, dass sie nicht allein sind, es aber nicht die Polizei ist, die irgendwo im Haus rumort.

Mehrfache Kürze ergibt irgendwie Länge

Da gibt es scheinbar eine (ungeschriebene) Regel: Filme gehören ins Kino, Kurzfilme dagegen ins Fernsehen. So ist es natürlich nicht, denn zumindest im Arthouse-Kino genießt der kurze Film einen guten Ruf. Das ist verständlich und vorbildlich, und es wäre schön, wenn sich die Erkenntnis, dass manche Story eben nur einen Kurzfilm trägt bzw. in der Kürze ihr eigentliches Potenzial entfaltet, wesentlich stärker verbreiten würde.

Im ‚normalen‘, d. h. primär der Unterhaltung (und dem Kommerz) geweihten Kino fristet der Kurzfilm ein Mauerblümchendasein. Auf Umwegen findet er dennoch seinen Weg dorthin: Kurzfilme kann man bündeln, bis sie in ihrer Gesamtlaufzeit einem ‚richtigen‘ Film entsprechen. Um sich dem Vorbild noch weiter anzunähern, kann man dieser Kompilation eine Rahmenhandlung stricken: Aus eigentlich separaten Kurzgeschichten werden auf diese Weise Kapitel einer Gesamthandlung.

Dieses Konzept ist natürlich fadenscheinig, denn auch eine Rahmenhandlung wird die Bruchstückhaftigkeit des Ergebnisses nie aufwiegen. In der Tat verharrte der Kompilationsfilm stets in seiner Außenseiterrolle. Manchmal allerdings haben sich – nicht nur aber eben auch – im Horror-Genre talentierte Filmemacher dieser „omnibus films“ oder „portmanteau films“ genannten Anthologien angenommen, sodass echte Klassiker wie „Dead of Night“ (1945; dt. „Traum ohne Ende“) oder „Creepshow“ (1982; dt. „Die unglaublich verrückte Geisterstunde“) entstehen konnten; die britische Produktionsfirma „Amicus“ spezialisierte sich sogar auf Horror-Episodenfilme.

Moderner Horror ist das nicht

Obwohl er nie wirklich in Mode gewesen ist, blieb der Anthologie-Film dem Zuschauer erhalten. Auch „V/H/S“ stützt sich auf entsprechende Traditionen, verlässt sich jedoch nicht darauf. Tatsächlich übertreibt man es beim Versuch, den „omnibus film“ ins 21. Jahrhundert zu hieven, indem man die Form mehr als ein wenig zu hoch über den Inhalt stellt.

Lassen wir dies zunächst unkommentiert und konzentrieren uns auf die Storys. Sie sind denkbar unterschiedlich – was prinzipiell erfreut – und zeigen nur in einem Punkt Übereinstimmung: Wirklich originell sind sie alle nicht. Wie üblich hängt der originäre Unterhaltungsfaktor vom Element der Variation ab. In dieser Hinsicht schneidet wohl David Bruckner am besten ab: Seine Story vom Sukkubus-Dämon, der sich seine Opfer sehr zeitgemäß in der Wochenend-Partyszene sucht, zeigt die richtige Mischung aus (scheinbarer) Dokumentation und Horror.

Ähnlich erfolgreich ist noch Joe Swanberg, der zudem das „Found-Footage“-Konzept (s. u.) am besten in den Dienst seiner Geschichte zu stellen vermag. Diese ist nicht sehr raffiniert, kann jedoch überraschen. Dies gelingt jenem vierköpfigen Regie-Kollektiv, das unter dem Namen „Radio Silence“ firmiert, etwa ähnlich. „10/31/98“ leidet aber unter einer allzu ausführlichen, richtungslosen Einleitung, was auch die unerwartete Auflösung nicht ausgleichen kann. Auch „Second Honeymoon“ schürt (durchaus geschickt) Erwartungen, die Regisseur und Autor Ti West im Finale nicht erfüllen kann.

„Tuesday the 17th“ gibt sich schon im Titel als Parodie auf die Slasher der Marke „Freitag der 13te“ zu erkennen. Die tatsächliche Umsetzung präsentiert allerdings die hinlänglich bekannten Klischees. Ein Unterschied lässt sich höchstens in der Tatsache erkennen, dass es hier ein nackter Mann ist, der in einen Waldsee springen muss.

Übel missraten ist ausgerechnet die Rahmenhandlung. Sie dient allzu offenkundig als ‚Erklärung‘ für die Präsentation von fünf Kurzfilmen, beschränkt sich auf ihre Funktion als Bindemittel und versagt dabei völlig, es sei denn, der Zuschauer unterwirft sich dem „V/H/S“-Konzept und akzeptiert den logischen Leerlauf als Stilelement.

Schrecken durch Seekrankheit?

Wohl um „V/H/S“ Kult-Charakter zu verleihen, entstand dieser Film (angeblich) unter Einsatz antiker Video-Kameras. (Dafür sind die Spezialeffekte zu modern und viel zu gut geraten.) Aus unerfindlichen Gründen wird dieses qualitative Downsizing offensichtlich als letzter Schrei der Filmkunst-Mode betrachtet. So können wohl nur jene Generationen denken, die auf das Medium nicht mehr angewiesen sind, sondern es als Spielzeug betrachten können. Der angejahrte Zeitgenosse denkt dagegen mit nachträglichem Schaudern an die technischen Einschränkungen, die klotzigen Geräte und die sahnig verwaschenen Bilder zurück, die ihm die ähnlich klobigen Videokassetten bescherten. Zwar bedingt die digitale Filmtechnik nicht automatisch Perfektion, doch die Ergebnisse mildern jenen Kopfschmerz, den man im Zuge des Fortschritts ebenfalls vergessen hatte, bis „V/H/S“ auch diese Erinnerung migränestark aufleben lässt.

Verwaschene, verzerrte, von weißen ‚Blitzen‘ („Glitches“) jeglicher Gestalt durchzuckte, sekundenweise gänzlich abwesende Bilder sowie adäquate Tonstörungen gehörten zum ärgerlichen Alltag der Video-Ära. Man musste seine Kassetten allerdings schon sehr kräftig misshandeln oder -zigfach kopieren, bis sie jene Minder-Qualität erreichten, die für „V/H/S“ aufwendig und künstlich wiedererschaffen wurde. In einschlägigen Raubkopierer-Kreisen galt die Sichtung nur schemenhaft sichtbarer aber im eigenen Land gesetzlich verbotener, meist gruseliger Streifen als Ritterschlag.

Wer sich dieser Tafelrunde nicht zugehörig fühlt, dürfte das Aufleben von Bildmatsch und „Glitches“ kaum begrüßen, zumal „V/H/S“ zusätzlich als „Found-Footage“-Zufallsfund daherkommt. Sehr authentisch erinnern die dabei entstandenen Szenen an eine Zeit, als der automatische Bildstabilisator noch als unrealisierbares Wunderwerk einer hoffentlich nahen Zukunft galt. Schon wenn nicht geflüchtet, gerannt und durch die Nacht gestolpert wird, ruckt und springt das Bild, bis der Zuschauer sich bei Windstärke 12 auf hoher See dünkt.

Das Stilelement der ‚rohen‘, grob oder scheinbar gar nicht geschnittenen, sondern wie aufgefunden gezeigten Bänder wird auf diese Weise zum Ärgernis. Nur Glenn McQuaid erkennt das dramaturgische Potenzial der ‚kunstvoll‘ eingesetzten Störungen: In „Tuesday the 17th“ tritt der geisterhafter Killer als „Glitch“ auf: Er wird zum personifizierten Bildmangel – ein schöner Einfall.

Totentanz der Unsympathen

Für einen kunstvoll ‚schäbigen‘, ‚dreckigen‘ und in jeder Hinsicht ‚billigen‘ Horrorfilm engagiert man keine bekannten Darsteller. Dies muss kein Nachteil sein, da nicht nur die Stars ihren Job verstehen. Zum „V/H/S“-Stil passen außerdem No-Name-Gesichter, da das Grauen hier ausdrücklich und willkürlich Durchschnittsbürger treffen soll.

Die werden in den meisten Beiträgen so bemerkenswert gelungen als hirnentkerntes Proletenpack gezeichnet, dass man zweifeln darf, ob dies in der Absicht der Autoren/Regisseure lag. Folglich sind dem Zuschauer diese Protagonisten völlig gleichgültig. Er wartet förmlich darauf, dass endlich wieder jemand massakriert wird. Dies geschieht in der Regel blutig, was als weitere Reminiszenz an den geliebten Sudel-Horror der 1980er und 90er verkauft wird.

Selbstverständlich fehlt nicht die dramaturgisch unmotivierte Entblößung weiblicher Oberkörper, was hier – wohl ebenfalls unfreiwillig komisch – auf die Spitze getrieben wird. Immerhin gibt es eine Schock-Zugabe des 21. Jahrhunderts: In „Amateur Night“ und „Tuesday the 17th“ treiben splitternackte Männer ihr Unwesen!

Wenn nach knapp zwei Stunden der „V/H/S“-Horror endlich endet, will sich des Zuschauers Übelkeit nicht vollständig auflösen. Dieser Film ist ein künstliches Museumsstück, bietet aber wenig Unterhaltung. Außerdem muss man damit rechnen, dass es dem „V/H/S“-Kollektiv dennoch gelungen ist, ein allzu breites Publikum zu begeistern. In diesem Fall ist mit einer Flut ähnlich gearteter Filme zu rechnen, für die man vielleicht vorsorglich den Begriff „Aspirin-Horror“ prägen sollte.

DVD-Features

Besondere Erwartungen in Richtung Sensationserfolg scheint nicht einmal das eigene Label zu hegen; jedenfalls gibt es keinerlei Extras zum Hauptfilm.

[md]


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