Vinyan

Originaltitel: Vinyan (Belgien/Frankreich/GB/Australien 2008)
Regie: Fabrice Du Welz
Drehbuch: Oliver Blackburn, Fabrice Du Welz, David Greig
Kamera: Benoît Debie
Schnitt: Colin Monie
Musik: François-Eudes Chanfrault
Darsteller: Emmanuelle Béart (Jeanne Bellmer), Rufus Sewell (Paul Bellmer), Petch Osathanugrah (Thaksin Gao), Julie Dreyfus (Kim), Amporn Pankratok (Sonchaï), Josse De Pauw (Matthias), Joey Boy (Boomsong), Teerawat Mulwilai (Khun), Saichia Wongwirote (Petch), Borhan du Welz (Joshua) uva.
Label/Vertrieb: Koch Media Home Entertainment
Erscheinungsdatum: 16.10.2009 (Kauf-DVD u. Blu-ray)
EAN: 4020628971694 (Kauf-DVD) bzw. 4020628958015 (Kauf-Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: DTS 5.1 (Deutsch) u. Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 92 min. (Blu-ray: 96 min.)
FSK: 16

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Das geschieht:

Die Gutmenschen Jeanne und Paul Bellmer engagieren sich in Thailand für die Errichtung von Waisenhäusern. Der große Tsunami von 2005 hat auch sie getroffen; die Flutwelle erfasste den kleinen Sohn Joshua, der seitdem verschollen ist. Während der trauernde Vater sich sechs Monate später allmählich mit der Tatsache abzufinden beginnt, dass Joshua tot ist, kann Jeanne nicht loslassen. In Träumen und Visionen erscheint ihr der Sohn, und Paul denkt laut über einen Besuch beim Psychiater nach, was der ohnehin bröckelnden Beziehung keineswegs guttut.

Als Jeanne eines Tages auf einem Video, das verlassene Kinder in einem Dorf tief im Dschungel von Burma zeigt, Joshua zu erkennen glaubt, bricht ihre mühsam gewahrte Fassade zusammen. Sie will in die Wildnis reisen, um ihren Sohn zu suchen. Doch Burma ist eine Militärdiktatur und eine offizielle Einreise unmöglich. Jeanne und der widerwillig seiner Gattin folgende Paul wenden sich an den berüchtigten Schmuggler und Sklavenhändler Gao, der regelmäßig die Küstendörfer Burmas aufsucht, um Mädchen und junge Frauen zu kaufen. Viel Geld wechselt den Besitzer, bevor sich die Bellmers in Gaos Begleitung auf den Weg machen.

Der misstrauische Paul hält Gao nicht grundlos für einen Betrüger, der seine Auftraggeber nur ausnehmen will. Als sich dies bestätigt, fordert er die Rückkehr, doch Jeanne übergibt Gao heimlich ihr gesamtes Geld: Er soll sie tiefer nach Burma führen. Heftiger Streit bricht aus, als Paul dies entdeckt. Die kleine Expedition steckt ohnehin in Schwierigkeiten: Gao setzt sich ab, und die Bellmers stoßen auf eine Gruppe verwilderter Kinder, die den Erwachsenen zunehmend feindselig begegnen. Ohne sich abschrecken zu lassen, dringt Jeanne mit Paul im Schlepptau immer tiefer in den Urwald vor. Realität mischt sich mit Rätselhaftem und Wahn, bis sich tief im Herzen der Finsternis Joshuas Schicksal und das seiner Eltern erfüllt …

Genre-Geschichte mit Anspruch

Es beginnt als Drama, entwickelt sich zum Abenteuer und mündet in blankem Horror: „Vinyan“ ist offensichtlich das Projekt eines sehr ehrgeizigen Filmemachers. Mehrere Jahre hat der belgische Regisseur Fabrice Du Welz an seiner Geschichte gearbeitet und gefeilt, sich um die komplizierte Finanzierung – Produzenten sind vorsichtig und ziehen es vor, ihr Geld in simple Geschichten zu investieren, die Profit versprechen – gekümmert sowie mit Emmanuelle Béart und Rufus Sewell zwei Schauspieler ins Boot gelockt, die normalerweise höhere Gagen verlangen können und sich dafür weniger anstrengen müssen.

Diesen Enthusiasmus bereuten sie in den langen Wochen der Dreharbeiten oft bitterlich, wie das ausgezeichnete Making-of (s. u.) belegt. Du Welz ist nicht nur Regisseur und Drehbuchautor, sondern auch ein Abenteurer, der wie John Huston oder Werner Herzog zwischenmenschliche Konflikte gern in möglichst unwirtlichen Kulissen entfesselt: Die ungebändigte Natur soll nicht nur diese Auseinandersetzung widerspiegeln, sondern sie auch dort verstärken, wo das Regelwerk der Zivilisation keine Gültigkeit besitzt und die Protagonisten in einem Mikrokosmos gefangen sind, der durch ihren Status als Ausländer – sie beherrschen die thailändische Sprache nicht – komplettiert wird. Blicke und Gesten und selbst ein Lachen wirken bedrohlich, wenn man sie nicht entschlüsseln kann.

Für seine Version einer Reise durch seelische Abgründe wählte Du Welz Thailand. Auch dort gibt es längst moderne Großstädte, und selbst in der scheinbaren Wildnis steht der Handy-Empfang. Doch diese Seite Thailands interessierte Du Welz nicht. Selbst die Szenen, die in Bangkok spielen, stellen die Schattenseiten der Metropole in den Mittelpunkt: dreckige Hinterhöfe, schummerige Bordelle, triefende Gassen.

Die Macht der Natur

Hitze und Feuchtigkeit sorgen dafür, dass Thailand sich zu einer Brutstätte für das Seltsame und Gefährliche entwickelt. Den Dschungel, der im Making-of so grün und sonnig wirkt, wie er realiter meist ist, verwandelt Du Welz in eine graue, schlammige, modrige, monsunregengepeitschte und letztlich paradox lebensfeindliche Umgebung, die er faktisch nicht ist, weshalb das Filmteam kräftig mit Kamerafiltern und künstlichen Nebelschwaden nachhelfen musste.

Was Du Welz dabei im Hinterkopf wälzte, spricht er im Making-of aus: „Vinyan“ spielt in der Welt des Filmklassikers „Apokalypse Now“ (1979). Dieser entstand vor allem nach dem Literatur-Klassiker „Heart of Darkness“ (1899; dt. „Herz der Finsternis“), in dem Joseph Conrad (1857-1924) den ‚zivilisierten‘ Menschen in die Wildnis (ent-) führte und in der Begegnung mit dem nackten, ursprünglichen Grauen Stück für Stück seiner Menschlichkeit entkleidete. Du Welz kombinierte diese allegorische Geschichte mit einem weiteren, thematisch ähnlichen Klassiker: In „Lord of the Flies“, (1954, dt. „Herr der Fliegen“) schilderte William Golding (1911-1993) die Entwicklung – oder Degeneration – einer in der Wildnis isolierten Kindergruppe zu einer eigenen Gesellschaft mit barbarisch anmutendem Verhaltenskodex.

Da „Vinyan“ im südostasiatischen Raum spielt, fühlt sich Du Welz verpflichtet und berechtigt, die naturmythisch geprägten Religionsströmungen dieser Region in seine Geschichte einfließen zu lassen. Der „Vinyan“, der dem Film seinen Titel gibt, ist demnach der Geist eines Menschen, der gewaltsam ums Leben kam und daraufhin bösartig wurde. Wer diese Deutung kennt – und Du Welz lässt sie ausgerechnet den moralfreien Gao erzählen –, weiß im Grunde, wie die Geschichte ausgehen wird.

Im Rausch der Bilder

Eine stringente oder logische Handlung ist nicht Du Welzes Anliegen. Nur die Einleitung ist ‚realistisch‘, bevor das menschliche Unterbewusstsein die Herrschaft übernimmt. Nunmehr gilt es für den Zuschauer zu deuten, denn was er sieht, entspricht nicht unbedingt der Wirklichkeit. Andeutungen werden gemacht, Symbole ausgestreut. Die Handlung wird zusehends kontextreicher. Bilder und Töne fließen zu einem interpretationswüstem Gemenge zusammen.

Freilich bleibt diese Vielschichtigkeit vor allem Behauptung. Wieder einmal fordert der Künstler – Du Welz – vom Zuschauer, sich bedingungslos auf das Geschehen einzulassen und sich vom Bildersturm davontragen zu lassen. Das gelingt ihm mit den Apologeten des ‚guten‘ Films sowie denen, die „Vinyan“ im Halbschlaf (oder Vollsuff) über sich ergehen lassen. Tatsächlich ist der Plot sehr simpel, und wer ihn im Hinterkopf behält, während Du Welz mächtig an der Seelen-Schraube dreht, wird wie gesagt schwerlich von dem überrascht sein, was sich im Dschungel von Burma abspielt.

Der ketzerische Realist kann sogar geltend machen, dass „Vinyan“ ein reichlich verblasenes Garn spinnt. Muss der Zusammenbruch einer Beziehung unbedingt in archaischer Urwelt zelebriert werden? Sind die Bilder und psychedelischen Klänge, die Du Welz dafür findet, so irritierend und suggestiv, wie er sich dies vorstellt? Hat man nicht schon viel zu oft Großstadtmenschen im Bann des Irrationalen durch Schlamm und Dauerregen taumeln sehen? Gleichen eine schon in der DVD-Version erstaunliche Bildqualität sowie eine suggestive Ton- und Musikuntermalung dies aus?

Film als Herausforderung und Abenteuer

Diese und ähnliche Fragen lassen sich durchaus bejahen. Mit fortschreitender Handlung ertappt sich sogar der kunstbeflissene Zuschauer dabei, dass er eher die Leidensfähigkeit der Schauspieler bewundert als dem Geschehen folgt. Sie kämpfen sich durch dampfend heißen Dreck und schwitzen sich die Seelen aus den Leibern. Was sie dabei erleben, ist in der Regel wenig spektakulär. In der Tat sagt es viel aus, dass die wenigen Momente echter Spannung einschlägigen Genre-Effekten geschuldet sind, die Du Welz keineswegs verschmäht. Also wird hin und wieder knochenknackend geprügelt und gesteinigt, und im Finale fliegen Eingeweide durch die Luft. (Da „Vinyan“ ein „Arthouse“-Film ist, wurde er hierzulande dennoch ab 16 Jahren freigegeben.)

Für Emmanuelle Béart und Rufus Sewell wurde die Arbeit am Set zur persönlichen Reise in die Finsternis. Unter der enormen Belastung, die das für den Mitteleuropäer mörderisches Tropenklima, die Abgeschiedenheit der Drehorte, das knappe Budget und die daraus resultierende Zeitnot darstellten, leisteten die beiden Hauptdarsteller schier Übermenschliches: Sie sind jederzeit nicht nur körperlich präsent, rennen, klettern, schwimmen, sondern bieten gleichzeitig Schauspielkunst in hoher Vollendung. Das aufeinander eingespielte Ehepaar in der Krise stellen sie nicht dar, sie verkörpern es in jeder Filmsekunde. Béart überzeugt sogar in der sonst schnell lächerlich wirkenden Rolle des ungebremst rasenden Muttertiers.

Unterstützt werden sie von im europäischen Kulturraum unbekannten Künstlern wie Petch Osathanugrah oder Joey Boy. In Asien sind sie die Prominenten, und sie halten mit Béart und Sewell jederzeit mit. Vor allem Osathanugrah ist als Gao in der einen Sekunde nachdenklich und offenherzig, um in der nächsten als brutaler Krimineller und bedrohlicher Fremder für Schrecken zu sorgen.

DVD-Features

Die Extras beschränken sich auf zwei Trailer zum Hauptfilm und ein vorbildliches, mit 50 Minuten Dauer informationsreiches „Making of“. Statt die vor und hinter der Kamera Beteiligten in einen Stuhl zu setzen und sie im ‚Interview‘ plump verkappte Zusatzwerbung für den Film betreiben zu lassen, gibt es echte und aktuelle Blicke hinter die Kulissen. Fast 40 Tage dauerten die Dreharbeiten. Sie wurden mit eigener Kamera dokumentarisch verfolgt. Das „Making of“ markiert die Höhepunkte dieser Zeit, wobei damit keineswegs nur die angenehmen und positiven Seiten der Produktion vorgestellt werden. „Vinyan“ ist das Ergebnis höchsten physischen und psychischen Einsatzes. Crew und Schauspieler mussten eine Einheit bilden, um dem gewachsen zu sein. Als unbeteiligter Zuschauer kann man nur staunen, wie weit sie dabei zu gehen bereit waren. So sieht man eine zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 45-jährige Emmanuelle Béart, die in brütender Hitze mit beidseitiger Ohrenentzündung einen steilen, glitschigen Dschungelhang über Stock und Stein hinunter rennt – immer und immer wieder, solange es der Regisseur wünscht und bis sie nur noch taumeln kann.

Denn Fabrice Du Welz ist ebenso Visionär wie Filmbesessener. Er schont seine Crew und die Schauspieler ebenso wenig wie sich selbst. Vor seinem geistigen Auge läuft der Film, wie er ihn drehen will. In der Umsetzung macht er keine Kompromisse. Noch im ungezieferverseuchtesten Urwaldloch sucht er hellwach und ungeduldig nach den schönsten Motiven und besten Aufnahmewinkeln. Wolkenbrüche und apokalyptische Gewitter registriert er entweder als dramatische Bereicherung, in die er seine Mitstreiter hinausjagt – die dabei Risiken eingehen, die der Versicherung im fernen Europa nachträglich Entsetzensschreie entlocken dürften – oder als Hindernisse, die den Drehplan durcheinanderbringen. Dazu zählt er auch die müde Bockigkeit seines Sohnes Borhan, der aufzumucken wagt, als er schon spät in der Nacht in der Rolle des Joshua immer wieder durch eine Gasse von Bangkok gehen soll, weil er nach Ansicht des Regisseurs nicht wie ein Phantom, sondern „wie eine Ente“ laufe.

Deutlich wird aber auch Du Welzes Fähigkeit, sein Team mitzureißen. Sein unermüdliches Pochen auf Drehbuch und Storyboard halten sie bei der Stange, wenn sie eigentlich erschöpft nur irgendwie ihren Job hinter sich bringen wollen. Du Welz fordert trotz Minimal-Budget das Optimale – und er bekommt es. Dass das Ergebnis nicht zwangsläufig mitreißt und sich die „Vinyan“-Stimmung nicht auf jeden Zuschauer überträgt, liegt nicht am mangelhaften Einsatz, sondern daran, dass Du Welz einen Film-Weg einschlägt, der so selten doch nicht und manchmal eben origineller beschritten wurde.

[md]

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