Wake Wood – Tote soll man ruhen lassen

Originaltitel: Wake Wood (Irland/GB 2010)
Regie: David Keating
Drehbuch: David Keating u. Brendan McCarthy
Kamera: Chris Maris
Schnitt: Tim Murrell
Musik: P. Daniel Newman
Darsteller: Eva Birthistle (Louise Daly), Aidan Gillen (Patrick Daly), Ella Connolly (Alice Daly), Amelia Crowley (Mary Brogan), Timothy Spall (Arthur), Brian Gleeson (Martin O’Shea), Dan Gordon (Mick O’Shea), Ruth McCabe (Peggy O’Shea) u. a.
Label: Atlas Film Home Entertainment
Vertrieb: Koch Media
Erscheinungsdatum: 06.05.2011 (Leih-DVD/Blu-ray) bzw. 27.05.2011 (Kauf-DVD/Blu-ray)
EAN: 4260229590416 (DVD) bzw. 4260229590430 (Blu-ray)
Bildformat: 16 : 9 (2,35 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 87 min. (Blu-ray: 91 min.)
FSK: 18

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Das geschieht:

Nachdem ein tollwütiger Hund ihre neunjährige Tochter Alice getötet hat, suchen Patrick und Louise Daly, Tierarzt und Apothekerin, in Wakewood den Neuanfang. Von den Einheimischen werden sie freundlich empfangen, vor allem Patricks Senior-Partner Arthur, der in dem kleinen irischen Dorf das Sagen hat, schließt die Neuankömmlinge in sein Herz.

Doch die Dalys haben Eheprobleme. Louise kann Alice nicht vergessen, ein weiteres Kind wird sie nicht bekommen. Alice will weg, und eines Nachts gibt Patrick nach und will sie zum Bahnhof bringen. Auf dem Weg dorthin streikt der Wagen nahe Arthurs Haus. Als das Paar sich hilfesuchend dorthin begibt, wird Alice Zeugin eines bizarren Rituals: Im Hinterhof scheint Arthur einen Toten zu erwecken!

Sie hat sich nicht getäuscht, denn Arthur ist nicht nur Tierarzt, sondern auch ein moderner Druide, der den Dalys nun anbietet, Alice aus dem Totenreich zurückzuholen. Dabei gibt es Regeln zu beachten: Nur wer weniger als ein Jahr tot ist, darf auferstehen, und das neue Leben währt bloß drei Tage. Die Dalys sind einverstanden, das Ritual findet statt, und die überglücklichen Eltern können Alice in ihre Arme schließen.

Allerdings haben Louise und Patrick Arthur in einem wichtigen Punkt betrogen. Dies hat verhängnisvolle Konsequenzen, denn wer da ins Leben zurückkehrt, macht den Eltern wenig Freude. Bereitwillig würden sie den misstrauisch gewordenen Dörflern Alice ausliefern, doch diese gedenkt nicht, ihr neues Dasein aufzugeben, und wehrt sich mit geradezu dämonischen Kräften gegen jene, die sie dazu zwingen wollen …

„Nicht der Hammer schmiedet das Eisen, sondern der Schmied!“

Dieses alte Sprichwort drängt sich dem Zuschauer förmlich auf, wenn das hier zu besprechende Spuk-Spektakel an ihm vorbeigezogen ist. 1934 gegründet, stiegen die „Hammer Film Productions“ zwei Jahrzehnte später zum Global Player auf, als sie klassische Horrormythen wie Dracula, Frankenstein, die Mumie oder den Werwolf modern und blutig neu interpretierten. Ein Vierteljahrhundert später war der „Hammer“-Stil seinerseits altmodisch geworden. 1979 wurde der letzte Kinofilm des Studios gedreht.

Dreißig Jahre später sind die Fehlentscheidungen und obskuren Streifen der späten „Hammer“-Jahre vergessen. Geblieben ist die Erinnerung an eine große Horror-Schmiede – und ein großer Ruf. Also erging es „Hammer“ wie Bugatti oder Maybach: Der klingende Name wurde exhumiert und einer grundsätzlich neuen Konstruktion übergestülpt. Mit diesem Wissen fällt es leichter zu begreifen, dass bzw. wieso „Wake Wood“, der zweite (oder dritte?) der neuen „Hammer“-Filme, nicht Kraft seiner Produktionsfirma zum Klassiker werden, sondern ein völlig beliebiger Horrorfilm bleiben wird.

Denn nicht der Hammer – das Studio –, sondern tatsächlich der Schmied – Regisseur und Drehbuchautor David Keating – ist für die Qualität der geleisteten Arbeit verantwortlich. Leider ist Keating kein guter Handwerker. Womöglich liegt es an der Story, deren Variationsbreite begrenzt ist. Studiert er die Inhaltsangabe, denkt der Filmkenner sofort an „Don’t Look Now“ (1973; dt. „Wenn die Gondeln Trauer tragen“); dem nicht in künstlerischen Sphären schwebenden Horrorfreund fällt „Pet Sematary“ (1989; dt. „Friedhof der Kuscheltiere“) ein. Der Literat weiß, dass vor Daphne du Maurier und Stephen King bereits William Wymark Jacobs das Thema mit „The Monkey’s Paw“ (1902; dt. „Die Affenpfote“) nicht nur aufgriff, sondern in allen wichtigen Konsequenzen durchspielte.

Glaube & Trauer versetzen Berge & Grabhügel

Wie weit würdest du gehen, um einen geliebten Menschen nicht nur zu retten, sondern ihn aus dem Tod zurückzuholen? Welche Folgen könnte dies haben? Zwischen diesen beiden Fragen (oder Polen) bewegen sich nicht nur die drei genannten klassischen Autoren, sondern auch – notgedrungen – David Keating. Nummer Eins beantwortet er zufriedenstellend, während er bei Nummer Zwei weitgehend versagt. Teilweise erfolgreich bleibt er ohnehin nur, weil ausgezeichnete Schauspieler sich sehr ins Zeug legen, einer wenig originellen und klischeereichen Geschichte Leben einzuhauchen.

Eva Birthistle und Aidan Gillen überzeugen als Eltern, die in ihrer Trauer um das verlorene Kind buchstäblich zu allen verrückten, illegalen und grausigen Taten jenseits von Vernunft und Verstand bereit sind. Während Birthistle dabei das treibende Element darstellt, gibt Gillen den aufopferungswilligen Gatten, der vor allem seine Frau zurückwill, sich deshalb in das groteske Projekt einer Totenerweckung ziehen lässt und dafür sogar den Sarg seiner Tochter aufbricht.

Louise kennt in ihrer Trauer tatsächlich keinerlei Skrupel. Sie schändet das Grab der Tochter, setzt eine Witwe unter Druck, ihr den für das Ritual erforderlichen Leichnam ihres Gatten auszuhändigen, und beobachtet ungerührt, wie dieser zermalmt, aufgeschnitten und verbrannt wird. Darüber hinaus plant sie von vornherein, Arthur und die Gemeinschaft von Wakewood zu betrügen. Dass Arthur über Leben & Tod gebietet, beeindruckt sie nicht. Sollte Alice zurückkehren, wird sie ihre Tochter unter keinen Umständen wieder hergeben!

Wer kommt wirklich zurück?

Aber wer kehrt eigentlich zu ihr zurück? Diese interessante Frage verwässert Keating leider, indem er Alice in eine dämonisch besessene Killermaschine verwandelt und damit die subtile Darstellung der ersten Filmhälfte ad absurdum führt. Dazu passt die auffällige Aussparung der sich aufdrängenden Frage, wie es um den Geisteszustand eines Menschen bestellt ist, der nachweislich – und lange – tot war.

Keating versucht uns weiszumachen, dass die Seelen in einem (anscheinend unter der Erde zu ortenden – dazu weiter unten mehr) Zwischenreich existieren und dort ihr irdisches Dasein irgendwie fortsetzen. Wenn dem so ist, was geschieht dann nach exakt einem Jahr? Auch die mordende Alice ist kein Dämon in Alice-Gestalt, sondern eindeutig Alice, wie Keating klarstellt. Warum benimmt sie sich also so ungehörig?

Es fällt schwer zu glauben, dass in Wakewood niemals jemand vor Louise und Patrick versuchte, falsch zu spielen. Als Zaubermeister ist Arthur ein ziemlicher Trottel. Statt den Deckel fest verschlossen zu halten, weiht er zwei Fremde in das größte Geheimnis überhaupt ein. „Trottel“ steht hier deshalb, weil er in einem (ohnehin dem Schwachsinn geweihten) Finale noch kräftig eins draufsetzt.

Ende mit (unfreiwilligem) Schrecken

Als es soweit ist, hat der schleichende Verfall der Filmlogik den Zuschauer indes längst entkräftet und gleichgültig zurückgelassen. „Logik“ und „Horrorfilm“ mögen zwei einander ausschließende Begrifflichkeiten repräsentieren, doch das rechtfertigt nicht, das Publikum permanent für dumm zu verkaufen.

Akzeptabel ist das Konzept eines Rituals der Wiedererweckung, die hier nicht im Zombie-Stil, sondern als Transformation erfolgt. Begleitet wird es von erfrischend abscheulichen und geschmacksfreien Effekten, die in der Tat an die alten „Hammer“-Zeiten erinnern, obwohl sie heutzutage natürlich nur noch Zensoren und Familienminister schockieren. Auch mit Horrorfilm-Vorgaben wie der Drei-Tages-Frist oder der Begrenzung der Wiederbelebung auf das Dorfgebiet von Wakewood – orientieren sich die höheren Mächte dabei am Katasterplan? – kann der Zuschauer leben. Dagegen streikt er, wenn:

– die Daleys über ein Feld mit keltischen Hinkelsteinen irren, die später mit keinem Wort mehr erwähnt werden;
– sie erstaunlich problemlos das Grab ihrer Tochter aufgraben können;
– der schon mit Kulttrommel und Fackeln das Daleysche Haus stürmende Dorfpöbel sich brav heimschicken (und dort von Alice abmurksen) lässt, obwohl alle angeblich wissen, dass mit Alice „etwas nicht stimmt“;
– sich Alice II, die zuvor bereits einmal versehentlich die Dorfgrenze überschritten und dabei beinahe ihr Ende gefunden hat, sich trotzdem ein zweites Mal auf gefährliches Territorium locken lässt;
– Alices Körper nach ihrem zweiten ‚Tod‘ nicht zerfällt, sondern sie plötzlich wieder erwacht und wie ein dicker Maulwurf im Waldboden verschwindet;
– Arthur und die Dorfgemeinschaft Patrick, der sie nachdrücklich verraten und den Tod mehrerer Bürger mit verschuldet hat, zu schlechter Letzt noch eine Leiche erwecken lassen.

Blut fließt zwischendurch reichlich

Völlig überfordert war Keating anscheinend mit dem Wiedererweckungs-Ritual. Es stellt ein zentrales Element der Handlung dar und hätte in der Darstellung Sorgfalt verdient. Doch was sehen wir? Eine Leiche wird mit dem Gabelstapler zerquetscht, bis sie aus den Augäpfeln blutet, dann (u. a.) mit einer Art Heckenschere der Wirbelsäule beraubt, mit Kuhmist bestrichen, in Benzin getränkt, angezündet und das Feuer schließlich (recht prosaisch) mit einem Feuerlöscher ausgepustet. Aus diesem Kokon schlüpft dann blut- und schleimgetränkt der periodisch Wiederbelebte. Dieses „Ritual“ ist ebenso ekelig wie lächerlich. Sogar im Horrorfilm sollten die Elemente einer solchen Veranstaltung in einem Sinnzusammenhang stehen und nicht beliebig zusammengewürfelt sein, was den Effekt ins Gegenteil verkehrt.

Ohnehin ist es keine gute Idee, atmosphärische Mystery und Splatter zu kreuzen. Diese Stilmittel beißen sich. Sie verstören den Liebhaber des feinsinnigen Schreckens und verärgern den Gorehound, dem es nicht annähernd derb genug zur Sache geht. Einig im Zorn sind beide Parteien, wenn Keating sich an einem ‚originellen‘ und schockierenden Schlusstwist versucht, welcher der gesamten Handlung Hohn spricht und partout nicht funktioniert.

Was bleibt, ist – der Kreis schließt sich – ein beliebiger Horrorfilm der B-Kategorie. Er ist gut gefilmt, und schafft man es, die kapitalen Bockschüsse zu ignorieren, mit denen David Keating sein eigenes Werk durchlöchert, fühlt man sich anderthalb Stunden eher unterhalten als beleidigt, was – hier weises, allgemeines, von erlittenem Leid geprägtes Kopfnicken der Gruselfilm-Freunde einfügen – keine Selbstverständlichkeit ist!

DVD-Features

Von Extras zum Hauptfilm bleiben sowohl der DVD- als auch der Blu-ray-Zuschauer verschont. Ein bisschen Nebenbei gibt es dafür hier im Internet.

[md]

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